Erstwasserung von "Malizia – Seaexplorer"Boris Herrmanns Imoca 60 schwimmt

Jochen Rieker

 · 19.07.2022

Erstwasserung von "Malizia – Seaexplorer": Boris Herrmanns Imoca 60 schwimmtFoto: Team Malizia

Soeben ging die schnellste je für einen deutschen Skipper gebaute Hochseeyacht zu Wasser. In sechs Wochen kommt "Malizia – Seaexplorer" zur Taufe nach Hamburg

Frischer Wind, ein geradezu kitschiger knallorangefarbener Sonnenaufgang, erstmals erträgliche, fast kühle Sommertemperaturen – die Ouvertüre für den großen Tag von Boris Herrmanns neuer "Malizia – Seaexplorer" hätte schöner nicht sein können.

Vergessen die Hitze und die Hektik der vergangenen Wochen, überschaubar der Ablaufplan für die Erstwasserung, freudig-entspannt die Stimmung im Team. Lediglich der später am Morgen einsetzende Regen samt Blitz und Donnergrollen trübten das Bild kurzzeitig.

Gegen halb elf hob der Imoca 60 dann von dem auf einem Container montierten Lagerbock ab und schwebte über die Kaimauer ins Wasser der Biskaya. Bevor der Kiel eintauchte, kletterte als Erster Boris Herrmann auf die rot lackierte Bombe, danach Co-Skipper Will Harris und Rosalin Kuiper, die mit dem Hamburger Segelprofi beim The Ocean Race im Januar starten werden – einer Art Generalprobe für die Vendée Globe 2024.

  Boris Herrmann (2.v.l.) und Teammitglieder auf der Kielbombe von "Malizia"Foto: Yann Riou - polaRYSE
Boris Herrmann (2.v.l.) und Teammitglieder auf der Kielbombe von "Malizia"

Die Teammitglieder und gut zwei Dutzend weitere Zuschauer, darunter auch YACHT-Abonnenten aus Deutschland, applaudierten lange. Als die Crew vom Kiel wieder ins Schlauchboot gewechselt war, ließ der Kranführer das 18,30 Meter lange Boot vollends zu Wasser. Dann folgte das Riggen von Mast und Deckssalingen. Um die Mittagszeit schon verholte Boat Captain Stu McLachlan aus Neuseeland die neue "Malizia" an ihren Liegeplatz – da war wegen der einsetzenden Ebbe nur noch rund ein halber Meter Wasser unterm Kiel.

Der Rumpf ist relativ einzigartig. Er ragt hoch übers Wasser; der Freibord ist besonders achtern gut 40 Zentimeter höher als bei Booten der vorigen Generation – und das, obwohl er einen negativen Decksprung aufweist, vorn und achtern also sichtbar abfällt.

Noch signifikanter sind die Unterschiede freilich im Unterwasserschiff. Boris' Boot ist von Beginn an neu gedacht worden, "out of the box", wie die britische Imoca-Skipperin Samantha Davies bei einem Kurzbesuch am Dock betonte.

  Das Boot rollt aus der HalleFoto: Ricardo Pinto
Das Boot rollt aus der Halle

Es hat mehr Kielsprung als jedes andere Boot der Klasse. Was andere mutig nennen, bezeichnet Boris Herrmann als "nur folgerichtig". Die Überzeugung dafür gewann er im Südmeer, als er die alte "Malizia" bei Schwerwetter nie ausfahren konnte, sondern stets verlangsamen musste, um nicht andauernd von den Foils zu fallen und in den Rücken vorauslaufender Wellen zu krachen.

Der neue, von VPLP entwickelte Rumpf sei "weitaus verzeihender", sagte Konstrukteur Daniele Kapua. "Boris wollte von Anfang an ein Boot, das bei Seegang höhere Durchschnittsgeschwindigkeiten erzielen kann." Deshalb hat der Bug mehr Volumen als die meisten anderen Imocas, und er ragt weit übers Wasser, was beim Einsetzen in die Welle weniger bremst.

Mehr als 30 Rumpfformen zeichnete und berechnete VPLP bereits voriges Jahr, bevor das jetzige Design festgelegt wurde. Dazu kamen mehrere Familien von Foils, die analysiert wurden. Kapua, der mit Kollegen zum Stapellauf kam, sagt: "Ich halte den Rumpf durchaus für radikal." Zwar zeigt auch die neue, von Sam Manuard entwickelte "Charal" ein ähnliches Profil, sie hat aber flachere Unterwasser-Sektionen.

  So wirkt der Bugspriet besonders gefährlichFoto: Marin LE ROUX - polaRYSE
So wirkt der Bugspriet besonders gefährlich

"So konsequent wie Boris hat kein anderer Skipper sein Boot konzipiert", sagte etwa Vendée-Globe-Konkurrent Paul Meilhat, der seinerseits in sechs Wochen einen Neubau aus der Halle schieben wird.

"Alle bisherigen Boote sind vor allem dahingehend optimiert worden, unter Idealbedingungen maximal schnell zu sein", vergleicht VPLP-Konstrukteur Daniele Kapua. "Unser Konzept ist definitiv anders."

Das gilt für die Form und Position der Foils ebenso wie für die Struktur. Die Steifigkeit des Kohlefaser-Sandwichs sei "auf einem anderen Level", so Kapua, der vor zwölf Jahren bei Judel/Vrolijk & Co in Bremerhaven Regattayachten entwickelte, bevor er zu VPLP kam. "Da ging eine gewaltige Menge an Arbeitsstunden rein." Wohl auch deshalb befand Boris Herrmann kürzlich, dass der Rumpf unter normalen Bedingungen nie brechen werde.

  Der Doppelknick im Rumpf ist hier gut zu sehenFoto: Ricardo Pinto/Team Malizia
Der Doppelknick im Rumpf ist hier gut zu sehen

In der Anfangsphase arbeiteten fünf bis sechs VPLP-Architekten praktisch in Vollzeit an "Malizia – Seaexplorer", danach waren es für etwa ein Jahr immer noch drei.

Vermutlich ist der Imoca damit die am zeitintensivsten entwickelte Yacht, die je für einen deutschen Hochseeskipper gebaut wurde. 35.000 Stunden waren es allein an Engineering; dazu kamen 45.000 Stunden Bauzeit. Über die Kosten schweigt sich das Team aus. In Imoca-Kreisen werden für neue Boote aber Preise zwischen vier und bis zu acht Millionen Euro taxiert – je nach Aufwand.

Schon gestern am späten Abend war das schwarz-gelb-blaue Boot mit der Bugnummer 1279 in Position gebracht worden: direkt am Kai des Hafens von La Base, nur einen Steinwurf entfernt von der Team-Basis. Es war das erste Mal, dass der Imoca 60 mit Foils und Kiel in Gänze zu sehen war ein beeindruckendes Stück Hochtechnologie.

  Hier wird der enorme Kielsprung sehr gut sichtbarFoto: Yann Riou - polaRYSE
Hier wird der enorme Kielsprung sehr gut sichtbar

Ein gutes Füntel der Arbeitszeit fiel allein im letzten Monat an, wo im Hangar von Team Malizia zuletzt 50 Mitarbeiter von frühmorgens bis spät in die Nacht mit anpackten, um Foils einzupassen, die innovative Ruderanlage sowie den Schwenkkiel samt Hydraulik zu montieren und all die vielen kleinen und großen Details zu finalisieren, die das Boot auszeichnen.

So konnte beim Einwassern eigentlich nichts mehr schiefgehen – wenn man die wetterbedingte Verzögerung von zwei Stunden außer Acht lässt. Was jetzt folgt, sind Systemtests am Dock und anschließend erste Probeschläge, die in ihrer Intensität nach und nach gesteigert werden. Ein spannender Monat also für Boris und sein Team.

Über das Potenzial des Bootes lässt sich noch lange nichts Belastbares aussagen. Denn Imocas haben eine lange Reifezeit. Und ihre Leistung lässt sich etwa über einen zweiten Satz Foils oder neu profilierte Segel enorm beeinflussen.

  Riesiges Deck, kleines Cockpit fast komplett überdacht. Getrimmt wird unter DeckFoto: Yann Riou - polaRYSE
Riesiges Deck, kleines Cockpit fast komplett überdacht. Getrimmt wird unter Deck

Vielleicht ist ja die Tatsache, dass heute neben Sam Davies und Paul Meilhat auch andere Teams einen Blick auf die "Malizia – Seaexplorer" werfen wollten, ein Indiz, wie ernst man den Hamburger längst nimmt. PRB war vor Ort, Charal, Thomas Ruyant von LinkedOut, aber auch Imoca-Präsident Antoine Mermod.

  Auch der Mast steht bereitsFoto: Yann Riou - polaRYSE
Auch der Mast steht bereits

Wer das Boot mit eigenen Augen sehen will und den weiten Weg nach Lorient scheut, sollte sich den 6. und 7. September im Kalender markieren. Dann gibt Boris Herrmann seiner Heimatstadt die Ehre. Die offizielle Taufe findet an der Elbe statt, samt attraktivem Rahmenprogramm.

Bild NaN
Foto: Ricardo Pinto / Team Malizia

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