Fridtjof Gunkel
· 01.02.2026
Der ältere Herr vom Nebentisch kommt anfangs zaghaft, dann immer zielstrebiger auf Norbert Sedlacek zu. Der Österreicher nimmt gerade irgendwie freudlos seinen mittäglichen Salat in Angriff, den er vor dem Bistro eines großen Supermarktes im Gewerbegebiet verzehrt. Der Passant kramt in einer abgewetzten Umhängetasche, holt eine Postkarte hervor und bittet um ein Autogramm. Ein Autogramm! Von einem Segler! Einem, der keinen Rekord gebrochen, kein olympisches Edelmetall errungen und keinen großen Sieg eingefahren hat. Einem Abenteurer, irgendwie liebenswert zwar, drahtig gebliebenen und wachen Ü-60-Jährigen – der aber eben noch keine große Wurst vom Teller gezogen hat.
Oder? Sedlacek, andererseits der Österreicher mit den meisten Seemeilen im Rennmodus in der persönlichen Logge, lebt mittlerweile – und so erklärt sich die Jagd nach dem Autogramm schon eher – in Frankreich am Atlantik. In Les Sables d’Olonne gar, dem heiligen Boden sozusagen, dem Hafenstädtchen, das Freunden des gehobenen Offshore- Segelns als Mekka und Mythos gleichermaßen gilt, gelegen im Département Vendée, welches für die dort startende Nonstop-Einhand-Weltregatta namensgebend ist. Norbert Sedlacek schaffte es schon zweimal und als erster deutschsprachiger Segler an dem Rennen aller Rennen teilzunehmen.
2004 geht er, qualifiziert durch ein gutes Atlantikrennen, an den Start, muss aber vor Kapstadt nach 6800 Seemeilen aufgeben. Die Kielaufhängung ist gebrochen, zum Glück noch vor der Abgeschiedenheit und Brutalität der südlichen Ozeane. Aber er macht weiter. 2008 ist er wieder dabei, wieder unterfinanziert, per zwar komplett renoviertem, aber veraltetem Boot chancenlos. Das Boot hatte er schon 2003 bei Garcia in der Normandie selbst zusammengebaut; die Aluminiumkonstruktion mit GFK-Deck ist zu schwer, aber schusssicher, und eine Alternative hat der Österreicher nicht.
Sedlacek zum „Spiegel“-Reporter: „Das Ziel ist das Ziel.“ Er erreicht es. Elfter Platz in einem Rekordfeld von 30 Startern. Dass Michel Desjoyeaux mit „Foncia“ bei seinem zweiten Sieg nur 84 Tage braucht und er 126: Nebensache. Sedlacek ist bis dato vielleicht der glücklichste aller Letzten.
Sein Thema, die harte Tour unter Segeln, hatte er da schon längst im Visier. Der Sohn einer Beamtenfamilie verließ 1996 mit 34 Jahren den sicheren Arbeitsplatz als Tramfahrer in Wien zugunsten eines aufregenderen Lebens auf dem Wasser. Ersten Segelversuchen mit einem nur 18 Fuß langen Kleinkreuzer an der Adria folgte ein weiterer Selbstbau. Drei Jahre lang trug ihn der 26 Fuß lange Winzling von Grado an der italienischen Adria nach Grado, und dies einhand und mit langen Passagen.
2000/01 umrundet er als erster Österreicher in 93 Tagen auf 14 300 Seemeilen die Antarktis, nonstop. Es verschlägt ihn bis auf 62 Grad Süd, eine Breite, die heute der sicherheitshalber gesetzten Limits in den Weltrennen wegen kein Regattaboot mehr erreicht. Sein Untersatz: Eine 54 Fuß lange Aluminiumyacht vom Typ Passoa 54; er hat das Boot bei Garcia in der Normandie mitgebaut, wieder mal. Er schreibt Bücher, hält Vorträge, wird Geschäftsführer der Marina Wien. Aber das ist es eben wieder nicht, was er kann und was ihn reizt.
Die Vendée wird sein Lebensmittelpunkt. Zwei Ehen, zwei Weltregatten und Jahre weiter: Er sucht immer noch die extreme Route, er ist gereift und gerüstet. Aber für eine wiederholte Vendée-Teilnahme fehlen Sedlacek Geld, Jugend und der richtige Untersatz. Er bräuchte mindestens fünf Millionen Euro, er ist nicht mehr der Jüngste, und sein Vendée-Boot war schon 2008 „mehr Seelenverkäufer als Regattaziege“ („Yachtrevue“).
Sedlacek entdeckt ein neues, ein weiteres Thema, eines, das damals im Grunde noch keines ist: die Nachhaltigkeit im Bootsbau. Besonders die Vulkansteinfaser hat es ihm angetan. Das Material wird aus erstarrter und wieder geschmolzener Magma zu Fäden extrudiert, welche sich zu Gelegen veredeln lassen. Das Material ist nicht neu, gilt aber als anfällig und schwierig zu verarbeiten. Sedlacek findet gemeinsam mit seinem Sponsor Kapsch Wege, die in Längsrichtung fast wie Carbon belastbare Faser ungeschwächt verlegen zu können. Er baut selbst (wie könnte es anders sein) einen Versuchsträger, die „Fipofix“. Die Konstruktion seiner damaligen Frau Marion Koch ist ein geschrumpfter Open 60, ein Open 16 sozusagen: kleiner als ein Mini, mehr ein Laser mit Kajüte. Das knallgelb-knuffige Gefährt soll mal eben von Les Sables in die USA und retour segeln, um die Leistungsfähigkeit der Bauweise zu demonstrieren. Es kommt natürlich anders.
Der Faserhersteller und Partnerbetrieb geht pleite, er startet dennoch, das Boot hat Probleme mit der Stromversorgung, es wird in Gijon eingeschleppt, dabei brechen Ruderbeschläge. Geschäftstermine drängen, die Zeit läuft davon, Sedlacek lässt seinen Sohn Harald, der ihn schon bei mehreren Projekten technisch unterstützt hat, die Atlantiktour absolvieren. Er schafft es, aber besonders der Hinweg ist mühselig, unter drei Knoten Schnitt. Zurück sind fast fünf drin. Harald ist platt, hat insgesamt über 130 Tage auf dem Seezwerg zugebracht. Aber das Boot besteht alles mit Bravour.
Sein Vater denkt weiter: Nun soll ein großes Projekt her, und auf See zieht es ihn sowieso wieder („Ich muss was tun, Sofa kann ich nicht so gut“). Mit seiner Firma Innovation Yachts, die er damals zusammen mit Marion Koch betreibt, findet er Unterstützung durch die Kommune von Olonne und – wichtiger noch – einen stillen Investor. Obendrein viele Partner wie Dimension-Polyant, Incidences Sails, Harken oder FSE Robline, die Material und den technischen Support liefern.
Am Ortseingang im Hafengebiet haben sie ihm einen 400 Quadratmeter großen Hangar zur Verfügung gestellt, dazu ein Büro und Plätze für Wohnmobile. Da hausen fröhlich einige der freien Mitstreiter, ein sympathischer internationaler Mix aus Wanderarbeitern und professionellen Preparateurs, Bootsleuten für Regattayachten. Sedlacek freut’s, „so sparen wir uns den Wachdienst“. Hier entstand das Boot, inzwischen schwimmt es. Kurios: Es ist der erste Open 60, der in Les Sables gebaut wurde. Eigentlich stimmt das wieder nicht, denn es ist im Grunde kein Open 60 – es hat mit drei Schwertern zu viele bewegliche Unterwasserteile. Das dritte Schwert sitzt zentral vor dem Kiel und soll diesen vor Eis und Treibgut schützen. Zudem ist die Kielfinne geschweißt und nicht gefräst, und einen Krängungstest hat das Boot auch noch nicht bestanden.
Weitere Unterschiede liegen in besagter Vulkanfaser, in einem speziellen Epoxidharz, gesundheitsunschädlich, biologisch abbaubar, recyclingfähig. Der Sandwichkern ist zertifiziertes Balsaholz, üblicherweise kommt auf Regattayachten damals Schaum zum Einsatz.
Die nach der Werft benannte 18,30 Meter lange und 5,80 Meter breite „Innovation Yachts“ kann geschreddert werden und dann ein zweites Leben als Ausbauplatte in einem Fahrtenschiff, als Möbelstück oder Duschabtrennung führen. Mast und Baum sind aus Carbonfasern, das stehende Gut aus Rod hergestellt. Das 29-Meter-Rigg steht an Deck und wird hydraulisch gespannt. „Wir belasten unser Boot weniger. Ein moderner Imoca wie beispielsweise die ‚Virbac‘ fährt mit 30 Tonnen Last auf dem Mastfuß – wir haben nur etwa die Hälfte“, so der Skipper beim YACHT-Bordbesuch. Aber schwerer ist sein Boot auch: 9,5 Tonnen hängen an der Waage, ein kompromisslos auf Speed gebürsteter Open 60 kommt auf ganze zwei Tonnen weniger. Was nicht nur an den kalkulierten Fasereigenschaften liegt, sondern auch in der sicheren Bauweise begründet ist.
Um das Boot resistent gegen Treibgut, Wassereinbruch und Untergang zu gestalten, ist es mit sieben wasserdichten Schotten und einem mehrfach unterteilten Doppelboden ausgestattet, die Laminate sind stärker dimensioniert. Sedlacek setzt auf Sicherheit. Alle Fallen sind beispielsweise doppelt ausgeführt. Er fährt zwei autarke Autopiloten an Bord und vier unabhängige GPS- Empfänger.
Eine Besonderheit sind die Motoren. Verbaut wurden zwei Elektroantriebe von Oceanvolt. Die jeweils knapp 50 Kilogramm schweren Einheiten lassen sich in Schächten per Leinenzug nach oben fahren und verringern so Wasserwiderstand und Kollisionsgefahr; abgefiert arbeiten sie als Hydrogeneratoren, liefern Strom per Rekuperation – bei sieben Knoten Fahrt sollen es bereits 2,3 Kilowatt sein. Da bei hohen Geschwindigkeiten Überlast droht, ist einer der beiden Propeller ein verstellbares Modell, das seine Steigung selbsttätig dem Speed anpasst. Die Pods speisen eine große Bank aus Lithium-Ferrit-Batterien. Gekocht wird per Induktion, es gibt somit weder Diesel noch Gas an Bord, keine fossilen Brennstoffe. Auf Tütennahrung will Sedlacek verzichten („zu fad“). Er setzt auf eher konventionelle und gar freudbehaftete Kalorienzufuhr: Von Schokoriegeln über Chips und „Gummizeugs“ findet sich auch Gesundes für die Seele. Insgesamt sind laut Inventarliste 603 344 Kilokalorien an Bord, Schmuggelware und späte Abschiedsgeschenke nicht eingerechnet. Macht rund 3000 Kilokalorien täglich, denn Sedlacek plant mit 200 Tagen.
Ein Wert, der schwierig zu berechnen ist, das einzig Gewisse an der Route sind die Unwägbarkeiten. Am 29. Juli ist Start, dann geht’s nach Grönland in die Baffin Bay und von dort durch die Nordwestpassage. Ob diese passierbar sein wird und die direktere Strecke frei ist oder Umwege fällig werden, wird sich erst vor Ort herausstellen. Die Distanzen auf den sieben verschiedenen Routen variieren um 3100 Seemeilen. Dabei ist gar nicht klar, ob die Passage in diesem Sommer in einem Rutsch gelingt. 2017 gab es dort übrigens einen Rekord, 23 Yachten schafften die Strecke, in den beiden Jahren zuvor waren es je zwölf gewesen.
Dann folgt eine lange Pazifikstrecke entlang der beiden amerikanischen Westküsten, erst mit dem Nordostpassat, dann mehr oder weniger gegen sein Südostpendant, abgeschlossen mit der ersten Rundung des Kap Hoorns. Antarktis rund vornehmlich mit Westwinden ist wiederum bekanntes Terrain für den Österreicher. Dann soll zum zweiten Mal Kap Hoorn folgen. Retour auf der klassischen Süd-Nord-Atlantikroute und um das Azorenhoch zurück in den Heimathafen. Die große Acht.
Mittlerweile hat Sedlacek seine Route geändert, die Passage im Norden Kanadas schien ihm von der Behördenseite her zu unsicher. Nun gehts rund Spitzbergen und dann im Atlantik abwärts und zuerst ums Kap der Guten Hoffnung.
Warum dieser Kurs, die sozusagen doppelte Weltumrundung? „Ganz simpel: Weil es noch keiner gemacht hat“, sagt Sedlacek. Tatsächlich musste der US-Amerikaner Rendell Reeves, der im Herbst 2017 in San Francisco gestartet war, sein ähnliches Vorhaben aufgeben und ist nun auf dem Weg, eine konventionelle Weltumsegelung abzuschließen. Und zwar auf der 1998 bei Dübbel & Jesse (Norderney) gebauten „Asma“, mit welcher der Augsburger Clark Stede beide Amerikas umrundete (wenn auch einen Teil der Nordwestpassage als Decksfracht).
Sedlacek will nicht nur die Erstleistung, er hofft nach einem Erfolg, der Vulkansteinfaser und recycelbaren Booten zum Durchbruch im Yachtbau verhelfen zu können. Innovation Yachts hat berechnet, dass der reine Warenwert der Laminate von Rumpf und Deck zwar etwa doppelt so hoch wie für ein konventionell gebautes Boot sei, der Unterschied am Anteil vom Gesamtwert eines Bootes aber lediglich rund ein Prozent ausmache. Und dies mit einer Faser, die Glas überlegen sei.
Bis dahin ist es ein langer Weg, besonders für Norbert Sedlacek auf dem Wasser. Wer ihn kennt, weiß – und seine Vita bestätigt das: Der ehemalige Taekwondo-Sportler wird kämpfen, und er wird viel erreichen. Wenn nicht beim ersten Mal, dann eben nach neuem Anlauf. Der Mann mag polarisieren, aber er hat nicht nur Dinge geschafft, von denen andere träumen – sondern er macht damit immer weiter.
Der Artikel erschien erstmalig 2018 und wurde für diese Onlineversion überarbeitet.
Der 1962 geborene Wiener ließ Stationen als Kellner und Straßenbahnfahrer für eine Segelkarriere hinter sich. Von 1996 bis 1998 hat er die Erde in einem selbstgebauten 26- Fußer umsegelt. Es folgten eine Umrundung der Antarktis und schließlich zwei Teilnahmen an der Vendée Globe Challenge.
Marion Koch war Sedlaceks dritte Ehefrau und zusammen mit Vincent Lebailly Konstrukteurin der „Innovation Yachts“. Die Österreicherin hat Sportgerätedesign studiert und in ihrer Masterarbeit Festigkeit und Hydrodynamik von Open 60s thematisiert. Die Seglerin ist seit 2009 als Yachtkonstrukteurin tätig, sie hat neben einer 90 Fuß langen Fahrtenyacht und anderen Booten den Open 16 „Fipofix“ gezeichnet.