Lasse Johannsen
· 28.08.2026
Die Auszeichnung prangt noch am Rumpf. Auf einem der Fotos, die Dirk Gunst dieser Tage auf Facebook postete, ist sie deutlich zu sehen: eine blau-weiße Plakette mit der Aufschrift „Beschermd varend erfgoed" – geschütztes fahrendes Erbe. Direkt daneben klaffen eckige Ausschnitte und geben den Blick in das leere Innere der Yacht frei. Schlimmer noch: Schotten sind herausgebrochen, die Bordwände nackt. Was von dem prominenten Whitbread-Racer geblieben ist, gleicht einem Wrack, so die anklagenden Worte, die der langjährigen Voreigner an die flämische Kulturpolitik richtet.
Das, was von der Yacht übrig geblieben ist, steht heute auf einem Stahlbock irgendwo im Freien steht - und war einmal der Stolz der belgischen Segelsportnation. Sie wurde 1984 von dem Franzosen Guy Ribadeau-Dumas in Zusammenarbeit mit Staf Versluys entworfen und auf der renommierten Werft Standfast Yachts BV von Frans Maas in Breskens (Niederlande) gebaut. Als “Rucanor Tristar lief das Boot am 6. Februar 1985 vom Stapel.
Für damalige Verhältnisse war der Bau revolutionär. Sowohl, was die verwendeten Materialien Kevlar, Titan- und besondere Aluminiumlegierungen, als auch was Innovationen wie ein ausklappbares Achterschiff zur Verlängerung der Wasserlinie anging. Der Rumpf bestand aus einer Sandwichkonstruktion aus Glasfaser-Polyesterlaminat mit Balsaholzkern, gefertigt in einer Negativform.
Im Whitbread Race 1985/86 holte Versluys mit seiner zehnköpfiger Crew den Klassensieg in Klasse D und belegte den fünften Rang in der Gesamtwertung. Für diese Leistung erhielt er aus den Händen von Prinzessin Diana den begehrten Joshua-Preis für „Most Outstanding Seamanship" – die höchste individuelle Auszeichnung des Rennens. Die Heimkehr in Oostende wurde zum Volksfest. Versluys, gelernter Zimmermann und Bootsbauer, galt fortan als Star des flämischen Hochseesegelsports: „Der Mann, der den Flandern das Segeln beibrachte", schrieb das Portal Zeilhelden.
In der Saison 1989/90 segelte das Schiff unter dem Namen “Rucanor Sport” mit Bruno Dubois als Skipper erneut das Whitbread – diesmal mit einem dramatischen Zwischenfall: Wenige Tage nach dem Start in Auckland kollidierte das Boot mit einem Wal, wurde in Wellington aufgeslippt und repariert, so dass Dubois das Rennen beenden konnte.
Seit 1990 segelte Dirk Gunst das Schiff, das 1991 auf den Namen “Tomidi” getauft wurde. In 36 Jahren schrieb er damit rund 300.000 Seemeilen ins Kielwasser – etwa zwölf Erdumrundungen –, nahm an vier Fastnet Races (1985, 1989, 1997, 2005), mehreren Tall Ships Races, der Soloregatta AZAB 1995 und den Transatlantikrennen OSTAR 1996 und 2000 teil. Sie ist die einzige belgische Yacht, die zweimal im Whitbread gesegelt wurde.
Am 17. September 2009 wurde die “Tomidi” offiziell als beschütztes fahrendes Erbe eingetragen – aufgrund der innovativen Bauweise und ihrer einzigartigen Rennerfolge. Seit dem 16. Juni 2017 ist sie zusätzlich als „festgestelltes fahrendes Erbe" (vastgesteld varend erfgoed) eingestuft. Beide Bezeichnungen sind höchste Schutzkategorien der flämischen Denkmalschutzgesetzgebung.
Doch in der Praxis blieb dieser Schutz wirkungslos. Seit Anfang 2017 lag das Schiff aufgebockt an Land – zunächst im Oostendener Hafen, dann auf einem Lagerplatz an der Vismijnlaan, von dem es der Küstendienst (Agentschap Maritieme Dienstverlening en Kust) schließlich verwies. Das Boot wurde dreißig Meter weiter auf eine tolerierte Zone verschoben. Einen endgültigen Liegeplatz fand es jedoch nicht.
Dabei hatte es 2024 kurz so ausgesehen, als wäre eine Lösung gefunden worden. Im März 2024 nahm der Gemeinderat von Bredene die Schenkung des Schiffes durch Gunst an – mit der Auflage, es dauerhaft auszustellen. Geplant war ein Denkmal für Staf Versluys auf einem Gebäudedach an der Küstenstraße, darunter ein Ausstellungsraum für Schulklassen und Touristen. Dieses Ensemble wurde jedoch nie gebaut.
Gunsts aktueller Facebook-Beitrag liest sich wie ein Protokoll des Scheiterns – und wie eine Abrechnung. In einer Reihe ironischer Dankesformeln richtet er sich nacheinander an die flämischen Minister für fahrendes Erbe, den Provinzgouverneur, den Provinzrat sowie an die Bürgermeister und Schöffenräte der Gemeinden Bredene und Oostende.
Arm Vlaanderen! Mit Dank an alle aufeinanderfolgenden flämischen Minister für fahrendes Erbe."
Mehr als neun Jahre habe er bei allen möglichen Stellen vorgesprochen, um für das Schiff eine würdige Bestimmung als Denkmal an Land zu finden. Vergeblich. Schließlich habe er es „für einen Spottpreis" verkaufen müssen – an, wie er schreibt, „einen jungen Niederländer". Was dieser mit dem Schiff vorhatte, sei nicht bekannt gewesen, eine Äußerung des neuen Eigentümers zu seinen Plänen habe es nicht gegeben. Ob die Denkmalschutzeinstufung juristische Konsequenzen für das rabiate Vorgehen des jetzigen Eigners nach sich zieht, ist ebenfalls ungeklärt. Keine der genannten Behörden hat bisher öffentlich auf den Vorwurf reagiert.
Der Fall “Tomidi” wirft ein Schlaglicht auf ein System, das auf dem Papier gut gemeint ist – in der Praxis aber offenbar erhebliche Probleme aufweist. Die flämische Regierung verfügt seit dem Dekret vom 29. März 2002 über eine umfassende Schutzgesetzgebung für das sogenannte fahrende Erbe. Eigentümer und Verwalter geschützter Schiffe können Unterhalts- und Verwaltungsprämien beantragen – für alle Maßnahmen, die dem Erhalt der Denkmalwerte dienen, einschließlich Maßnahmen zur Wiederherstellung der Fahrtüchtigkeit.
Das Agentschap Onroerend Erfgoed (Agentur Unbewegliches Kulturerbe) nimmt Anträge entgegen, prüft diese inhaltlich und kann innerhalb von neunzig Tagen eine Entscheidung treffen. Erst nach Genehmigung durch den Minister darf mit den Arbeiten begonnen werden.
In diesem Jahr trat überdies eine neue Förderrichtlinie in Kraft: Das Agentschap Onroerend Erfgoed hat angekündigt, das bisherige komplizierte System mit unterschiedlichen, zum Teil erhöhten Prozentsätzen abzulösen. Künftig gilt ein einheitlicher Fördersatz von 40 Prozent für Unterhalts- und Verwaltungsmaßnahmen.
Der Fall “Tomidi” illustriert das zentrale Dilemma des belgischen Schutzsystems für fahrendes Erbe: Ein Schutzstatus allein reicht nicht. Wer ein denkmalgeschütztes Schiff besitzt, obwohl ihm die Mittel zum Erhalt fehlen, steht vor einer unlösbaren Aufgabe. Denn der Denkmalschutz bleibt ein Papiertiger, solange nicht zumindest für einen Liegeplatz gesorgt wird.
Mit der neuen einheitlichen 40-Prozent-Förderquote allein dürfte das Problem kaum zu lösen sein – zumal ein Schiff wie die “Tomidi” nach Jahren an Land und ohne laufende Instandhaltung einen Restaurierungsaufwand erfordern würde, der selbst bei nur hälftigem Eigenanteil für private Eigentümer kaum zu stemmen ist.
Staf Versluys, der Mann, der mit dem Boot Geschichte schrieb, ist seit 1995 tot. In seiner Heimatgemeinde Bredene ist nach ihm ein Veranstaltungszentrum benannt. Das Schiff, das ihn berühmt machte, wird wohl nie wieder segeln.
| Ursprünglicher Name | Rucanor Tristar / Rucanor Sport |
| Heutiger Name | Tomidi (seit 1991) |
| Konstruktion | Guy Ribadeau-Dumas (Paris), in Zusammenarbeit mit Staf Versluys |
| Bauwerft | Standfast Yachts BV (Frans Maas), Breskens, NL |
| Stapellauf | 6. Februar 1985 |
| Länge / Breite / Tiefgang | 17,54 m / 4,85 m / 2,95 m |
| Baumaterial | Glasfaser-Sandwichbauweise mit Balsaholzkern, Kevlar, Titanlegierungen |
| Maximale Segelfläche | 330 m² |
| Zurückgelegte Seemeilen | ca. 300.000 (≈ 12 Erdumrundungen) |
| Whitbread-Starts | 1985/86 (Klassensieg D, Skipper Versluys) · 1989/90 (Skipper Dubois) |
| Denkmalschutz | Seit 17. September 2009 (beschützendes fahrendes Erbe) |
| Schutzstatus | Seit 16. Juni 2017 (festgestelltes fahrendes Erbe) |
| Letzter Eigentümer (36 J.) | Dirk Gunst |
| Außerdienststellung | Anfang 2017 |

Stellvertretender Chefredakteur YACHT
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