Nils Theurer
· 04.01.2026
Spektakuläres aus Finnland: erstmals keine tödlichen Badeunfälle an Juhannus, dem dortigen Mittsommerfest! Es war einfach zu kalt – nicht einmal stark angeheiterte Einheimische gingen ins Wasser. Doch wenige Tage später gelingt die erste Betrachtung der „Unea Grey“ bereits schwimmend aus der Froschperspektive.
„Die Sauna ist schon heiß genug!“, begrüßt Jouka Dehm und verhilft so zu einem sehr authentischen Auftakt des Besuchs. Der Mann mit Vater aus Deutschland und finnischer Mutter hat sein Boot vor dem „Mökki“, dem Familien-Sommerhaus, am Päijänne-See vertäut. Es ist das zweitgrößte Binnengewässer Finnlands, doppelt so groß wie der Bodensee. Das riesige Binnenmeer verbindet Dutzende Fjorde, Aufweitungen und Engstellen zu über eintausend Quadratkilometer Segelgebiet, mehr als 180 Kilometer misst der längste Törn oneway. Die Spanne wird immer abwechselnd nord- oder südwärts als Päijänne–Purjehdus ausgetragen, die größte Binnenregatta Finnlands. Diese Wettfahrt ist Joukas Triebfeder, er will mit einem eigenen Boot an der Langstrecke teilnehmen.
Durch die Kiefern ist das Produkt dieses Traums bereits zwischen Steg und Boje auszumachen. Doch zunächst geht es in die Sauna, sie ist schon auf 70 Grad aufgeheizt. Knapp sechs Millionen Einwohner leben in Finnland – und um die zwei Millionen Saunen stehen dort. Der bedeutendste Hersteller von Saunaöfen fertigt in Muurame, ebenfalls am Päijänne-See, sein Ferienhaus befindet sich gleich um die Ecke. Mit Steg. Ein Finne ohne Boot? Undenkbar.
Dampfend geht es nach dem ersten Gang in den Päijänne-See, bei der Schwimmrunde um Joukas Boot fällt zuerst der augenfällig senkrechte Spiegel auf. Fünfeinhalb Meter und Kraulzüge weiter am skandinavisch hellen Kieferrumpf entlang gibt es einen ebenso emporragenden Steven. „Die Kiefern habe ich direkt hinter der Sauna gefällt“, erzählt Jouka nach dem Auftauchen den Ursprung des Holzes. 2013 brachte er diese wenige Kilometer weiter in Karis Sägewerk, der sie zu Schnittholz auftrennte und trocknete.
Alle am Ufer scheinen sich zu kennen. Und wie in Skandinavien üblich, spielen Nachnamen eine untergeordnete Rolle.
Der helle Segler passt stimmig in die Szenerie. Jetzt ablegen? Kein Problem, bedeutet Jouka und greift zwei Angeln, Wobblerkasten und Kescher; im Moment herrscht Flaute – aber man könne zumindest fischen. So wird der 1,6 Kilowatt starke Kräutler-Elektromotor ausprobiert, von dem im Cockpit nichts weiter zu sehen ist als das Bodenfach für die beiden Hoppeke-Akkus à 66 Amperestunden und der kleine Stahlhebel am Süll. „Ich hätte sogar einen Fünf-PS-Benzin-Außenborder zur Verfügung gehabt. Aber zu so einem Boot passt der doch nicht“, erläutert Jouka seine Maschinenwahl.
Mit diskretem Klick entfaltet sich der Zweiflügler am Pod unter dem Rumpf mit den ersten Umdrehungen, ansonsten stört nichts die allgemeine Stille. Bei fünf Knoten und voller Fahrt reichen die Akkus eine Stunde, bei zwei Knoten werden es zehn. „Viel schneller brauchen wir auch gar nicht zu sein, sonst beißen die Zander nicht“, sieht es Jouka finnisch-gemütlich und lässt back- und steuerbords 25 Meter Leine mit Wobblerköder achteraus.
Im Jahr 2013 hatte Jouka seine Ausbildung als Bootsbauer in Parainen begonnen, an der „Livia Ammattiopisto“, einer Bootsbauschule im Südwesten Finnlands an der Ostsee. Zuvor war er in Gelnhausen zur Schule gegangen, studierte Soziologie und Anglistik in Freiburg, leitete Fundraising-Kampagnen für Amnesty International und Greenpeace in Hamburg und Berlin. In Berlin half er, einen Wismaraner Langkieler von 1955 aufzubrezeln; dessen Mast wurde jedoch nie gestellt.
Als die Schule in Parainen internationale Beteiligung für ihren Kurs sucht, ist ihm sofort klar, dass sich auf diese Weise sein Regatta-Traum mit seinem künftigen Berufswunsch verbinden lässt.
Im ersten Ausbildungsjahr ist es üblich, eine Bootszeichnung anzufertigen, im zweiten bauen die Schüler die Konstruktion. Seine Kommilitonen entscheiden sich für zierliche Jollen und Motorbötchen, er konstruiert und baut so groß wie möglich. So gibt der Schulraum mit der Tischkreissäge die Bootslänge vor, gut sechs Meter sind vor und hinter ihr Platz. Aus diesem Grund wird seine Schöpfung exakt 5,60 Meter lang.
Für die Rumpfzeichnung arbeitet er sich nicht in Konstruktionsprogramme ein, er formt ihn sich im Maßstab 1:10 aus Blumensteckmasse. „Ich habe als Eventmanager gearbeitet, da haben wir viel mit dem grünen Zeug gemacht. Für den Rumpf habe ich einige Blöcke aneinander geklebt.“ Er beschneidet den Klotz zunächst mit dem Messer und drückt dann mit Daumen und Handballen seinen Wunschrumpf, bis ihm die Proportionen stimmig erscheinen. „Ich habe das Modell mit dem Messer in 14 gleich lange Teile zerschnitten und die auf Zeichenpapier umrandet.“
Über vergrößerte Schnitte entstehen 13 lamellierte Halbspanten. Mit ihnen stellt er im zweiten Jahr an der Bootsbauerschule ein über Kopf stehendes Spantengerüst auf. Allerdings offenbart sich, dass angelegte Probeleisten an manchen Spanten nicht straken. Das augenfällige schlanke Vorschiff ist ja gewollt, aber in der ersten Spantversion würde es die Leisten brechen. An diesen Stellen arbeitet er die Spanten nach.
Nach dem akkuraten Aufsägen des Saunabaums zu sechs Meter langen Leisten fräst er in jede von ihnen je ein konvexes und ein konkaves Profil; dadurch schmiegen sie sich ohne zusätzliches Hobeln aneinander. Als Besonderheit verschraubt er beim Verkleben mit Epoxid jede Leiste mit ihrer Nachbarin. Beim späteren Verschlichten kommen lediglich zwei der über 2000 Schrauben zum Vorschein. Vom Süll und vom Kielschwein beginnend ist der eigentliche Rumpf bald geschlossen. Komplettiert wird er zunächst mit einem Deck aus Birkensperrholz. Auf Anraten seines Ausbilders bekommt der Süll einen negativen Sprung, damit der Spiegel nicht noch wuchtiger emporragt. Dazu sägt Jouka nach achtern abfallend den Rumpf ab.
Erst jetzt macht er sich an die Gestaltung von Cockpit und Kajüte: „Ich habe mehrere Zeichnungen angefertigt und das dann möglichst proportional mit MDF-Platten umgesetzt.“ Der flache Aufbau duckt sich auf dem ansonsten hochbordigen Rumpf und sorgt optisch für einen ansprechenden Ausgleich. Das an Cat-Boote der amerikanischen Ostküste erinnernde Dach ist sowohl leicht längs als auch quer gebogen. Jouka bezieht es mit wasserdichtem und imprägniertem Persenningtuch, eine althergebrachte, funktionelle und hier besonders passende Ausführung.
„Wie das Deck und der Mast entstanden, erzähle ich dir unterwegs.“ Bei der ersten Ausfahrt war zwar nichts am Haken, aber nun verspricht die Westströmung 2 bis 3 Beaufort bei T-Shirt-Wetter, also wonnigen finnischen Segel-Sommer.
Jouka greift eine Decke, vier Bierdosen und die Fischpfanne. Außerdem kommt ein wasserdicht verpacktes Tablet an Bord – vermutlich für die Navigation, neben den 1886 Inseln gibt es eine lauernde Kollektion überspülter und gerade noch sichtbarer Granitriffe: „Nee, für Fußball!“ Schließlich sei die Netzabdeckung ausgezeichnet, einige der höchsten Bäume am waldreichen Horizont sind bei genauerer Betrachtung als Mobilfunkmasten zu erkennen.
Zum Anpfiff geht es ins bestens durch Spieren und Peillinien bezeichnete Fahrwasser. Zur Halbzeitpause öffnet sich die enge Passage zum Ristinselkä-See. Zur zweiten Halbzeit steht eine Kreuz an; dem Vorsegel-Vorliek fehlt allerdings Power. Erst nachdem es tiefer angeschlagen und der Spleiß des Dyneema-Fockfalls mittels Knebel platzsparend befestigt ist, sinkt der anfängliche Wendewinkel von 120 Grad um 10 bis 15 Grad. Der Spiegel taucht tief und verursacht einen kräftigen Strudel, der gerade beim leichten Wind deutlich bremst. „Egal – für unseren Zander dürfen wir ohnehin nicht so schnell sein.“ Außerdem macht sich eine verblüffende Leegierigkeit bemerkbar.
Dafür wird das Großsegel verantwortlich sein. „Mein Lehrer sagte mir: ‚Jouka, du lernst erst noch segeln; säge vom ursprünglichen Mast mal einen Meter ab.‘“ Das hat er gemacht, ein Jammer! Der Mast selbst ist ein Schmuckstück. Verfügbar waren nur drei Meter lange Douglasie-Bohlen. Der Geselle schäftet sie auf Mastlänge und sägt ihnen zwei 30-Grad-Flanken. Auf einer Mastbank mit eigens angefertigten Auflagen verleimt er die Leisten zu einer tropfenförmigen hohlen Spiere.
Eigentlich war also ein höherer Mast geplant. Außerdem weigert sich der örtliche Segelmacher – Jouka will den regionalen Aspekt besonders unterstreichen –, die eigentlich geplante radikale Spreizlatte umzusetzen. Überdies relativiert der starke Zug am Fockfall den ohnehin dezenten Mastfall, alle Faktoren verschieben den Lateralpunkt nach vorn. „Das Schiff wird nie fertig sein!“, kommentiert Jouka. Zu den nächsten Aktionen wird also gehören, den bisher durchgesteckten Mast mit einem Klappmastfuß an Deck zu stellen und auf diese Weise wieder zu verlängern sowie ein neues Großsegel mit Fathead zu riggen.
Parallel steigt während der Mastbauphase sein Vater, ein Maschinenbauer, sowie ein befreundeter Pensionär ein. Denn das Projekt verschlingt bereits eine fünfstellige Summe, obwohl für einige Ausrüstungspunkte Partner und Förderer gefunden wurden. Um die Kosten im Rahmen zu halten, ersteht Jouka Topplicht, Wantenspanner, Ruderbeschlag und elektrische Schalter auf Ebay – konfektionierte Mast- und Baumbeschläge passen nicht ins Budget.
„Die beiden haben sich richtig in diese Aufgabe hineingefuchst. Der Lümmel aus drei Millimeter starkem Edelstahl ist bestimmt für die Ewigkeit gefertigt.“ Das Geschenk erhielt durch Sandstrahlung außerdem eine Mattigkeit, die mit dem fertigen Boot bestens harmoniert. Das Deck legt er aus Douglasienstäben und lackiert sie.
Mittlerweile sind die beiden Jahre an der Bootsbauschule vorüber, und Jouka arbeitet ein Jahr auf der Werft beim renommierten Holzbootrefitter Janne Peterson in Helsinki. Dann ist er wieder ein Jahr auf der Bootsbauschule und macht seinen Meister. Seitdem fällt ihm das Verlegen von Stabdecks leicht. Sein Boot ist sein Mestarityö, sein Meisterstück.
Auch seine Mutter will nun – neben finanzieller Unterstützung – ihren Beitrag zum Boot leisten, lange wurde nach einer passenden Aufgabe für sie gesucht. „Ich habe dann bemerkt, dass Wantenspannerschoner immer massive Teile aus Alu oder hässliche aus Plastik sind. Nun habe ich die billigste Lösung mit Kunststoff-Rohrstücken, für die Mutti mir braune und graue Schoner aus robuster Hanfwolle gestrickt hat.“
Das Ziel des Törns, die vier Fußballfelder große Insel Sudensaari, hat drei Bojen, zwei Mülleimer und ein Plumpsklo. Abfalleimer und Komposttoilette werden durch ein wöchentlich verkehrendes Serviceschiff geleert. Ungewöhnlich ist, dass hier keine Schwitzhütte vorhanden ist, „die örtlichen Vereine betreuen meist mehrere Inseln und bringen auch Feuerholz zu den Saunen“, erläutert Jouka die lokalen Gepflogenheiten.
Das Wasser für die Kartoffeln schöpft er mit dem Topf aus dem See, „das ist ja der Trinkwasserspeicher Helsinkis“. Bei Sonnenuntergang um 23:30 Uhr geht es in die ausreichend großen Kojen links und rechts vom Eichenschwert, bereits um drei Uhr früh weckt die Sonnenhitze zum ersten Mal.
Beim Zurücksegeln läuft „Unea Grey“ mit Schrick in den Schoten bis zu 6,2 Knoten, zeitweise reißt der Heckstrudel am Spiegel ab und befeuert den für diesen Seezwerg ohnehin bereits prächtigen Speed. Durch die auffallend breite Wasserlinie ist der Rumpf enorm steif. Mit der leichten Krängung stellt sich auch die erwartete Luvgierigkeit ein. „Mit dem Zander wird es jetzt nichts. Aber bei diesem Tempo fangen wir vielleicht eine Seeforelle, die ist genauso gut“, freundet sich Jouka mit der Geschwindigkeit an. Doch nichts beißt.
„Eigentlich wollte ich das Boot nach meiner Großmutter Anna Maria nennen“, erklärt Jouka, wie es zum Namen am Spiegel kam. „Daraus wurde dann der Kürze halber die andere Großmutter Aune und später Aune Grey, in Anlehnung an die Cockpit-Wunschfarbe.“ Ein Freund fräst ihm die Messing-Buchstaben, wie überhaupt Familie und Bekannte sehr zum Gesamtprojekt beigetragen haben. „Als ich die dann montiert hatte, stimmte das überhaupt nicht, das A war zu weit links. Aber alles noch mal neu bohren und mit einem Heck voller Pfropfen leben?“ Er entscheidet sich, lediglich den ersten Buchstaben zu versetzen. „Seitdem heißt das Boot Unea Grey. Unea ist eine Vulkaninsel im Bismarck-Archipel, das passt ja auch.“
Ursprünglich sollte Unea Grey bereits 2015 zum ersten Mal an der Langstreckenregatta teilnehmen, doch daraus wurde nichts, die Fertigstellung verzögerte sich bis zu diesem Jahr. 1500 Stunden zählt Jouka für die Arbeit am Boot. Inzwischen aber ist die Zeit knapp, denn er verdingt sich nun als Holzschiffbootsbauer mit Werkstattwagen. Jetzt zum Beispiel kehrt er vom Steven-Refit eines historischen 13 Meter langen „Vessibussi“ (Wasserbus) aus Lappland zurück.
Der typisch wortkarge Kari kommt zu einem Besuch ans Mökki, er hatte ohnehin Holz auszuliefern und wollte einmal sehen, was aus der Seekiefer geworden ist, die er fünf Jahre zuvor aufgesägt hatte: „Kyllä se on nätti“ – das ist ja schon hübsch. Tage später von Jouka eine E-Mail: „Den Zander habe ich dann am Wochenende mit meinem Patenonkel Simo aus dem Wasser gezogen.“