Vor 100 JahrenYACHT 7/1926 - 40 Jahre Akademischer Segler-Verein Berlin

YACHT

 · 19.07.2026

YACHT 7/1926: 40 Jahre Akademischer Segler-Verein Berlin.
Foto: YACHT
Sind Segelvereine heute noch so bedeutsam wie vor 100 Jahren? Lassen Sie gerne einen Kommentar hier.

An dieser Stelle bringen wir ausgewählte Beiträge aus 100 Jahre alten Ausgaben der YACHT. In Ausgabe 7/1926 wurde über das Jubiläum des Akademischen Segler-Vereins Berlin berichtet. Der als studentische Korporation gegründete ASV war der erste Segler-Verein seiner Art und ist heute einer der ältesten deutschen Segel-Clubs.

Wenn auch im bürgerlichen Leben das 40-jährige Jubiläum, überschattet von dem heranrückenden halben Säkulum, nur geringe Beachtung findet, so hat der Akademische Segler-Verein doch allen Grund, an dieser Wendemarke seines Lebenskurses das Logbuch der letzten 15 Jahre vorzunehmen und nachdenklich darin zu blättern. Denn diese Reise hatte es in sich, und die Stürme, die über unser Vaterland dahinbrausten, haben gerade das Schifflein der Akademiker schärfer gezaust als das irgendeines anderen Segler-Vereins.

Bis zum Ausbruch des Weltkrieges hatte sich die Lebenskurve des Akademischen Segler-Vereins in stetig aufsteigender Linie bewegt und gipfelte im Frühjahr 1914 in der Bestellung eines neuen großen und seetüchtigen Studentenkutters bei der Neptun-Werft in Rostock. Ja, was noch mehr bedeutet: Die Bausumme für den Kreuzer war fast vollständig aufgebracht, so dass die Studenten beruhigt und hoffnungsfroh den sportlichen Freuden entgegensehen konnten, die ihnen der neue Seekreuzer bringen würde.

Da brach der Weltkrieg herein und andere Gedanken als Sport und Spiel erfüllten die jungen Köpfe. Wer nicht zur Truppe eingezogen wurde, meldete sich als Freiwilliger, und so kam es, dass schon nach wenigen Wochen die ganze frohe Schar in alle Winde zerstoben war – nicht ein Einziger blieb zurück. Auch die wenigen Alten Herren, die ihr technischer Beruf noch in der Reichshauptstadt festhielt, hatten wenig Muße, sich um die Angelegenheiten des Vereins zu kümmern, und so hätte es wohl recht böse um den A.S.V. ausgesehen, wenn nicht ein außerordentliches Mitglied, Herr Regierungsbaumeister Wichards, tatkräftig eingegriffen hätte. Er regelte nicht nur die wirtschaftlichen Angelegenheiten in mustergültiger Weise, sondern hielt auch noch durch einen umfangreichen Brief- und Päckchenverkehr die persönlichen Beziehungen zwischen den Mitgliedern aufrecht.

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Wir wissen aus den Feldbriefen, dass unseren jungen Seglern in allen Unbilden des Krieges die Hoffnung vorschwebte, nach Ausbruch des Friedens, wie man damals sagte, das Studium fortsetzen und den fröhlichen Segelsport wieder aufnehmen zu können. Aber das Ringen dauerte zu lange, und nur fünf Mitglieder der alten Aktivitas fanden sich im Winter 1918 wieder im Vereinshaus nahe der Hochschule zusammen. Achtzehn hoffnungsfrohe junge Menschenleben hatte das Schicksal gefordert, und von den Überlebenden hatte mancher den Mut verloren oder nicht mehr die Mittel, das Studium von neuem aufzunehmen.

Die fünf Unentwegten aber ließen sich weder durch ihre eigene geringe Zahl, noch durch die leeren Kassen, noch durch die beginnende Inflation entmutigen, und tatsächlich gelang es ihnen in weniger als zwei Jahren, die Aktivitas auf die frühere Höhe zu bringen. Nicht zum wenigsten war dabei ihr Erfolg auf ein zugkräftiges Werbemittel zurückzuführen, das ihnen glücklicherweise zur Verfügung stand: Die neue Vereinsyacht war während des Krieges allen Bedenken zum Trotz langsam weiterbebaut worden und wurde im Sommer 1919 fertig. Alle Wünsche und Erfahrungen, die sich im Laufe der zahlreichen Seereisen des zweiten Studentenkutters „Prosit II" angesammelt hatten, waren von Direktor Barg in der formenschönen Hülle dieser 18 m langen Stahlyacht verwirklicht worden. Sie war das unentbehrliche Elixier, das der A.S.V. zu seiner Wiederbelebung brauchte, denn von jeher haben die Akademiker in der Seesegelei den Kern und den Prüfstein ihrer ganzen sportlichen Erziehungsarbeit gesehen.

Dass es dem überlebenden Stamm gelungen war, den alten sportlichen Geist auf die neue Aktivitas zu übertragen, zeigte sich gleich bei der Überführung der „Prosit III" von Rostock nach Berlin, die infolge verschiedener Hindernisse – unter anderem einer Ostseeblockade – erst Mitte Dezember stattfinden konnte. Gegen stürmischen Ostwind brachte die Mannschaft das gänzlich vereiste Schiff nach Swinemünde und im Schneetreiben über das Haff nach Stettin.

Mit einem wahren Feuereifer wurde die Prosit 1920 in den Dienst der seglerischen Ausbildung gestellt. Sogar die früher so beliebten Gästefahrten an den Sonntagen auf der Havel wurden unterdrückt; stattdessen wurden die Füchse an den Segeln getrimmt, und die älteren Aktiven versuchten sich an der Pinne und bereicherten ihre Fahrwasserkenntnis durch fleißiges Abtasten des Grundes mit dem Bleikiel. Der Erfolg zeigte sich in einem kräftigen Aufblühen der Seesegelei: In sechs Jahren wurden 14 Seereisen unternommen, zum Teil in Tag- und Nachtfahrten, bei denen mächtig Seemeilen geschunden wurden, so dass im Ganzen etwa 12 800 Seemeilen zurückgelegt wurden. Mehrmals wurde Stockholm aufgesucht, eine Reise ging nach Finnland und eine andere in die norwegischen Fjorde. Bei diesen Reisen waren die finanziellen Schwierigkeiten oft noch größer als die navigatorischen, denn die Inflation machte die Proviantergänzung im Ausland meist unmöglich. Es wurde möglichst viel Brot mitgenommen und unterwegs sorgfältig durch Sonnen und Lüften gepflegt. Mehrmals gelang es der Mannschaft nur im letzten Augenblick vor dem Ausbruch einer Hungersnot, einen rettenden deutschen Hafen zu erreichen.

Führung und Bedienung der Prosit lag bei diesen Fahrten ausschließlich in den Händen der aktiven Mitglieder, und es ist gewiss ein gutes Zeugnis für die wieder erreichte Höhe der sportlichen Ausbildung, wenn Nichtsegler nach dreijähriger Ausbildung imstande sind, eine Yacht mit zum Teil unbefahrener Mannschaft einwandfrei bis in die norwegischen Schären zu führen. Freilich ist das Erziehungsergebnis nicht ganz gleichmäßig – mancher lernt es nie.

Über den Seereisen wurde das Rennsegeln jedoch nicht vernachlässigt. Die vier flinken Einheitsjollen des A.S.V. gaben Veranlassung zu ungezählten internen Regatten und kleinen Einzelkämpfen, und die erzieherische Wirkung trat denn auch bei der Teilnahme der alten Sonderklassenyacht „Gaudeamus III" an offenen Regatten sowie bei der Beteiligung zahlreicher einzelner Vereinsbrüder auf Klassenyachten als Mannschaft vorteilhaft zutage. Vor allem aber hat „Prosit III" 1922 in der Pommernwoche und 1924 in der Ostdeutschen Woche schöne Erfolge erringen können. Obwohl sie mit ihrem geringen Tiefgang eigentlich ihren Konkurrenten gegenüber im Nachteil war, brachte sie sechs erste Preise nach Hause, dazu einen Startpreis, und war, schneidig gesegelt, meist das absolut schnellste Boot der Regatta.

Eine neue Einrichtung, die großen Anklang fand, waren Seereisen der Alten Herren, die auf solche Art ihre schönsten Jugenderinnerungen wieder auffrischen wollten, ohne die Selbständigkeit der jüngeren Mitglieder auf deren Fahrten zu behindern.

Infolge seiner eigenartigen Zusammensetzung aus nur jugendlichen, alle vier bis fünf Jahre wechselnden Mitgliedern war der Akademische Segler-Verein während des Weltkrieges und in den schlimmen Nöten der Inflation ganz besonderen Gefahren ausgesetzt. Durch seine gleichsam ewige, sich jährlich erneuernde Jugend aber und durch den hohen sportlichen Geist, der sie beseelt, wurde er über alle Gefahren hinweggetragen. Auch uns Älteren war der unverdrossene Frohsinn der Jugend in all diesen schlimmen Zeiten ein rechtes Labsal, und wir wollen es ihnen nun gern vergönnen, dass sie heute auf der Grundlage der stabilen Mark hin und wieder nach guter alter Studentensitte einen kräftigen Schoppen schmettern können: Dem A.S.V. auf ein weiteres Vivat, Crescat, Floreat für die nächsten zehn Jahre!

Meisner


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