Ort der Handlung: Die Halle eines Segelklubs, darin eine große Preistafel. Zeit: Nach beendeter Wettfahrt.
Ein gewohnheitsmäßiger Sieger tritt vor und nimmt mit freudigem Lächeln seinen Preis in Empfang, eine Kristallschale mit Silber. Als er auf seinen Platz zurücktritt, flüstert ihm jemand zu: „Die wievielte ist das eigentlich?" Resigniert flüstert er zurück: „Die achtundzwanzigste!" Armer Sieger!
Der Segelsport ist, wie kaum ein anderer, ein Herrensport. Die große Masse der Nicht-Segler kann kein Verständnis dafür haben. Die Wettfahrten sind nicht zu übersehen und dauern viele Stunden, manchmal halbe Tage. Kein Totalisator sorgt für Nervenkitzel. Die großen Geldsummen, die im Rennsport dafür bestimmt sind, einen Teil der Unkosten zu decken, fallen bei uns fort. Die Preise sind ausnahmslos Ehrenpreise, und jährlich wird von unseren zahlreichen Clubs für ihre vielen hundert Wettfahrten eine sehr erhebliche Summe aufgebracht zur Beschaffung von Preisen. Dient diese Summe dazu, unserem Kunstgewerbe lohnende Aufträge zu vermitteln? Erfüllen die Preise ihren einzigen Zweck, den Siegern eine Freude zu sein und ein Schmuck ihres Hauses zu werden, wenn schließlich nichts weiter dabei herauskommt, als die achtundzwanzigste Glasschale? Mir scheint, es ist schade um das viele Geld, es ließe sich mehr und Besseres damit erreichen.
Wenn man an einer seit langem bestehenden Einrichtung Kritik übt, so muss man Vorschläge zur Verbesserung bei der Hand haben. Auf der Suche nach solchen Vorschlägen fiel mir eine Serie von Aufsätzen in einer alten englischen Zeitschrift in die Hand, die sich mit dieser Frage beschäftigen. Ich gebe sie auszugsweise hier wieder:
„Man soll niemals nach Billigkeit wählen, sondern stets nach der Qualität der Arbeit, sonst schwächt man den Nationalcharakter. Arbeiter, von denen man nicht eine Höchstleistung verlangt, werden auch als Menschen minderqualifiziert. Vollendung in allem, was durch Arbeit hervorgebracht wird, ist der einzige Beweis der Größe eines Volkes. Wenn es in der Qualität der Arbeit versagt, wird es erst recht in idealen Dingen versagen.”
Ist das, was heute an Sportpreisen hergestellt wird, eine Höchstleistung nationaler Arbeit? Niemand kann heut' sagen, wie viele Renn- und Sportpreise alljährlich zur Verteilung kommen, denn die Zahl der Vereine geht in die vielen Hunderte. Der silberne Sportpreis ist dem jungen Engländer dasselbe, was der Olivenkranz der Weltspiele dem Griechen war, nicht nur ein Siegespreis, sondern die Ermunterung, sich in allen männlichen Eigenschaften zu vervollkommnen. Deshalb sollte solch ein Preis ein wirklich schöner Gegenstand, ein Kunstwerk sein.
Ist das zu viel erwartet? Verständige Leute werden sagen: Nein! Die Goldschmiede sagen: Ja. Die Goldschmiede lachen über den Geschmack der (englischen!) Einkäufer dieser Sachen. Die fragen ja gar nicht nach Schönheit. “Fangen Sie damit an, unsere Kunden zu erziehen. Schiffbauer sowie Sportsleute sind merkwürdigerweise außerhalb der modernen Kunstbewegung geblieben.” Wenn man einen namhaften Künstler damit beauftragen würde, einen Sportpreis anzufertigen, so würde das außerordentlich teuer werden. Man könnte ja versuchen, vom Künstler nur die Zeichnungen machen zu lassen und die Ausführung einem einfachen Goldarbeiter zu übertragen unter Aufsicht des Künstlers. Das ließe sich aber der Handwerker nicht gefallen. Überhaupt kommt es nicht so sehr darauf an, ein paar wirklich gute Entwürfe zu erlangen, sondern das ganze System muss geändert werden. Man muss damit anfangen, Sportleute zu erziehen, die sich schämen, einen schlechten Geschmack zu haben. Ihr Kunstsinn muss entwickelt werden.
Aber wie? In der Regel lesen Sportsleute keine Kunstzeitschriften, und die Sportblätter nehmen kein Interesse an dem Kunstwert der Ehrenpreise. Wenn die Sportleute nur Preise machen – wie sie aussehen, ist ihnen gleichgültig. “Warum soviel Wirtschaft darum?” würden sie fragen. “Die Dinge erfüllen ihren Zweck auch so, und wir sind daran gewöhnt!”
Im weiteren Verlauf der Ausführungen wird darauf hingewiesen, dass man in der Ausführung absolut nicht auf Silber allein angewiesen sei. Warum nicht gelegentlich auch Kupfer, Messing, Zinn verarbeiten? Eisen mit Einlage edler Metalle – es sei an die wunderbar schönen eisernen Schmucksachen in Deutschland nach den Befreiungskriegen erinnert – Schalen aus kostbarem Holz, aus Porzellan, welche schönen Gegenstände lassen sich in Emaille herstellen." Soweit der anonyme Engländer.
Man sieht, in fast 30 Jahren hat sich nichts geändert. Der allgemeine Geschmack ist etwas besser geworden, aber dafür sind, wenigstens bei uns, die zur Verfügung stehenden Geldsummen zusammengeschrumpft. Früher standen für die großen Preise 500 bis 600 M. zur Verfügung, heute nur ungefähr 200, und durch die gesteigerten Unkosten und Steuern usw. entspricht der Gegenstand einem solchen, der früher etwa 100 M. kostete. Das möchten wir uns aber nicht eingestehen. Jeder Stifter eines Preises möchte ihn nach Aussage der Juweliere möglichst ansehnlich, groß und glänzend, und da kann es eben nur Fabrikware, Massenfabrikat ohne jede Beziehung zum Sport sein.
Wäre es nicht am Ende doch besser, Dinge zu wählen, die an Umfang geringer, wie man so sagt, „nicht so viel herzeigen", dagegen an Geschmack und Kunstwert größer sind? Oder man sieht ganz von Silber ab und nimmt handgetriebene Sachen in Messing oder Zinn, vielleicht nach alten Gildestücken gearbeitet, deren Wert in ihrer Schönheit liegt, oder neue Entwürfe, die Beziehung zum Wasser, Wind und Wellen haben.
Man stelle die großen Porzellanfabriken vor solche Aufgaben, wie es längst in Dänemark geschieht. Sie werden dankbar dafür sein, ihr Bestes zu leisten versuchen und Stücke herstellen, die, wenn sie als Trophäe ins Ausland wandern, unserem deutschen Können Ehre machen. Noch billiger als Porzellan ist heute künstlerische Fayence, erschwinglich selbst für bescheiden dotierte interne Wettfahrten. Die „Kieler Kunstkeramik" hat vorzügliche Stücke hergestellt, deren hauptsächlichster Reiz allerdings in der Farbe liegt. Man lasse jedes Jahr einen besonderen Teller zur Kieler Woche anfertigen, den man z. B. als bleibende Beigabe für die Wanderpreise verteilen könnte.
Überhaupt sollte es der Ehrgeiz jeder Stadt sein, Erzeugnisse ihres bodenständigen Kunstgewerbes den auswärtigen Seglern zu stiften. Die Regattaleitung in Danzig-Zoppot hatte seinerzeit neben den üblichen Silbersachen die herrlichen Messingschätze ihrer Kirche nachbilden lassen und war einer vor der Preisverteilung geäußerten Bitte um Zuteilung eines solchen Preises anstelle des Silberbechers zugänglich. Die Herren sagten liebenswürdig: „Es kommt uns darauf an, dass Sie eine Erinnerung von hier mitnehmen, an der Sie dauernd Freude haben!"
Diese Handlungsweise sei zur Nachahmung empfohlen, denn die Geschmäcker sind eben verschieden. Diesem verschiedenen Geschmack tragen die praktischen Dänen dadurch Rechnung, dass sie bei ihren Provinzregatten die Preise der Reihe nach auswählen lassen, zuerst die ersten Sieger, dann die Träger der zweiten Preise usf.
Künstlerische Regattapreise! Wenden wir uns einmal vom Kunstgewerbe zur wirklichen Kunst. Sie ist das einzige, was billiger geworden ist, als es früher war, denn die Kunst ist der Luxus, den sich ein verarmtes Volk zuerst versagen muss. Unsere jungen Künstler darben und wären bereit, „in jeder gewünschten Preislage zu liefern". Bedeutet doch ein gut gelungenes Bild, das von vielen gesehen wird, zugleich ein Bekanntwerden ihres Namens. Man hat ja auch öfter Bilder und Radierungen von Seestücken als Preise verteilt. Da möchte ich noch einen kühnen Vorschlag machen, einen Vorschlag, dessen Ausführung eine gewisse Selbstverleugnung des stiftenden Vereins oder des edlen Menschenfreundes verlangt: Der Preis sieht sehr unscheinbar aus, es ist ein Gutschein, für den der Sieger sich ein Bild – Aquarell oder Federzeichnung – seines Fahrzeuges bei einem bestimmten Künstler machen lassen darf, einem Künstler natürlich, der sportlich bewandert ist und ein Boot porträtähnlich und technisch richtig wiederzugeben vermag. In diesem Falle wäre es auch nicht schlimm, einen solchen Preis mehrfach zu gewinnen. Hängt nicht ein stolzer Ehemann seine schöne Frau im Profil auf und auch en face? Wird der nicht minder stolze Segler sein geliebtes Boot nicht gern in verschiedenen Ansichten besitzen, in Sturm und Flaute, mit dem typischen Hintergrund des jeweiligen Regattafeldes oder als flotten Scherenschnitt, oder – sehr fein – als Plakette. Die Zahl dieser Möglichkeiten ist Legion.
Vertrauensvoll legen wir also diese Anregung in die Hände der zuständigen Persönlichkeiten, nämlich der Preisbeschaffungskommissionen unserer verschiedenen Vereine, dann hat der Herr mit den 28 Glasschalen – seinen Namen will ich nicht verraten – vielleicht im nächsten Jahre Aussicht, nicht noch einmal 28 zu gewinnen.
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