An dieser Stelle bringen wir ausgewählte Beiträge aus 100 Jahre alten Ausgaben der YACHT. In Ausgabe 26/1926 schreibt die Segelsportjournalistin Käthe Bruns und Modezeichnerin Hilde Kutzner über Bekleidung für Frauen an Bord.
Nein, wir haben wirklich nicht die Absicht, den zünftigen Modejournalen Konkurrenz zu machen, aber ein klein wenig gehört die Sportkleidung schließlich doch noch in das Interessengebiet einer Sportzeitschrift. Es ist daher auch schon früher hier und da in der YACHT über die Bekleidung des Seglers und Motorbootfahrers geschrieben worden, und auch das letzte Erzeugnis der Segelsportliteratur, das ausgezeichnete Werk unseres Mitarbeiters Dr. Walter Deter „Mein Segelbuch", widmet ein Kapitelchen der Kleiderfrage.
In all diesen Veröffentlichungen handelt es sich jedoch fast ausschließlich um den Segler, den Mann, den Herrn. Beim Durchblättern all dieser Ausführungen sieht man, dass dem Gebiet der seglerischen und motorbootlichen Sportkleidung wenig Vergnügliches und Abwechslungsreiches abzugewinnen ist, soweit es nur den männlichen Teil der Seglerschaft berührt. Eine weiße oder blaue Männerhose ist nun einmal kein sonderlich interessantes Studienobjekt, um das es sich lohnen dürfte, die Druckerschwärze in umfangreicherem Maße zu bemühen. Da bieten die Damen mit ihrem Drum und Dran doch ganz andere Möglichkeiten. Es ist daher fast verwunderlich, dass über die Kleidung der Frau an Bord eigentlich noch nirgends ausführlicher gesprochen worden ist.
Vielleicht liegt dies daran, dass nach alter guter Seemannstradition und somit auch nach Ansicht der älteren Generation unter den Seglern „die langhaarigen Teufel" an Bord nichts zu suchen haben, weil sie durch ihre Anwesenheit nicht nur das beste Wetter verderben und Flauten oder schwere See heraufbeschwören, sondern auch den Männerfrieden erheblich stören. Aber mit den langen Haaren hat die Frau von heute anscheinend ihre früher kritisierten gefährlichen Eigenschaften abgelegt. Ein Blick auf die sonntaglich belebten Gewässer zeigt, dass auf fast jedem Boot und jeder Yacht ein weißes oder farbiges Damenkleidchen schimmert. Selbst an der Pinne, dem früher selbstherrlich gehüteten Heiligtum des männlichen Eigners, kann man heute oft genug eine kleine, braungebrannte Frauenhand sehen, und mancher blonde oder braune Bubenkopf hebt sich niedlich lächelnd von dem dunklen Mahagoni der vorbeisegelnden Yachten ab.
Man kann also nicht leugnen, dass die Frau ein Faktor im Segelsport geworden ist. Ebenso wie die Frau in den Dingen des praktischen Lebens heutzutage viel mehr Kamerad, ja sogar Berufskollege des Mannes geworden ist, als es in früheren Jahren der Fall war, hat sie sich auch ihren Platz im Sport erobert, sogar im Segelsport, der als männlichster aller Sportarten gilt. Es ist daher durchaus billig, dass ebenso wie Fragen männlicher Sportbekleidung auch gleichermaßen die des schwächeren, aber auch anerkanntermaßen schöneren Geschlechtes behandelt werden. Deshalb möge ein Brief mit ein paar Skizzen, den uns zwei zünftige Seglerinnen schrieben, in der YACHT Veröffentlichung finden – zu Nutz und Frommen all derjenigen Seglerinnen, die mit festem Händchen Pinne und Schot regieren. Der anderen Gruppe weiblicher Bordgäste aber, denen ein schickes Segelkostüm wesentlicher ist als ein sauber durchgesetztes Großsegel, geben wir den Rat, trotz dieses Ausflugs der YACHT in die Welt der Frau und ihrer Kleidung lieber die „Elegante Welt" oder „Die Dame" zu halten, denn in der YACHT werden diese „Seglerinnen" nicht auf ihre Kosten kommen, weil zuviel Technisches oder sonstiger Unsinn drinsteht.
Nun aber, nach dieser programmatischen Einleitung, zu dem Brief, dessen Poststempel Kallundborg, Seeland, lautet und dessen Verfasserin wohl allen unseren Lesern wenigstens dem Namen nach bekannt ist:
Liebe YACHT! Was geschieht, wenn auf einer Segelyacht zwei Damen sind, die in ihrem Zivilberuf Modezeichnerin und Journalistin sind – und wenn niemand zum Flirten da ist (Segler tun das sowieso nicht! Die Schriftleitung.) – und wenn es flau ist und in Strömen regnet, so dass man, die Fürsorge für den inneren Menschen besorgt, Speis’ und Trank gemütlich einverleibt hat – und wenn man sehr viel Zeit hat und sich langweilt? Ja, was geschieht dann?
Man verfällt eben wieder der alten Gewohnheit: Die Journalistin fängt an zu schreiben, und die Modezeichnerin lässt unter ihrer geschickten Hand auf dem Skizzenblock ein graziöses Püppchen nach dem anderen entstehen. Und dann spielen die Gedanken weiter. Das soeben Geschaffene muss verwertet werden. Schon ist die erste Nummer einer neuen Zeitschrift im Geiste fertig, die einem tiefgefühlten Bedürfnis entspricht: „Die schicke Seglerin – Zeitschrift für mondäne Frauenmode an Bord."
Einen Verleger haben wir allerdings noch nicht gefunden. Dafür haben wir jedoch die Ehre, der von uns sehr verehrten YACHT anliegend ein Probeblatt zu übersenden, in der Gewissheit, dass ihre schönen Leserinnen und unsere lieben Segelschwestern zur bevorstehenden Seereise für allerlei gute Winke dankbar sein werden.
Es handelt sich nicht darum, dass sie sich nun einen Haufen neuer Sachen anschaffen sollen, sondern – wir sind bestrebt, uns auch die Sympathien der Herren zu sichern – lediglich festzustellen: Was braucht man unbedingt auf See? Was kann man aus dem vorhandenen Bestand verwenden, was kann geändert, was muss gekauft oder zu einer vielleicht nur kurzen Reise von einer seefahrenden Bekannten entliehen werden?
Unumgänglich bleibt ein wasserdichter langer Mantel aus ölgetränktem Zeug, der in leichterer Ausführung unter der Bezeichnung „Ägerin" zu haben ist. Wer noch anderen Sport treibt, etwa Auto- oder Motorradfahren, hat vielleicht noch einen Mantel aus glänzend schwarzem Gummistoff mit Windschutz in den Ärmeln, vorn doppelt übereinander zu knöpfen, und die Armlöcher so weit, dass man mehreres darunter anziehen kann. Den Mantel also lieber in größerer Nummer wählen. Dazu gehört der Südwester mit Nackenschutz. Solche, die unter dem Kinn schließen, so dass das Wasser nicht in den Hals läuft, sind besonders zu empfehlen. Man kann ihn, falls nicht vorrätig, anfertigen lassen. Das Ölzeug darf nach Beendigung der Segelzeit nicht in den Schrank oder in einen Koffer gepackt werden, sondern muss frei und luftig auf Bügeln hängen, sonst ist es zum Frühjahr klebrig und brüchig.
Neben dem Ölmantel ein dichter, langer, warmer Mantel, gleichfalls hoch zu schließen. Hier ist jeder alte Winter- oder Automantel ausreichend.
Ein warmes, wollenes Kleid – kein Strickkleid, da dieses winddurchlässig ist – wird im Frühling und Herbst gute Dienste tun. Darüber ein gestrickter Pullover, wie sie die Mode heute in allen Formen für Sportzwecke herstellt. Bunte Westen vervollständigen jeden Anzug und sind nützlich, wenn man darunter alte, kurze Blusen auftragen kann.
Für warme Tage helle Waschsachen, indanthren-gefärbt, aber nicht plissiert, weil Plissee nicht nass werden darf. Sehr hübsch und auch an Land praktisch ist ein Kleid aus feinem weißem Waschkrepp, der nicht knittert. Man muss damit rechnen, dass man seine Garderobe an Bord oft auf kleinstem Raum unterbringen muss, ohne das Vorrecht der Dame deshalb aufzugeben: immer anmutig und nett gekleidet zu sein. Daher sind Kleidungsstücke zu empfehlen, die man nicht nur an Bord, sondern auch beim Landgang benutzen kann, z. B. die hübschen Mäntel aus Trikotstoff, die diesen Sommer so beliebt sind, und die stets nützliche Windjacke. Pyjama, Badeanzug, Bademantel und warme Schlüpfer vervollständigen die Ausrüstung.
Noch ein Wort über die so wichtige Bekleidung der Füße. Hauchfeine Seidenstrümpfe sind nichts für kalte Morgen und Abende; dafür tun Haferlsocken gute Dienste. Schuhe mit Gummisohlen gehören zu den unumgänglichen Neuanschaffungen – und zwar pro Person zwei Paar, damit man nicht morgens in die von der gestrigen Sturmfahrt noch nassen Schuhe hineinsteigen muss. Anstelle der einfachen Schnürschuhe gibt es jetzt sehr preiswert zierliche Pumps und Spangenschuhe mit niedrigen Gummiabsätzen.
Für Form und Zahl der Kopfbedeckungen Vorschriften zu machen wollen wir lieber nicht versuchen, weil jedes weibliche Wesen da am besten weiß, was ihm steht und sitzt. Nur so viel sei bemerkt: Wäre der Bubikopf nicht schon so beliebt, so müsste er für Seglerinnen direkt erfunden werden. Kurz und glatt, ist er fast die einzige Möglichkeit, stets ordentlich auszusehen, und außerdem kommt man nicht in Verlegenheit, wenn einem mal tüchtig der Kopf gewaschen wird. Und nun wünschen wir allen Seglerinnen zur bevorstehenden Reise gute Fahrt.
Käthe Bruns und Hilde Kutzner.
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