An dieser Stelle bringen wir ausgewählte Beiträge aus 100 Jahre alten Ausgaben der YACHT. In Ausgabe 1/1926 beschrieb Schiffbau-Ingenieur Artur Tiller ein von ihm konstruiertes Boot, das als “Kompromiss-Kreuzeryacht für Binnen und See” den Bedürfnissen seiner Zeit Rechnung tragen sollte.
Die in den nebenstehenden Zeichnungen dargestellte Kreuzeryacht stellt einen besonderen Typ dar, welcher sich in verhältnismäßig kurzer Zeit viele Freunde und Anhänger erworben hat. Nach der vorliegenden Zeichnung sind unter meiner Bauleitung bereits drei Neubauten in kurzer Zeitfolge entstanden. Alle drei Fahrzeuge haben sich im Verlaufe dieser Saison auf längeren Fahrten – binnen und draußen – in jeder Hinsicht als durchaus gelungen gezeigt, so dass die Wiedergabe ihrer Pläne an dieser Stelle für viele Segler von Interesse sein wird.
Von der üblichen Beschreibung der Risse möchte ich dagegen Abstand nehmen, denn die beigefügten Zeichnungen sind so ausführlich gehalten, dass der Leser bei ihrer Durchsicht alles Erforderliche findet. Nur so viel soll gesagt sein, dass auch diese drei Fahrzeuge zu der Klasse der speziell von mir herausgebildeten Kompromiss-Kreuzeryachten für Binnen und See gehören. Sie weisen bei einer völligen Linienführung eine gewisse Robustheit der Bauweise auf, welche Eigenschaft letztlich auch der bescheidenste Binnenkreuzer aufweisen muss. Sie besitzen ferner alle guten Eigenschaften eines Seekreuzers und die Eleganz des Binnenkreuzers – beides in ausreichendem Maße. Alle drei Fahrzeuge haben sich bereits auf längeren Fahrten bewährt, besonders das mit Hochtakelung ausgerüstete Boot des Herrn Zöllner auf einer längeren Ostseekreuzfahrt. Trotz des Hochmastes, dessen Länge über Deck etwa 13 m beträgt, war das Benehmen dieses Bootes im Seegang ausgezeichnet. Viel dazu beigetragen haben auch die gewählte große Breite, welche dem Fahrzeug eine gute Anfangsstabilität sichert, sowie der tief gelagerte, etwa 1¾ Tonnen schwere Ballastkiel. Die Vorschiffsspanten sind nicht zu voll gehalten und gehen ganz allmählich in den S-förmigen Hauptspant über.
Die Einrichtung ist bei allen drei Fahrzeugen nach modernen Begriffen zwar elegant, aber keinesfalls zu luxuriös gehalten. Die Ausführung dieser Arbeiten stellt dem Bootsbauer Buchholz, nach Aussagen der betreffenden Eigner, ein glänzendes Zeugnis aus. Der Rumpf ist sachgemäß in schmalen Planken aufgeplankt – unter Wasser Eiche, über Wasser Mahagoni. Sämtliche Längs- und Querverbände entsprechen den Vorschriften der höchsten Klasse für Binnenfahrt des Germanischen Lloyds.
Alle Fahrzeuge haben einen 2-Zylinder-Siemensmotor von etwa 4 Brems-PS erhalten, zum Teil gebrauchte Motoren, die ich bei verschiedenen Händlern aufkaufte und herrichten ließ und welche dennoch die hohe Qualität aller Siemens-Fabrikate durch ihre Zuverlässigkeit und durch tadelloses Funktionieren bewiesen haben. Die erzielte Geschwindigkeit mit diesen für solch schwere Fahrzeuge eigentlich winzigen Motoren war verblüffend: knapp 4 PS treiben die etwa 4 Tonnen schweren Yachten mit 8 bis 9 km/h durch strömungsloses, windstilles Wasser.
Die Anordnung der Einrichtung, besonders aber die Ausführung des Kajütaufbaus, ist bei allen drei Booten entsprechend den Wünschen der Eigner verschieden gehalten. Alle drei Boote haben vier feste Schlafplätze und etwa 1,75 m Stehhöhe in der Kajüte. Von den Schlafplätzen sind zwei in der Messe, einer als Hundekoje auf der Backbordseite achtern und einer als Klappkoje im Vorschiff angeordnet.
Gemeinsam ist den drei Neubauten das angewandte Prinzip der Einrichtung: eine große, geräumige Messe mit zwei Schlafsofas und Schränken, ein mittschiffs an Steuerbordseite liegender Waschraum mit der sich daran nach hinten anschließenden Koje, eine praktische, an Backbordseite liegende Küche nebst einem hohen Kleiderschrank.
Die Plicht ist wasserdicht und selbstlenzend. Alle Hebel und dergleichen, die zur Bedienung des Motors erforderlich sind, haben ihren Platz am Brückendeck gefunden, so dass der Steuermann den Motor jederzeit unter Kontrolle hat.
Zur Bedienung der Takelung sind zwei Mann und gegebenenfalls noch ein Junge erforderlich; diese Besatzung reicht auch für die Bedienung auf See aus.
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