Segler drehen im Hafen von Kappeln regelmäßig die Köpfe, wenn das hölzerne Jollengefährt mit dem markanten Aufbau Richtung Arnis aufkreuzt. „Der Rumpf sieht aus wie ein Jolli. Aber dann dieser große Aufbau – das passt doch nicht zusammen.“ Oder doch? „Der Rumpf, das Cockpit und das Rigg: Das ist ganz klar Jollenkreuzer-Style. Das kann doch nicht sein!“ Großes Rätselraten auf den Stegen.
Die Auflösung ist bereits in einer YACHT mit Jahrgang 1953 zu finden: „Das andere Extrem“ betitelten die Kollegen weiland das kleine Boot in einem Artikel über die Bauvorschriften für Jollenkreuzer und die unterschiedlichen Bedürfnisse von Regatta- und Wanderjollenseglern. Denn der ursprünglich als Tourenboot konstruierte Jollenkreuzer entwickelte sich ab den fünfziger Jahren zunehmend zu einem reinen Regattaboot und polarisierte die Szene.
Befürchtet wurde eine Materialschlacht zulasten eines bezahlbaren und fahrtentauglichen Klassenbootes. Im Grund sei dies kein Problem, so die Kommentatoren der YACHT damals, sondern eher als Vorteil einer Konstruktionsklasse zu betrachten: „Der Witz einer solchen Klasse ist doch, daß sie stärker den individuellen Wünschen Rechnung tragen soll, als es eine Einheitsklasse tun kann. Dabei muß man in Kauf nehmen, daß auch Extreme nach beiden Seiten entstehen“, befindet der Autor salomonisch. Und damit sind wir beim „Spatz IV“ angelangt.
Wahrlich wirken Aufbau und Rumpf auf den ersten Blick etwas behäbig, die Proportionen scheinen noch nicht recht mit den Sehgewohnheiten von Segleraugen übereinzustimmen: Ein „echter“ Jollenkreuzer ist doch zierlich und strakt flach, eher eine Flunder als ein Holzpantoffel!? Eben nicht. Denn hier liegt das andere „Extrem“. Und tatsächlich ist der „Spatz IV“ ein „echter“ 20er- Jollenkreuzer.
„Der Ersteigner und Auftraggeber wünschte sich unter Deck möglichst viel Platz und einen soliden Rumpf“, erläutert der jetzige Miteigner Behrend Oldenburg, 51, aus Hamburg. Damit ist der „Spatz IV“, der Name wurde bis heute nicht geändert, eines der raren Exemplare mit extremer Fokussierung auf die positiven Eigenschaften des Fahrtensegelns. „Beim Bau wurde die Mindestanforderung der Klassenvorschriften für den Materialeinsatz um bis zu 20 Prozent überschritten“, erzählt Oldenburg. „Und davon profitiert die Substanz des Bootes bis heute.“
Den Entwurf zeichnete Konstrukteur Adolf Harms, der auch den 20er „Tümmler“ für Genie Albert Einstein zu Papier brachte. Die Realisierung der Idee des Wanderkreuzers übernahm die Jacht- und Bootswerft Christian Scharstein in Strande bei Kiel, die heutige Werft des Kieler Yacht-Clubs.
Auf Wunsch des Auftraggebers, eines Baustoffhändlers aus Schleswig, der gute Verbindungen zum Holzmarkt beisteuern konnte, wurde die Beplankung mit 16 bis 17 Millimeter starkem Sapeli-Mahagoni ausgeführt und mittels Schrauben und Pfropfen verbunden. Der Spiegel ist sogar mit einer Holzstärke von 25 Millimetern gefertigt. Im Mastbereich kamen weitere Spanten zum Einsatz, und im Deck wurden verzinkte Stahlverbände verbaut, welche die Kräfte der Wanten aufnehmen.
Ein zusätzlicher Plankengang im Rumpf und der höhere Aufbau als von den Bauvorschriften der 20er- Jollenkreuzerklasse vorgegeben machen den „Spatz IV“ zu einer kleinen Festung der Gemütlichkeit und untermauern den extremen Anspruch. Was sich auch im Gewicht widerspiegelt: Mit etwa zwei Tonnen liegt der Jolli satte 1270 Kilogramm über dem Mindestgewicht, wie es in der Klassenvorschrift vermerkt ist.
„Lass uns segeln gehen. Mit der Brise kommen wir gut noch bis Lindaunis“, sagt Behrend Oldenburg und bindet schon die Vorleine los. „Dieses Boot versteht man nicht, wenn es im Hafen liegt, es ist ein Fahrtenboot.“ Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Heidrun Mylius, 52, hat er routiniert bereits den kleinen Kreuzer seeklar gemacht für einen Tagestörn auf der Schlei. Ein 8-PS-Außenborder bringt den Holzrumpf akkurat aus der Box, ursprünglich war in der Plicht ein fest eingebauter Seitenmotor eingelassen, der eine abnehmbare Außenwelle hatte. Das war schon damals eine exotische Konstruktion. Hinter Arnis wird die an Stagreitern angeschlagene Fock gesetzt und das Großsegel ebenfalls über Umlenker vom Cockpit aus Hand über Hand.
Doch wie segelt sich ein zwei Tonnen schwerer Jollenkreuzer? Erwartungsgemäß fliegt er bei leichter Brise nicht sofort los, es braucht einen Moment, bis die Vortriebskraft die schweren Planken in Fahrt bringt. Doch dann, mit einem leichten Schrick in den Schoten, kommt der 7,74 Meter lange Jolli allmählich in Fahrt. Gutmütig und wohltariert liegt er auf dem Ruder, die Qualitäten eines Fahrtenbootes kommen auch hier zum Ausdruck. Alles in allem stehen den ambitionierten Fahrtenseglern drei Vorsegel an Stagreitern zur Verfügung plus zwei Gennaker.
Wir kreuzen auf Richtung Lindaunis und werden dabei von deutlich mehr Höhe und Geschwindigkeit laufenden Kielschiffen wie Folkebooten und Drachen überholt. Der Wendewinkel ist eher bescheiden, die Anströmung ist in dieser Konfiguration nicht optimal. Segelmacher Nils Springer aus Grödersby hatte eine passable Lösung gefunden: Die Nachrüstung eines Barberholers in Kombination mit der großen Fock erlaubt bei guter Brise einen Wendewinkel um 100 Grad. Auf dem Vormwindkurs zurück nach Arnis zeigt der „Spatz“ aber, was in ihm steckt. Schwert hoch, Baum raus: So holt er die Kielboote locker wieder ein.
Der zitierte YACHT-Autor hatte in seinem Artikel über die Bauvorschriften von Jollenkreuzern auch hierzu ein altmodisch formuliertes, aber zeitlos passendes Statement: „Den Wanderseglern unter den Jollenkreuzer-Eignern geht es ja an sich nicht darum, daß auch schnelle und besonders regattafähige Fahrzeuge entstehen, denn das bräuchte sie gar nicht zu interessieren, wenn sie doch nur Wanderfahrten machen, sondern darum, daß die meistens für Wanderfahrten benutzen Boote jegliche Erfolgsaussichten gegen die schnelle Konkurrenz verlieren.“
Dass dieser Jollenkreuzer ordentlich was wegstecken kann und ein richtiges Tourenboot ist, haben die Voreigner zur Genüge unter Beweis gestellt. So sind Reisen dokumentiert, die von Ostfriesland über Sylt, Esbjerg, Hvide Sande, Thyborøn, Limfjord, Kattegat, Kiel und zurück über den Kanal in die Nordsee reichen. Derzeit hat der „Spatz IV“ ein vergleichbar ruhiges Rentnerleben und wird ausschließlich auf der Schlei gesegelt, die Eigner schätzen die Vielfalt und Geborgenheit des Meeresarmes der Ostsee. So wird seit 15 Jahren das Revier erkundet, geankert in den unzähligen Buchten oder Nooren zwischen Schleswig und Schleimünde. Dort in dem beliebten Hafen gibt es auch immer Platz, selbst wenn alle Stegplätze belegt sind. Denn mit nur 0,22 Meter Tiefgang bei aufgeholtem Schwert können die Eigner bis kurz vor den Strand fahren.
„Wir suchen die Entschleunigung statt Adrenalinkick und Regattafieber“, resümiert Oldenburg. „Autark sein für mehrere Tage und ein tourentaugliches Boot mit Stauraum in den Schapps und unter den Kojen für Kanister, Lebensmittel und Lektüre.“
Mit zur Stammcrew zählt seit seinem zweiten Lebensjahr Sohn Hinrich, 13, der auch eine eigene Segelkarriere anstrebt: Erst im Opti, jetzt sammelt er auf der Elbe im Laser Regattaerfahrungen. Zu dritt ist der Jolli in vielen Ferien das schwimmende Familienglück gewesen. Jetzt wird es allerdings schon mal zu eng auf dem kleinen Boot, denn der Filius möchte entwicklungsgemäß auch mit Freunden seine Freizeit verbringen. Neben dem klassischem Cruiser hat Vater Oldenburg für den schnellen Kick nach Feierabend auch noch eine O-Jolle in Hamburg an der Alster liegen.
Bevor der 20er-Jollenkreuzer in die Familie kam, wurde gründlich gesucht und recherchiert. Vereinskameraden warnten sie vor dem Kauf eines hölzernen Jollenkreuzers älteren Baujahrs: „Viele Segler rieten mir davon ab und zeichneten das Schreckensszenario eines schwimmenden Feuchtbiotops.“ Doch das konnte die Eigner in spe nicht von ihrem Kurs abbringen, der Bootstyp war ausgemachte Sache, und das Material sollte nun mal Holz sein.
Die Anekdote in der Kaufhistorie: Vor etwa 20 Jahren auf der Hanseboot in Hamburg am Stand des Deutschen Boots- und Schiffbauer-Verbandes wurde der „Spatz IV“ als Beispiel für besondere Bootsbaukunst ausgestellt und gewürdigt. Auch Besucher Behrend Oldenburg war vor Ort und erinnert sich an damals: „Ich dachte: Nee, Leute, das ist doch kein echter Jollenkreuzer! Dieser Aufbau und diese Form.“
Doch Vorlieben und Bedürfnisse ändern sich – die kauflustigen Segler verliebten sich diesmal sofort in den hölzernen „Spatz“. Und obwohl es das teuerste Boot auf der Wunschliste der zukünftigen Eigner war, konnten die beiden nicht widerstehen und kauften kurzerhand 2006 den Jollenkreuzer im allerbesten Zustand.
Der ist bis heute so geblieben, 15 Jahre später und auf den ersten Blick erkennbar. Aufbauten, Rumpf, Deck und Rigg präsentieren sich in fast makelloser Optik. Eine aufwändige Restaurierung fand bereits 1997 bis 2000 in Eigenregie durch die Voreigner statt, zudem legte die renommierte Bootswerft Janssen & Renkhoff in Kappeln Hand an. Dabei wurden unter anderem Spanten und sieben Plankengänge ausgetauscht sowie ein neues Deck mit Stabdeck aus sibirischer Lärche verlegt. Das Erscheinungsbild wurde dabei im Original bis heute erhalten.
Bis auf neue Schotwinschen bestehen alle Beschläge aus Bronze. Die verrosteten Stahlwinkel am Schwertkasten wurden durch neu gegossene massive Bronzewinkel ersetzt. Während dieser Restaurierungsphase wurden auch Ruder, Beschläge und Pinne komplett erneuert. „Das alles war erstklassige Arbeit, deshalb sind bis heute keine größeren substanziellen Eingriffe nötig gewesen“, berichtet Behrend Oldenburg.
Die jährlich anstehenden Erhaltungsarbeiten werden im Winterlager in Eigenregie erledigt. Das nächste Projekt am Jollenkreuzer wird die Renovierung der Kajüte innen sein. „Schleifen, ausbessern, neuer Lack und ein Farbaufbau der Decke“, rezitiert das tatkräftige Eignerpaar die Arbeitsliste. Dabei ist es schon jetzt unter Deck sehr behaglich. Der Innenraum der „Spatz IV“ ist für einen knapp acht Meter langen und 2,50 Meter breiten Kleinkreuzer ungemein geräumig: Durchgehend geöffnet bis zum Vorschiff ist hier erstaunlich viel Platz, trotz Schwertkasten und Schränken. Die Pantry ist ausgestattet mit einem klassischem Spirituskocher und historischem Schiffsporzellan, die Bänke im Salon sind wertig gepolstert und gemütlich dekoriert.
In einer Ausgabe der YACHT aus dem Jahre 1955 wird das Kombüsen-Konzept des Jollenkreuzers explizit als glückliche Lösung beschrieben: „Die Kochstelle ist mit einem zweiflammigen Propangasherd ausgestattet, der allerdings nicht schwingend aufgestellt ist. Nach vorn erfolgt der Abschluß durch eine einsteckbare Platte. Wenn gekocht wird, läßt sich die zweiteilige Platte seitlich als Schutzwand aufstellen oder aber (rechts) als Arbeitstisch verwenden. Die Teller sind hinter dem Kocher gehaltert. Die Schublade unter dem Kocher enthält Bestecke und Vorräte.“ Auch daran hat sich bis heute nichts geändert.
In den Schwertkasten ist ein Klapptisch mit zwei Flügeln integriert, der im heruntergelassenen Modus kaum Platz wegnimmt. Durchdacht, pragmatisch und urgemütlich: Der Lebensraum im „Spatz IV“ ist damit alles andere als eine formverleimte Kriechhöhle, in der man Auge in Auge mit einem Schwertkasten und gepackten Reisetaschen und Segelsäcken wohnt. Ein spartanischer Renn-Jollenkreuzer, auf wenig Gewicht und viel Speed getrimmt, ist eben das zitierte andere Extrem.
Und einmal mehr zeigen sich am Beispiel dieses betagten Jollenkreuzers die unterschiedlichen Möglichkeiten, die von Bootsbauern gestern und heute aufgegriffen und entwickelt werden. Ingenieure tüfteln an neuen Materialien und Bauverfahren, um Boote auf Foils fliegen zu lassen, und in der Jolli-Szene werden immer wieder neue formverleimte Raketen für die Regattabahn gezündet. Ein „Spatz IV“ kann da nur müde mit den Flügeln schlagen, dort hat der Piepmatz wirklich nichts verloren. Doch auf einer Wanderfahrt im Watt oder auf der Ostsee mit tüchtig Wind und abendlicher Ankerreede ist er ganz vorn mit dabei.
Der Artikel erschien erstmals 2022 und wurde für diese Online-Version aktualisiert.

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