YACHT
· 11.04.2026
Text von Craig Davis
Selbst von langjährigen Szenekennern beinahe unbemerkt hat in den letzten eineinhalb Jahrzehnten eine Klasse aus der Universal Rule ein Revival erlebt. Es sind Yachten, die ein P im Segel führen. Nach und nach sind vier dieser segelnden Preziosen wieder zum Leben erweckt worden. Sie alle waren in den USA mehr oder minder in Vergessenheit geraten und wären über kurz oder lang dem Abwracker anheimgefallen.
Heute preschen diese P-Yachten vor allem im Mittelmeer über die Regattabahnen, als ob sie gerade erst vom Stapel gelaufen wären. Dabei datieren sie aus den Jahren 1911 bis 1913. Es sind die „Joyant“, die „Olympian“, die „Chips“ und die „Corinthian“. Dass sie gerettet wurden, ist vor allem zwei Männern zu verdanken: dem Franzosen Bruno Troublé und dem Briten John Anderson.
Der ehemalige Olympiateilnehmer und America’s-Cup-Skipper Troublé spürte die Boote nicht nur auf. Er verstand es auch, Interessenten für sie zu begeistern. Anderson wiederum nahm sich der vernachlässigten Boote an und baute sie im Auftrag ihrer neuen Eigner teils von Grund auf wieder auf.
Angefangen hat indes alles mit einem Boot der Q-Klasse. Troublé beobachtete eines Tages die „Falcon II“, die John Anderson gemeinsam mit seinem Schwiegervater restauriert hatte. Troublé war begeistert von dem Boot – und wurde unerwartet zum Yachtmakler. Denn die „Falcon“ sollte verkauft werden, und Troublé wusste, dass einer seiner Freunde, Pascal Oddo, sie sofort erwerben wollen würde.
Oddo brachte das Boot nach Europa und nahm an Regatten im Mittelmeer teil. Er rekrutierte seinen Bruder Philippe als Teil der Crew. Der jedoch wollte sich nicht lange mit der Rolle des Mitseglers begnügen und hielt schon bald Ausschau nach einem ähnlichen Schiff. Einzige Bedingung: Größer als das seines Bruders sollte es sein.
Philippe Oddo und Bruno Troublé wurden schließlich in Wisconsin fündig. Dort stießen sie auf die P-Klasse-Yacht „Olympian“. Die war 1913 von William Gardner entworfen worden. Sie ließen John Anderson einfliegen, um sich das Boot anzusehen und den Umfang der notwendigen Umbauarbeiten sowie den Aufwand für den Rückbau des Riggs einzuschätzen. Die „Olympian“ war die meiste Zeit auf den Großen Seen im Norden der USA gesegelt. Ihr Eigner hatte sie bis zu einem gewissen Grad instand gehalten und sogar ein Marconi-Rigg aus Kohlefaser installiert.
Philippe Oddo kaufte das Boot und ließ es zu Andersons Werft in Warren im Bundesstaat Maine transportieren. Er sollte ein Gaffelrigg bauen, wie es ursprünglich von Gardner vorgesehen war. Außerdem musste das rotte Deck ersetzt werden. Bei dieser Gelegenheit wanderte zudem des besseren Gewichtstrimms wegen der achtern montierte Motor in die Schiffsmitte. Und das im Lauf der Zeit irgendwann vergrößerte Deckshaus stutzte Anderson wieder auf die Originalmaße.
Zwei Jahre nahmen die Arbeiten in Anspruch. 2014 war es dann so weit: Mit der „Olympian“ traf die erste von später vier P-Yachten in Europa ein. Die Oddo-Brüder Philippe und Pascal konnten endlich jeder mit eigenem Boot an den Klassikerregatten teilnehmen. Allerdings konnten sie sich nicht direkt miteinander messen, segelte der eine doch eine Q-, der andere eine P-Yacht. Insbesondere Philippe Oddo fand das unbefriedigend. Also schritt er zur Tat und überzeugte einen Freund, Bernard Liautaud, sich ebenfalls auf die Suche nach einer P-Klasse zu machen.
Diesmal fand man mit der „Chips“, die 1913 als „Onda“ zu Wasser gelassen worden war, ein Boot, das die meiste Zeit in Newport verbracht hatte. Es war von Starling Burgess entworfen und auf seiner Werft in Marblehead gebaut worden, dem Designer von drei America’s-Cup- Yachten in den Dreißigerjahren.
Erneut kamen Anderson und Troublé ins Spiel. Sie fuhren nach Newport, um sich „Chips“ anzusehen. Obwohl die Eignerfamilie das Boot immerhin noch ab und an gesegelt und einige Wartungsarbeiten durchgeführt hatte, war es doch nie so gepflegt worden, wie es eine Hundertjährige verdient gehabt hätte. Andersons Einschätzung fiel drastisch aus: Eine Komplettsanierung sei zwingend erforderlich.
Jeder Spant im Boot war gebrochen, der Kiel verrottet. Bernard Liautaud ließ sich davon nicht abschrecken. Er hatte sein Herz an „Chips“ verloren. Also wurde auch sie zu Johns Werft in Maine transportiert. „Wir haben sie neu beplankt. Lediglich drei noch intakte Planken auf jeder Seite konnten bleiben. Dabei haben wir Sipo statt der ursprünglichen Gelbkiefer verwendet und zudem das gesamte Boot verbolzt, statt Schrauben zu verwenden“, berichtet Anderson nicht ohne Stolz auf sein Werk.
Ein neuer Motor wurde ebenfalls eingebaut, das Kajütdach verkleinert und die großen Messing-Bullaugen durch kleinere, abgeschrägte Glasfenster ersetzt. „Der Mast war zum Glück noch in Ordnung, wir verlängerten ihn jedoch. Bruno war der Meinung, dass ein größerer Segelplan dem Boot guttun würde. Also fügten wir etwa 1,80 Meter am Fuß des Mastes hinzu.“
Als die Arbeiten erledigt waren, wurde auch die „Chips“ von ihrem neuen Eigner nach Frankreich verschifft. Damit hätte die Geschichte enden können, war Philippe Oddos Traum doch in Erfüllung gegangen. Auf Regatten traf er nun auf einen gleichwertigen Gegner. Doch es sollte besser kommen: Die Duelle der beiden P-Klassen erregten die Aufmerksamkeit eines dritten Freundes.
Also machte sich einmal mehr in Amerika Bruno Toublé auf die Suche nach einer weiteren in Vergessenheit geratenen Schönheit. Er hatte erfahren, dass es in Connecticut noch eine gab, die „Corinthian“. Sie war zwei Jahre früher als die beiden anderen Yachten gebaut worden, 1911, von Nathanael Herreshoff.
Das Schiff ging durch mehrere Eignerhände und gelangte von der US-Ostküste erst nach Michigan an die Großen Seen, von dort gen Süden nach Louisiana an den Golf von Mexiko und schließlich zurück nach Connecticut. Dort lag die „Corinthian“ bald 20 Jahre an Land und harrte ihres Schicksals. Troublé konnte ihren Besitzer überreden, sich von ihr zu trennen. Es schlug zum dritten Mal die Stunde von John Anderson.
In seiner Werft in Warren durchlief die P5 wie zuvor schon die „Chips“ ein Totalrefit. Sie wurde von ihrem Kiel gehoben und bis auf die Innenverkleidung aus Zedernholz entkernt. Ein neues Spantengerüst wurde eingezogen, die Planken ausgetauscht und das verrottete Deck ersetzt. Auch der alte Motor musste einem neuen weichen.
Kaum wiederhergestellt, trat auch die „Corinthian“ die Reise über den Atlantik an. 2021 segelten dann bei den Voiles de Saint-Tropez erstmals drei P-Klasse-Yachten gegeneinander. Spätestens jetzt nahm die internationale Klassikergemeinde mehr als nur Notiz von dem Trio. Und so verwundert es kaum, dass sich die Begeisterung der bislang rein französischen Eigner auf Segler anderer Nationalitäten übertrug.
Der in Paris lebende Österreicher Stephan Lobmeyr sollte der nächste P-Klasse-Besitzer werden. Er war früher 420er und 470er gesegelt und später auf kleinere Kielboote umgestiegen. Nachdem er mit seinen Nachbarn auf deren restaurierten P-Yachten gesegelt war, war es auch um ihn geschehen. Eine weitere musste gefunden werden.
Diesmal stieß man auf die von Herreshoff entworfene „Joyant“. Auch sie hatte eine wechselvolle Geschichte erlebt, inklusive eines Untergangs. Doch vor allem war sie mit einer Gesamtlänge von 58 Fuß und einer Wasserlinienlänge von etwa 35 Fuß und 6 Zoll größer, aber auch schwerer als ihre Schwestern, die zur damaligen Zeit an Regatten teilnahmen. Daher trug sie etwa 19 Quadratmeter zusätzliche Segelfläche.
Nach ihrem Stapellauf 1911 war sie derart dominant, dass andere Konstrukteure eine Änderung der Bewertungsregel forderten: Verdrängung und Segelfläche sollten proportional zur Länge in die Verrechnung eingehen.
Als Bruno Troublé die „Joyant“ im Auftrag von Lobmeyr ausfindig machte, war sie in einem ähnlich desaströsen Zustand wie die drei Yachten zuvor. Als am aufwendigsten erwies sich die Entfernung des GFK-Überzugs, den ein früherer Eigner dem Rumpf verpasst hatte, um den jährlichen Wartungsaufwand zu reduzieren.
Außerdem musste die Takelage modifiziert werden, um sie an die anderen P-Yachten anzupassen. Und es musste ein Motor her, der alte war irgendwann ausgebaut worden. Seit der Ankunft von „Joyant“ in Europa 2024 gibt es nun also vier Boote der P-Klasse, die im Mittelmeer regelmäßig aufeinandertreffen und für imposante Bilder sorgen.
John Anderson, der sie alle restauriert hat, weiß aber auch, was es bedeutet, die mit üppigen Gaffelriggs versehenen Schiffe zu bändigen. „Die Großsegel bringen es allein schon auf eine Fläche von rund 92 Quadratmeter. Hinzu kommen große, asymmetrische Spinnaker, zwei Focks sowie eine 135-Prozent- Genua“, erklärt er.
„So viel Power muss man erst mal in die richtige Bahn gelenkt bekommen.“
Dass die P-Klasse-Yachten fürs Segeln auf offener und bewegter See im Grunde übertakelt sind, verwundert den Experten indes nicht. Anderson: „Die Boote wurden ja ursprünglich für Regatten im vergleichsweise geschützten und mitunter windarmen Long Island Sound sowie vor Marblehead gebaut.
Wenn es dann vor der Côte d’Azur gerne mal mit 15 Knoten und mehr weht, können die Boote leicht überpowert werden.“ Noch dazu ist keine Reling für die P-Klasse-Yachten vorgesehen. „Das macht die Segelmanöver für die Crews nicht eben einfacher“, so Anderson.
Bruno Troublé bestätigt das, betont aber: „Ich liebe es, mit der P-Klasse zu segeln. Auch wenn die Boote auf den ersten Blick schwer oder gar träge erscheinen. Man muss halt eine grundlegende Regel befolgen: Geschwindigkeit aufbauen und halten, beinahe um jeden Preis! Sobald diese Yachten auf Hochtouren sind, sind sie trotz ihrer enormen Verdrängung ein Traum. Dann kann man sie sogar sehr hoch am Wind segeln, ohne die Kontrolle zu verlieren“, erklärt Troublé. Und fügt schwärmend hinzu:
„Wenn du das einmal selbst erlebt hast auf so einem Schiff, dann weißt du, dass dir dieses Gefühl kein anderes Boot bieten kann!“
Die Eigner der P-Yachten bemühen sich derzeit um eine bessere Vergleichbarkeit ihrer Boote. Stephan Lobmeyr: „Wir treffen gegenwärtig bei sieben bis acht Regatten pro Jahr aufeinander, meist im Mittelmeer, und pflegen eine durch und durch freundschaftliche Atmosphäre. Da unsere Boote jeweils leicht unterschiedlich konstruiert sind, haben wir uns darauf verständigt, Anpassungen in Bezug auf Segelfläche und Gewichtsverteilung vorzunehmen.“
Ihr Hauptanliegen sei aber, noch ein paar Boote mehr ausfindig zu machen – samt Interessenten, die sie kaufen, restaurieren und genauso enthusiastisch segeln würden wie sie selbst. „Unser Traum wäre es, irgendwann bei Regatten als eigene Konstruktionsklasse starten zu können.“
Theoretisch wäre dies durchaus möglich. Es gibt noch einige, wenn auch wenige Boote, die auf einen zweiten Frühling warten. Eines davon befindet sich in Italien. Es soll seit Längerem schon in den Originalzustand zurückversetzt werden, doch noch ist nicht damit begonnen worden.
Eine weitere P-Klasse steht in New York. Sie ist von einem ihrer Voreigner jedoch in eine Ketsch umgebaut worden. Zwar hat John Anderson nun bereits mehrfach bewiesen, dass er sich darauf versteht, die Yachten wieder mit ihrem ursprünglichen Gaffelrigg zu versehen. Doch das wäre für einen potenziellen Käufer ein sowohl kostspieliges als auch langwieriges Unterfangen.
Am ehesten zum bestehenden Quartett hinzustoßen könnte eine Yacht, die sich in Nova Scotia befindet. Sie ist laut Bruno Troublé offenbar in einem recht guten Pflegezustand. Fraglich ist allerdings, ob ihr gegenwärtiger Eigner sie überhaupt verkaufen würde.
Es bleibt also abzuwarten, wie lange „Chips“, „Olympian“, „Corinthian“ und „Joyant“ noch unter sich bleiben. Vielleicht ist das auch gar nicht so verkehrt, können sich die vier Eigner dadurch doch auf kurzem Weg über dringend erforderliche Vergütungsregeln abstimmen. Wie die im Detail aussehen müssen, leitet sich aus den Erfahrungen ab, die die Crews während der Regatten, bei denen sie aufeinandertreffen, sammeln. Je öfter dies der Fall ist, desto spannender werden in Zukunft nicht nur die Rennen sein.
Auch die Klasse selbst dürfte dann weiter an Popularität gewinnen. Auf der anderen Seite des Atlantiks, wo die P-Klasse nur noch ein Schatten ihrer selbst war, dürfte sich schon angesichts der bisherigen Entwicklung so mancher Kenner der Szene verwundert die Augen reiben.