Fabian Boerger
· 10.02.2026
Das Knacken beginnt leise. Rechts und links des Rumpfs knirscht die oberste Eisschicht, als die Kufen sich ihren Weg hindurch bahnen. Dann nimmt die “Papagena” Fahrt auf. Eineinhalb Tonnen Holz setzen sich in Bewegung, beschleunigen. Nur wenig später donnert der 15,60 Meter lange Schlitten mit rund 70 Stundenkilometern dem gegenüberliegenden Ufer des gefrorenen Müggelsees entgegen. Es ist ein mächtiges Gefühl.
Möglich machen es die winterlichen Temperaturen der vergangenen Wochen. Der größte innerstädtische See Europas ist komplett zugefroren. An den meisten Stellen misst das Eis über 20 Zentimeter. Ideale Bedingungen für eine Eisyacht wie die “Papagena” – einen historischen Nachbau aus dem Jahr 1996, konstruiert nach Plänen von 1906. Damals, im Nordosten der USA, transportierten Schlitten wie diese Post und Waren über die zugefrorenen Großen Seen.
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Die Geschichte der “Papagena” beginnt in Boston, führt über Finnland nach Berlin – und endet beinahe in Flammen. Ein Berliner Autohändler, selbst begeisterter Eissegler, hatte sie 1996 im finnischen Pietarsaari bauen lassen. Dafür hatte er eigens historische Pläne aus einer Bostoner Bibliothek beschafft. Vor seinem Tod übergab er die Yacht einem Eissegler-Club – als Vermächtnis. Der Club sollte sie bewahren, bei Gelegenheit segeln.
Die Eisyacht wurde zerlegt, in einer Scheune eingelagert. Dann brannte die Scheune ab. Vieles konnte gerettet werden, aber Teile des Rumpfes fielen den Flammen zum Opfer. Was blieb, wurde erneut verstaut. Jahre vergingen. Die “Papagena” geriet in Vergessenheit. Bis Matthias Sponholz von ihr hörte.
”Irgendwann erfuhren wir, dass die ‚Papagena' dort rumliegt. Dann haben wir uns darum bemüht”, sagt Matthias Sponholz. Gemeinsam mit seinen drei Söhnen Felix (26), Niclas (33) und Florian (37) übernahm er das eingelagerte Material. Gemeinsam tragen sie zusammen, was noch übrig ist. Einzelteile, verstreut, teilweise verkohlt.
Was folgt, ist eine Komplettrestaurierung. Sie bauen den Rumpf neu auf, reparieren Brandschäden, konstruieren den hinteren Steuerblock vollständig neu. Mast, Gaffel, Läuferplanke, Kufen – die Originalteile können erhalten werden. Ein Glücksfall.
Zugute kam ihnen, dass sie sämtliche Arbeiten in ihrem eigenen Betrieben vornehmen konnten. Die Familie führt sowohl einen Metallbau- als auch einen Holzbaubetrieb. “Jeder hat das gemacht, was er am besten kann”, sagt Matthias Sponholz. “Aber von uns kann jeder sowohl Holz als auch Metall. Das vermischt sich"
Auch das Eissegeln ist der Familie nicht fremd. Schon Matthias' Großvater ging mit einem 15er auf dem Müggelsee aufs Eis. Damals fror der See noch häufiger zu. Matthias wuchs mit dem Eissegeln auf, seine Söhne ebenso. Segeln im Sommer, Eissegeln im Winter – ein Leben am und auf dem Wasser. “Dadurch haben alle ein Hobby, ein Ziel”, sagt er.
Nach der Fertigstellung beginnt das Warten. “Wir wussten nicht, ob wir sie jemals segeln werden”, sagt Matthias Sponholz. “Aber sie ist ein Hobby für uns. Und eine Genugtuung, sie wieder herzurichten.” Dass der Winter 2025 dann tatsächlich so viel Eis bringt – “das ist großes Glück”.
Ende Januar ist es dann soweit. Vor dem Borkenstrand am Müggelsee heben sie mithilfe eines firmeneigenen Krans die Einzelteile vom Hänger und fügen sie auf dem Eis zusammen. Einen halben Tag dauert es. “Das erste Mal war noch ein wenig Üben”, sagt Sponholz. “Wir hatten sie ja noch nie zusammengebaut. Mussten uns erst mal reinfuchsen, wo welche Wanten, wo welches Teil hinsollte.” Die langjährige Erfahrung mit anderen Eisseglern hilft. Vieles ist ähnlich, die Handgriffe sitzen.
Als die “Papagena” so dasteht, zieht sie die Blicke auf sich. Neugierige bleiben stehen, sprechen die Familie an, wollen mehr wissen. Kein Wunder. Diese Eisyacht hat wenig gemein mit den schlanken, modernen Eisseglern, die sonst über den Müggelsee gleiten.
Statt in einem geschlossenen Rumpf sitzen die Segler in Kanzeln am Mittelkörper – exponiert, dem Wind ausgesetzt. Von dort bedienen sie die Winschen und kontrollieren mit einer Pinne die Steuerkufe am Heck. 65 Quadratmeter Segel trägt die “Papagena”, verteilt auf ein gaffelgetakeltes Großsegel und eine historische Selbstwendefock.
Zum Vergleich: Moderne Eissegler kommen mit 15, 12 oder bei DN-Schlitten mit nur 6 Quadratmetern aus. Die Segel der “Papagena” sind aus Baumwollstoff – schwerer, bauchiger als modernes Segeltuch. Die Fock wird von einem hölzernen Fockarm gehalten, die Schot läuft über eine Messingstange. Alles wirkt massiv, wuchtig, aus der Zeit gefallen.
“Länge und Ausladung machen sie sehr behäbig”, sagt Niclas Sponholz, der mittlere Sohn. “Man kommt sich vor wie in einem Panzer auf Eis.” Wo kleinere Eissegler schon bei leichtem Wind losrutschen, braucht die “Papagena” ein bis zwei Windstärken mehr. Erst ab zehn Knoten geht es los. Dafür, sagt Felix, der Jüngste, „fährt sie sich bei stärkerem Wind deutlich stabiler und robuster". Ein seitliches Wegrutschen, wie es kleineren Schlitten passieren kann, haben sie noch nicht erlebt.
Sie fährt sich wie auf Schienen - einfach eine sehr massive Eisyacht.”
Ganz ohne Pannen verliefen die ersten Jungfernfahrten der Familie nicht. Eine Steuerkufe zerbrach in einer Eisspalte. Eine andere löste sich vom Holz. Matthias Sponholz winkt ab. Kinderkrankheiten. “Der Schlitten lag jahrzehntelang ungenutzt herum.” Unlackiertes Holz trocknet aus, reißt. Erst unter Belastung fallen die Schwachstellen auf – falsche Planken, beschädigte Kufen. “Deswegen wollten wir ihn das erste Mal hier aufbauen”, sagt er. “Bevor wir ihn das nächste Mal fit machen für eine größere Tour.” Denn die Familie hat Pläne. Mit der “Papagena” wollen sie hinauf nach Skandinavien. Schwedens Norden, Finnland – dorthin, wo die Seen verlässlicher zufrieren als der Müggelsee in Berlin.

Redakteur News & Panorama
Fabian Boerger ist an der Lübecker und Kieler Bucht zuhause – aufgewachsen in diversen Jollen und an Bord eines Folkeboots. Seit September 2024 arbeitet er als Redakteur im Panorama- und News-Ressort und verbindet dort seine Leidenschaften für das Segeln und den Journalismus. Vor seiner Zeit bei Delius Klasing studierte er Politikwissenschaften und Journalistik, arbeitete für den Norddeutschen Rundfunk und das ZDF. Sein Volontariat machte er bei der MADSACK Mediengruppe (LN, RND). Jetzt berichtet er über alle Themen, die die Segelwelt bewegen – mit dem Blick des Praktikers und der Präzision des Journalisten.