Boot DüsseldorfEvergreens im Angebot

Lasse Johannsen

 · 24.01.2023

Boot Düsseldorf: Evergreens im AngebotFoto: YACHT/L. Johannsen
Das Saare-H-Boot wird von Yachtsport Eckernförde angeboten und ist in Halle 16 zu sehen

Zwischen Neuerscheinungen in teils schwindelerregenden Größenordnungen finden die Besucher der boot Düsseldorf auch kleine Dauerbrenner wie Pirat, Conger oder Folkeboot – die Jahrzehnte nachdem sie einst selbst als Neuvorstellung gefeiert wurden, immer noch gebaut werden

Pirat

Die Klassenvereinigung (KV) der 1938 von Carl Martens im Rahmen eines Wettbewerbs der YACHT konstruierten Jugendjolle stellt in Halle 15 ein von der nahe Hamburg gelegenen Bootswerft Hein gebautes Exemplar aus. Seit den sechziger Jahren wird der fünf Meter lange Pirat aus Kunststoff gebaut. Das Messeboot ist die modernste nach den Bauvorschriften der Einheitsklasse mögliche Version aus GFK, mit doppeltem Boden, Alurigg und Edelstahlschwert.

Rund 20.000 Euro muss ausgeben, wer ein solches Boot neu kaufen möchte, mit dem der Käufer dann der immer noch äußerst aktiven Piratenfamilie beitreten kann. 239 Boote werden aktuell in der Rangliste geführt, 53 Jugendboote sind der KV bekannt. Neben Hein bauen auch die Werft von Thomas Bergner im schleswig-holsteinischen Trappenkamp und die von Martin Herbst in Königs Wusterhausen neue Boote für Piratensegler.

Verlagssonderveröffentlichung
Pirat in Halle 15 auf der boot Düsseldorf
Foto: YACHT/L. Johannsen

Folkeboot

Ebenfalls am Stand der Klassenvereinigungen in Halle 15 steht eine Vertreterin der 1942 vom Skandinavischen Seglerverband entwickelten Klasse. Das offene, 7,68 Meter lange Kielboot mit bewohnbarer Kajüte ist seetüchtig, unkompliziert zu segeln und seit achtzig Jahren ein echter VW Käfer auf dem Wasser – es läuft und läuft und läuft. Wobei “laufen” hier im übertragenen Sinn gemeint ist. Das Boot hat sich eine treue Fangemeinde bewahrt, für deren Anhänger Fahrten und Regatten im Folke eine echte Lebenseinstellung sind.

Wer seinen Treueschwur zum geklinkerten Volksboot erneuern möchte, dem bietet Haubold Yachting in Berlin-Spandau die Möglichkeit, ein Exemplar bauen zu lassen. Dort werden die in Lauterbach auf Rügen nach strengen Klassenvorschriften gefertigten GFK-Rümpfe ausgebaut und das segelfertige Boot je nach Ausführung für Preise ab 79.000 Euro verkauft. Nach Übernahme der Folkebootzentrale, die einst von Erik Andreasen im dänischen Kerteminde gegründet und betrieben wurde, anschließend nach Hamburg verkauft wurde, entsteht dort derzeit bereits das vierte Folkeboot aus GFK, wahlweise mit Deck und Aufbau aus Holz.

Folkeboot in Halle 15 auf der boot Düsseldorf
Foto: YACHT/L. Johannsen

Conger

Die fahrtentaugliche Jolle mit selbstlenzender Plicht und verschließbarem Aufbau war 1965 die erste aus GFK gefertigte Jolle in Deutschland und entstand zunächst in der Kunststoff-Abteilung der Schiffswerft Blohm und Voss. Seit 1978 ist die Firma Fiberglas Technik Lehmann + Sohn GmbH Hersteller des mehr als 4.000-mal verkauften Bootes. Heiko Lehmann, der Sohn aus dem Firmennamen, führt auf der Messe das nagelneue Ausstellungsboot vor, das er für 14.500 Euro anbietet.

Er baut das fünf Meter lange Boot nach den Vorschriften einer aktiven Klassenvereinigung, die nach wie vor Regatten veranstaltet, auf denen auch alte Boote an den Start gehen. Deren Geschwindigkeitspotenzial beeindruckte die YACHT-Tester schon 1967: “Ins Gleiten kam der Conger bei 5 bis 6 Windstärken. Wir fuhren dabei Genua und benutzten das Trapez. Der Conger entwickelte dadurch Geschwindigkeiten bis zu 8,5 Knoten.”

Conger in Halle 15 auf der boot Düsseldorf
Foto: YACHT/L. Johannsen

Varianta

Mit dem holländischen Konstrukteur E. G. van de Stadt entwickelte Willi Dehler 1965 die eierlegende Wollmilchsau für seine Familie und sich selbst: einen trailerbaren Kielschwerter von sechseinhalb Meter Länge mit abnehmbarem Kajütdach. Die “Varianta K 3” stellte der umtriebige Erfindergeist 1966 dem Publikum vor, nicht ahnend, was er da anzettelt. Rund 5.000 Exemplare der später noch in den Varianten “Varianta K 4” und “Varianta 65” gebauten kleinen Allrounder sind bis heute entstanden und werden ambitioniert auf Regatten und Törns auf Binnen- und Küstengewässern gesegelt.

Im kommenden Sommer feiert die Klassenvereinigung ihr 50-jähriges Bestehen. Obwohl das Schiff nicht mehr neu gebaut werden kann – die Form existiert nicht mehr –, findet es hier daher Erwähnung, denn mit dem auf der boot in Halle 15 ausgestellten Exemplar einer der ersten und heute am besten gepflegten Variantas entführt es die interessierten Messebesucher fast ein wenig in die Anfänge des GFK-Zeitalters. Und, so verraten die rührigen Aussteller gern, es sind immer einige Exemplare am Markt. Ab 4.000 Euro bekommen Käufer ein substanziell gutes und auf Regatten konkurrenzfähiges Boot.

Varianta K 3 von 1966 in Halle 15 auf der boot Düsseldorf
Foto: YACHT/L. Johannsen

H-Boot

Die größte nicht-olympische Kielbootklasse in Europa gilt, obwohl die 8,28 Meter lange Konstruktion von dem Finnen Hans Groop aus dem Jahr 1967 von Beginn an aus GFK gebaut wurde, als echter Klassiker. Der hat sich schon auf dem Atlantik bewährt, ist aber vor allem ein beliebtes Regattaboot. Hergestellt wurde das Boot schon von vielen verschiedenen Werften, so etwa von Artekno, Botnia, Ott, Frauscher und Elvstrøm. Das in Halle 16 von Yachtsport Eckernförde ausgestellte brandneue Exemplar wurde bei Saare Yachts in Estland nach den Klassenvorschriften gebaut.

Die mussten für die Lizenzierung von der Klassenvereinigung sogar geändert werden, weil es ein ehemals vorgeschriebenes Gelege nicht mehr gibt, erklärt Aussteller Thomas Nielsen. Der Chef von Yachtsport Eckernförde sagt, er baue das Boot aus reiner Passion, die 77.000 Euro, die Liebhaber dafür bezahlen, deckten so eben die Kosten. Interessenten gebe es viele, sie finden aber bei mehr als 5.300 gebauten Exemplaren auch immer ein großes Angebot auf dem Gebrauchtbootmarkt. Das aufwändig gebaute Saare-H-Boot lohnt den Besuch jedoch allemal.

Saare-H-Boot in Halle 16 auf der boot Düsseldorf
Foto: YACHT/L. Johannsen

Dyas

Obwohl das 7,15 Meter lange, offene Kielboot schon 1970 von dem Bayern Helmut Stöberl konstruiert wurde, steht eine waschechte Baunummer 1 in Halle 15 auf dem Stand der Klassenvereinigungen. Die nämlich wurde unlängst von der Bootswerft Hein als Start einer neuen Serie gefertigt. Bis 2020 wurden schon 1.500 Schwesterschiffe gebaut, die auch über 50 Jahre nach Entstehung des Prototyps noch liebende Eigner haben, die das unkomplizierte Boot mit Trapez und Spi auf Regatten um die Tonnen jagen.

Die finden mehr als 20-mal in der Saison über das ganze Bundesgebiet verteilt statt und bringen jeweils 20 bis 30 Crews an den Start. Wer das Feld mit einem werftneuen Boot aufmischen will, kann sich ein konkurrenzfähig ausgerüstetes Exemplar der zeitlos eleganten Dyas für rund 60.000 Euro zulegen.

Dyas in Halle 15 auf der boot Düsseldorf
Foto: KV

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