​Canting-RiggWarum der Mast schief steht

Lars Bolle

 · 26.02.2026

​Canting-Rigg: Warum der Mast schief stehtFoto: Tim Wright/Photoaction.com
Der Mast auf diesem MOD 70 ist nach Luv geneigt. Wie geht das?
​Auf den ersten Blick wirkt es wie ein Defekt: Der Mast steht schief. Doch bei MOD-70-Trimaranen ist die Luv-Neigung ein bewusstes Hightech-Feature – ein Canting-Rigg, das Kräfte verschiebt und aufrichtendes Moment generiert. Wir erklären, wie Hydraulik und Crew-Power das Rigg bewegen.

Wer ein Foto wie dieses zum ersten Mal sieht, stolpert fast zwangsläufig über dieses Detail: Der Mast steht nicht exakt senkrecht auf dem Trimaran, sondern nach Luv geneigt. Das ist das kein Schaden oder eine optische Täuschung, sondern ein bewusst eingesetztes Trimmwerkzeug: Das so genannte Canting-Rigg. Das Bild entstand bei der RORC Caribbean 600, zu sehen ist der MOD-70-Trimaran „Argo“, der die Line Honours der Multihulls in einem extrem engen Duell gegen die zweite MOD 70 „Final Final – Zoulou“ holte.

Was ist ein MOD-70-Trimaran ist

Die MOD-70-Klasse (Multi One Design 70) entstand 2011 als One-Design-Nachfolger der früheren ORMA-60-Trimarane. Die ORMA-Boote waren über viele Jahre zu immer extremeren, komplexeren und teureren Maschinen geworden – schnell, aber auch anfällig. Die Idee der MOD 70 war, die Faszination und Geschwindigkeit zu behalten, gleichzeitig aber Entwicklungs- und Betriebskosten zu begrenzen und die Plattform robuster zu machen.

Was das Foto zeigt

Im Bild kommt der Trimaran nahezu frontal auf den Betrachter zu. Man erkennt die typische Lastverteilung eines Trimarans: Der Lee-Schwimmer arbeitet im Wasser, der Luvschwimmer ist entlastet in der Luft. Darüber Mast und Segel. Bei diesen Booten ist das Rigg aber eben nicht nur ein Mast mit Segeln, sondern ein um seine Längsachse rotierender Wingmast, der ein Profil in der Anströmung bildet. Beim MOD 70 kann dieser Mast zusätzlich um etwa vier Grad nach Luv gekantet werden.

Das klingt nach wenig, ist aber geometrisch enorm: Bei knapp 30 Metern Masthöhe verschieben diese vier Grad den Masttop mehr als zwei Meter nach Luv.

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So kippt der Mast zur Luvseite

Auf diesen Trimaranen endet die Verstagung des Riggs, also die Wanten, nicht in Wantenspannern, sondern an einem Hydrauliksystem. Jedes Want ist mit einem separaten Hydraulikzylinder im Hauptrumpf verbunden. Auf der Luvseite zieht der Zylinder, während zeitgleich die Leeseite kontrolliert nachgibt. Der Mast kippt am Mastfuß über eine entsprechende Lagerung in Richtung Luv.

So kommt die Power ins System

Die Hydraulik braucht Druck – und der kommt bei diesen Booten oft aus der Crew. Beim MOD 70 sind im Cockpit zwei Grinder verbaut, über die nicht nur Schoten und Fallen bedient werden, sondern auch eine Rotationspumpe für die Hydraulik antreiben. Die Hydraulik ist dabei kein Nebenverbraucher, sondern ein zentrales System: Im MOD-70-Konzept wird sie auch für die Großschot über einen Zylinder unter dem Baum sowie für den Outhaul eingesetzt.

Die Wirkungs des Mastkippens

Das Canting-Rigg verschiebt den Segeldruckpunkt in Richtung Luv. Dadurch wirkt der Segelplan weniger nach unten auf den Lee-Bug, der alle Krängungsmomente aufnehmen muss. Zusätzlich sorgen C-Foils für Auftrieb in Lee, um den Schwimmer noch weiter zu entlasten. Modernere Trimarane verfügen oft nicht mehr über das Canting Rig, sondern über effektivere Foils. Es ist für die Konstrukteure ein Abwägen der jeweiligen Vor- und Nachteile. Gewicht, Bedienung, Widerstand.

Ein Nebeneffekt des Neigens nach luv ist, dass das Gewicht des Riggs weniger als Hebel nach Lee wirkt, also das aufrichtende Moment zusätzlich erhöht.


Lars Bolle

Lars Bolle

Chefredakteur Digital

Lars Bolle ist Chefredakteur Digital und Gründer von YACHT-Online. Viele Jahre war der Diplom-Sportwissenschaftler als Redakteur der YACHT in den Bereichen Sport und Seemannschaft tätig und hat die größten Segelsport-Veranstaltungen der Welt begleitet, vom America's Cup bis zu Olympischen Spielen. Seine persönliche Segel-Vita reicht vom Leistungssport in der Jolle (Deutscher Meister 1992 im Finn Dinghi) über historische und moderne Jollenkreuzer bis hin zu europaweiten Charter-Törns.

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