Yachting Festival CannesNeue Yachten, neue Versprechen

Jochen Rieker

 · 06.09.2022

Yachting Festival Cannes: neue Yachten, neue VersprechenFoto: YACHT/J. Rieker

Ein gutes Dutzend Weltpremieren und eine Breite an Yachten, die es so auf keiner anderen In-Water-Bootsmesse gibt, machen Cannes seit heute Früh zum “Place to be” für Segler. Wir stellen die wichtigsten Neuheiten vor und sagen, was sonst gerade en vogue ist an der Croisette.

Wenn die boot Düsseldorf wie im vergangenen Januar Corona-bedingt ausfallen muss, übernimmt das Yachting Festival Cannes quasi automatisch die Funktion der weltweiten Leitmesse für den Wassersport. Und diese Funktion füllt die heute Morgen eröffnete Leistungsschau der Werften und Ausrüster ohne Wenn und Aber.

Beeindruckend komplett ist das Angebot an Yachten, das hier aufgefahren wird. Und zwar sowohl in der Breite als auch in der Tiefe. Kleine, spezialisierte Anbieter wie Django, Gunboat, JPK oder Tofinou sind im komplett gefüllten Hafenbecken ebenso zu finden wie die Neuheiten der Großserienhersteller - von Bavaria, Dehler, Hanse bis zu den Local Heroes Beneteau, Dufour, Jeanneau nebst nahezu allen Mehrrumpfmarken.

Lagoon, Fountaine Pajot, Nautitech, Outremer, Excess und viele andere mehr – die Kat-Hersteller füllen fast eine eigene Ausstellung
Lagoon, Fountaine Pajot, Nautitech, Outremer, Excess und viele andere mehr – die Kat-Hersteller füllen fast eine eigene Ausstellung

Insbesondere die Fahrten- und Performance-Katamarane findet man kaum je in solcher Zahl und Vielfalt – weshalb wir den wichtigsten Neuheiten aus diesem Segment in Kürze einen eigenen Beitrag widmen werden.

Was schon in den Vorjahren auffiel: Die Yachten, insbesondere die Premierenmodelle, werden immer größer. Neuheiten um zehn Meter Bootslänge sind, abgesehen von der Dufour 37, die tatsächlich nur knapp 33 Fuß in der Länge misst, rare Ausnahmeerscheinungen. Unter zehn Metern tut sich dieses Jahr gar nichts. Dafür boomen die Neuentwicklungen im Bereich zwischen 40 und 60 Fuß.

Die neue Dufour 37

Hoher Freibord, fülliger Rumpf, riesiges Rumpffenster. Die neue Dufour 37 im Profil

Grand Soleil toppt das mit der neuen 72er locker – ein aufregend gestaltetes Boot, das zwischen Luxus- und Leistungssegment liegt und viele spannende Details zeigt. Nicht weniger interessant ist freilich ihre kleine Schwester, die Grand Soleil 40 aus dem Performance-Programm der italienischen Werft. Sie ist ebenso wie die First 36, die Elan E6, die Italia 12.98 und die spektakulär schöne Solaris 50 für Europas Yacht des Jahres nominiert. Alle fünf Modelle liegen hier am gleichen Pier, nur 100 Meter zwischen ihnen allen.

Die Grand Soleil 72 Topmodell von Cantiere del Pardo

Der Mini-Maxi bietet von allem reichlich. In der riesigen Plicht wird vorn getafelt, in der Mitte gelümmelt, achtern gesegelt

Es ist schwer, nicht ins Schwärmen zu geraten angesichts so viel Novitäten, und ja: auch angesichts so vieler für die meisten Segler unerschwinglicher Preziosen. Dazu zählt etwa die Swan 55 aus Finnland, jüngstes Modell der Luxusmarke Nautor. Sie liegt neben der Swan 58, die voriges Jahr hier Premiere hatte, und sie bietet kaum weniger.

Im Gegenteil: Auf Dringen von Werft-Besitzer Leonardo Ferragamo erhielt sie eine Badeplattform, die einzigartig ist. Sie öffnet nicht nur das Heck, sondern auch den achteren Teil des Decks, wodurch eine Art privater Beach Club entsteht – groß genug für zwei, drei Sonnenliegen. Eine aufwändige Mimik mit in der Heckklappe versteckten Stellmotoren macht aus der Swan eine Art Sesam-öffne-Dich. Spielerei? Vielleicht ein kleines bisschen, vor allem aber spektakulär.

Die Swan 55 im Detail

Swan 55. Eine Wunderkiste der Konfigurierbarkeit – und das Serienboot mit der coolsten Badeplattform ever!

Auch sonst ist die Swan 55 auf erstaunliche Weise an die Wünsche der Eigner anpassbar. Vor dem Mast kann man an Backbord eine Gästekabine wählen, wahlweise aber auch eine zum Salon hin öffnende Fernseh-Lounge – oder man gemeindet den Bereich in die Eignerkammer ein und lässt sich ein großzügiges Boat-Office einrichten. Die Optionen sind jeweils so überzeugend, dass es unmöglich erscheint, eine falsche Entscheidung zu treffen.

Auch Backbord achtern besteht Gestaltungsspielraum auf der Swan 55: Hier lässt sich wahlweise eine Werkstatt unterbringen, eine Lotsenkoje nebst Waschmaschine und reichlich Stauraum oder gar ein vom Cockpit erreichbares Quartier für zwei Crewmitglieder, falls man das Boot nicht ohne fremde Hilfe segeln mag. Für den gesamten Ausbau stehen vier Holzarten zur Wahl: Eiche, Eiche hell, Eiche dunkel oder Walnuss. Teak dagegen steht bei Nautor auf dem Index, weil es nicht mehr in der für die Werft einzig akzeptablen Qualität (1st grade) verfügbar ist. Für die Decks sucht die Werft noch nach Alternativen und prüft nach YACHT-Informationen auch Kork-Stabdecks. Eine Entscheidung ist aber noch nicht getroffen.

Das Thema Nachhaltigkeit spielt allerorten im Yachtbau eine zunehmende Rolle. Das war schon voriges Jahr so, allerdings mehr auf rhetorischer Ebene. Viel mehr als Versprechen und Prototypen waren damals nicht zu sehen. Auch diesmal muss man genau hinschauen, um umweltbewusste Lösungen zu finden. Doch man spürt: Die Zeit der bloßen Versprechen ist vorbei.

Sunreef zeigt einen Mega-Kat, in dessen Rumpf, Aufbau und Mast nahezu überall Solarzellen eingeklebt sind. Beneteau bietet mit der Oceanis 30.1e ein erstes Serienboot mit Torqeedo-Pod-Antrieb an und will in Kürze die erste First 44 zeigen, deren Rumpf und Deck aus recycelbarem Harz laminiert sind. Fountaine Pajot und Dufour untermauern ihr Ziel, bis 2030 komplett CO2-neutral zu produzieren. Lösungen dafür gibt es. Der Weg dahin aber erscheint noch lang – zumal das Gros der Exponate auch auf diesem Yachting Festival Cannes kaum oder überhaupt nicht nach Nachhaltigkeitsprinzipien konstruiert wurde. Immerhin: Die Großen der Branche haben verstanden, dass es so nicht weitergehen kann.

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