Der erste Eindruck am Steg irritiert. Wo andere Yachten mit gefälligen Linien und gestreckter Silhouette punkten, scheint die knapp zehn Meter lange Mojito 32 aus der westfranzösischen Werft IDB Marine auf kompromisslose Zweckmäßigkeit zu setzen. Die außergewöhnliche Rumpfform ist kein Hirngespinst, sondern Konzept – und genau sie verschafft dem Entwurf eine gewisse Präsenz. Es ist eine Scow, also ein Boot ohne den üblichen spitz zulaufenden Bug – optisch speziell und für das verwöhnte Auge wenig elegant. Wer gefällige Linienführung sucht, muss sich enttäuscht abwenden. Wer hingegen ein pragmatisches Segelboot mit einer glasklaren Mission und dem gewissen Etwas will, dürfte umso neugieriger werden.
Ganz neu ist das Konzept nicht. Mit der kleineren Mojito 650 hat IDB Marine die Scow-Idee bereits vor einigen Jahren in einem sehr kompakten Format umgesetzt – konstruktiv angelehnt an die Boote der Classe Mini 6.50, jener kompromisslosen Hochsee-Rennyachten im Zwergenformat. Die YACHT hat die Mojito 650 ausführlich getestet und dem Entwurf nicht nur exzellente Segeleigenschaften, sondern auch ein bemerkenswert zugängliches Handling attestiert. Die Mojito 32 führt diesen Ansatz nun konsequent weiter – größer, familientauglicher und mit einem deutlich erweiterten Einsatzspektrum.
Eine Scow trägt ihr Volumen weit nach vorn, statt in einen schmalen, sich stark verjüngenden Bug auszulaufen. Die Wasserlinie wird breiter, der Auftrieb im Vorschiff größer. Die vorne flach gedrückte Konstruktion schneidet nicht durch die Wellen, sondern rutscht vielmehr darüber hinweg – ähnlich wie ein Surfboard. Vor allem auf den Raum- und Vorwindkursen steigert dies die Kontrolle, die Agilität und vor allem auch den Speed.
Den entscheidenden Impuls für die Entwicklung gab der französische Konstrukteur David Raison. Mit seinem radikalen Mini 6.50 hat er 2011 das legendäre Mini-Transat überlegen gewonnen und damit die bis dahin gültigen Konstruktionsdogmen konsequent infrage gestellt. Seither konnte sich der Scow-Bug als konstruktives Element vom Sonderling zum festen Bestandteil bei der Entwicklung moderner Hochsee-Rennyachten etablieren. Auch für die Mojito 32 hat David Raison die Konstruktionspläne ausgearbeitet, dieses Mal in Zusammenarbeit mit seinem Berufskollegen Pierre Delion.
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Für den YACHT-Test vor Concarneau in der Bretagne zeigen sich die Bedingungen alles andere als zahm: 15 bis 20 Knoten Wind, gute 5 Beaufort, dazu ein hoher Atlantikschwell von mindestens zwei Metern. Anspruchsvolle Voraussetzungen also und ein ehrlicher Prüfstein für ein Konstrukt mit einem derart ausgeprägten Scow-Bug. Auf den Kursen gegenan offenbart sich dann auch die bekannte Charakteristik dieser Bauform. Kreuzen zählt nicht zu ihren Paradedisziplinen. Der gemessene Wendewinkel bleibt im Mittel jenseits der 90 Grad, entsprechend bescheiden ist die gesegelte Höhe am Wind.
In den steilen, kurzen Wellen setzt das breite, abgeflachte Vorschiff spürbar hart ein. Dennoch hält die Logge einen soliden Speed von 6,7 Knoten fest, auf einem Kurs von 50 Grad zum wahren Wind. Die Mojito 32 lässt sich leicht und lebhaft über die Wellen steuern. Die doppelten Ruderblätter sprechen unmittelbar an, Richtungswechsel erfolgen schnell und mit überraschender Agilität. Trotz der breiten Bugsektion wirkt die Konstruktion keineswegs träge, sondern reagiert sehr sensibel auf kleinste Impulse am Steuer. Bemerkenswert ist zudem das Verhalten im Seegang: Selbst wenn das Vorschiff mitunter sehr hart in die Wellen hämmert, bleibt das Deck trocken. Kein überkommendes Wasser, keine Gischt im Cockpit. Dieser Umstand wurde bereits im Test der kleinen Mojito 650 als überraschend und besonders positiv hervorgehoben.
Mit den ziemlich radikal abgesetzten Kimmkanten sowie dem ungewöhnlich flachen Unterwasserschiff und viel Volumen im Vorschiff verfügt die Mojito 32 zudem über eine enorme Formstabilität. Dazu kommt viel aufrichtendes Moment über den tief gehenden Schwenkkiel mit einem Ballastanteil von stattlichen 34 Prozent. Insgesamt segelt die Konstruktion damit sehr steif und aufrecht.
Auch im Cockpit setzt das Konzept der Mojito 32 auf sportliche Funktionalität. Duchten und Laufdeck liegen hier auf einer Ebene und schaffen so einen durchgängig offenen Arbeitsbereich mit viel Bewegungsfreiheit für eine aktive Mannschaft. Als Ersatz für die Cockpitsülls trennen aufgesetzte Abweiser den Arbeitsbereich vom Seitendeck. Dies spart Gewicht, schafft Spielräume und unterstreicht damit auch den insgesamt sehr sportlichen Anspruch.
Ein eingeformtes Staufach für die Rettungsinsel unter dem hinteren Cockpitboden ist zwar gut erreichbar, aber nur mit einer einfachen Stoffabdeckung versehen. Das sieht zwar gut und sportlich aus, birgt allerdings Gefahren, weil man sich hier sehr schnell den Fuß vertreten kann. Ein fester Deckel an dieser Stelle wäre zweifellos die bessere Lösung.
Die Fallen und Trimmleinen laufen über das Kajütdach auf Winschen und Klemmen seitlich am Niedergang. Die Schoten des Vorsegels werden über die Seitendecks ins Cockpit geführt und sind dort in optimaler Position sehr gut erreichbar und effizient zu bedienen, sowohl für den Steuermann als auch für eine aktiv arbeitende Crew.
Werft und Konstrukteure haben das Cockpit der Mojito 32 sehr gezielt auf den Einsatz im Ein- oder Zweihandbetrieb ausgelegt. So sind nahezu alle Funktionen auf kurzen Wegen sehr gut und mühelos zu erreichen. Das durchdachte Layout empfiehlt sich damit ausdrücklich auch für den Einsatz auf Hochsee-Regatten wie zum Beispiel der Transquadra, wo ein effizientes Handling mit kleiner Crew über Tage hinweg entscheidend ist.
Die Mojito 32 wird ausschließlich mit Schwenkkiel gebaut. Damit kann die Werft gute Segeleigenschaften und Revierflexibilität koppeln. Eine Alternative mit Festkiel ist nicht vorgesehen. Die Mechanik arbeitet elektrohydraulisch, womit sich der Kiel per Knopfdruck bis unter den Rumpf schwenken lässt. So kann der Tiefgang von maximal 2,73 Meter auf minimal 1,00 Meter reduziert werden. Und: Die Strukturen des Kiels und seines Tragwerks im Rumpf sind so robust gebaut, dass das Schiff beim Trockenfallen problemlos darauf abgestellt werden kann – auch längere Zeit. Hierzu rüstet die Werft das Boot auf Wunsch mit teleskopisch ausfahrbaren Wattstützen aus. Die Beine aus Aluminium können dabei durch beidseitig im Rumpf integrierte Rohre ausgestoßen und arretiert werden. Auf diese smarte Idee hält die Werft sogar ein Patent.
Der Segelplan ist recht sportlich ausgelegt und sieht ein oben weit ausgestelltes Squarehead-Großsegel sowie eine kurz überlappende Genua vor. Die Segeltragzahl (Verhältnis Segelfläche zu Verdrängung) liegt bei einem relativ hohen Wert von 5,4, obwohl die Mojito 32 mit einem segelfertigen Gesamtgewicht von 3,65 Tonnen im Vergleich zur Konkurrenz auch nicht gerade ein ausgewiesenes Leichtgewicht ist. Das Aluminium-Rigg mit zwei Salingen wird wegen des weit ausgestellten Großsegels ohne Achterstag getakelt. Somit ist der Vorstagdurchhang leider nicht effizient wegtrimmbar. Regattasegler bekommen dafür aber zusätzliche Backstagen (Runner) als Option.
Ein wesentlicher Vorteil der Scow-Konstruktion für den Fahrteneinsatz offenbart sich unter Deck. Die fülligen Rumpfformen und vor allem die abgeplattete Bugpartie erlauben eine neue, ungewohnt üppige Raumausnutzung. Salon und Vorschiff sind räumlich miteinander verbunden, eine feste Abtrennung gibt es nicht. Lediglich ein Vorhang schafft bei Bedarf Privatsphäre. Das wirkt zunächst zwar rennmäßig puristisch, sorgt aber zugleich für ein offenes, sehr großzügiges Raumgefühl.
Besonders komfortabel fällt die Doppelkoje im Vorschiff aus. Dank der breiten Scow-Nase ist im Vorschiff ein nahezu rechteckiges Doppelbett mit durchgängigen 1,60 Metern Breite möglich. Das ist ein Format, das man in dieser Bootsgröße selten findet. Auch die Salonkojen sind lang und breit genug zum Schlafen. Die Rückenpolster lassen sich dazu mit wenigen Handgriffen hoch- und zurückklappen. Achtern ist die Koje mit einer Breite von nur 1,30 Meter für eine Doppelbelegung aber knapp. Hier schläft nur eine Person komfortabel.
Das Bad auf der Steuerbordseite fällt erwartungsgemäß kompakt aus, bietet jedoch alle notwendigen Funktionen. Waschbecken, WC und die grundlegende Ausstattung sind sinnvoll integriert – mehr Raum als unbedingt nötig gönnt sich der Entwurf nicht. Praktisch gelöst ist der direkte, offene Durchgang vom Bad zur Backskiste. Der große Stauraum ist damit sowohl von innen als auch von außen aus dem Cockpit gut zugänglich. Für zusätzliche Segel, Fender oder anderes sperriges Equipment steht reichlich Volumen zur Verfügung, zumal auch der Ausschnitt im Cockpit entsprechend großzügig dimensioniert ist. Gerade für Regattaeinsätze oder längere Passagen mit viel Ausrüstung ist das ein echtes Plus. Die Pantry hingegen fällt vergleichsweise klein aus. Stauraum ist nur begrenzt vorhanden, ebenso sind die Arbeitsflächen knapp.
Bei aller konzeptionellen Konsequenz fällt die Beurteilung der Ausbauqualität der Mojito 32 deutlich nüchtern aus. Hier besteht erkennbarer Nachbesserungsbedarf. Französischer Pragmatismus in allen Ehren – doch im vorliegenden Fall wirken manche Details schlicht unausgereift und nur lieblos verarbeitet. Teilweise bleiben Oberflächen unbehandelt oder grob verarbeitet. Spaltmaße wirken unstimmig. Die Kojenbretter sind sehr dünn, knarzen unter Belastung und geben spürbar nach. Auch die Elektrik hinterlässt keinen guten Eindruck: Verkabelungen verlaufen unübersichtlich, ungeordnet und bleiben ohne jede Beschriftung. In dieser Disziplin kann die Mojito 32 mit ihrem ansonsten durchdachten und ideenreichen Konzept nicht Schritt halten.
Die Mojito 32 ist kein Boot für Traditionalisten. Das Konzept der smarten Französin setzt vielmehr auf Innovationen und mutige Formen – sichtbar, spürbar, kompromisslos. Unterm Strich bleibt ein gut segelndes, eigenständiges und charakterstarkes Boot, das bewusst aneckt – und wahrscheinlich gerade deshalb so sehr fasziniert.
Eigenständige Konstruktion
Kaum überkommendes Wasser
Geeignet zum Trockenfallen
Hohes Leistungspotenzial
Ultimativ einhandtauglich
Wenig gesegelte Höhe
Großzügiges Raumgefühl
Riesiges Bett im Vorschiff
Teils unschöne Verarbeitung
Hochwertige Ausstattung
Elektromotor als Option
Pinne zu kurz
GFK-Sandwichkonstruktion mit PET-Schaumkern und teilweise Flachsfaser-Einlagen. Das Laminat wird mit Vakuuminfusion aufgebaut. Schotten aus GFK-Komposit.
Im Standard wird der Dreizylinder-Dieselmotor von Yanmar (3YM20) mit 20 PS Leistung verbaut. Eine stärkere Maschine mit 30 PS wird als Option angeboten. Die Alternative ist der Elektro-Antrieb von Bellmarine mit Saildrive und einer Leistung von 11 kW.
Ab Werft wird das Boot mit einem Aluminiummast von Hersteller Sparcraft mit zwei Salingen ausgestattet. Ein Kohlefasermast ist als Variante erhältlich. Die Segel sind im Grundpreis noch nicht enthalten. Der einfache Satz (Groß und Genua) kostet rund 10.000 Euro zusätzlich.
IDB Marine, F-29900 Concarneau; www.idbmarine.fr
Eben erst wurde sie mit dem Titel Europas Yacht des Jahres 2026 ausgezeichnet. Die First 30 von Beneteau ist ein multipel einsetzbares Sportboot mit viel Potenzial und einer guten Tourentauglichkeit. Dazu günstig. Den Test lesen Sie hier.
Sportlicher Küstenkreuzer aus der Werft Marée Haute in der Bretagne. Das Boot ist wahlweise mit Festkiel oder Bi-Kielen erhältlich und kann unter Deck mit zwei oder drei Doppelkabinen ausgebaut werden. Hier kommen Sie zum Test.
Die Konstruktion für die sportliche Französin kommt aus dem Studio Finot-Conq und ist in Ausführungen mit Festkiel oder mit Schwenkkiel erhältlich. Der familientaugliche Innenausbau sieht zwei Doppelkabinen vor.
Die spannende Alternative hat einen Rumpf aus Sperrholz und ein Deck aus GFK. Die RM 980 ist das jüngste Modell der Yachtbauer in La Rochelle und soll im Herbst 2026 als Neuheit vorgestellt werden.
* Angebot von Yachting24 gültig für Versicherungssumme 228.000 Euro (bei Zeitwertdeckung), Selbstbeteiligung 1.200 Euro, Haftpflicht-Deckungssumme 8 Millionen Euro.

Redakteur Test & Technik