Jeanneau Sun Odyssey 455Bei den Segeltests unter Wert geschlagen

Michael Good

 · 05.06.2026

Die markante Aufkimmung über
der Wasserlinie und die großen
Rumpffenster prägen die Optik.
Foto: Jeanneau / Quaptur
​Die neue Sun Odyssey 455 krönt Jeanneaus Fahrtenreihe als vielversprechendes Flaggschiff. Beim YACHT Exklusivtest in Südfrankreich war der voluminösen Französin allerdings wenig Gelegenheit gegeben, ihr volles Leistungspotenzial unter Beweis zu stellen. Dafür fehlte der Wind und es gab Probleme mit der Steuerung. Kein Zweifel; sie kann mehr.

Themen in diesem Artikel

Sun Odyssey – kaum ein anderer Modellname steht so sehr für das Brot-und-Butter-Geschäft unter Segeln. Seit Ende der achtziger Jahre hat die französische Großserienwerft unter diesem Namen mehr als 50 neue Fahrtenyachten vorgestellt; rund 18.000 Boote sollen unter dieser Bezeichnung verkauft worden sein. Zahlen, die beeindrucken.

Dabei hat sich das Programm immer wieder neu erfunden: vom klassischen Familiencruiser über die DS-Modelle mit Deckssalon bis zu den Walkaround- Typen der achten und nunmehr neunten Generation. Radikale Konzeptbrüche sind dabei ausgeblieben. Vielmehr steht die Reihe Sun Odyssey für eine kontinuierliche Evolution dessen, was Jeanneau seit je unter einer modernen Fahrtenyacht versteht: viel Raum zum Wohnen, einfache Bedienung, sichere Wege an Deck und genügend Leistung, um auch unter Segeln ernst genommen zu werden.


Mehr von der Werft:


Dem folgt nun auch die Sun Odyssey 455. Die Neue ersetzt die bisherigen Modelle Sun Odyssey 440 und 490 und übernimmt als 14-Meter-Yacht die Rolle des Flaggschiffs innerhalb der Fahrtenreihe. Alles, was darüberliegt, ordnet Jeanneau inzwischen der gehobeneren Linie Jeanneau Yachts zu. Die 455 sitzt damit an einer Schnittstelle: groß genug, um Anspruch und Komfort eines Topmodells zu erfüllen, aber weiterhin klar als Sun Odyssey geplant, also als seriennahes, unkompliziertes Fahrtenboot für Eigner und den Einsatz im Yachtcharter. 50 Einheiten sind seit der Markteinführung auf der boot in Düsseldorf bereits verkauft worden, etwa 70 Prozent davon an Eigner, rund 30 Prozent an Charterunternehmen.

Meistgelesene Artikel

1

2

3

4

5

Natürlich mit Walkaround-Cockpit

Mit der Sun Odyssey 455 vollzieht Jeanneau nun auch bei den größeren Yachten der Reihe über zwölf Meter Rumpflänge den Wechsel des Konstruktionspartners. Für die neue 455 haben die Franzosen erstmals in diesem Segment das Studio Marc Lombard Yacht Design beauftragt, das bereits für sämtliche kleineren Modelle der Baureihe verantwortlich zeichnet. Die Vorgängerinnen Sun Odyssey 440 und 490 stammen hingegen noch aus der Feder von Philippe Briand.

Am deutlichsten zeigt sich die Kontinuität der Reihe an Deck. Das Walkaround-Cockpit ist mittlerweile zum Markenzeichen der Fahrtenreihe Sun Odyssey geworden, auch die neue 455 übernimmt dieses Layout konsequent. Gemeint sind rampenähnlich abgesenkte Seitendecks, die achtern bis auf Cockpitniveau führen. Dadurch entsteht ein nahezu barrierefreier Durchgang vom Cockpit nach vorn, ohne dass man über Bänke oder hohe Süllränder steigen muss. Jeanneau hatte diese Idee 2017 mit der Sun Odyssey 440 erstmals in die Großserie gebracht und dafür viel Aufmerksamkeit sowie Auszeichnungen erhalten. Bemerkenswert ist vor allem, dass sich das Walkaround-Cockpit nicht nur auf den größeren Modellen bewährt hat. Auch bei den kleineren Booten Modellreihe gehört das innovative Layout inzwischen zum festen Programm.

Perfektes Layout, einfaches Handling

Die großen Schotwinschen für Großsegel und Genua sitzen bei der 455 wie bei den Vorgängerinnen 440 und 490 auf innen liegenden Podesten seitlich der Steuerstände. Sie stehen weitgehend frei, sind vom Rudergänger gut erreichbar und lassen sich zugleich von der Crew direkt aus dem Cockpit effizient und auf guter Höhe bedienen. Fallen, Reff- und Trimmleinen werden auf Winschen seitlich am Niedergang geführt. Dort sind sie gut gebündelt, zugleichaber vom Steuerstand getrennt. Damit folgt das Layout einer klaren Aufgabenteilung: Segeltrimm und Manöver achtern, Fallen und Strecker vorn am Aufbau. Damit kommen auch Einhandseglergut klar, sie sollten sich aber dennoch für den optionalen Einbau eines Autopiloten entscheiden.

Neu ist das Cockpitlayout mit zwei Tischen. Was vor wenigen Jahren vor allem größeren Yachten vorbehalten war, setzt sich inzwischen auch bei Fahrtenbooten ab 45 Fuß als Klassenstandard durch. Der Vorteil liegt auf der Hand: Zwischen den beiden Tischen bleibt ein freier Durchgang durch die Plicht. Der Weg vom Niedergang nach achtern zu Badeplattform oder Steuerständen wird nicht durch einen großen Mitteltisch blockiert.

Zwei Tische, mehr Möglichkeiten

Zugleich gewinnt das Cockpit an Variabilität. Die beiden Tische können optional in einer absenkbaren Version geordert werden. Damit wird aus den Duchten auf Wunsch eine großzügige Sonnenbank mit 1,85 Meter Länge und 1,05 Meter Breite. Zudem lassen sich die Tischplatten über die Länge zusammenklappen, sodass die Backskisten unter den Duchten gut zugänglich bleiben – eine gute Idee von Jeanneau.

Die geteilte Plicht bringt weitere praktische Vorteile mit sich. Bei der Sun Odyssey 455 ist achtern unter dem Cockpitboden ein großes, breites und wasserdicht abgetrenntes Staufach vorgesehen. Dort kann optional ein Generatorfür die Bordstromversorgung eingebaut werden, ansonsten bleibt der Raum als voluminöse Backskiste für Fender, Festmacher oder zusätzliche Segel nutzbar. Weiter vorn ist ein eigenes Fach für Rettungsinsel und Sicherheitsausrüstung integriert. Die Box ist Teil der Cockpitwanne und bleibt damit vom Interieur abgeschottet.

YACHT-Test unter erschwerten Bedigungen

Die YACHT-Tests finden vor Cannes in Südfrankreich statt, bei Bedingungen, die der 455 leider nur wenig Gelegenheit geben, ihr maximales Potenzial unter Beweis zu stellen. Es stehen bloß sechs bis maximal acht Knoten Wind zur Verfügung, zeitweise weniger. Das Testboot ist nur mit der einfachen Standardbesegelung ausgerüstet: konventionelles Großsegel und überlappende Genua, beides in schlichter Dacron-Qualität. Erschwerendkommt ein technisches Handicap hinzu: Die beiden Ruderblätter sind beim Testboot offensichtlich nicht stimmig zueinander ausgerichtet und erzeugen selbst bei wenig Fahrt spür- und hörbaren Widerstand. Die Werft will sich um die Ursachen kümmern.

Unter dem Manko bei der Baunummer drei leidet letztlich auch das Steuergefühl. Der Rudergänger auf dem Testboot bekommt kaum Rückmeldung an der doppelten Radsteuerung; das System fühlt sich schwammig und indirekt an. Der serienmäßig vorgesehene Drei-Flügel- Festpropeller sorgt beim Probeschlag überdies für einen nicht unerheblichen Bremseffekt. Gerade einmal 4,2 Knoten schafft das voluminöse Schiff bei 6 bis 8 Knoten Wind auf einem Kurs von 45 Grad zum wahren Wind. Auch mit Code Zero oder Gennaker bleiben die Leistungsdaten bescheiden und hinter den Erwartungen zurück.


Segelleistungen (ohne Abdrift/Strom)
Windgeschwindigkeit 6-8 kn (2-3 Bft), Wellenhöhe: glattes Wasser
* mit Code Zero

45 Grad 4,2 kn
60 Grad5,2 kn
90 Grad5,9 kn
120 Grad *6,4 kn
150 Grad*4,7 kn

Mehrleistung im Paket

Die Erkenntnisse aus vielen früheren YACHT-Tests von Modellen der Reihe Sun Odyssey sprechen eine andere Sprache. Speziell die Konstruktionen aus dem Studio von Marc Lombard sind bekannt für ihre sehr soliden Leistungspotenziale und ausgewogenen Segeleigenschaften. Zweifellos dürfte dies auch für die neue Sun Odyssey 455 zutreffen – eine sauber abgestimmte Steuerung und vielleicht etwas mehr Wind vorausgesetzt.

Wer mehr aus dem Boot herausholen will, kann das Leistungspotenzial mit einem Performance-Paket aufwerten.Dazu gehören bessere Segel, Fallen und Schoten aus Dyneema sowie ein hydraulisch verstellbares Achterstag für eine bessere Trimmbarkeit von Mast und Segelprofilen. Am anderen Ende der Optionenliste stehen Selbstwendefock oder Rollmast, die vor allem das Handling vereinfachen. Beim Standard-Rigg ist der Baum vorn am Mast übrigens sehr tief angeschlagen. Das macht es einfach, das Großsegel in den Lazy-Bag aufzutuchen – auch ohne riskante Kletterpartien vorne am Mast.

Im zweiten Teil des Tests Sun Odyssey geht es um den Ausbau unter Deck, um Wohnlichkeiten und um den Komfort. Dazu die komplette Preisaufstellung, die YACHT-Bewertung sowie die Übersicht über die Konkurrenzboote. Teil 2 erscheint am Sonntag, 7. Juni bei YACHT Online.


Standard ist der Alumast
mit zwei Salingen. Optional
sind ein Rollmast
sowie eine Selbstwendefock
erhältlich.Technische Daten Sun Odyssey 455Foto: YACHT / N. CampeStandard ist der Alumast mit zwei Salingen. Optional sind ein Rollmast sowie eine Selbstwendefock erhältlich.Technische Daten Sun Odyssey 455

Technische Daten Sun Odyssey 455

  • Konstrukteur: Marc Lombard Yacht Design
  • CE-Entwurfskategorie: A
  • Rumpflänge: 13,74 m
  • Gesamtlänge: 14,78 m
  • Wasserlinienlänge: 13,58 m
  • Breite: 4,49 m
  • Tiefgang/alternativ: 2,35/1,75 m
  • Masthöhe über WL: 20,80 m
  • Theor. Rumpfgeschwindigkeit: 8,9 kn
  • Gewicht: 11,23 t
  • Ballast/-anteil: 2,69 t/24 %
  • Großsegel: 54,0 m2
  • Rollgenua (120 %): 49,0 m2
  • Selbstwendefock (optional.): 35,0 m2
  • Maschine (Yanmar): 42 kW/57 PS
  • Kraftstofftank: 190 l
  • Frischwassertank: 380 l
  • Fäkalientank: 190 l

Preise

Grundpreis ab Werft: 420.300 Euro
Preis segelfertig: 433.565 Euro
Komfortpreis: 456.900 Euro

(Alle Preise brutto, inkl. 19% Mehrwertsteuer. Die komplette Preisübersicht folgt in Teil 2)

​Rumpf- und Decks­bauweise

Rumpf: GFK-Volllaminat, gebaut mit Vakuuminfusion. Deck: GFK-Sandwich, Vakuuminjektion (RTM)

Performance-Paket

Das Leistungs-Upgrade kommt mit besseren Laminatsegeln, Flat-Deck-Rollanlage, hydraulischem Achterstagspanner, Schoten und Fallen aus Dyneema, zusätzlicher Winsch am Niedergang. Aufpreis: 19.670 Euro.

​Motorisierung

Standard: Yanmar 4JH57 Common Rail Diesel (42 kW/57 PS), Saildrive, Drei-Flügel Festpropeller. Optional Yanmar 4JH80 (59 kW/80 PS, Aufpreis: 7.970 Euro brutto.

Energieversorgung an Bord

Servicebatterien: 2 x 95 aH (AGM), Starterbatterie: 1 x 50 aH (AGM).

​Werft

Chantiers Jeanneau, 85500 Les Herbiers (Frankreich) / www.jeanneau.com/d

Vertrieb

​Internationales Händlernetz / www.jeanneau.com/contact

Artikel teilen:
Michael Good

Michael Good

Redakteur Test & Technik

Michael Good ist Testredakteur bei der YACHT und kümmert sich in der Funktion in erster Linie um neue Boote, deren Vorstellung sowie um die Produktion von Testberichten. Michael Good lebt und arbeitet in der Schweiz am unteren Bodensee. Er segelt seit Kindertagen und ist neben seiner beruflichen Tätigkeit auch seit vielen Jahren als aktiver Regattasegler unterwegs, derzeit vor allem in den Klassen Finn Dinghi und Melges 24. Zudem ist er Miteigner von einem 45er Nationalen Kreuzer mit Baujahr 1917. Michael Good arbeitet seit Januar 2005 für die YACHT-Redaktion und hat in der Zeit gegen 500 Yachten, Katamarane und Jollen getestet.

Meistgelesen in der Rubrik Yachten