Ein etwas hellerer Fleck am Himmel, mehr ist von der versprochenen Herbstsonne nicht zu sehen, als wir im Werfthafen im schwedischen Ellös ankommen. Stattdessen sind die Schären in eine graue, feuchte und windarme Suppe getaucht. Kaum ein Dutzend Segelyachten liegt noch im Becken, allesamt weiß-blau und mit fester Scheibe.
Trotzdem stechen zwei Boote hervor. Eines ist die HR 69, die durch ihre schiere Größe beeindruckt. Beim anderen handelt es sich um die brandneue Hallberg-Rassy 370. Sie fügt sich optisch fast nahtlos ins aktuelle Modellprogramm und schließt die Lücke zwischen 34 und 40 Fuß, setzt aber auch neue Akzente. So fallen die Fenster größer aus und die Linien wirken vor allem im Vergleich zur Zwölf-Meter-Schwester zierlicher. Der ausgeprägte Decksprung kommt bei der 37er besonders gut zur Geltung und verschafft dem Vorschiff zusätzliche Stehhöhe.
Das Deck wirkt enorm aufgeräumt – tatsächlich ist die freie Vordecksfläche nur vier Zentimeter kürzer als bei der 40er. Der teakfarbene PU-Belag auf dem Laufdeck ist eine Option, die mit rund 38.000 Euro zu Buche schlägt. Standard ist Gelcoat mit Anti-Rutsch-Struktur. Im Cockpit gehört der Teak-Ersatz dagegen zur Serie. Das Material sieht frischem Holz sehr ähnlich und hat eine schöne Struktur. Es soll nicht altern und ist reparaturfreundlich: Beschädigungen werden mit dem flüssigen Material ausgegossen, nach dem Abschleifen ist nichts mehr zu sehen.
Das Laufdeck lässt sich sehr gut begehen und ist schön breit. Haupt- und Unterwanten laufen nicht auf dasselbe Pütting zusammen, sondern die Unterwanten sind nach innen versetzt. Daher kann man bequem zwischen den Stagen durchgehen. Eine weitere Besonderheit ist die Segellast im Vorschiff, sie ist explizit für Code Zero oder Gennaker konzipiert. Segel, die bei modernen Riggs mit relativ kleinem Vorsegel auf Raumschotskursen unverzichtbar sind, für die aber selten vernünftiger Stauraum da ist.
Auffällig ist das dunkle Aufbaudach der 370. Dabei handelt es sich um eine fest installierte Solaranlage mit satten 486 Watt Spitzenleistung. Die Panels stammen von Solbian und sind elektrisch in Backbord- und Steuerbordseite unterteilt, um die Ladeleistung trotz unvermeidlicher Teilabschattung zu verbessern.
Mangels Wind beschäftigen wir uns zuerst mit den inneren Werten der Rassy: Kommt man den breiten Niedergang hinunter, empfängt einen eine sehr angenehm helle Atmosphäre. Das liegt vor allem an den großen Fenstern, die viel natürliches Licht hereinlassen. Der Innenausbau aus europäischer Eiche wirkt schon auf den ersten Blick sehr edel. Die formverleimten Umleimer und Sülls um Pantry und Navigationsecke schmeicheln nicht nur dem Auge, sondern auch der Hand, da sie gleichzeitig als Handlauf dienen. Die seidenmatte Lackierung ist makellos.
Das Testboot ist mit den optionalen Sesseln und Alcantara-Bezügen bestückt. Serienmäßig ist ein klassisches Layout mit Längsbänken vorgesehen. Die Sessel sind sehr bequem und lassen sich wegklappen, um an den Stauraum dahinter zu gelangen. Stauraum gibt es nicht nur im Salon in Hülle und Fülle in Form von Oberschränken und gut erreichbaren Fächern. Auch die Pantry fällt üppig aus. Das U-förmige Modul nimmt mehr als ein Drittel der Salonlänge ein und wartet mit großen, zusammenhängenden Arbeitsflächen auf.
Neben dem serienmäßigen Toploader-Kühlschrank gibt es optional einen zweiten mit Fronttür – an dieser Stelle kann alternativ auch eine Spülmaschine installiert werden. Ein zusätzlicher kleiner Tiefkühler sitzt unter dem Navitisch.
Die Schiebetür-Schapps hinter dem Herd sind auch beim Kochen zugänglich und nehmen Geschirr und Proviant auf. Im unteren Fach lassen sich Flaschen auch stehend lagern. Eine große Besteckschublade ist vorhanden, weitere Schubladen sucht man jedoch vergebens. Stattdessen gibt es große, teils sehr tiefe Fächer und ein herausziehbares Schneidebrett. Weniger gut gewählt ist die Position des Gas-Absperrhahns. Er ist unter dem Herd installiert und nur mit den Fingerspitzen zu erreichen.
Gegenüber der Pantry liegen das Bad und die ebenfalls großzügig dimensionierte Naviecke. Sie gibt einen guten Arbeitsplatz ab. Das Schaltpanel verbirgt sich hinter zwei Türchen und lässt sich seinerseits ausklappen, sodass man gut an die sehr ordentlich verlegte Verkabelung kommt.
Nicht ganz so opulent ist die Nasszelle. Das Bad ist nicht wirklich eng, aber andere Boote in dieser Größenklasse bieten großzügigere Lösungen. Der Duschbereich liegt direkt hinter der Tür und lässt sich mit einer Plexiglas-Tür vom restlichen Raum abtrennen. Allerdings bleibt dann nicht mehr viel Bewegungsfreiheit. Zusätzlich muss ein Vorhang vor die Badtür gezogen werden, da diese nach außen öffnet und ablaufendes Duschwasser andernfalls im Salon landen würde.
Positiv: Im Bad ist ausreichend Stauraum für Sanitär- und Hygieneartikel vorhanden. Der Schrank neben der Toilette eignet sich aus unserer Sicht nur für trockenes Ölzeug, da keine Entwässerung vorhanden ist und zudem der Heizungsauslass die Warmluft außen am Schrank vorbeileitet.
Das Layout ist konsequent auf eine Zweier-Crew mit bis zu zwei Gästen ausgelegt. Daher gibt es nur auf der Backbordseite eine Achterkammer. Diese fällt luftig und hell aus, nicht zuletzt dank der weißen Wandverkleidung, dem großen Rumpffenster und dem zu öffnenden Aufbaufenster. Da über der Kammer keine Backskiste vorhanden ist, steht über der Koje sehr viel Kopffreiheit zur Verfügung.
Die Liegefläche ist gute zwei Meter lang, für zwei Erwachsene ist die Schulterbreite von 1,26 Metern jedoch knapp. Alleine schläft man hier, wie wir nachts testen konnten, äußerst komfortabel. Die Matratze ist dick und sehr bequem. Stauraum findet sich in einem schmalen Schrank mit Kleiderstange, einem Schapp und einem Ablageregal über dem Rumpffenster. Unter der Koje befinden sich die hintere Batterie und die Starterbatterie.
Der seitliche Zugang zu Motor und Technikraum ist großzügig dimensioniert und die Klappe mit Schnellverschlüssen versehen. Die Steueranlage lässt sich ebenfalls von der Koje aus
erreichen.
Noch bequemer als in der Achterkammer geht es im Bug zu. Dort kann zwischen einem 1,42 Meter breiten Inselbett und einer über die gesamte Rumpfbreite reichenden Koje gewählt werden. Zwei Rumpffenster und das vergleichsweise große Decksluk sorgen für Licht und Luft, zudem ist ein Pilzlüfter zur Dauerbelüftung vorhanden. Schapps und zwei große Schränke bieten auch für längere Törns ausreichende Staumöglichkeiten. Der vordere Bereich unter der Koje beherbergt die Batterien, das Bugstrahlruder und Elektroinstallation, alles sehr gut zugänglich. Der hintere Bereich ist durch zwei Türen erreichbar und lässt sich als Stauraum nutzen.
Am Nachmittag kommt tatsächlich die Sonne durch und taucht die Schären in traumhaftes Herbstlicht, höchste Zeit zum Auslaufen. Da weiterhin kaum Wind herrscht, keine große Herausforderung. Zumal mit ausfahrbarem Bug- und Heckstrahlruder. Ein Druck auf die Joysticks genügt und die Rassy schiebt sich sanft von der Pier.
Zusammen mit dem nötigen Batterie-Upgrade kostet das System rund 54.000 Euro. Bei Doppelruderanlagen ist das Manövrieren aus dem Stand schwieriger, weil der Schraubenstrahl die Ruderblätter nicht trifft. Sobald etwas Fahrt im Schiff ist, lässt sich die 370 aber auch mit den Rudern sehr gut steuern. Die Ruderblätter sind vergleichsweise groß und sprechen schon bei geringen Geschwindigkeiten gut an.
Dank Rollmast mit Elektroantrieb und elektrischer Winschen ist das Segelsetzen per Knopfdruck erledigt. Wir sind mit dem optimierten Rollgroß von Elvström unterwegs. Es ist mit senkrechten Latten bestückt und das Achterliek stark ausgerundet. Die Rollgenua ist ebenfalls eine Epex-Membran.
Bei gerade einmal sechs Knoten Wind ist das Boot mit diesem Set-up allerdings untermotorisiert. Daher greifen wir auf den Code Zero zurück. Dessen zusätzliche 64 Quadratmeter zeigen Wirkung – zumindest wenn der Wind auf acht Knoten zulegt, dann zieht das Boot merklich an. Bei halbem Wind sind so bis zu 6,6 Knoten drin, ein solider Wert. Die Rassy verdrängt nach Werftangabe leer acht Tonnen. Mit der Zusatzausstattung des Testbootes dürften locker 8,5 Tonnen zu beschleunigen sein.
Die Steuerposition hinter oder besser neben dem Rad ist angenehm. Auf dem seitlichen Süll sitzt man gut, zudem kann man bei mehr Krängung Fußstützen aus dem Cockpitboden klappen. Die optionalen Carbonräder des Testbootes liegen gut in der Hand, serienmäßig sind Edelstahlräder mit Lederbezug verbaut. Nicht ganz optimal ist die Position des Achterstags, das als großes V vom Heck nach oben läuft. Je nach Sitzposition drückt das Stag im Rücken, wenn man sich zur Seite beugt, um die Windfäden zu sehen.
Die Genua wird auf großzügig dimensionierten Winschen von Lewmar geschotet, die im Griffbereich des Rudergängers liegen. Großschot, Trimmfunktionen und Fallen laufen zu den vorderen Winschen, die am Ende der festen Scheibe sitzen. Als Steuermann kommt man dort nur hin, wenn man den Autopiloten aktiviert. Positiv: Trotz der vielen Umlenkungen laufen die verdeckt geführten Leinen reibungsarm, und in das Cockpitsüll eingelassene Staukästen schlucken das überschüssige Tauwerk.
Das Steuerverhalten ist sehr ausgewogen. Zum einen läuft das Boot an der Kreuz wie auf Schienen und segelt auch ohne Hand am Rad minutenlang geradeaus. Dennoch spricht die Steuerung sehr direkt an und reagiert agil auf kleinste Ruderausschläge. Das freut den Autopiloten und fördert entspanntes Segeln. Zu dem feinfühligen Ansprechverhalten trägt das spezielle Steuersystem von Jefa bei. Die Drehung der Räder wird per Seil auf einen zwischen den Rudern montierten Travellerschlitten übertragen und von dort per Schubstange an die Ruderwellen weitergegeben.
Das klingt kompliziert, spart aber im Vergleich zu konventionellen Seilzugsteuerungen Umlenkungen und die großen Quadranten. Zudem ermöglicht die Schubstangenlösung eine sich verändernde Geometrie, was die Steuerkräfte bei großen Ruderausschlägen verringert und die Reaktion um die Mittellage verbessert.
Erwartungsgemäß ist die HR 370 kein Schnäppchen. Der Grundpreis liegt knapp über 500.000 Euro. Mit der von uns geforderten Komfortausstattung sind es rund 546.000 Euro. Das ist sehr viel Geld, vergleichbare Yachten wie die Saare 38 liegen aber in ähnlichen Sphären.
Stand 2025, wie die ausgewiesenen Preise definiert sind, finden Sie hier!
Die enormen Aufpreise für einige Optionen, wie das Dockingsystem oder die zusätzlichen Akkus, erklären sich zumindest teilweise durch die Auswahl der verwendeten Komponenten. Die Verarbeitung ist durchweg exzellent – von der GFK-Oberfläche über die edlen Holzarbeiten bis zur servicefreundlichen Installation.
Das volle Segelpotenzial können wir bei der schwachwindigen Wetterlage nicht ausschöpfen. Anhand der Erfahrung mit den übrigen Modellen, die wir zum Teil bei deutlich anspruchsvolleren Bedingungen getestet haben, gibt es aber keinen Grund daran zu zweifeln, dass sich die 370 bei mehr Wind ebenso ausgewogen und souverän segeln lässt wie ihre kleineren und größeren Schwestern.
Hallberg-Rassy hat eine beachtliche Fertigungstiefe. Rümpfe und Decks sowie die übrigen GFK-Teile werden bei der zur Werft gehörenden Hallberg-Rassy Marinplast AB in Kungshamn laminiert, etwa eine Autostunde nördlich von Ellös. Der vollständige Ausbau und die Ausrüstung erfolgen am Stammsitz in Ellös. In der dortigen Schreinerei werden die Massivholzteile für den Innenausbau aus Bohlen aufgesägt und weiterverarbeitet. Teils auf Maschinen, die aus der Gründungszeit der Werft oder sogar vom Vorgängerbetrieb von Harry Hallberg stammen.
Neben diesen fast museal anmutenden Abteilungen verfügt die Werft über modernste Fünf-Achs-CNC-Fräsen, Lasercutter und automatische Lackierstraßen. Bei den aufwendigen, formverleimten Türrahmen, Sülls oder den Sesseln ist trotzdem viel Handarbeit nötig. Gleiches gilt für die Elektrik, deren Kabelbäume ebenfalls vor Ort produziert werden. Rumpflinien und Laminatberechnung liefert seit Jahren Germán Frers. Das Interieurdesign sowie die technische Ausrüstung entwickelt die Werft intern. Das ermöglicht eine direkte Abstimmung zwischen Entwurf und praktischer Umsetzung.
Solide Bauweise
Ausgereiftes Layout
Sehr gute Doppelruderanlage
Kielbolzen schlecht erreichbar
Entspanntes Steuerverhalten
Gute Höhe am Wind
Geschwindigkeitspotenzial
Mäßige Einhandtauglichkeit
Gutes Platzangebot
Sehr schöne Holzarbeiten
Exzellente Lackierung
Durchschnittliche Nasszelle
Gute Grundausstattung
Sehr gute Installationen
Hochwertige Komponenten
Optionen sehr teuer
Handauflegeverfahren, Divinycell-Sandwich. Rumpf-Decks-Verbindung überlaminiert.
Mit rund 20.600 Euro steht die Ankerwinsch in der Optionsliste. Der sehr hohe Preis entsteht auch durch das nötige Batteriepaket, das außergewöhnlich umfangreich ist.
Unter dem Navigationssitz lässt sich ein Tiefkühler mit 29 Liter Volumen installieren.
Ausfahrbare Bug- und Heckstrahler sind optional, sie sind empfehlenswert und erleichtern das Manövrieren im Hafen enorm. Zusammen mit den nötigen Akkus kosten sie rund 54.000 Euro.
Hallberg-Rassy Varvs AB, SE-474 31 Ellös; www.hallberg-rassy.com
Hallberg-Rassy Deutschland GmbH Horst von Hörsten, 23730 Neustadt; www.hallberg-rassy.com
Die 385 bietet exzellente Segeleigenschaften und einen qualitativ sehr hochwertigen Ausbau. Sie ist mit zwei oder drei Kammern zu haben und trägt sehr viel Segelfläche. YACHT-Test: Heft 14/2022
Wie bei der HR gibt es nur ein Zweikammer-Layout. Das Cockpit ist auf Einhandbedienung zugeschnitten. Trotz des gediegenen Ausbaus ist sie leicht. Sehen Sie hier erste Eindrücke der Linjett 36.
Die Saare ist in unterschiedlichen Layouts zu haben und kommt mit extrem umfangreicher Grundausstattung, das relativiert den Grundpreis im Verglich zur Rassy. Hier lesen Sie den Test der Saare 38.2.
Es sind zwei oder drei Kammern zu haben. Stahlrahmen und getemperter Epoxid-Infusionsrumpf sorgen für eine stabile Struktur, die hohe Riggkräfte verträgt. Lesen Sie hier den ausführlichen Test.