Tatjana Pokorny
· 05.05.2024
Die Entscheidung im Transat CIC rückt näher, und Boris Herrmann sorgt für ansteigende Spannung. In der siebten Nacht des Rennens von Lorient nach New York rückte der “Malizia – Seaexplorer”-Skipper wenige Stunden nach Mitternacht auf Platz zwei vor. Am Sonntagmorgen trennten den 42-Jährigen beim 9-Uhr-Update nur noch 33 Seemeilen von Spitzenreiter Yoann Richomme. Knapp 20 Seemeilen vor dem drittplatzierten Charlie Dalin (”Macif Santé Prévoyance”) und mehr als 40 Seemeilen vor “Initiatives-Cœur”-Solistin Sam Davies war Boris Herrmann zum Ende der ersten Woche auf See in den frühen Morgenstunden schneller unterwegs als seine beiden Verfolger.
Ich würde dieses verdammte Rennen gerne gewinnen” (Yoann Richomme)
Der Kampf um die Podiumsplätze tobt der Entscheidung entgegen. Nach einer harten Atlantik-Woche ist den Akteuren im Schlusskrimi keine Atempause vergönnt. Schon am Vortag hatte der führende Yoann Richomme in einem Gespräch mit den Veranstaltern gesagt: “Ich verspüre Druck! Ich würde dieses verdammte Rennen gerne gewinnen! Es ist so kompliziert, alles richtig zu machen, und das Ziel ist noch weit entfernt. Ich gebe alles. Da ich in Führung liege, ist jede Entscheidung so intensiv, wie ich es vorher nicht empfunden habe. Ich versuche, die Dinge ins rechte Licht zu rücken, ruhig zu denken und immer einen Schritt voraus zu sein.”
Erstaunt über den Rennverlauf sei er nicht, erklärte Yoann Richomme: “Wenn ich die Liste der Konkurrenten sehe, bin ich nicht wirklich überrascht. Ich weiß zum Beispiel nicht, wie viele ‘Solitaire de Figaros’ jeder von ihnen schon bestritten hat, aber es sind Skipper, die diese Kultur der Höchstleistung haben. Ich wusste, dass es vom Anfang bis zum Ende intensiv werden würde, und das wird es auch sein. Ich weiß, dass mich die Gruppe hinter mir beim kleinsten Fehler einholen wird. Das sportliche Niveau hat sich bei allen erhöht.”
Die Ziellinie des Transat CIC liegt aus Sicherheitsgründen 120 Meilen vor der Küste New Yorks. Weshalb der Schlussakt des Rennens als direkter Sprint zur Linie zelebriert wird. Dabei segelt die Imoca-Flotte entlang der südlichen Begrenzung einer riesigen Sperrzone, der Yoann Richomme am frühen Sonntagmorgen bis auf zwei Seemeilen nahegekommen war, bevor er zur Halse einsetzte. In wieder sehr unruhigen Bedingungen erreichte der “Paprec Arkéa”-Antreiber immer noch eine Bootsgeschwindigkeit von 17 bis 18 Knoten.
Auch Boris Herrmann hatte sich am Sonntag eine Top-Ausgangsposition für den Endspurt geschaffen. Er konnte am frühen Morgen auf eine starke 24-Stunden-Durchschnittsgeschwindigkeit von 21 Knoten zurückblicken, die ihn so weit nach vorne getragen hat. Neben ihren Rennherausforderungen müssen sich die Teilnehmer zusätzlich mit den stark gesunkenen Temperaturen auseinandersetzen.
„Es ist superkalt, das Wasser hat bestimmt zwei Grad Celsius und die Luft nicht viel mehr“, hatte Yoann Richomme schon am Samstag berichtet. „Wir sind an einem Tag von 15 Grad Celsius auf weniger als fünf Grad Celsius gefallen“, erklärte Maxime Sorel. Der “V and B – Monbana – Mayenne”-Skipper lag am Sonntagmorgen auf Platz fünf und war zuletzt so schnell unterwegs, als wolle er den Kühlschranktemperaturen maximal zügig entfliehen. Weiter sagte Sorel: „Wir haben wieder eine gestörte, ziemlich chaotische See. Wir müssen kämpfen, damit das Boot nicht abstürzt.” Die von Maxime Sorel beschriebenen Bedingungen sind auf die verwirbelten Strömungen des Golfstroms in Kombination mit den vorherrschenden Winden zurückzuführen.
Weiter hinten in der Flotte hat der Schweizer Oliver Heer offenbar schwer zu kämpfen. Nach am Samstag zunächst behobenen Problemen mit seinem Dieselmotor und der Elektronik war zu beobachten, wie sich Heer am Sonntagmorgen nur noch sehr langsam bewegte. Zudem wies seine Kursänderung auf neue Probleme hin. In einer Eilmeldung gaben die Transat-CIC-Veranstalter dann um 9.30 Uhr bekannt, dass sich Heers Boot über Nacht auf die Seite gelegt habe. Der Skipper habe bestätigt, dass es ihm gut gehe und er in Kontakt mit seiner Landmannschaft stehe, um den Schaden zu evaluieren.
In der Class 40 konnte Spitzenreiter und Reach-König Ambrogio Beccaria seine Führung über Nacht ausbauen. “Die aktuelle Position hilft mir und ermutigt mich, weil sie mir zeigt, dass ich die Dinge richtig mache. Unser Trainer Tanguy Leglatin hat uns gesagt, dass dieses Rennen ein Ultra-Trailrun ist. Und ich denke, er hat völlig recht. Ich liege zum ersten Mal in diesem Rennen in Führung. Aber ich weiß auch, dass das, was uns noch erwartet, so lang ist, dass es nichts bedeutet.”
Hinter Beccarias “Alla Grande Pirelli” kämpfen Ian Lipinski (”Crédit Mutuel”) und Fabien Delahaye (”Legallais Team Voile”) bei rund 45 und 75 Seemeilen Rückstand um Anschluss an den enteilenden Italiener, den am Sonntagmorgen noch gut 1.000 Seemeilen von der Ziellinie vor New York trennten.

Freie Reporterin Sport