Wie Putins Krieg gegen die Ukraine den Segelsport trifft"Verurteilt nicht die Menschen, die genauso leiden wie wir"

Tatjana Pokorny

 · 25.02.2022

Wie Putins Krieg gegen die Ukraine den Segelsport trifft: "Verurteilt nicht die Menschen, die genauso leiden wie wir"Foto: UK Sailmakers/Montage

Schock, Schicksale und Unterstützung auf breiter Front: Der Segelsport reagiert auf die Invasion, wehrt sich mit seiner wichtigsten Kraft: grenzenlosem Beistand

Die russische Invasion in der Ukraine bleibt auch für den deutschen und den internationalen Segelsport nicht folgenlos. Die Reaktionen reichen von Schock und Entsetzen über schnelle und weitreichende Boykott-Forderungen bis hin zu Bemühungen, den Segelsport und seine Aktiven als völkerverbindende „Brückenbauer“ weiter wertzuschätzen und zu stützen.

Kurz nach dem völkerrechtsverletzenden Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine hatte zuerst der Deutsche Segler-Verband (DSV) auf die Aggression reagiert. In einem Statement nahm DSV-Präsidentin Mona Küppers unter anderem Bezug auf das vom russischen St. Petersburg Yacht Club ausgerichtete Nord Stream Race, an dem einmal jährlich die Sieger der nationalen Segel-Ligen in Russland, Finnland, Dänemark, Schweden und Deutschland teilnehmen. Mona Küppers sagte: "Bei dem Nord Stream Race, einer Langstreckenregatta entlang der Nord-Stream-Pipeline, die auf Initiative des russischen Energiekonzerns Gazprom und des St. Petersburg Yacht Club ins Leben gerufen wurde, handelt es sich aus Sicht des Präsidiums um eine PR-Maßnahme. Vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Entwicklungen und der Entscheidung der Bundesregierung, die Genehmigung der Erdgas-Pipeline Nord Stream 2 zu stoppen, halten wir eine deutsche Beteiligung am Nord Stream Race für nicht angezeigt. Die mit dem Energiekonzern Gazprom kooperierenden Vereine haben wir aufgefordert, umzudenken und sich von dem Sponsor Gazprom zu trennen."

  Impression vom Nord Stream Race mit Sponsor GazpromFoto: Kristina Riaguzova/NSR
Impression vom Nord Stream Race mit Sponsor Gazprom

Organisiert wird die Regatta von der Hamburger Konzeptwerft, die vertraglich mit dem St. Petersburg Yacht Club verbunden ist. Die Konzeptwerft-Macher sind mit der Deutschen Segel-Bundesliga GmbH (DSBL) auch die durchführende Organisation des deutschen Segelliga-Betriebs, der im vergangenen Jahr noch den Energiekonzern Gazprom zu seinen Sponsoren zählte. Damit ist das Team um Konzeptwerft- und DSBL-Geschäftsführer Oliver Schwall gleich mehrfach betroffen. Zum Nord Stream Race sagte Schwall: "Seit Beginn des Gastransports in 2011 segeln die Teilnehmer entlang der Gaspipeline 1. Wir bitten um Verständnis dafür, dass wir in der aktuellen Lage nicht darüber spekulieren können, ob das Rennen in diesem Jahr stattfinden kann." Die Austragung gilt als unwahrscheinlich.

„Die Ereignisse sind ein Albtraum"

Die Bundesliga sei jedoch, so Schwall, "nicht gefährdet". Nach ersten Gesprächen mit Vereinen und Partnern sagte Schwall: "Es wird ein Sponsor fehlen. Das ist schade, hat aber keinen Einfluss. Die Liga-Saison wird wie geplant stattfinden." Gleichzeitig erinnerte Schwall an die "völkerverbindende Rolle des Segelsports" und sagte: "Die aktuellen Ereignisse in der Ukraine sind schrecklich und durch nichts zu rechtfertigen. Wir pflegen seit vielen Jahren enge und freundschaftliche Beziehungen zu russischen Clubs und Sportlern und Sportlerinnen. Im Rahmen von zahlreichen Segelsport-Veranstaltungen wie der Sailing Champions League, dem Nord Stream Race, Welt- und Europameisterschaften oder der Kieler Woche haben wir großartige Menschen kennengelernt." Auch aus diesem Grund appelliert nicht nur Schwall, "die Menschen trotz der schrecklichen Ereignisse nicht zu verurteilen, die genau wie wir unter der derzeitigen Eskalation leiden, und diese zu missbilligen, nur weil sie auf der vermeintlich falschen Seite der Grenzen leben, arbeiten oder Sport treiben".

Die Reaktionen von Seglern und Seglerinnen in den sozialen Netzwerken fallen in aller Welt unterschiedlich, aber auf breiter Ebene unterstützend für die Menschen in der überfallenen Ukraine aus. Es gibt ein Meer von Solidaritätsbekundungen, auch Forderungen nach Sperrung russischer Seglersportler und Boykottaufrufen gegen russische Veranstaltungen. Und es gibt mutige öffentliche Beiträge wie den der herausragenden russischen Mini-Skipperin Irina Gracheva, die am ersten Kriegstag unter der Überschrift "Ich bin gegen Krieg" schrieb: "Über viele Jahre schon sind die Aktionen der russischen Regierung schamvoll, schmerzhaft und beängstigend. Die heutigen Ereignisse sind wie ein Albtraum. Und es gibt nicht eine einzige Person in meinem Umfeld, die dieses Verbrechen unterstützen würde." Wer im Westen jetzt nach Sperren für russische Aktive ruft, der muss sich vor Augen führen, dass ein solcher auch viele so engagierte Segelsportler und Segelsportlerinnen wie Irina Gracheva treffen würde.

  Erfolgreich, engagiert und sehr beliebt in der internationalen Mini-Familie: die russische Skipperin Irina Gracheva bei der letzten Auflage des Mini-Transat EuroChefFoto: © Vincent Olivaud
Erfolgreich, engagiert und sehr beliebt in der internationalen Mini-Familie: die russische Skipperin Irina Gracheva bei der letzten Auflage des Mini-Transat EuroChef

„Unsere Herzen sind gebrochen"

Getroffen hat die Invasion auch eine Gruppe ukrainischer Opti-Segler, die sich gerade mit ihren Betreuern in Valencia auf eine Regatta vorbereiten. Sie haben ihren Aufruf "Stoppt den Krieg!" öffentlich gemacht, weil sie sich um Familien und Freunde in der Heimat sorgen: "Unser Team junger Segler ist in Valencia und bereitet sich auf die große internationale Regatta 'Opti Orange' vor. Aber unsere Herzen sind gebrochen. Wir befinden uns in einem Trainingslager und denken an unsere Eltern und Verwandten, die in der Ukraine attackiert werden. Wir können dazu nicht schweigen. Wir sind sicher, dass die gesamte zivilisierte europäische Welt das Unglück der freien Menschen in der Ukraine teilt. Wir bitten um die maximale Weiterverbreitung und Unterstützung. Bitte stoppt diesen verrückten Wahnsinn! Das schreiben wir mit all unserer Unterstützung für unsere Verwandten."

  Junge ukrainische Opti-Segler setzen im Trainingslager ein Zeichen gegen den Putin-KriegFoto: privat
Junge ukrainische Opti-Segler setzen im Trainingslager ein Zeichen gegen den Putin-Krieg

Bewegend und stellvertretend für viele Betroffene war auch eine Veröffentlichung von UK Sailmakers unter der Überschrift "Ein Thema, das größer ist als die Segelmacherei" am ersten Kriegstag: "Seit acht Jahren hat UK Sailmakers ein Segelloft im ukrainischen Cherson, das von einem Vater-Sohn-Team mit einem kleinen, aber engagierten Team betrieben wird, das seine Familien daheim unterstützt. Heute Morgen wurde der Flughafen in Cherson bombardiert, als Vladimir Putins illegale Kräfte à la Deutschlands Annexion Österreichs im Jahr 1938 in das souveräne Land der Ukraine eindrangen. Vergesst das Segelmachen! Wir machen uns Sorgen um die Sicherheit unserer Freunde, ihrer Familien und aller Bürger von Cherson. Und um die allgemeine Freiheit der ukrainischen Nation. Heute Morgen erhielt die Gruppe folgende E-Mail vom Team UK Sailmakers Ukraine: 'Die Aktion hat begonnen. Ich weiß nicht, ob ich in Zukunft Nachrichten senden kann. Danke an alle von meinem Vater und mir. Wenn Ihr keine Nachrichten mehr seht, dann seid versichert, dass der beste Schritt unseres Lebens der Eintritt in die Familie von UK Sailmakers war.' Wir hoffen sehr, dass dies nicht das letzte Mal war, dass wir von Alexander hören. Die freie Welt darf diese Aktion Russlands nicht tolerieren. UK Sailmakers steht hinter der NATO und allen anderen Ländern, die sich gegen Putins illegale und unmoralische Handlungen stellen."

Stefan Voss, der UK Sailmakers Deutschland als gleichberechtigter Geschäftsführer mit Dirk Manno leitet, steht mit der Familie in der Ukraine über einen Messenger-Dienst weiter in Kontakt: "Aktuell geht es ihnen noch gut, während gleichzeitig ganz in der Nähe Kämpfe um eine Brücke stattfinden. Wir werden sie in jeder nur denkbaren Weise unterstützen. Das gilt für alle unsere Lofts, die Hilfe auf breiter Basis zugesagt haben. Wir sind auch bereit, sie aufzunehmen." Anastasiya Winkel: Olympiaseglerin in Sorge

Große Sorgen macht sich in Kiel 470er-Seglerin Anastasiya Winkel. Die gebürtige Ukrainerin, die am 21. März 2021 mit der Einbürgerungsurkunde die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten hatte und bei den Olympischen Spielen in Japan mit Luise Wanser auf Platz sechs gesegelt war, berichtet in einem NDR-Interview vom gerade erst erfolgten Besuch ihrer Familie in der Ukraine. Mutter und Oma leben in der besonders gefährdeten Region von Luhansk. Anastasiya Winkel beschreibt im NDR-Interview die Lage dort, ihre Ängste und Sorgen. Als Olympionikin sagt sie: "Wir Sportler sind es gewöhnt, keine Grenzen zu ziehen. Alle verstehen sich gut. Man hätte sich nie vorstellen können, dass es jetzt so weit kommt." Hier geht es zum Interview mit dem NDR (bitte anklicken!).

  Bei ihrer Olympia-Premiere verpassten Luise Wanser und Anastasiya Winkel den Medaillen-Coup nur knapp und aufgrund einer harten Jury-Bestrafung. Jetzt sind beide in die neue Mixed-Disziplin gewechselt. Vorschoterin Anastasiya Winkel sorgt sich aktuell um ihre Familie und Freunde in der UkraineFoto: DSV/Joao Costa Ferreira
Bei ihrer Olympia-Premiere verpassten Luise Wanser und Anastasiya Winkel den Medaillen-Coup nur knapp und aufgrund einer harten Jury-Bestrafung. Jetzt sind beide in die neue Mixed-Disziplin gewechselt. Vorschoterin Anastasiya Winkel sorgt sich aktuell um ihre Familie und Freunde in der Ukraine

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