NavigationWindparks – Zeitenwende auf See

Max Gasser

, Pascal Schürmann

 · 26.09.2022

Navigation: Windparks – Zeitenwende auf SeeFoto: Agata Trzaska/Stock Adobe
Noch sind es wenige Windräder, die sich auf See drehen und für Segler ein Hindernis darstellen. Doch es werden mehr – viel mehr!

Angesichts drohender Energieengpässe setzen viele europäische Länder auf den massiven Ausbau von Offshore-Windparks. Worauf sich Nord- und Ostseesegler in gar nicht allzu ferner Zukunft einstellen müssen

Keine Frage, an regenerativer Energie führt kein Weg vorbei. Eine Lösung sind Windräder, die insbesondere draußen vor den Küsten mit hoher Zuverlässigkeit Strom erzeugen. Schon vor dem Ukrainekrieg war klar, dass der Ausbau entsprechender Offshore-Windparks vorangetrieben werden muss. Nun aber hat Wladimir Putin mit seiner Drohung, dem Westen den Gashahn zuzudrehen, dem Thema eine ungeahnte Brisanz verliehen. Mit Hochdruck wird nicht nur in Deutschland nach Ideen und Konzepten gesucht, wie man in Sachen Energie schnellstmöglich autark von Russland wird.

Verlagssonderveröffentlichung

Erste Ergebnisse sind Ende August präsentiert worden. Da verkündeten in Kopenhagen die Vertreter mehrerer Ostsee-Anrainerstaaten, bis zum Jahr 2030 die Produktion von Windenergie in der Ostsee um das sage und schreibe Siebenfache auf dann 20 Gigawatt zu erhöhen. „Damit“, so die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen, „können 20 Millionen Haushalte mit Strom versorgt werden. Dies sei mehr als die derzeitige Offshore-Windkapazität in der gesamten Europäischen Union. Für die Nordsee bestehen nicht minder ambitionierte Windparkpläne, die kurz- und mittelfristig Wirklichkeit werden sollen.

Kritiker bemängeln zwar weiterhin die noch fehlende Infrastruktur an Land, um den auf See erzeugten Strom bis dorthin transportieren zu können, wo er benötigt wird. Tier- und Umweltschützer sorgen sich um das Wohl von Fischen und Vögeln. Und die Tourismusbranche fürchtet um die Attraktivität mancher Küstenorte, wenn plötzlich riesige Windmühlen den Ausblick aufs weite Meer trüben. Doch vormachen darf man sich nichts, der Ausbau der Windenergie ist wichtig und auch nicht aufzuhalten.

Bislang existente Windparks sind nur in Einzelfällen ein ernsthaft störendes Hindernis

Damit müssen sich nicht zuletzt wir Segler arrangieren. Schon vor gut zehn Jahren wies der ehemalige Verbandspräsident der See- und Hafenlotsen, Gerald Immens, in der YACHT darauf hin, dass es „ganz schön eng auf dem Meer“ werde. Mancher tat das seinerzeit noch als Panikmache ab. Und tatsächlich, die allermeisten Crews, deren Heimatrevier die Nord- oder Ostsee ist, nehmen die bislang existenten Windparks nur in Einzelfällen als ernsthaft störendes Hindernis wahr: etwa auf dem Weg an den dänischen Inseln vorbei nach Südschweden. Oder von Rügen oder der Küste kommend hinüber nach Bornholm. Doch das sind Ausnahmen. Zum einen, weil sich die meisten Räder weit draußen auf See drehen und damit fern der Küstengewässer befinden. Vor allem aber, weil ihre bisherige Anzahl noch recht überschaubar ist.

Bislang nur wenige Windparks in Deutschland und Dänemark

In zu Deutschland zählenden Gewässern gibt es derzeit etwas mehr als 30 Windparks: zwei Dutzend auf der Nordsee, die anderen in der Ostsee. Und dort wiederum ausschließlich vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns, genauer nördlich des Darß und nördlich von Rügen. Zwischen Flensburg und Rostock hingegen stoßen Segler zwar ebenfalls auf teils sogar recht ausgedehnte Bereiche, die bisweilen oder permanent tabu sind. Dabei handelt es sich aber nicht um Windparks, sondern um die großen Übungsschießgebiete der Marine.

Ganz ähnlich das Bild in Dänemark und auch Schweden. Nur ein paar verstreute und zumeist kleinere Windparks finden sich in Belten und Sund beziehungsweise in Kattegat und Skagerrak oder vor Schwedens Ostküste. Noch weniger sind es an der Nordseeküste Dänemarks.

Windpark auf der Nordsee. Je nach Land und Betreibergesellschaft der Anlagen ist die Durchfahrt mal erlaubt, mal verbotenFoto: Nordsee One GmbH
Windpark auf der Nordsee. Je nach Land und Betreibergesellschaft der Anlagen ist die Durchfahrt mal erlaubt, mal verboten

Und so nehmen sich in den betreffenden Seekarten die mit Windrädern belegten Flächen entsprechend bescheiden aus. Zieht man nun aber all jene Gebiete mit ein, die in den nächsten Jahren ebenfalls mit Windparks und der zugehörigen Infrastruktur wie Umspann- und Speicherstationen bestückt werden sollen, wird klar: Mit der freien Fahrt in vielen bei hiesigen Seglern beliebten Bereichen der Nord- und Ostsee wird es bald vorbei sein. Die Karten weiter unten veranschaulichen das eindrücklich. Darauf ist zu sehen, welche Parks schon in Betrieb sind, wo gebaut wird und welche Flächen in Zukunft gleichfalls mit Windrädern bestückt werden können.

Ins Auge fallen dabei vor allem die vor der dänischen Nordseeküste ausgewiesenen Flächen. Es sind Areale gewaltigen Ausmaßes, auf denen nicht nur Windräder, sondern auch künstliche Inseln entstehen sollen, um sie mit riesigen Stromspeichern zu bestücken. Sozusagen als Puffer für überschüssige Energie, für die es erst später Bedarf gibt. Ein Törn von Helgoland rund Skagen führt in einigen Jahren dann wohl zwangsläufig mittendurch, entlang der für die Schifffahrt frei gelassenen Passagen.

Niederlande und Großbritannien als Vorreiter

Wer schon einmal von Deutschland aus an der niederländischen Küste entlang hinüber nach England gesegelt ist, hat vielleicht eine Ahnung davon, was uns diesbezüglich auch hierzulande erwartet. Dicht an dicht reihen sich insbesondere vor der Westküste der Insel die Windräder. An vielen kommt man kaum noch vorbei, will man nicht große Umwege in Kauf nehmen. Das Gute immerhin: In Großbritannien ist die Durchfahrt durch die Windparks grundsätzlich erlaubt. Sperrzonen bestehen nur in einem Radius von 50 Metern um die einzelnen Windräder. Und nur in wenigen Ausnahmefällen gibt es vorgeschriebene Korridore durch die Felder, von denen man nicht abweichen darf.

Ganz anders hingegen die Regelungen in Deutschland und seinen Nachbarländern. Aktuell verfährt jeder Staat höchst unterschiedlich – sowohl bei der Vergabe und Planung von Windparks als auch bei den Bestimmungen zur sicheren Navigation in den Offshore-Anlagen beziehungsweise außen um sie herum. Selbst innerhalb Deutschlands gibt es keine einheitlichen Lösungen. Diese sollten zwar schon vor einigen Jahren auf den Weg gebracht worden sein, bisher herrscht jedoch weiterhin Chaos. Die wichtigsten Infos zu den Befahrensregeln sind in den Karten jeweils zusammengefasst.

Doch selbst, wenn es erlaubt ist, mitten durch die Windräder zu kreuzen, stellt sich Seglern immer noch die Frage, wie gefährlich das unter Umständen ist. Bislang ist zwar noch kein Fall bekannt, in dem eine Yacht mit solch einer Anlage kollidiert wäre. Doch mit der absehbar gewaltig steigenden Anzahl der Windräder steigt auch das damit einhergehende Unfallrisiko.

Ist ein Windpark in Bau oder aber die Sicht schlecht – auf diesem Foto ist beides der Fall –, müssen Segler außen herumFoto: Stiftung Offshore-Windenergie
Ist ein Windpark in Bau oder aber die Sicht schlecht – auf diesem Foto ist beides der Fall –, müssen Segler außen herum

„Bei Starkwind, bei schlechter Sicht oder Dunkelheit, mit einem Kurs hoch am Wind oder bei hohem Verkehrsaufkommen sollten Segler besser einen Bogen um die Parks machen“, rät Stuart Carruthers. Der Brite ist Mitglied des nationalen Seglerverbands und hat sich jahrelang mit den Betreibern der Windanlagen auseinandergesetzt, um Einschränkungen für die Segler seines Landes zu verhindern. Das ist gelungen. Im englischen Segelmagazin „Yachting Monthly“ sagt Carruthers: „Durch einen Windpark vor der britischen Küste zu segeln ist absolut in Ordnung.“ Vorausgesetzt, das mitgeführte Kartenmaterial sei aktuell, das Boot nicht zu groß, sprich der Mast nicht zu hoch, und ein Funkgerät an Bord, um den Arbeitskanal des Parks abzuhören.

Gesonderte Regelungen für Windparks im Bau

„Besondere Vorsicht sollte man aber gegenüber Arbeitsbooten walten lassen, die häufig zwischen den Windrädern hin und her fahren. Diese haben zwar kein automatisches Wegerecht, und Sperrzonen um sie herum gibt es auch nicht. Aber sie sind oft sehr schnell unterwegs und vor allem bei diesigen Wetterverhältnissen erst spät zu sehen“, so der Experte. Auch würden sie bisweilen von den Bauwerken verdeckt und seien dadurch nicht immer so schnell zu erkennen wie ein Schiff auf freier See.

Bei schlechter Sicht sind Windparks Sperrzone

Um schlechte Sicht in einem Windpark braucht man sich in Deutschland gar nicht erst Gedanken zu machen. Werden bestimmte Sichtweiten witterungsbedingt unterschritten, tritt für die meisten Parks automatisch eine Sperrzonenregelung in Kraft. Dann gilt: Segler müssen draußen bleiben!

Das ist per se während der Bauphase eines Windparks der Fall – nicht nur bei uns, sondern auch in anderen Ländern. Sogar in Großbritannien. Mitunter ist es allerdings schwierig zu erkennen, ob ein neuer Park bereits fertiggestellt und schon in Betrieb ist oder nicht. Die entsprechenden Informationen über die mit dem Bau einhergehenden Sperrzonen werden jedoch von den nationalen maritimen Behörden verbreitet, hierzulande also in den „Nachrichten für Seefahrer“.

Der Wind wird durch die Windräder nicht beeinflusst

Eines hingegen können Segler immerhin getrost außer Acht lassen: Ab- oder gefährliche Fallwinde, unvorhersehbare Winddreher oder auch turbulente Strömungsverhältnisse auf der Wasseroberfläche, hervorgerufen durch die sich drehenden Rotorblätter, gibt es in den Windparks nicht. Der Grund dafür ist recht simpel: Die einzelnen Anlagen selbst sind in einem so großen Abstand zueinander aufgestellt, dass sie sich nicht gegenseitig beeinflussen. Ein Windrad allein aber vermag die herrschenden Windbedingungen nicht derart zu verändern, dass eine Segelyacht dadurch Probleme bekäme.

Sind in einem Park Korridore einzuhalten, ist wiederum Vorsicht geboten. Denn den nutzen dann alle, gegebenenfalls sogar die Berufsschifffahrt, die ansonsten außen vor bleibt. Es kann voll werden. Und eine Verkehrstrennung für die jeweiligen Fahrtrichtungen gibt es in der Regel nicht.

Windräder sind hilfreiche Peilmarken für die Navigation

Zum Schluss aber noch ein positiver Aspekt: Man kann den Windparks als Skipper Gutes abgewinnen. Schon 2014 gab ein Experte der Wasserstraßen- und Schifffahrtsdirektion in einem YACHT-Interview den Tipp, dass die weithin sichtbaren Räder als perfekte Peilmarken bei der terrestrischen Navigation taugen. Ist doch jedes einzelne exakt in der Seekarte verzeichnet.

Die wichtigsten Befahrensregeln für Windparks auf der Ostsee

Deutschland

Windparks sind Sperrgebiete: Durchfahrt verboten; Mindestabstand von 500 Metern. Ausgenommen sind die Parks EnBW Baltic 1 + 2, Wikinger und Arkona-Becken Südost (siehe Karte weiter unten). Für sie gilt:

  • Sie dürfen tagsüber von mit AIS ausgestatteten Schiffen bis 24 Meter Länge auf direktem Weg durchfahren werden.
  • Ankern zwischen oder Festmachen an den Anlagen ist verboten.
  • Die Sichtweite muss mindestens 1.000 Meter betragen.
  • Der Wind darf mit höchstens 6 Beaufort wehen.
  • Zu den einzelnen Windrädern muss ein Abstand von 150 Metern eingehalten werden, zu Plattformen mit Umspannstationen oder anderen technischen Einrichtungen 1.000 Meter.
  • Wird im Park gearbeitet oder findet Flugverkehr statt, gilt ebenfalls ein Mindestabstand von 1.000 Metern.
  • Die amtliche Seekarte Nr. 2660 muss an Bord sein.

Dänemark

Windparks dürfen grundsätzlich durchfahren werden. Lediglich in älteren Parks, in denen die Abstände zwischen den Windrädern enger sind als in neueren Parks, gilt explizit ein Ankerverbot. In neueren Parks ist das Ankern nur in eigens ausgewiesenen Sperrzonen zum Schutz dort verlaufender Seekabel verboten.

Generell gilt: Vor Törnbeginn aktuelle Informationen einholen, die von den maritimen Behörden der jeweiligen Länder verbreitet werden. In Deutschland sind das die „Nachrichten für Seefahrer“ des BSH. Unterwegs den Revierfunk abhören. Und: Die Befahrensregeln gelten nur für bereits in Betrieb befindliche Anlagen. Dort, wo neue Parks gebaut werden, sind stets Sperrzonen eingerichtet, die umfahren werden müssen.

   Die Windparks in der Ostsee im ÜberblickFoto: Yacht
Die Windparks in der Ostsee im Überblick

Die wichtigsten Befahrensregeln für Windparks auf der Nordsee

Deutschland

Windparks sind auch hier Sperrgebiete. Ausgenommen sind Nordsee Ost, Dan Tysk (vom 1. Mai bis 30. September jeden Jahres), Meerwind Südost und Butendiek. Die amtliche Seekarte Nr. 1370 muss an Bord sein. Ansonsten gelten dieselben Regeln wie auf der Ostsee.

Dänemark

Es gelten dieselben Regeln wie auf der Ostsee.

Niederlande

Die Windparks Luchterduinen, Egmond aan Zee und Prinses Amalia dürfen von Booten bis 24 Meter Länge durchfahren werden. In neuen Parks sind oder werden Korridore eingerichtet für Schiffe bis 46 Meter Länge. Für einige Parks gelten zudem Sonderregeln.

Die Windparks in der Nordsee im ÜberblickFoto: Yacht
Die Windparks in der Nordsee im Überblick

Großbritannien

Windparks dürfen durchfahren werden. Lediglich in einigen Parks sind Korridore für die Schifffahrt eingerichtet. Vor der britischen Nordseeküste befinden sich neben den Windparks zudem ausgedehnte Bereiche (in der Karte blau umrissen) mit unzähligen Öl- und Gasförderplattformen.

Die Windparks in der Nordsee im ÜberblickFoto: Yacht
Die Windparks in der Nordsee im Überblick

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