Antonia von Lamezan
· 10.04.2026
Weiße PKW-Trailer stehen an den Ufern von Strande und Kiel-Friedrichsort. An jedem Trailer ragt eine auffällige Antenne etwa zehn Meter in die Höhe. Diverse Sensoren sind auf dem Dach installiert. Was steckt dahinter?
Die Trailer sind Teil eines neuen mobilen Sensoriknetzwerks, das maritime Verkehrs- und Umweltdaten aufzeichnet. Mithilfe künstlicher Intelligenz fügt das System die Daten in Echtzeit zu einem Lagebild zusammen. Derzeit läuft die Testphase auf der Kieler Förde. Das System erfasst auch Daten privater Segel- und Motorboote.
Anlass zur Entwicklung des Systems bietet die hybride Kriegsführung auf der Ostsee. Meldungen zu hybriden Angriffen im Ostseeraum häufen sich: Sabotage kritischer Infrastruktur, Spionage durch Drohnen, Manipulation von Navigationsdaten. Ein frühzeitiges Erkennen von Angriffen gestaltet sich derzeit jedoch schwierig. Bestehende Überwachungssysteme arbeiten isoliert voneinander und Informationen werden nicht automatisiert kombiniert. Das soll sich jetzt ändern.
Seit Sommer 2025 forscht das Fraunhofer-Center für maritime Logistik und Dienstleistung an einer kombinierten Lösung, die mit KI arbeitet: „KIRMES“. Die Abkürzung steht für „KI-gestützte Resilienz maritimer kritischer Infrastruktur durch mobile Sensoriknetzwerke“. Dazu hat das Team um Forschungsleiter Maximilian Reimann vier mobile Sensoreinheiten gefertigt. Drei sind in PKW-Trailern verbaut und werden als sogenannte „Cells on Wheels“, Zellen auf Rädern, am Ufer aufgestellt.
Auf dem Wasser ergänzt das Forschungsschiff „Vektor“ das System, ein ehemaliges Polizeipatrouillenboot. Auf dem 13 Meter langen, robusten Stahlschiff sind Forschungsgeräte und Sensoren installiert. Es erhebt Daten in weiter vom Ufer entfernten Seegebieten. Zusammen erfassen die Einheiten eine große Bandbreite an Informationen, darunter GPS-Signale, Funkverkehr, AIS-Daten sowie Flugbewegungen.
Alle Rohdaten werden in einer Datenplattform gebündelt. Mehrere KI-Module extrahieren daraus Lageinformationen, unter anderem zur Erkennung von GNSS-Spoofing – also der Manipulation von Navigationsdaten. Die KI identifiziert auffällige Verkehrs- oder Verhaltensmuster und meldet mögliche Bedrohungen an die zuständigen Sicherheitsbehörden.
Ein besonderes Merkmal des „KIRMES“ Systems ist seine Flexibilität. Statt auf feste Installationen, setzt es auf mobile Einheiten. Diese lassen sich schnell an verschiedenen Orten aufstellen, je nach Bedarf - und ohne aufwändige Baugenehmigungsverfahren zu durchlaufen. Zudem lässt sich das System nach Bedarf um zusätzliche Sensorik oder Analysealgorithmen erweitern.
Derzeit haben die Messeinheiten, abhängig von den Wetterbedingungen, eine Reichweite von 15 bis 30 Seemeilen. Die Testphase findet auf der Kieler Förde statt, die sich als überschaubares Revier gut eignet. Durch das hohe Verkehrsaufkommen erhält die KI zahlreiche Daten, um effektiv zu trainieren. Segler und Motorbootfahrer müssen in dem beliebten Sportbootrevier davon ausgehen, dass auch ihre Bewegungen, Funksprüche und AIS-Informationen flächendeckend erfasst und ausgewertet werden. Was mit diesen Daten geschieht, ist ungeklärt.
Auch andere Branchen könnten vom „KIRMES“-System profitieren. Logistikunternehmen könnten die Daten nutzen, um den Schiffsverkehr effizienter zu steuern und dadurch kostspielige Verzögerungen zu vermeiden. Ebenso könnten Betreiber von Offshore-Windparks, Unterseekabeln und Pipelines das System einsetzen, um ihre kritische Infrastruktur nicht nur vor physischen Schäden, sondern auch vor Cyber-Angriffen zu schützen. Darüber hinaus würden Forschungseinrichtungen von Echtzeit-Datensätzen profitieren, etwa für die Klimaforschung, den Umweltschutz und Logistikanalysen.
Für Sportbootfahrer soll der Einsatz von „KIRMES“ die Sicherheit auf dem Wasser verbessern. Gefährliche Situationen, etwa wenn ein Schiff der Schattenflotte seine GPS-Daten manipuliert, könnten mit dem System frühzeitig erkannt und rechtzeitig entschärft werden.
Die Testphase des KI-Systems „KIRMES“ soll bis Ende 2026 abgeschlossen sein. Anschließend könnte das System regulär in Betrieb genommen werden.

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