SeemannschaftBesser Ankern – Tipps und Tricks für alle Fälle

Lars Bolle

, Felix Keßler

 · 03.06.2020

Seemannschaft: Besser Ankern – Tipps und Tricks für alle FälleFoto: Michael Amme

Sommer bedeutet meist: volle Buchten, wenig Platz. Wer den Raum optimal zu nutzen weiß, erspart sich Stress und Ärger – auch in speziellen Situationen

Besonders im Sommer kennt wohl jeder Skipper diesen unschönen Moment: Man hat sich eine Bucht für den Bade- oder Abendstopp ausgesucht, kommt voller Vorfreude und Spannung um die Ecke motort – und dann liegen dort schon zig Yachten. Ein erster Blick zeigt: Es wird richtig eng, wenn man bleiben will, aber die nächste Bucht ist Meilen entfernt. Oder ein bestimmtes Re­staurant, vielleicht eine Sehenswürdigkeit lockt, und die Crew will unbedingt bleiben.

Wenn es sehr voll ist, gilt es, sich vor Augen zu führen, wie die anderen Schiffe und ihre Geschirre liegen. Nicht immer verlaufen Anker und Ketten der Nachbarn auch in deren Bugrichtung, etwa wenn der Wind nur schwach ist oder gedreht hat und sich die Ketten noch nicht ausgerichtet haben. Versuchen Sie, möglichst viel zu erkennen, auch wenn das bei trüberem, tieferem oder beweg­tem Wasser schwierig ist.

  In diesem Spezial: 1. Das Anker-V; 2. Heckanker, 3. Landleinen; 4. Reitgewicht; 5. Ankerpack Foto: YACHT
In diesem Spezial: 1. Das Anker-V; 2. Heckanker, 3. Landleinen; 4. Reitgewicht; 5. Ankerpack 

Zudem sollte sich der Skipper darüber klar sein, was im Laufe der Nacht zu erwarten ist: Sind Winddreher vorhergesagt? Oder ist ein Wechsel von Land- zu Seebrise wahrscheinlich? Ist mit Fallböen zu rechnen? Genauso wichtig sind natürlich angekündigte Wetterwechsel mit Winddrehern. Auch den Schwell, den solche Änderungen mitbringen, sollte man berücksichtigen, besonders wenn die Bucht relativ offen ist und nur bei wenigen Windrichtungen Schutz bietet.

Sind all diese Sondierungen gründlich erfolgt, gilt es, unter den möglichen Manövern das Richtige zu finden. Im Sinne der guten Seemannschaft also das, was bei den vorherrschenden Bedingungen größtmögliche Sicherheit, bei gleichzeitig geringstmöglicher Annäherung an andere Yachten verspricht. Fünf Manöver-Varianten und ihre Vor- und Nachteile.

Das Anker-V

Der nach vorn ausgebrachte Zweitanker verschmälert den Schwoikreis deutlich (rot gestrichelte Linie) und verringert generell stark die Bewegung der Yacht. Die Haltekraft steigt enorm. Dieses Verfahren ist also auch gut für Starkwind geeignet, wenn man dem Halt des Hauptankers nicht mehr ganz traut. Je mehr sich der Winkel zwischen beiden Geschirren 90 Grad nähert, umso kleiner der Schwoikreis. Die Yacht dreht sich sehr eng um den Bug, fährt nicht mehr so hin und her, wie sonst bei hochbordigen Schiffen oft der Fall. Nachteil ist, dass man bei eventuellen Problemen nachts zwei Geschirre bergen muss und andere Crews die Technik mit zwei Ankern nicht immer bemerken.

  Mit Zweitanker wird der Schwoikreis deutlich kleiner (rote Linie)Foto: YACHT
Mit Zweitanker wird der Schwoikreis deutlich kleiner (rote Linie)

Die Durchführung

  Erst normal Ankern, dann den Zweitanker versetzt auf gleicher Höhe ausbringenFoto: YACHT
Erst normal Ankern, dann den Zweitanker versetzt auf gleicher Höhe ausbringen
  1. Es wird ein ganz normales Manöver mit dem Buganker gefahren und ausreichend Kette gesteckt.Jetzt kann man das Manöver mit Dingi oder Maschine fahren. Unter Maschine: ganz leicht in Richtung Kette motoren. Dann schräg abbiegen und langsam fahren, bis der Anker etwa querab auf der gleichen Höhe wie das Boot liegt. Wichtig: darauf achten, dass nicht viel Zug auf die Kette kommt, sonst kann der Anker-Bugbeschlag verbiegen oder der erste Anker ausbrechen!
  2. Mit dem Dingi: Anker plus Kettenvorläufer und Tau zum gewünschten Ort rudern. Anker auf den Boden fieren, Kette langsam hinterher, aber nicht auf den Anker fallen lassen! Vorläufer auf den Grund; gegen die Kette gelingt es kaum anzurudern. Nun gegen das Seil zum Boot rudern oder zuvor per dünner Sorgleine die Yacht mit dem Ankertau verbinden, die schon beim Ausrudern lose mitläuft.
  3. Ist die Position erreicht, Anker fallen lassen und Yacht vom Wind nach Lee drücken lassen. Genauso viel Kette und Tau stecken wie beim anderen Anker. Leicht mit Maschine eingraben.

Heckanker

  Selten genutzte Option: der Heckanker hält das Boot auf LinieFoto: YACHT
Selten genutzte Option: der Heckanker hält das Boot auf Linie

Gut für schmale Lücken oder wenn der Wind dreht. Die Yacht wird zwischen zwei gleich weit entfernte Bug- und Heckanker gelegt. Das Boot dreht später fast nur um den Bug. Ablauf: ent­weder erst den Bug­anker ausbringen und dann doppelt so weit wie nötig Kette fieren. Heckanker setzen und dann die Hälfte der Kette wieder einholen. Heckleine zum Schluss nicht mehr fieren, damit die Winsch den Heckanker in den Grund zieht. Alternativ erst den Heckanker setzen, während der Bug im Wind steht. Dann vorwärts motoren bis zum gewünschten Ort des Bugankers und dort ankern. Beide Anker durchsetzen.

Landleinen

Der Königsweg, weil die sicherste Lösung, enge Lücken zu nutzen. Die Yacht liegt vor Buganker und wird möglichst mit zwei Leinen an Land befestigt – man ist gegen Winddreher geschützt, liegt absolut ruhig und kann sehr nah an Felsen, Flachs oder ebenfalls so festgemachte Nachbarn heran. Kommt Starkwind auf, und der
Anker slippt, kann man sogar in die Heckleinen eindampfen!

  Mit zwei Landleinen können auch kleinste Buchten genutzt werdenFoto: YACHT
Mit zwei Landleinen können auch kleinste Buchten genutzt werden

Zur Not tut es oft auch eine Leine – aber genug Raum einplanen, falls der Wind dreht, da dann der Leinendurchhang größer ist! Das ist auch für die Nachbarlieger wichtig: Hängen deren Landleinen schlaff im Wasser, werden sie bei Wind noch weit herübergedrückt. Deshalb Landleinen ausreichend durchsetzen.

So gelingt das Manöver:

1. Leinen komplett ins Dingi, die Yacht kreist noch in der Bucht. An Land rudern und dort...
Foto: YACHT/B. Scheurer

Beim Ausbringen einer Landleine sieht man häufig den Fehler, dass Crews erst ankern und dann versuchen, Leinen, die am Heck der Yacht befestigt sind, auszurudern. Dabei vertreibt die Yacht oft seitlich auf Untiefen oder Nachbarlieger, oder der Dingi-Mann kommt nicht mehr gegen das Gewicht des Seils im Wasser an. Mögliche Folge: Das Manöver wird ab­gebrochen.

Reitgewicht

  Der rote Kreis zeigt, wie sehr sich der Schwoikreis durch das Reitgewicht verringern kannFoto: YACHT
Der rote Kreis zeigt, wie sehr sich der Schwoikreis durch das Reitgewicht verringern kann

Ein unterschätztes, aber ungemein simples Manöver hilft bei moderatem Wind, den Schwoikreis der Yacht deutlich zu verringern. Wird ein Reitgewicht, etwa der Zweitanker oder ein festgebändselter Stein, direkt an die Kette geschäkelt (plus Trippleine, siehe Foto), schwoit die Yacht um den Punkt, an dem das Gewicht auf dem Grund liegt. Das funktioniert bei wenig Wind sehr gut.

Zudem ist der Zug­winkel des Eisens sehr flach, bei viel Wind ein exzellenter Schutz vor dem Ausbrechen.
Achtung: Brist es auf, kann die Kette so stark angehoben werden, dass das Reit­gewicht nutzlos ist. Insofern erfordert die Lösung Umsicht des Skippers bei Wetteränderungen.

Ankerpack

Besonders bei Badestopps im Hochsommer ist diese Art des Festmachens bei Crews beliebt, die mit befreundeten Seglern auf anderen Yachten unterwegs sind und eine enge Bucht nutzen wollen. Häufig sieht man dieses Manöver auch bei Flottillen. Es ist allerdings eher für einen kurzen Ankerstopp in ruhigen Bedingungen geeignet, da relativ schwellempfindlich.

Das größte Risiko ist das Verhaken der Salinge der Yachten, möglicherweise mit Riggschäden als Folge.
Um dem vorzubeugen, ist es ungemein wichtig, dass die Yachten so weit versetzt zueinander liegen, dass die Salinge weit genug getrennt sind. Am besten Buchten auswählen, die sehr gut schwellgeschützt sind! Leichter geht dies, wenn die Schiffe unterschiedlich groß sind. Der Schwoikreis ist dann nur wenig größer als der einer einzelnen Yacht. Ideal ist es natürlich, wenn dieses Päckchen mit Landleinen gesichert ist. Auch ein Heckanker kann noch ausgebracht werden.

  Beliebt bei Flottillen: Im Paket ankern. Deutlich entspannter liegt es sich dabei mit HeckleinenFoto: Sunsail
Beliebt bei Flottillen: Im Paket ankern. Deutlich entspannter liegt es sich dabei mit Heckleinen

So gelingt das Manöver
Erst bringt die Crew des einen Schiffs den Anker und alle Fender zur Seite aus, bevor der Nachbar das gleiche Manöver parallel fährt. Anschließend Vor- und Achterleinen sowie die entsprechenden Springs ausbringen. Wichtig ist, dass beide Schiffe möglichst gleich viel Kette in dieselbe Richtung ausbringen.

Foto: YACHT

Sind Zugwinkel und Kettenlänge sehr unterschiedlich, kann das eine Eisen ausbrechen. Hängen dann beide Schiffe an nur einem Anker, ist dessen Ausreißen nur eine Frage der Zeit. Die Bucht sollte also geschützt und der Wind nicht zu stark sein.

Vier spezielle Methoden

Besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen, um ruhig und sicher liegen zu können. Hinweise in der Seekarte wie steiniger Grund, rasant abfallende Wassertiefen oder ausgedehnte Flachs sind nicht zwangsläufig ein Grund, vom Ankern abzusehen. Sonst wären beispielsweise Teile der Schären oder weite Gebiete der Türkei bei Seglern nahezu unbekannt.

Einige spezielle Techniken erlauben auch dort das ruhige Liegen, wo keine seichte, sandige Bucht vorhanden ist. Da es jedoch bei Wet­teränderungen wegen der Landnähe schneller zu gefährlichen Situationen kommen kann, sollte wie immer bei entsprechenden Bedingungen eine An­kerwache eingeteilt werden. Ein weiteres Spezialmanöver ist das Ausbringen des Ankers einhand. Wer das einmal in perfekter Ausführung beobachtet hat, wird ein wenig seemännischen Neid nicht unterdrücken können.

Landleinen

Foto: YACHT

1. Buganker ausbringen

Eine Methode für steil abfallenden Grund, wie häufig in der Türkei. Der An­ker wird auf einer Tiefe ausgebracht, die gerade noch mit der Geschirrlänge ver­einbar ist. Der Anker hält oft sehr gut, denn er wird in günstigem Winkel "berg­auf" gezogen. Dreht die Yacht jedoch, wie immer bei ablandigem Wind, in den Tiefbereich, bricht der Anker schnell aus.

2. Landleinen ausbringen

Um das zu vermeiden, werden Landleinen ausgebracht, die das Herumdrehen und Schwoien sowie das Ankergeschirr unter Zug halten. Die Landleinen können ent­weder von der Yacht aus per Dingi oder schwimmend ausgebracht werden. Leichter ist es jedoch, zunächst mit dem Dingi an Land zu fahren, dort die Leine zu befestigen und mit ihr im Dingi zur Yacht zurückzukehren.


Schären

Foto: YACHT

1. Buganker ausbringen

Eine Methode für steil abfallenden Grund, wie häufig in der Türkei. Der An­ker wird auf einer Tiefe ausgebracht, die gerade noch mit der Geschirrlänge ver­einbar ist. Der Anker hält oft sehr gut, denn er wird in günstigem Winkel "berg­auf" gezogen. Dreht die Yacht jedoch, wie immer bei ablandigem Wind, in den Tiefbereich, bricht der Anker schnell aus.

2. Landleinen ausbringen

Um das zu vermeiden, werden Landleinen ausgebracht, die das Herumdrehen und Schwoien sowie das Ankergeschirr unter Zug halten. Die Landleinen können ent­weder von der Yacht aus per Dingi oder schwimmend ausgebracht werden. Leichter ist es jedoch, zunächst mit dem Dingi an Land zu fahren, dort die Leine zu befestigen und mit ihr im Dingi zur Yacht zurückzukehren.


Heckanker

1. Buganker ausbringen

Manchmal fällt ein langer, seich­ter Strand abrupt auf größere Tiefe ab – kein idealer Anker­platz. Wer aber dennoch bleiben möchte, und sei es nur zum Ba­den, benötigt einen Heckanker statt einer Landleine. Der Bug­anker wird im tiefen Bereich aus­ gebracht und hält sehr gut, da er "bergauf" zieht.

2. Heckanker ausbringen

Der Heckanker kann mit der Yacht oder dem Dingi aus­ gebracht werden und verhin­dert, dass die Yacht in den Tief­ bereich driftet. Wird der zweite Anker sehr weit ins Flache ge­bracht, muss er manchmal per Hand ausgegraben werden.


Einhand

1. Anker über das Heck fallen lassen

Ein eleganter Schwung, den nicht nur Einhandsegler beherrschen sollten. Der Anker sollte nicht bei kompletter Kette gefahren werden, da dabei die Gefahr besteht, den Rumpf zu zerkratzen. Der Kettenvorläufer sollte am Heck in einem Eimer gestaut werden. Das Ende der Trosse wird am Bug belegt und außenbords zum Heck geführt. Der Steuermann lässt den Anker am Heck fallen und fiert Vorläufer und Trosse.

2. Anker eingraben

Ist das Geschirr lang genug, belegt man die Trosse am Heck und wartet, bis der Winddruck den Anker eingegraben hat. Man kann mit der Maschine nachhelfen und hat dabei, da das Ruderblatt vom Propeller angeströmt wird, sehr gute Kontrolle über die Yacht.

3. Drehen

Die Trosse am Heck wird gelöst, dieses schwingt herum, die Yacht hängt nun mit dem Bug im Wind.

Downloads:

Meistgelesene Artikel