Martin Hager
· 10.04.2026
YACHT: Timm, du hast gerade den Yachtmaster Offshore auf Malta gemacht. Warum ausgerechnet jetzt?
Timm Kruse: Ich habe immer noch keinen großen hohen Schein. Ich bin viel in Frankreich gesegelt und habe enge Beziehungen dorthin. Mir laufen da immer wieder potenzielle Jobs über den Weg, aber die Franzosen haben vor ein paar Jahren ihre Gesetze geändert und nehmen nur noch Leute mit halbwegs professionellen Scheinen mit. Also dachte ich, ich mache jetzt den RYA Offshore – und dann habe ich herausgefunden, dass die Franzosen den doch nicht anerkennen. Eigentlich war also alles umsonst. (lacht)
Was für Scheine hattest du denn bisher?
Verschiedene, am Ende den SBF See. Aber das ist alles über 30 Jahre her. Ich habe irgendwann gedacht, ich müsste mal höher gehen. Eigentlich muss man das ja auch nicht. Ich bin wahnsinnig viel gesegelt – von Frankreich nach Tahiti, dreimal über den Atlantik, habe selbst zwei Jahre auf dem Boot gelebt. Viele Meilen gesammelt. Und jetzt habe ich den größten Schein, den man als Amateur machen kann, den man aber auch professionell einsetzen kann – und der außer ausgerechnet in Frankreich auf der ganzen Welt anerkannt ist.
Möchtest du ihn denn gewerblich nutzen?
Ich arbeite ja jetzt schon oft als Skipper, allerdings umsonst. Bei Soul Sailing zum Beispiel, die nehmen immer Skipper mit, die das ehrenamtlich machen. Aber es wäre schon schön, wenn ich dafür auch mal Geld bekommen würde, weil es doch immer ganz schöner Stress ist. Und ich bin freiberuflich, brauche so viele Standbeine wie möglich in dieser schwierigen Welt.
Warum Malta und nicht England wie viele andere?
Ich wurde quasi von Leon Schulz schanghait , der eine Hallberg-Rassy in Spanien liegen hat und viele Ausbildungstörns macht. Er macht unter anderem die Theorie für den RYA. Der hat gesagt: "Ein Typ wie du braucht diesen Schein." Und dann bin ich nach Malta, habe eine Woche Theorie gemacht bei Leon – das war wirklich unglaublich anspruchsvoll.
Was war so schwierig?
Ich bin vom Gehirn her eher ein Sprachentyp, kein Mathetyp. Diese ganzen Vektorrechnungen, Tiden, wann komme ich unter welcher Brücke durch – absolut grenzwertig für mich. Ich muss ehrlich sagen, ich habe mich durch diese theoretische Prüfung durchgemogelt und hätte sie nur knapp bestanden, wenn ich nicht ein bisschen bei meinem Nachbarn hätte abgucken können.
Was sind denn die Voraussetzungen für den Yachtmaster Offshore?
Du brauchst 50 Tage auf See, 2.500 Seemeilen – das ist schon eine Atlantiküberquerung. Dann fünf Passagen über 60 Seemeilen, davon zwei über Nacht und zwei als Skipper. Plus fünf Tage als Skipper auf Booten unter 24 Metern. Dazu verschiedene Zertifikate: Funkzeugnis, Erste-Hilfe-Kurs. Das alles musst du einreichen, dann lässt dich die RYA zur Prüfung zu. Deutsche Scheine sind denen übrigens völlig egal. Die wollen nur sehen, dass du vernünftig segeln kannst und dass man dir Tag und Nacht ein Boot in die Hand drücken kann.
Wie lief die Vorbereitung ab?
Nach drei Tagen Pause auf Malta sind wir auf eine 46-Fuß Bavaria. Wir waren zu dritt – mein Kumpel Lukas, ein Öltanker-Kapitän übrigens, ein Schweizer und ich. Wir hatten einen Drill-Instructor, einen Engländer aus der Army. Der hat uns eine Woche echt durchgepeitscht. Das war hart, wirklich fünf knallharte Tage mit krassesten Manövern. Ich habe wahnsinnig viel dazugelernt, aber ich war auch richtig erschöpft. Eines Morgens kam mir der Schweizer entgegen und meinte: "I'm exhausted." Und so fühlte ich mich auch.
Die Prüfung läuft komplett auf Englisch, richtig?
Ja, alles – Theorie, Praxis. Du musst alle Begriffe drauf haben: Halsen, Wenden, alles im richtigen Wording. Das ist schon anspruchsvoll. Freitagnachmittag kam dann der Prüfer aus England eingeflogen. Kurze Sicherheitseinweisung, damit er sieht, wie wir Englisch sprechen, ob wir das Boot kennen. Dann abends raus, Nachttörn mit verschiedenen Manövern. Er hat uns Punkte in der Karte eingezeichnet, die wir finden sollten – nur mit Echolot und Augen, keine Instrumente. Wir sind in den Grand Harbour von Malta reingefahren, haben uns an der 20-Meter-Linie orientiert, mit Handkompass verschiedene Tonnen angepeilt. Zurück waren wir kurz vor Mitternacht, paar Stunden Schlaf, und am nächsten Morgen um halb neun ging's weiter.
Gab es Manöver, die du neu gelernt hast?
Ja, ein Mann-über-Bord-Manöver, das ich nicht kannte: Fill and Spill. Du wirfst den Fender über Bord, fährst mit halb achterlichem Wind weg, machst eine Wende, lässt das Großsegel flattern und segelst damit zurück zum Fender. Jemand sitzt im Niedergang, hält die Großschot, holt immer wieder ran und lässt fallen – Spill and Fill. Du näherst dich langsam dem Fender, musst aber genau den richtigen Winkel zum Wind haben. Wenn man die Erfahrung hat, ist das eine super Methode.
Und dann das “Lasso” – das kannte ich auch nicht. Du belegst eine Leine auf der Bugklampe, legst sie übers Schiff auf die Winsch an Steuerbord. Beim Anlegen stoppst du am Poller, wirfst die Leine wie ein Lasso über den Poller, holst dich fest über die Winsch – und bist sicher. Dann kannst du in Ruhe Vorder- und Achterleine festmachen. Das hätte mir im Mittelmeer beim Einhandsegeln wirklich geholfen.
Hat dich das alles gestresst trotz deiner Erfahrung?
Total! Ich bin wirklich kein Prüfungstyp. Ich dachte, mit Mitte 50 kriege ich das besser hin als früher – aber nein. Ich bin ein Nervenbündel, ein Wrack bei Prüfungen. Richtig mit Blackouts. Vor einem schwierigen Anlegemanöver war ich zitterig, wusste plötzlich nicht mehr: Ruder nach Backbord oder Steuerbord? Das hat mich extrem gestresst. Ich war einfach nur glücklich, als es vorbei war und ich bestanden hatte. Wir machen diesen Podcast übrigens nur, weil ich bestanden habe – sonst hätte ich niemandem erzählt, dass ich gescheitert bin.
Gab es kritische Momente in der Prüfung?
Oh ja! Wir hatten eine Bavaria 46, bei der das Rollgroßsegel ständig klemmte. Wir haben draußen eine Dreiviertelstunde gebraucht, um das Segel rauszukriegen. Und dann: Ich kurbel vorne am Mast rum, der rote Auslösefaden meiner Rettungsweste verfängt sich in der Kurbel – und meine Weste geht auf. Ich hatte das noch nie ausprobiert. Wenn so ein Ding dir den Hals abschnürt, ist das echt krass. Ich dachte: "Scheiße, jetzt bin ich durchgefallen." Aber der Prüfer kam hoch, meinte: "Shit happens, genau das wollte ich sehen. Wie geht ihr damit um?" Wir sind mit einem Lächeln damit umgegangen, und er sagte: "Mit euch ist es gut an Bord, ihr seid eine gute Crew."
Was ist dein wichtigster Tipp für alle, die den Yachtmaster noch vor sich haben?
Die wollen dich durchbringen, nicht scheitern lassen. Das ist eine ganz andere Herangehensweise, als ich sie aus Deutschland kenne. Der Prüfer sagte uns: "Ich will euch durchbringen. Macht Mann-über-Bord-Manöver, aber habt Spaß dabei." Du musst aber dennoch performen, menschlich und fachlich. Und: Einfach machen! Locker rangehen. Die Frage "machen oder nicht machen" hat bei mir im Leben immer die Antwort "machen". Wer Bock drauf hat, macht's. Und Royal Yachtmaster klingt ja auch nach was – fürs Ego super, und du hast echt was in der Tasche.
Wie viel Zeit muss man einplanen und was kostet der Yachtmaster Offshore?
Mit allem Drum und Dran hat mich der Schein rund 5.000 Euro gekostet. Ich hab's in knapp zwei Wochen durchgebolzt: eine Woche Theorie, drei Tage Pause, fünf Tage Praxis plus Prüfung. Vorausgesetzt natürlich, du hast die Seemeilen schon. Wenn du die erst sammeln musst, brauchst du mindestens ein Jahr und es wird teurer. Aber wenn alles passt: zwei Wochen, hart, aber machbar.
Das Interview gibt’s auch als Podcast, alle Infos HIER.
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Chefredakteur YACHT und BOOTE Exclusiv