Ankern

Ratgeber: Besser ankern Folge 2: 6 Tipps für den idealen Ankerplatz

Hauke Schmidt

 · 21.07.2022

Ratgeber: Besser ankern Folge 2: 6 Tipps für den idealen AnkerplatzFoto: YACHT/U. Meer

Küstenverlauf, Meeresboden und Uferbeschaffenheit bestimmen, ob ein Ankerplatz auch zum längeren Aufenthalt geeignet ist. Vieles davon lässt sich der Seekarte entnehmen

Einsame Bucht statt überfüllte Marina – oder einfach mal vor dem Strand liegen bleiben und die Abendstimmung genießen? Ankern ist mehr als eine kostenlose Übernachtungsmöglichkeit. Wer sich aus der Flotte der Hafenpendler löst, kann viel Neues entdecken. Und das direkt vor der Haustür – oder besser gesagt: neben der eigenen Hafenmole. Der Weg führt dabei nicht selten über den Herdentrieb, eine vor der Küste ankernde Yacht zieht anscheinend andere Segler an. Häufig fällt die Entscheidung fürs Grundeisen dabei spontan: „Schau mal, die liegen da aber schön. Das könnten wir doch auch mal machen.“ Dabei lässt sich selbst ohne Leityacht oder Revierführer manches Kleinod erkennen – ein aufmerksamer Blick in die Seekarte reicht.

Damit das Abenteuer Ankern eine positive Erfahrung bleibt, gilt es, ein paar Grundsätze zu beachten.

Schutz vor Wind & See

Die wichtigste Regel lautet: Geankert wird immer nur in Lee der Küste, nie in Luv und auch nicht mit küstenparallelem Wind. Daraus ergibt sich die Frage: Passt der potenzielle Liegeplatz zur Windrichtung? Dabei geht es nicht nur um die aktuellen Bedingungen, sondern auch um die für den geplanten Ankerzeitraum vorhergesagte Wetterentwicklung. Eine aktuelle Prognose ist insofern obligatorisch.

  Die Wellenfronten werden im Flachwasser gebeugt und folgen der Küste. Sie laufen quer in die Bucht, die Yacht wird rollen. Eine sehr seichte Landzunge oder gleichmäßig tiefes Wasser mindern das ProblemFoto: YACHT
Die Wellenfronten werden im Flachwasser gebeugt und folgen der Küste. Sie laufen quer in die Bucht, die Yacht wird rollen. Eine sehr seichte Landzunge oder gleichmäßig tiefes Wasser mindern das Problem

Der nächste Blick gilt der Küstenkontur. Bei stabiler Windrichtung kann im Prinzip hinter jeder Küste geankert werden. Einbuchtungen bieten aber mehr Schutz bei Winddrehern und wirken gemütlicher. Je stärker Wind und Welle sind, desto wichtiger wird die Form der Bucht und wie die Tiefenlinien verlaufen.

Wenn die Küste keine Buchten bietet, sollte die Windrichtung möglichst genau ablandig sein. Erfahrungsgemäß beginnt es je nach Windstärke unruhig zu werden, wenn die Brise mehr als 30 Grad davon abweicht, da der Seegang anfängt, an der Küste entlangzulaufen.

  Auch kleine symmetrische Inseln bieten wenig Schutz vor Schwell. Die Wellen werden an der Küste auf beiden Seiten gebeugt und treffen sich im vermeintlichen Lee als recht unangenehme KreuzseenFoto: YACHT
Auch kleine symmetrische Inseln bieten wenig Schutz vor Schwell. Die Wellen werden an der Küste auf beiden Seiten gebeugt und treffen sich im vermeintlichen Lee als recht unangenehme Kreuzseen

Dabei auch gleich ein Auge auf in der Seekarte verzeichnete Rohrleitungen oder Unterwasserkabel werfen. Zu solchen Bauwerken sollte ein Sicherheitsabstand von 300 Metern eingehalten werden. Gleiches gilt für Kabeltonnen oder Ankerverbotszonen. Dass Fahrwasser und Hafenzufahrten nicht als Liegeplatz geeignet sind, versteht sich von selbst. Vor allem in engen Revieren relevant: Richt- oder Sektorenfeuer dürfen nicht verdeckt werden.

In Naturschutzgebieten, Nationalparks oder Biosphärenreservaten gelten zum Teil sehr restriktive Befahrensregelungen, die das Ankern stark einschränken oder zumindest den Landgang per Beiboot verbieten. Hinweise zu solchen Regeln sind ebenfalls in der Seekarte zu finden.

Passende Wassertiefe

Ist klar, welche Küste Lee bietet, kommt die Wassertiefe ins Spiel. Es gilt, einen zum Tiefgang der Yacht passenden Kompromiss zu finden. Da das Ankergeschirr je nach Wasser­tiefe unterschiedlich viel Energie aufnehmen kann, spielen die Wetterbedingungen auch eine Rolle. Dieser Aspekt wird aber erst bei starkem Wind oder sehr viel Schwell bedeutsam, deshalb beschränken wir uns auf den Tiefgang.

  Trügerischer Schutz. Bei ablandigem Wind entspricht die Ausdehnung der Flautenzone etwa der zehn­fachen Höhe der Küste. In der Praxis stimmt das nicht ganz, besonders in Lee von unbewaldeten Steilküsten kann es zu starken Verwirbelungen und Fallböen kommen. Dadurch wird das Ankern unkomfortabelFoto: YACHT
Trügerischer Schutz. Bei ablandigem Wind entspricht die Ausdehnung der Flautenzone etwa der zehn­fachen Höhe der Küste. In der Praxis stimmt das nicht ganz, besonders in Lee von unbewaldeten Steilküsten kann es zu starken Verwirbelungen und Fallböen kommen. Dadurch wird das Ankern unkomfortabel

Für die meisten Yachten sind Wassertiefen zwischen drei und fünf Metern ideal. Größere Tiefen erfordern mehr Kette oder Leine. Wesentlich weniger als ein Meter Abstand zwischen Kiel und Meeresgrund sollten es aber nicht werden, schließlich muss auch mit Welle und beim Schwoien genügend Wasser unter der Flosse bleiben. Dabei darf ein unvermittelt auftretender Winddreher, beispielsweise durch sich über Land ablösende Thermik, nicht zum Auflaufen führen. Gerade bei sehr schwachem Wind kann kaum ausgeschlossen werden, dass das Boot kurzfristig in Richtung Land und damit ins Flache schwoit. Je dichter die benötigte Tiefe unter Land liegt, desto besser ist der Platz gegen Wind geschützt. Ein ausgeprägter Flachwasserstreifen erfordert einen entsprechend größeren Abstand zum Ufer; dort wird es bei frischem Wind also früher ungemütlich.

Neben der absoluten Tiefe ist die Steigung des Bodens ein Auswahlkriterium; je ebener der Grund, desto besser fürs Ankern. Auf steil abfallendem Boden findet das Eisen nur schwer Halt und bricht leicht aus. Die Tiefenlinien sollten also nicht zu eng beieinanderliegen.

Wenn die Wassertiefe keinen kompletten Schwoikreis zulässt, kann ein zweiter am Heck ausgebrachter Anker helfen. Da er im tieferen Wasser liegt, muss entsprechend mehr Kette beziehungsweise Leine gesteckt werden.

Gute Ankergründe

Stichwort Boden: Nicht alle Untergründe sind gleich gut geeignet. Sand ist ideal, der Anker fasst meist im ersten Versuch und entwickelt die maximale Haltekraft. Starker Seegrasbewuchs erfordert mehr Aufmerksamkeit. Unter dem Unterseerasen verbirgt sich meist gut haltender Sand, das Eingraben gelingt aber nicht jedem Grundeisen. Außerdem sind Seegrasfelder wichtige Lebensräume, die durch den Anker in Mitleidenschaft gezogen werden. Daher sollte man sie meiden und versuchen, das Grundeisen über einem unbewachsenen Sandfleck zu fieren.

  Ein genauer Blick in die Seekarte hilft, Überraschungen zu vermeiden. Mit etwas Glück ist die Bodenart in der fraglichen Bucht angegeben. Ähnlich sieht es mit der Uferbeschaffenheit aus. Steilküsten oder Waldgebiete sind in der Regel ebenfalls verzeichnet. Für amtliches Kartenmaterial regelt die inter­national gültige Karte 1, wie die Symbole und Abkürzungen aussehen. Bei Sportbootkarten kann die Kennzeichnung abweichen, wird dann aber in der Regel in einem Begleitheft erläutert. Zusätzlich sollte nach Ankerverboten, Naturschutzgebieten, Kabeln und Rohrleitungen Ausschau gehalten werden.Foto: Hauke Schmidt
Ein genauer Blick in die Seekarte hilft, Überraschungen zu vermeiden. Mit etwas Glück ist die Bodenart in der fraglichen Bucht angegeben. Ähnlich sieht es mit der Uferbeschaffenheit aus. Steilküsten oder Waldgebiete sind in der Regel ebenfalls verzeichnet. Für amtliches Kartenmaterial regelt die inter­national gültige Karte 1, wie die Symbole und Abkürzungen aussehen. Bei Sportbootkarten kann die Kennzeichnung abweichen, wird dann aber in der Regel in einem Begleitheft erläutert. Zusätzlich sollte nach Ankerverboten, Naturschutzgebieten, Kabeln und Rohrleitungen Ausschau gehalten werden.

Schlick, Ton oder steiniger Grund sind durchweg schwierig, da der Anker schlecht fasst und auch nicht die volle Haltekraft entwickelt. Besonders tückisch sind Ton und Lehm, da der Anker, so er einmal gefasst hat, scheinbar sehr gut hält. Bei Überlast jedoch löst sich das Geschirr mit einer ganzen Scholle vom Boden. Der Ton klebt in der Regel fest am Anker und verhindert, dass er sich wieder eingraben kann. Daher sollte auf Ton- und Schlickböden im Zweifel ein zweiter Anker gesetzt werden, um die Last zu verteilen.

  Seegras. Statt sich einzugraben, rutscht das Grundeisen über den Boden und mäht den Bewuchs abFoto: YACHT/K. Andrews
Seegras. Statt sich einzugraben, rutscht das Grundeisen über den Boden und mäht den Bewuchs ab
  Typisch Ton. Der Anker hält gut, aber der Boden gibt nach. Er bricht in ganzen Schollen ausFoto: Andrews, Klaus
Typisch Ton. Der Anker hält gut, aber der Boden gibt nach. Er bricht in ganzen Schollen aus

Welcher Bodentyp am potenziellen Liegeplatz anzutreffen ist, ist zumeist ebenfalls der Seekarte zu entnehmen

Ruhe finden

Neben den seemännischen Aspekten wird das Anker-Erlebnis natürlich auch von der Umgebung beeinflusst. Dazu zählen der Badebetrieb eines quirligen Campingplatzes genauso wie eine stark befahrene Küstenstraße oder Landwirtschaft mit Massentierhaltung und den damit verbundenen Gerüchen.

In diesen Punkten hilft die Seekarte nicht unbedingt weiter. Daher empfiehlt es sich, den fraglichen Liegeplatz zusätzlich per Google Earth oder ähnlichen Diensten aus der Luft auszukundschaften.

Plan B bereithalten

In den seltensten Fällen bietet eine Bucht bei jeder Windrichtung den gewünschten Schutz. Daher ist dem Wetter beim Ankern mehr Aufmerksamkeit zu widmen als im Hafen. Wenn die Entwicklung plötzlich deutlich von der Prognose abweicht, muss aber keine Panik aufkommen. Ein ausreichend dimensioniertes und gut eingefahrenes Geschirr wird nicht sofort versagen. Allzu lange sollte man aber auch nicht versuchen, den Wetterumschwung auszusitzen. Spätestens wenn man in eine Legerwall-Situation gerät, ist es Zeit, den Ankerplatz zu verlassen.

  Küstenverlauf und Wassertiefe lassen sich mit der Seekarte gut beurteilen. Ein Blick auf Dienste wie Google Earth schadet trotzdem nicht, auch bei der Suche nach einem Alternativplatz. Die Luftaufnahme löst oft höher auf und kann herangezoomt werden. Dann liefert sie zusätzliche Informationen über den zu erwartenden Windschutz und den Bewuchs im FlachwasserFoto: Google Earth
Küstenverlauf und Wassertiefe lassen sich mit der Seekarte gut beurteilen. Ein Blick auf Dienste wie Google Earth schadet trotzdem nicht, auch bei der Suche nach einem Alternativplatz. Die Luftaufnahme löst oft höher auf und kann herangezoomt werden. Dann liefert sie zusätzliche Informationen über den zu erwartenden Windschutz und den Bewuchs im Flachwasser

Um den Adrenalinspiegel niedrig zu halten, sollten Manöver, wie der Ankerplatz wieder verlassen wird, im Kopf durchgespielt werden. Zum Beispiel stelle man sich, bevor es in die Koje geht, die Fragen: Was ist nötig, um das Boot wieder seeklar zu machen? Ist die Ankerwinsch einsatzbereit? Ist das Beiboot klar zum Schleppen? Sind die Segel wetterfest verzurrt? Sind Deck und Cockpit frei, oder liegen noch Polster herum? Wie sieht es unter Deck aus?

In der Regel lässt sich das gemütliche Chaos mit ein paar Handgriffen so weit klarieren, dass ein nächtlicher Notstart reibungsarm abläuft. Allein das Wissen, darauf vorbereitet zu sein, beruhigt die Nerven von Skipper und Crew.

Ebenfalls empfehlenswert ist es, sich schon bei der Suche des Ankerplatzes nach einer Alternative umzusehen. Das kann entweder eine andere Bucht oder ein nahe gelegener Hafen sein. Dabei geht es nicht nur um einen Ausweichplatz für mögliche Winddreher, sondern auch um den Fall, dass die ausgewählte Bucht doch nicht so gut geeignet ist wie angenommen.

Nicht zu früh verzagen

Sich in unbekannte Gewässer vorzuwagen birgt ein gewisses Risiko. Selbst wenn man sich genauestens an die in diesem Artikel gegebenen Empfehlungen hält, wird man nicht immer den perfekten Ankerplatz finden. Doch davon sollte man sich nicht abschrecken lassen. Selbst erfahrene Skipper sind nicht davor gefeit, dass unvermittelt um die Huk laufende Dünung oder der Schwell einer eigentlich weit entfernten Schifffahrtslinie für unruhige Nächte sorgt. Oder der Bauer just an diesen Nachmittag Gülle auf seinen Feldern ausbringt.

Die Nacht als Päckchenlieger in einer übervollen Marina kann aber ebenfalls unerfreulich verlaufen. Hat man dagegen geankert, entfällt schon mal die morgendliche Warteschlange in den Sanitäranlagen. Schließlich liegt hinter der Badeleiter ein riesiger Außenpool. Allein dafür lohnt sich das aufmerksame Studium der Seekarte.

  Prall gefüllte Marina. Will man hier wirklich liegen, nur weil es vermeintlich sicherer ist?Foto: Adriatic Croatia International Club
Prall gefüllte Marina. Will man hier wirklich liegen, nur weil es vermeintlich sicherer ist?

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