So weit im Norden Schwedens sind die Häfen immer leer und die Ankerbuchten einsam. Ich kann sogar spät abends ankommen und finde immer einen freien Platz - soweit meine naive Vorstellung. Beim Einlaufen in die Bucht von Trysunda werde ich eines Besseren belehrt. Beim routinemäßigen Blick durch das Fernglas der Schock: Dort, wo ein Steg sein soll, sehe ich nur Boote. Dicht gedrängt wie die Leiber eines Heringschwarms. Ohne erkennbare Lücke für meine kleine bescheidene Yacht.
„Wir kommen, um zu bleiben – am liebsten ein paar Wochen!“ erklärt mir Kjell Larsson später, der mit einem kleinen Motorboot aus dem nahen Härnösand herübergeschippert ist. Der einfach ausgestattete idyllische Natur- und Bootshafen hat etwa 25 Liegeplätze.
„Trysunda ist das Schmuckstück der Höga Kusten“! versichert Kjell. Traditionelle Fischerhäuser eine historische Kapelle, geschützte Buchten, klares Wasser und Wanderwege machen die Insel zu einem Ferienort, den man wirklich nicht gleich wieder verlassen möchte. „Aus den anderen Teilen Schwedens kommen hier wenig Bootsleute her“, sagt Kjell, „aber die Bewohner der Provinz Västernorrland wollen ihre Sommerferien ja auch genießen- wozu in die Ferne schweifen?“ Wo er recht hat – schließlich bin auch ich die vielen hundert Meilen hierhergekommen, wie die anderen einigen hundert internationalen Gäste aus Dänemark, Finnland oder Deutschland, die jedes Jahr in diese Region kommen.
Kjell war es, der mir beim Ankommen zuwinkte und vor sich aufs Wasser zeigte: „Hier ist noch Platz!“ Ich konnte nicht sehen, was er meinte, der Steg war ja voll belegt. Doch dann schob er mir in eine schmale Schneise zwischen den dicht an dicht liegenden Booten. Hinten flog mein Anker raus und mit langsamer Fahrt zum Steg wurde ich ein Teil des Schwarms. Nun war aber wirklich kein Millimeter mehr Platz!
Theoretisch. Denn als am Abend noch eine kleine Yacht auf den Steg zusteuert, der Skipper sichtbar nach einer freien Stelle suchend, winke ich ihm zu und schiebe zusammen mit Kjell und gegen alle physikalische Vernunft noch eine weitere Lücke in den dichten Schwarm der Bootsrümpfe.
Als der Segler an der Pinne mich mit Moin begrüßt, falle ich aus allen Wolken: Es ist Hans Krees mit seiner Winner 9.50! Ein Stegnachbar aus meinem Heimathafen bei Henningsen & Steckmest an der Schlei! So klein ist die Welt. Hans lädt mich zu sich an Board ein, wir trinken wohltemperierten Weißwein und er erzählt seine Erlebnisse: Von Kappeln bis Trysunda ist er in vier Wochen in Tagesetappen angereist, vor Ort hier hat er etwa zehn Tage eingeplant: „Das reicht zumindest, um nicht nur überall vorbei zu segeln.“ Den weiten Törn hierher im Einhandmodus hatte er akribisch vorbereitet, ohne aber die geplante Route stur auf dem Plotter abzufahren. „Den Stockholmer Schärengarten kann man ja nicht einfach links liegen lassen.“
Die vielen Meilen hierher, ein ganzer Segelsommer für die Höga Kusten, lohnt sich das? „Für diejenigen, die schon mal in den norwegischen Fjorden waren, relativiert sich der Begriff „Höga“ etwas,“ findet Hans. Doch es gebe trotzdem viele schöne Eindrücke und interessante Orte.
So wie diesen hier, Trysunda, der auch mit den vielen Booten und Crews eine fast familiäre Atmosphäre verströmt. Oder Mjältön, mit 236 Metern über dem Meeresspiegel die höchste Insel Schwedens. Bewaldete Hänge, steilen Granitküsten und die gut geschützte Naturbucht Baggviken mit Steg oder Ankerplatz. Von hier aus führen die Wanderwege auf den Gipfel für eine beeindruckende Aussicht über den Bottnischen Meerbusen und die Schärenwelt an seinem Rand.
Teil 1 der Reportage finden Sie hier
Teil 3 folgt in Kürze

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