Segelfähre im ÄrmelkanalMit SailLink von Frankreich nach England

Antonia von Lamezan

 · 19.08.2026

Einfahrt in den Hafen von Dover. Die Überfahrt von Frankreich dauert nur wenige Stunden.
Foto: Antonia von Lamezan
SailLink verbindet Boulogne-sur-Mer und Dover mit dem Katamaran „Echoes“. Statt im Strom der großen Fähren wird der Ärmelkanal unter Segeln überquert – mit Wind, Tide und Schiffsverkehr als Taktgeber.

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Am Steg in Boulogne-sur-Mer stehen Fahrräder mit prall gefüllten Packtaschen, Trekkingrucksäcke und eine kleine Gruppe Menschen. Ein Paar aus München ist dabei, ein junger Franzose aus Marseille, zwei Männer aus Belgien und den Niederlanden sowie ein französisches Geschwisterpaar im Teenageralter. Sie alle verbindet heute ein gemeinsames Ziel: den Ärmelkanal unter Segeln zu überqueren.

Die Stimmung ist voller Vorfreude, ein wenig Lampenfieber schwingt mit. Tim aus München schaut zu seinem Partner hinüber und grinst: „Ich freue mich wie ein Kind an Weihnachten!“ Möwen kreisen über dem Hafen, ein Geruch nach Tang und Salz liegt in der Luft. Boulogne-sur-Mer ist eine historische Hafenstadt im Nordwesten Frankreichs. Bereits seit Jahrhunderten verbindet sie die Küsten des Ärmelkanals. Von hier sind es knapp 50 Kilometer Luftlinie bis Dover.

Mit dem Katamaran „Echoes“ auf die Route

Mit etwa einer Stunde Verspätung läuft die „Echoes“ ein. Die wartenden Passagiere nehmen es entspannt. Wer unter Segeln unterwegs ist, muss akzeptieren, dass Wind und Tide den Takt vorgeben. Im Hafen werden Großsegel und Genua geborgen. Dann geht der 17 Meter lange Katamaran längsseits an den Steg. Die Passagiere aus Dover verlassen das Schiff, verabschieden sich von der Crew und machen sich auf den Weg Richtung Altstadt. Nun beginnt das Beladen für die Rückfahrt: Taschen werden über die Reling gereicht, Räder an Bord gehoben und verzurrt. Währenddessen kontrollieren französische Grenzbeamte Reisepässe und Passagierliste. Wenige Minuten später ist alles erledigt.

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Anders als bei den großen Autofähren beginnt die Reise hier nicht mit langen Sicherheitsschleusen und Wartehallen, sondern direkt am Wasser. Die „Echoes“ steht seit 2025 im Liniendienst für das Unternehmen SailLink und verbindet Boulogne-sur-Mer mit Dover. Zwölf Passagiere und zwölf Fahrräder darf sie pro Tour befördern. Mit dieser Zulassung kann der Katamaran die kleinen Stadthäfen anlaufen. Im Gegensatz zu den weit außerhalb gelegenen Industriehäfen liegen die Abfahrtsorte mitten im Zentrum.

Sicherheitsbriefing und Abfahrt

Am Steuer steht Andrew Simons, Skipper und Gründer von SailLink. Er begrüßt jeden Gast mit Handschlag, während die dreiköpfige Crew Rettungswesten und Sicherungsgurte verteilt. Ein Crewmitglied zeigt die Lifeline, erklärt das Einpicken mit den Karabinern und schärft den Passagieren die wichtigste Regel an Bord ein: „Eine Hand fürs Schiff, eine für dich.“

Um 15:40 Uhr, kurz vor Hochwasser, werden die Leinen gelöst. Unter Motor verlässt die „Echoes“ den Hafen. Der breite Sandstrand von Boulogne wird achteraus kleiner, Fischerboote kreuzen vor der Hafeneinfahrt. Draußen wartet leichte Dünung. Routiniert setzt die Crew Großsegel und Genua, die Motoren verstummen. Mit acht Knoten Fahrt zieht der Katamaran durch das Wasser.

Kaum ist die „Echoes“ auf Kurs, kommt die Crew mit heißem Tee ins Cockpit. Es ist Anfang Mai, und trotz Sonnenschein wird es im Nordostwind mit 17 bis 20 Knoten schnell kühl. Schnell weicht die anfängliche Aufregung einer entspannten Bordatmosphäre. Die Passagiere verteilen sich über das Schiff. Einer liest auf dem Vorschiff-Trampolin, andere sitzen eingepickt an der Reling und schauen über das Wasser. Im Cockpit entstehen Gespräche über das Boot, die Route und das Segeln.


​Die Verbindung im Überblick:

  • Route: Boulogne–Dover
  • Schiff: Lagoon 57s
  • Kapazität: max. 12 Passagiere
  • Preis: Erwachsene 85 £
  • Fahrrad: plus 10 £
  • Ermäßigt: Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene
  • Dauer: je nach Wind, Tide und Verkehr ca. 4–6 Stunden
  • Saison: April bis Oktober
  • Frequenz: 6–8 Überfahrten pro Woche
  • Buchung unter: saillink.co.uk

Passagiere werden Teil der Crew

Die meisten heutigen Passagiere sind bisher nur selten oder noch gar nicht gesegelt. Die Crew erklärt geduldig den Umgang mit Schoten und Winschen und lässt die Gäste mithelfen. Die französischen Geschwister nutzen die Gelegenheit sofort: Die junge Frau holt Leinen dicht, ihr Bruder übernimmt das Steuer. Wenige Minuten später steht er konzentriert und sichtlich glücklich hinter dem Steuerrad, ein Crewmitglied an seiner Seite.

Auch für Fabian ist die Überfahrt ein besonderes Erlebnis. Der Niederländer lebt in England und arbeitet als Berufspilot. Schnelle Ortswechsel sind sein Alltag, privat bevorzugt er die langsame Art des Reisens. Hinter ihm liegt eine Fahrradtour durch die Niederlande und Frankreich. Von SailLink hatte er über soziale Medien erfahren. „Für mich ist das der perfekte Abschluss meines Radurlaubs“, sagt er.

Kursplanung mit Wind und Tide

Auf dem Kartenplotter zeigt Andrew Simons die Route. Sie führt nicht direkt nach Dover, sondern in einer leichten Kurve über den Kanal, die er als „Banane“ beschreibt. Der Grund liegt in der besonderen Geografie des Seegebiets. Die Straße von Dover ist ein Flaschenhals zwischen Nordsee und Atlantik. Wassermassen, die mit Ebbe und Flut durch den Ärmelkanal strömen, erzeugen starke Gezeitenströmungen. Die Route muss deshalb nicht nur dem Wind, sondern auch der Tide angepasst werden.

Der verbleibende Flutstrom schiebt die „Echoes“ an der französischen Küste zunächst nach Norden, bevor der Ebbstrom Richtung Südwesten übernimmt. Neben Wind und Wasser bestimmt auch der Schiffsverkehr den Kurs. Auf dem AIS erscheinen Frachter und Containerschiffe. Die Straße von Dover gehört zu den meistbefahrenen Seewegen der Welt. Für die Crew bedeutet das höchste Konzentration: Die „Echoes“ muss das Verkehrstrennungsgebiet möglichst rechtwinklig durchfahren und darf der Berufsschifffahrt nicht in die Quere kommen.

Zwischen Segelgefühl und Berufsschifffahrt

An Deck wirkt die Fahrt mühelos. Die Passagiere genießen die Aussicht, während in der Navigationsecke geprüft, gerechnet und der Kurs angepasst wird. Eine große Autofähre zieht vorbei, schwer und schnell auf direktem Kurs nach England. Ihre Passagiere verbringen die Überfahrt hinter Glasscheiben in Restaurants oder Aufenthaltsräumen. An Bord der „Echoes“ riecht man die Seeluft, spürt die Bewegung des Wassers und erlebt die Umgebung unmittelbar.

Dann erscheinen die weißen Kreidefelsen von Dover am Horizont. Zunächst nur eine helle Linie im Dunst, zeigen sich beim Näherkommen nach und nach die markanten Klippen. Am späten Nachmittag lässt der Wind nach. Andrew Simons nimmt die Motoren hinzu. Erst um einem Tanker auszuweichen, später erneut, um das strömungsbedingte Zeitfenster für die Einfahrt in Dover zu halten.

„Wenn das Geld da wäre, würde ich auf Elektromotoren umrüsten“, sagt Simons. Der Dieselbetrieb gehört für ihn zu den Kompromissen der Startphase. „Meist können rund 70 Prozent der Strecke unter Segeln gefahren werden. Ganz ohne Motor geht es auf dieser Route heutzutage aber nicht.“

Ankunft in Dover

Je nach Wind und Wetter dauert die Überfahrt zwischen Boulogne-sur-Mer und Dover vier bis sechs Stunden. Die Passagiere sitzen gemeinsam an Deck und blicken auf die nahende Küste. „Wenn man mit einem Segelboot ankommt, fühlt es sich an, als hätte man sich das Ziel erarbeitet“, sagt der Pilot Fabian. „Körper und Seele können unterwegs Schritt halten. Als ob das die richtige Art zu reisen ist.“

Erst im großen Außenhafen von Dover fallen die Segel. Die „Echoes“ läuft unter Motor in die Marina ein, vorbei an mächtigen Dalben und Schwimmstegen, die mit der Tide täglich um die sechs Meter auf und ab steigen. Als das Boot vertäut ist, machen die Passagiere sich auf den Weg in die Stadt. Die Verabschiedung fällt herzlich aus.

Für Andrew Simons und seine Crew ist der Tag damit noch nicht vorbei. Die „Echoes“ wird gereinigt, Leinen werden kontrolliert, der nächste Törn wird vorbereitet. Tagsüber ist Simons Skipper, Gastgeber und Ausbilder, abends Manager und Geschäftsführer. In der Saison lebt er mehrere Wochen am Stück an Bord. Der Nordengländer hat Bootsbau gelernt und später Umweltwissenschaften studiert. Ein klassischer Weg zum Linienreeder war das nicht. „Am Anfang war es eine verrückte Idee“, sagt er. „Dann wurde sie zu meinem Lebenstraum.“

Eine alte Idee kehrt zurück

Neu ist die Idee einer segelnden Fähre nicht, eher eine Renaissance. Über Jahrhunderte transportierten Segelschiffe Menschen, Waren und Post zwischen den Küsten. Mit dem Aufkommen der Dampfschifffahrt vor 200 Jahren verschwanden diese Verbindungen. Andrew Simons will die historische Form des Reisens nicht museal wiederbeleben, sondern in die Gegenwart holen. „Die Bürokratie ist weitaus schwieriger zu bewältigen als die Navigation“, sagt er. Zulassungen, Grenzkontrollen und Hafenregelungen mussten auf beiden Seiten des Kanals abgestimmt werden.

SailLink versteht sich nicht als Ersatz für die großen Fährlinien. Wer möglichst schnell zwischen Frankreich und England reisen möchte, nimmt weiterhin die Autofähre. Die Überfahrt auf der „Echoes“ ist ein Angebot für Menschen, die den Weg nicht nur möglichst schnell zurücklegen, sondern erleben wollen: Radreisende, Wanderer, Segler und alle, für die die Überfahrt selbst Teil der Reise ist.

SailLink plant weitere Route

Nach der ersten kommerziellen Saison 2025 hat SailLink den Fahrplan ausgebaut. Inzwischen fährt das Unternehmen sechs bis acht Überfahrten pro Woche. Im September 2026 soll zudem eine zweite Kanalroute erprobt werden, zwischen Fécamp in der Normandie und Shoreham-by-Sea in West Sussex. Dafür ist allerdings nicht die „Echoes“ vorgesehen, sondern der gecharterte Regatta-Katamaran „Mer Agitée“, gesteuert von keinem Geringeren als Michel Desjoyeaux, dem zweifachen Vendée-Globe-Sieger.

Mehr dazu: Fahrplan und Buchungen sind hier auf der offiziellen SailLink-Website zu finden.

Mit rund 70 Seemeilen ist diese Passage deutlich länger als die Strecke von Boulogne nach Dover mit gerade mal 27 Seemeilen. Wirtschaftlich bleibt SailLink ein Kraftakt. Wartung, Gebühren und Crew erfordern viel Organisation und binden Zeit und Geld. Vieles läuft über Andrew Simons, der den laufenden Betrieb und zugleich dessen Ausbau stemmt.

Spät am Abend gluckst das ablaufende Wasser an den Dalben, auf den Nachbarbooten gehen die Lichter aus. Im Salon der „Echoes“ leuchtet noch der Bildschirm von Andrews Laptop. Mails, Buchungen, Wetterdaten. Am nächsten Morgen werden wieder Passagiere an Bord kommen und die „Echoes“ wird Kurs zurück nach Frankreich nehmen.


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Antonia von Lamezan ist gebürtige Hamburgerin und studierte Kultur- sowie Sozialwissenschaftlerin (Lüneburg/Kopenhagen). Obwohl die Seefahrt zur Familiengeschichte gehört, fand sie den eigenen Weg aufs Wasser erst als Erwachsene – dann jedoch mit voller Begeisterung und Konsequenz: Innerhalb eines Jahres absolvierte sie alle für die Langfahrt erforderlichen Scheine, tauschte das geregelte Stadtleben gegen das eigene Boot und segelte zwei Jahre lang auf eigenem Kiel durch Europa. Als Volontärin in der Redaktion verbindet sie nun fachlichen Hintergrund mit ihrer Leidenschaft für das Meer, Boote und das Schreiben.

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