Text: Johannes Erdmann
Seid ihr das erste Mal auf Malta?“, fragt Hafenmeisterin Giti Adibi, als wir in der Roland Marina einchecken. Der Yachthafen liegt genau gegenüber der Halbinsel Valetta, der Hauptstadt von Malta, und im Bezirk Gzira, einem zentrumsnahen Viertel, in dem man es sich noch leisten kann, eine Nacht zu verbringen. „Na ja“, zögere ich, „ich hab hier vor fast 25 Jahren mal eine Woche Urlaub gemacht“, erzähle ich. Doch bevor ich den Satz einordnen kann, dass ich damals erst 14 Jahre alt war, fällt mir die Dame trocken ins Wort. „Dann ... sind Sie das erste Mal auf Malta“.
Viel soll sich in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten verändert haben. Das glaube ich gern. Was wir bisher gesehen haben, beeindruckt uns sehr. Schon bei der Annäherung an die Insel fielen uns die vielen Motor- und Speedboote auf, die entlang der Küste auf einer unsichtbaren Bahn die Insel umzirkeln, auf dem Weg von der Großstadt, um die herum sich die meisten Marinas befinden, zu den schönen Anker- und Badeplätzen. So viele Boote hätten wir hier gar nicht erwartet, zumal die Anzahl der Marinas eben sehr überschaubar ist. Und der Aufenthalt sehr teuer: Für unseren 36-Fuß-Katamaran zahlen wir hier in der Roland Marina 156 Euro pro Nacht. Plus Strom, von dem wir nicht wenig für unsere Klimaanlage brauchen werden, denn jetzt – selbst im Juni – ist es hier schon irrsinnig heiß. Wir sind nicht weit entfernt von Afrika. Genauer gesagt sogar bereits südlich von Tunis und Algier.
Die anderen Marinas auf der Halbinsel Valetta langen sogar noch etwas kräftiger zu, dort könnten wir uns für 250 Euro und mehr pro Nacht an einem Steg festbinden, hätten dafür aber die schöne Altstadt fußläufig und müssten nicht wie jetzt die Fähre (4,50 Euro hin und zurück) nehmen. Doch für die 100 Euro Ersparnis können wir sehr viel Fähre fahren...
Als Fahrtensegler versucht man Marinas ohnehin häufig zu meiden, doch auf Malta mussten wir uns eingestehen, dass wir die schönsten Sehenswürdigkeiten nicht ohne einen Marinaaufenthalt sehen werden können. Das hatten wir bereits bei unserer Ankunft vor einer Woche an unserem ersten Ankerplatz auf der Insel feststellen müssen. Wir waren nach einer 65 Seemeilen langen Überfahrt von Sizilien auf der Insel angekommen und hatten in Għadira Bay den Anker geworfen, einer weitläufigen und nach allen Himmelsrichtungen bis auf Osten sehr geschützten Bucht. Am nächsten Morgen stand der Landgang an, die ganze Crew – bestehend aus zwei Erwachsenen und drei Kindern zwischen fünf Jahren und sechs Monaten – war voller Vorfreude. Frisches Brot und ganz sicher Eis standen auf der Liste, dazu eine Erkundungstour zu den langen Badestränden, die im Westen der Bucht so einladend auf unseren Nachwuchs wirkten.
Direkt zwischen einem Tauchcenter und Starbucks fanden wir eine flache Betonpier, gleich neben dem Polizeiboot. Perfekt zum Anlanden. Gerade legte ein anderes Dingi ab und wir peilten den freigewordenen Edelstahlring an. Schnell war das Schlauchboot vertäut und die Crew bis auf den Skipper an Land, der sich noch daran machte die Schwimmwesten der Kinder zu verstauen. Gerade als ich den Schritt an Land machen wollte, kam ein Wasserschutzpolizist näher und erkundigte sich nach dem Grund unseres Anlandens „Äh ... wir würden uns gern die Beine vertreten“, begannen wir unsere Erklärung, woraufhin er entgegenete „dass das auch völlig in Ordnung“ sei, um dann aber sehr bestimmt zu ergänzen: „Wenn eine Person am Boot bleibt.“ Auf unsere staunenden Gesichter hin ergänzte er: „Das ist eine Regel auf Malta. Kein Boot darf unbeaufsichtigt zurückgelassen werden, es sei denn es liegt in einem Hafen.“ Ziemlich überrumpelt ließ er uns zurück, doch behielt uns im Auge. Das hatten wir nicht gewusst.
Anstatt unseren geplanten Tag komplett über den Haufen zu werfen, recherchierten wir zurück an Bord zunächst erst einmal: In den Segelführern lasen wir nichts davon, dass es ein geltendes Gesetz wäre, sein Dingi nur im Hafen zurückzulassen, aber eine Mitteilung der Behörde Transport Malta informierte tatsächlich im Jahr 2020 alle Bootsfahrer, dass öffentliche Stege, Kaimauern und ähnliche Anlagen lediglich zum Be- oder Entladen von Booten zum Anlegen genutzt, aber Boote dort nicht unbeaufsichtigt zurückgelassen werden dürfen. Unbeaufsichtigt Ankern ist also in Ordnung und Strände sind auch nicht genannt, offenbar ein Anlanden möglich. Aber nicht immer gibt es dort eine Möglichkeit, das Dingi auch sicher zurückzulassen oder gar anzuketten.
Wir entscheiden uns, die Insel wie geplant in einer Woche zu umrunden und zu sehen, wie streng diese Dingi-Regelung überhaupt durchgesetzt wird. Malta ist nicht groß, das ist ein Vorteil: In der Fläche etwa doppelt so groß wie Sylt – oder etwas kleiner als München. Mit einer Ausdehnung von etwa 27 Kilometern in Nordwest – Südost – Richtung und einer Breite von etwa 14,5 Kilometern ist man innerhalb einer guten Stunde von der einen auf der anderen Seite der Insel. Dazu kommt im Nordwesten noch die Nachbarinsel Comino, auf Gozo werden wir verzichten.
Am nächsten Morgen führt uns unser Kurs zunächst nur wenige Meilen weiter nach Süden in die „San Pawl il-Baħar“, wie sie hier in den Karten steht. An die maltesischen Ortsnamen müssen wir uns erst noch gewöhnen - falls das überhaupt möglich ist. Die Sprache ist weltweit jedenfalls einzigartig, besteht zur Hälfte aus einem arabischen Kern mit großem italienischem und kleinem englischem Einfluss.
Doch zum Glück sind häufig auch die englischen Bezeichnungen mit auf den Ortsschildern angegeben. So ist die „San Pawl il-Baħar“ besser bekannt unter dem Namen „St. Pauls Bay“, benannt nach dem Apostel Paulus, der hier um das Jahr 60 n. Chr. auf dem Weg nach Rom Schiffbruch erlitt. Noch heute erinnert eine große Statue auf einer vorgelagerten Insel an den frühen Missionar, der in der Apostelgeschichte folgendes über seine Ankunft schrieb: „Die Leute des Landes erwiesen uns ungewöhnliche Freundlichkeit; sie zündeten nämlich ein Feuer an und nahmen uns alle auf wegen des Regens, der gefallen war, und wegen der Kälte.“
Ein Ankerplatz ist schnell gefunden, ganz im Westen der Bucht und kurz vor dem gigantischen Muringfeld, in dem die Einheimischen ihre Boote vertäuen. Direkt daneben liegt ein kleiner Fischerhafen St. Pauls Harbour, mit einer langen Betonmole und ohne Stege. Zum Glück finden wir einen Edelstahlring, um unser Dingi festzuketten. Damit liegt das Boot in einem Hafen, also dürfen wir es unbeaufsichtigt lassen.
Entspannt laufen wir entlang der Promenade gen Osten Richtung Ortskern. Die Straße verläuft über Hügel und die Aussicht über die Bay ist phänomenal. Zumal auch unser Kat malerisch von Büschen und Bäumen mitten in der Szenerie vor Anker dümpelt. Der Ortskern hat nicht allzu viel zu bieten, aber einen Spielplatz für unsere Kinder, dazu Restaurants, zwei Schwimmbäder und einen Anleger für Kreuzfahrtschiffe und die Fähren nach Gozo und zur beliebten Blue Lagoon auf Comino, die wir morgen besuchen wollen. Bevor es zurück an Bord geht, nehmen wir jedoch mit dem Dingi noch einen Umweg zu den vielen Höhlen, die sich in den Felsen unterhalb der Stadt befinden. Nicht nur für die Kids ein tolles Erlebnis.

Redakteurin Reise