Text: Johannes Erdmann
Die vor uns liegende Küste im Südwesten bietet keine Buchten oder Ankermöglichkeiten, jedoch eine tolle Kulisse hoch emporragender Felskanten. Und endlich mal ein bisschen Wind! Etwa 20 Seemeilen weiter führt der Kurs in den Südosten, vorbei an der Hafenstadt Bir-ebbu-a, Standort des riesigen Malta Freeport, eines der größten Containerterminals im Mittelmeer. Die Szenerie wird von hohen Kränen, Containertürmen und Frachtschiffen dominiert. Doch es gibt auch einen Sandstrand mit Ankerplätzen: Pretty Bay hinter den Container-Terminals.
Wir hingegen bergen die Segel und motoren die letzten zwei Seemeilen an der Stadt vorbei zu einem besonderen Naturschauspiel, nämlich den Buchten Il-Hofra-gira und Il-Hofra l-Kbira, was übersetzt so viel bedeutet wie „die kleine“ und „die große Grube“. Beide sind kreisrund und umgeben von steilen Kalksteinklippen, deshalb von Land kaum zu erreichen. Das Wasser ist kristallklar und leuchtet türkis über dem sandigen Grund. In der Mitte gibt es ein steinernes „Fenster“ zwischen den beiden Buchten, an dem wir mit dem Dingi anlanden. Wer an der richtigen Stelle ankert, kann sein Boot hier fürs Foto „einrahmen“.
Am nächsten Tag steht schließlich die Hauptstadt auf dem Plan. Dafür haben wir einen Liegeplatz in der Roland-Marina reserviert, die sich zwar nicht zentral in Valetta befindet, aber dafür günstiger ist, als alle Yachthäfen dort – falls man bei 150 Euro die Nacht noch von günstig sprechen darf.
Schon von weitem fallen uns die großen und beeindruckenden Befestigungsanlagen auf, die entlang der Küste errichtet worden sind. Schon die ganze Woche begleiten uns Relikte aus dem zweiten Weltkrieg, viele Bunker und Geschützstellungen, die häufig in der Karte vermerkt sind. Aber die gewaltigen Mauern und Befestigungsanlagen der einst umkämpfen Stadt imponieren sehr – und erinnern an eine düstere Epoche in der Geschichte der Insel. Nach der großen Belagerung im Jahr 1565 beschlossen die Johanniter – der Malteserorden – eine neue, uneinnehmbare Stadt zu bauen und konzipierten Valetta als gewaltige Festung. Die strategische Lage zwischen Gibraltar und Suez machte die Insel später auch im ersten und zweiten Weltkrieg zur wichtigen Schlüsselposition bei der Kontrolle der Verbindung zwischen westlichem und östlichem Mittelmeer. Erobert wurde es nicht.
Der Hafen von Valetta besteht aus zwei Teilen, dem Grand Harbour im Süden und dem Marsamxett Harbour im Norden, mit der Halbinsel Valetta dazwischen und dem Fort Elmo zur Seeseite. Wir laufen unsere Marina über das Marsamxett-Hafenbecken an, vorbei an Manoel Island mit der gleichnamigen Festung, die früher eine wichtige Bedeutung hatte, einst Sitz der Royal Navy war, aber dann dem Verfall preisgegeben wurde und nun bald als Park eine neue Epoche erleben soll. In der Roland Marina angekommen, mieten wir uns einen Mietwagen, um die letzten kleinen Lücken auf der Insel zu füllen, die wir noch nicht gesehen haben. Für 40 Euro bekommen wir einen Ford Fiesta für einen Tag – der sollte genügt, denn die Insel ist ja klein.
Gern würden wir noch ein paar Tage verlängern, in das Muring-Feld nördlich von Manoel Island verholen und die Großstadt-Atmosphäre noch ein wenig genießen. Denn Valetta ist ein einzigartiger Schmelztiegel: Hier treffen sich Europa und Afrika. Nicht nur geographisch und sprachlich, sondern auch kulinarisch und kulturell. Und wir sind mittendrin. Mit ein wenig Wehmut setzen wir am nächsten Morgen mit Kurs auf Sardinien die Segel. Wieder ist es flau, wie die ganze Woche schon. So kann er sein, der Sommer im Mittelmeer. Was gut ist zum Ankern, ist schlecht zum Segeln – und lässt den Abschied noch schwerer werden, denn selbst am Nachmittag ist Malta mit seiner Kalkstein-Felsküste noch leuchtend am Horizont zu sehen. Malta will uns nicht loslassen.

Redakteurin Reise
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