Langsam tastet sich „Ente“ im Licht der Taschenlampe in den dunklen Hafen von Lajes das Flores. Kein Mensch weit und breit, alles scheint sich auf dem Volksfest oben in dem Städtchen abzuspielen. Zwischen zwei Schiffen findet sich eine passgenaue Lücke an der Kaimauer, in die wir uns reindrücken. Der erste Landgang nach drei Wochen auf See ist ein wackeliges Erlebnis, und ich muss beim Vertäuen aufpassen, dass ich nicht vom Kai kippe. Nach einem schnellen Anlegeschluck eilen auch wir überglücklich in Richtung der Musik. Wir wollen feiern!
Am nächsten Tag führt der erste Weg ins Café: Croissants, Pastéis de Nata und ein portugiesischer Milchkaffee verzaubern den Gaumen. Diesen Frieden kann nur eine kleine Insel mitten im Ozean ausstrahlen. Vor sechs Jahren fegte jedoch Hurrikan Lorenzo über den westlichsten Vorposten Europas. Zwanzig Meter hohe Wellen zerstörten große Teile des Hafens, die alte Außenmole liegt noch immer in Trümmern.
Direkt vor unserem Boot eine schöne Hallberg-Rassy. Wie der Zufall es will, sind zwei Blauwasser-Bekannte von Timo dabei, dieses Boot von Grenada nach Spanien zu überführen. Die Jungs hatten sich vor anderthalb Jahren auf dem Karneval in Trinidad kennengelernt. Ihre eigenen Schiffe sind mittlerweile verkauft, aber die Gelegenheit einer bezahlten neuen Langfahrt können sie sich nicht entgehen lassen. Die Freude über das Wiedersehen ist groß, und passenderweise feiert Carl am nächsten Tag seinen Geburtstag. Zusammen tauchen wir erneut in die Festa ein, für das mit Tony Carreira ein Balladen- Superstar vom Festland eingeflogen wurde, der die Stimmung der Insulaner zum Sieden bringt.
Nach dem feuchtfröhlichen Fest brechen wir per Anhalter zu den Wasserfällen des Ribeira do Ferreiro auf. Nach wenigen Minuten bergaufwärts führt die Straße durch tief hängende Wolken, die spektakulären Aussichten lassen sich nur erahnen. Die einzigen Farbtupfer im weiß-grauen Brei sind die allgegenwärtigen blauen Hortensien am Straßenrand. Vom Parkplatz erfolgt der 20-minütige Aufstieg über einen glitschigen Steinpfad durch eine dschungelgleiche Vegetation.
Oben angekommen wird man unweigerlich von einer magischen, fast spirituellen Atmosphäre überwältigt. Die Lagoa dos Patos („Entenlagune“ auf Portugiesisch) zu Füßen, erhebt sich eine riesige grüne Wand, deren Felsrücken in einer Wolkendecke steckt und aus der sich rund zwanzig Wasserfälle stürzen. Ehrfürchtig genießen wir dieses Schauspiel, akustisch unterlegt von dem Zweiklang aus Wasserrauschen und Vogelgezwitscher. Die Zeit scheint stillzustehen an diesem Ort.
Zurück an Bord konfrontiert mich mein Bruder mit einer überraschenden Frage: „Was hältst du davon, wenn wir direkt nach Cuxhaven segeln?“ Der ursprüngliche Plan war, das Boot nach Faro an der südportugiesischen Küste zu verholen, um dann nach Hause zu fliegen. Doch in Timo ist der Entschluss gereift, seine treue „Ente“ zu verkaufen, und vor der eigenen Haustür ist das naturgemäß praktikabler.
Zudem wäre es ein würdiger Abschluss seiner Atlantikrunde. „Finde ich super, lass machen!“, ist meine spontane Antwort. Der Reiz, sich das Flugticket zu sparen und nebenbei das Abenteuer Atlantik zu verlängern, ist groß. Das einzige Problem: Die Reststrecke verdoppelt sich auf über 2.200 Seemeilen und es bleibt nur noch etwas über drei Wochen Zeit, bis Arbeit und Alltag unserer Auszeit ein Ende setzen werden. Das Azorenhoch macht seinem Namen alle Ehre, Wind ist in den nächsten Tagen kaum zu erwarten.
Mit anderen Worten: Wir müssen los. Den Segelfreunden Lebewohl sagen, verproviantieren und tanken. Das Reiseformat ändert sich von Entdeckertörn zu einem Überführungstörn mit der tickenden Uhr im Nacken. Doch nicht ohne Zwischenstopp in Horta auf Faial. Denn ohne den obligatorischen Besuch im Peter Café Sport, der berühmtesten Seglerkneipe der Welt, geht es einfach nicht.
Die 130 Seemeilen zur Hauptinsel der Azoren sind von einer bleiernen Flaute geprägt, sodass der alte Mercedes- Motor der Hanseat kaum zur Ruhe kommt. Trotz der Schallwellen kommt eine Delfinschule mit über 30 Tieren zu Besuch, während in der Nacht phosphoreszierende Kleinstlebewesen und Quallen den Kurs im Kielwasser nachzeichnen.
Da wir den Hafenmeister von Horta per Funk nicht mehr erreichen konnten, suchen wir abends im proppenvollen Hafen unser Glück. Tatsächlich findet sich ein exklusiver Platz am Fingersteg – fast zu gut, um wahr zu sein. Beim Einklarieren bekommen wir jedoch den Hinweis, tunlichst um acht Uhr morgens beim Hafenmeister anzutreten.
Das Peter Café Sport wird seinem legendären Ruf gerecht. Die Atmosphäre inmitten unzähliger Wimpel und Flaggen von eingekehrten Crews ist urgemütlich, und die Bedienung nimmt sich alle Zeit, um Fragen zu beantworten.
Natürlich wollen wir einen signierten YACHT-Wimpel aufhängen. Der Kellner führt uns direkt zu Inhaber „Peter“ Azevedo, und in einem feierlichen Akt erfolgt der Flaggentausch. Wir bekommen nämlich eine blaue, von einem weißen Pottwal gezierte Gästeflagge. Nun darf auch unser Wimpel an die Wand gepinnt werden. Bernard Moitessier war hier, ebenso Éric Tabarly oder Sir Francis Chichester.
Wir jetzt auch! Diese Ehre schützt jedoch nicht vor einer Standpauke des Hafenmeisters: „Ihr hättet im Vorhafen ankern und mittels Dingi einklarieren müssen. Über freie Plätze entscheide nur ich, außerdem gibt es eine Warteliste!“ Doch Gnade vor Recht: Wir wollen aufgrund eines kleinen Windfensters am nächsten Tag schon wieder los und dürfen ausnahmsweise liegen bleiben.
Vor der leider viel zu frühen Abfahrt gibt es noch eine wichtige Sache zu erledigen: unsere Signatur an der Hafenmauer. Jedes Boot, das den langen Weg über den Atlantik nach Horta geschafft hat, darf sich hier in Form eines Bildes verewigen. Dem Aberglauben der Insulaner nach bringt es sogar Unglück, wenn über diese Tradition hinweggesehen wird.
Ausgerüstet mit Pinsel, Farben und einer Spraydose suchen wir eine unbemalte Stelle an der kunterbunten Mauer. Gar nicht so leicht, schließlich soll kein anderes Werk beschädigt werden. Im letzten Abendlicht veredelt Timo eine Lücke zwischen den Werken einer holländischen und einer französischen Crew mit einer gelben Quietscheente. Dazu unsere Namen, Route und Jahreszahl. Kein Zweifel, SY „Ente“ hat hier Spuren hinterlassen.

Redakteur News & Panorama