LebenstraumZu zweit über den Atlantik - die letzte Etappe der Reise

Morten Strauch

 · 12.04.2026

An den unverbauten Sonnenauf- und -untergängen kann man sich auf See einfach nicht sattsehen.
Foto: Morten Strauch
​Auf dem letzten Abschnitt ihrer Nordatlantik-Überquerung geht es nach dem Abschied von den Azoren über die Bretagne und den Ärmelkanal in die Nordsee. Fast in einem Rutsch.

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​Wir verlassen die Azoren mit einem weinenden Auge, zu gern hätten wir hier mehr Zeit verbracht. Es dauert eine Weile, bis der 2.351 Meter hohe Vulkan Pico der gleichnamigen Insel im Kielwasser verschwunden ist. Dafür tauchen dort plötzlich Wale auf, die uns scheinbar verfolgen! Voller Adrenalin springe ich in den Salon, um Kamera und Tele zu holen.

Die Tiere scheinen das zu riechen und bleiben auf Sicherheitsabstand. Mal stellt sich eine Fluke in die Höhe, um dann gekonnt abzutauchen, dann sieht man mehrere Blasfontänen gleichzeitig. Die Wale scheinen zu rangeln. Ein grandioses Schauspiel, welches die Glückshormone nur so tanzen lässt. Später identifizieren wir die Meeressäuger auf den Fotos als Entenwale. War ja klar!

Der Alltag auf See hat uns wieder

Der Alltag auf See hat uns wieder. Nach den Nachtwachen startet jeder Sonnenaufgang mit einer Tasse Kaffee. Rührei und dazu frisch gebackenes Brot aus der Pfanne ist kaum zu toppen. Ein Lebensmittel, das sich in fast jeder Mahlzeit reichlich findet, ist Zwiebel. Wir haben massig davon. Es ist nicht nur schmackhaft und gesund, sondern hält auch nach Wochen noch frisch. Eine der eher nervigen Aufgaben ist das Zerkleinern von Müll, denn das Boot ist vollgestopft mit Surfbrettern und Tauch- bzw. Speerfischer-Equipment.

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Also wird Plastik zerschnippelt und in die leeren Wasserflaschen gestopft, Dosen werden flach gehämmert. Nach jeder Mahlzeit kommt die Pütz zum Einsatz, um abzuwaschen. Nach drei Tagen Kurs Nord habe ich dabei einen kleinen Kochtopf über Bord geworfen, der sich noch im dreckigen Wasser versteckt hielt. Wie lange der wohl braucht, um rund 4.000 Meter auf Tiefe zu gehen? Ein schaurig-schönes Bild.

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​Wenn der Autopilot das Boot steuert, klingt es, als würde „Ente“ tief ein- und ausatmen – oder als läge Darth Vader hinter der Pantry in der Backskiste. Um Energie zu sparen, hält die Windfahne uns meistens auf Kurs. Anfangs hatte ich noch geschimpft und geflucht, aber nun habe auch ich den Dreh raus und bin ein großer Fan dieser robusten Steueranlage geworden.

Immer öfter kommt der Pullover zum Einsatz​

Als wir endlich nach Osten drehen, ist es schon merklich kühler geworden. Immer öfter kommen lange Hose und Pullover zum Einsatz. Auch die Wolldecken sind bereits aus den Vakuumbeuteln gezerrt. Noch knapp 1.000 Seemeilen bis zum Ärmelkanal. Rund Schottland ist keine Alternative, denn vor Irland sitzt ein fieses Tief mit Namen.

Der nächste Morgen beginnt mit Flaute, dann umhüllt uns dichter Nebel. Es herrscht eine gespenstische Ruhe, nur das seichte Plätschern am Rumpf ist zu hören. Fehlt nur noch ein Geisterschiff, das aus dem weißen Dunst auftaucht, doch außer einer Portugiesischen Galeere lässt sich nichts erblicken. Gut zu wissen auch, dass heutzutage alle Schiffe mit AIS fahren.

Thunfisch bis zum Abwinken​

Kurz vor Erreichen des Kontinentalschelfs wird unsere Essensplanung komplett über den Haufen geworfen. Während der Wind auf 26 Knoten auffrischt und wir uns für einen Wechsel des Vorsegels vorbereiten, ruckt seit Wochen mal wieder die Angelleine ein. Natürlich passiert jetzt alles gleichzeitig. Die Belohnung für den kurzzeitigen Stress zappelt schon bald auf dem Achterdeck: ein prächtiger Großaugenthunfisch!

​Keine zwei Stunden später liegen fette Thun-Steaks auf den Tellern. In den nächsten Tagen folgen Sashimi, Sushi, Tartar und Burger. Schlemmen wie Gott in Frankreich, und das „en masse“: Laut Kofferwaage waren es unglaubliche sechs Kilo feinstes Filet. Unbezahlbar.

Zwei Wochen nach der Abfahrt aus Horta sind steuerbord querab die ersten Leuchtfeuer auszumachen. Die Bretagne ruft. Es ist Vollmond und Delfine springen im nächtlichen Glitzerwasser um uns herum. So kitschig schön kann die Einfahrt in den Ärmelkanal sein.

Roscoff: “Ente” ist zurück in Europa

Als wir morgens den Hafen von Roscoff erreichen, kommt uns der Marinero im Rib entgegengeheizt. Mit schönstem Akzent ruft er auf Englisch: „Wartet, die Fähre nach England läuft gerade aus. Sie macht das nur für euch!“

An der Tankstelle springe ich an Land, um schnell Baguettes, Käse und Aprikosen zu kaufen. Zurück an Bord geht es mit der vollgetankten „Ente“ auch schon weiter – schließlich wollen wir in einer Woche in Cuxhaven sein.

In der Morgendämmerung passieren wir die Südküste der Kanalinsel Sark. Vor der Steilküste schaukeln die Toplichter der ankernden Yachten. Es schmerzt, dort nonstop vorbeifahren zu müssen, aber wir können es uns nicht erlauben, die Tide zu verpassen, die uns am berüchtigten Cap de la Hague vorbeispült. Wir schaffen es rechtzeitig, doch in Höhe Cherbourg kippt der Gezeitenstrom und unter Volldampf kämpfen wir im Schneckentempo stundenlang gegenan.

Ein letzter Stopp in Le Havre

Wind und Tide zwingen uns förmlich in die Bucht von Le Havre. Auf Kanal 16 ist ordentlich Betrieb: Im Solent treibt ein Segelboot kieloben mit zwei Personen obendrauf, zwei Motorboote melden Maschinenschaden und bitten um schnelle Hilfe. Weitere hektische Meldungen auf Französisch, die wir nicht verstehen. Angesichts des prognostizierten Starkwindes aus Nordost in der engen und stark frequentierten Straße von Dover entscheiden wir uns für einen letzten Boxenstopp in Le Havre.

​Der Wecker schellt um fünf Uhr morgens, Zeit für die letzte Abfahrt unseres Atlantik-Abenteuers. Unter vollen Segeln rauscht die Hanseat aus dem Hafen. Das ideale Wetterfenster für die Passage des anspruchsvollsten Teils des Ärmelkanals haben auch andere Segler entdeckt.

Im Nebel durch den Ärmelkanal

In einer kleinen Flottille mit Booten aus Holland, Belgien und Frankreich geht es mit Halbwind entlang der normannischen Steilküste. Nach und nach setzen sich die anderen Yachten ab, unsere alten Blauwassertücher haben ihre besten Jahre lange hinter sich. Dann verabschiedet sich auch langsam der Wind und Nebel zieht auf.

​Das Verkehrstrennungsgebiet queren wir in Höhe Dover, doch von den berühmten Kreidefelsen ist in der dicken Suppe nichts zu sehen. „Verdammt!“, entfährt es mir. Das Timing war unfassbar genial, sollten doch gleich die Spitzenreiter des Volvo Ocean Race Europe genau hier vorbeifliegen.

Mit gebanntem Blick auf den Plotter und der Kamera im Anschlag tasten wir uns in die Nordsee. Dann taucht tatsächlich das AIS-Signal der „Biotherm“ gute zehn Meilen voraus auf. Wenig später zieht der Imoca in einiger Entfernung und kaum erkennbar vorbei. Etwas später folgt Boris Herrmanns „Seaexplorer II“.

​Vom Miami nach Cuxhaven: geschafft!

In den nächsten drei Tagen manövrieren wir uns an unzähligen Offshore- Windparks, Bohrplattformen und trawlenden Fischkuttern vorbei. Spannend, besonders nachts, auch wenn von der grenzenlosen Freiheit des Ozeans nicht mehr viel übrig ist.

​An einem Samstag, genau dem geplanten Enddatum unserer neunwöchigen Reise, kommt die Ansteuerungstonne der Außenelbe in Sicht. Mit Speed surfen wir entlang des grünen Tonnenstrichs, während sich ein Pott nach dem anderen an uns vorbeischiebt.

Denkbar knapp erwischen wir die Hafeneinfahrt – schade eigentlich, denn damit ist das Ende besiegelt. Die Freude, es von Miami bis nach Cuxhaven geschafft zu haben, ist dennoch riesig. Ein einzigartiges Gefühl, das stolz und demütig zugleich macht – und durchaus Suchtpotenzial bietet.

Morten Strauch

Morten Strauch

Redakteur News & Panorama

Morten Strauch entdeckte als Teenager seine Liebe zum Segeln. Angefangen mit der Jolle auf dem Steinhuder Meer, folgten Chartertörns auf der Ostsee und im Mittelmeer. Bisheriger Höhepunkt war eine Zweihand-Atlantiküberquerung auf einem GFK-Klassiker von Miami nach Cuxhaven. Mit dem eigenen Boot zieht es ihn meist in die dänischen Gewässer. Seit 2022 ist er Redakteur bei der YACHT im Ressort Panorama mit einem Faible für historische Schiffe und Abenteurer.

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