Text: Franz Schmitt
Zwischen der Malaiischen Halbinsel und der zu Indonesien gehörenden Insel Sumatra verläuft sie von Südosten nach Nordwesten: die Straße von Malakka. Zwei Millionenmetropolen markieren ihre Zugänge, im Norden Kuala Lumpur, im Süden Singapur. Für uns stellt die Straße von Singapur die Auffahrt zu diesem Highway dar.
Das Problem: Wir sind auf der falschen Fahrbahnseite! Es gilt also erst mal „rüber“ zu kommen. Vor Singapur herrscht das zweithöchste Aufkommen von Schiffsverkehr weltweit, nur Shanghai hat mehr zu bieten. Diese sechsspurige Autobahn müssen wir also kreuzen. Die dicken Pötte bewegen sich mit bis zu 20 Knoten Speed in zwei Richtungen auf jeweils drei „Spuren“, 100.000 Schiffe pro Jahr!
Am frühen Morgen starten wir in der Nongsa Point Marina auf Bantam. Die Insel gehört zu Indonesien und liegt auf der südlichen Seite der Straße von Singapur. Zunächst halten wir uns mit unserer „Holly Golightly“ unter Motor auf dem südlichen Standstreifen auf der gegenüberliegenden Seite von Singapur.
Dort verkehren außer uns noch einige Fischer, Angler, Schlepper mit riesigen Schuten und Speedboote, die permanent nach Singapur übersetzen. Wir haben uns auf der Seekarte eine bestimmte Stelle zum „Übersetzen“ ausgesucht. Dort angekommen warten wir ab und versuchen den Querverkehr aus Tankern, Containerschiffen und Frachtern einzuschätzen. Das richtige Timing ist alles.
Dank AIS können wir den Speed der Großen gut einschätzen und warten auf eine Lücke. Der erste Versuch klappt nicht so ganz – der Frachter auf Spur zwei ist zu schnell und wir schaffen es nicht vor ihm. Der zweite Anlauf gelingt besser: Es tut sich eine Lücke auf und unser alter Volvo-Penta gibt alles. Direkt hinter einem Tanker und vor zwei anderen Giganten motoren wir mit unserem Topspeed von bescheidenen sechs Knoten quer über das Verkehrstrennungsgebiet.
Es geht alles gut und wir schaffen es auf den „Mittelstreifen“. Was uns bei unserem Zwischensprint überrascht, sind die einheimischen Fischer, die in nur drei bis sechs Meter kleinen Holzbooten seelenruhig mitten im Fahrwasser angeln. Anscheinend sind sie überzeugt eine Art Gewohnheitsrecht und sieben Leben zu haben. Diesen Mut bewundern wir sehr!
Nun warten wir den Querverkehr von Osten ab und suchen die nächste Lücke. Im Heckwasser eines Tankers queren wir dann die Gegenfahrbahn und haben großes Glück: Die beiden anderen Spuren sind frei und wir können unbehelligt auf die Seite von Singapur wechseln – geschafft!
Wir setzen Kurs West und schippern unbehelligt an den Hunderten vor Anker liegenden Frachtschiffen vorbei. Nur wenige Seemeilen später müssen wir den Kurs um 70° ändern, um in die Straße von Malakka zu gelangen. Ein großer Tanker, der parallel zu uns unterwegs ist, hat das Gleiche vor und informiert uns freundlicherweise über Funk über seine Abbiege-Pläne, damit er uns nicht vor den Bug fährt.
Die Ein- und Ausfahrt von Singapurs gigantischem Hafen passieren wir ohne großen Stress und erreichen am Abend die kleine Insel Pulau Pisang, in deren Schutz wir den Anker werfen und erst mal tief durchatmen. Erste Etappe geschafft!
Während auf unserer Backbordseite ein Drittel des Weltgüterverkehrs in die eine oder andere Richtung unterwegs ist, segeln wir tags darauf am Wegesrand weiter Richtung Nordwesten. Wobei das mit dem Segeln nicht immer gelingt. Der Grund ist häufig zu wenig Wind und ebenso oft die starke Gegenströmung, die leider typisch für die Meerenge ist.
Zur echten Herausforderung werden die Nächte. Sobald die Sonne hinter Sumatra, also dem westlichen Fahrbahnrand versinkt, beginnt das Schau-spiel: Scheinbar unendlich viele Lichter blitzen auf und illuminieren den Wasserweg recht abwechslungsreich. Wer nun denkt, dass man eine Vielzahl an Positionslichtern erkennen könnte, die zeigen wer sich wie bewegt, der irrt gewaltig.
Frachter, Tanker und Containerriesen, die alle ganz brav im VTG ihre Bahn ziehen, sind natürlich gut zu erkennen. Viel andere, die wie wir zwischen dem VTG und der Küste von Malaysia unterwegs sind, geben jedoch große Rätsel auf.
Am einfachsten zu identifizieren sind tatsächlich die vielen Squid-Fischer (Tintenfisch-Fischer), die, grell beleuchtet mittels Tausenden von Watt, neugierige Tintenfische anlocken. Diese Lichtinseln sind überall, und es gilt, im wilden Slalom um sie herum zu manövrieren. Das Gute dabei: Sie sind zwar ständig im Weg, halten aber still!
Die mit Abstand größte Herausforderung sind Schleppnetztrawler, die, bis auf ein paar rote, kleine LEDs unbeleuchtet, riesigen Schatten gleich, durch die Nacht kreuzen. Sie haben noch nicht mal Licht im Steuerhaus, und wie alle anderen keinerlei Positionslichter.
Der Joker im nächtlichen Geschehen sind die vielen kleinen Fischerboote, die völlig ohne Licht herumtreiben und erst in letzter Sekunde ein paar Strahler einschalten. Natürlich hat keiner der Fischer AIS.
Dieses Verkehrschaos auf dem Wasser führt dazu, dass wir stundenlang in die Nacht stieren – oft zu zweit – und erst aufatmen, wenn der Morgen naht. Die Fischer verschwinden mit der aufgehenden Sonne auf wunderbare Art und Weise von der nassen Bildfläche und den überschaubaren „Rest“ können wir dann wenigstens früh genug erkennen.
Nicht überschaubar sind jedoch Strömungen und Gewitter. Erstere können wir von unseren Karten ablesen, müssen sie aber trotzdem nehmen, wie sie kommen und gegen Letztere können wir auch wenig ausrichten.
Vor Malakka erwischt uns nachts eins dieser heftigen Unwetter, die fast immer aus Richtung Sumatra kommen. Mareike, die grad Wache hat, beobachtet zwar sorgenvoll die unzähligen, gewaltigen Blitze, skippert aber sicher durch das Inferno, während Skipper Franz absolut nichts mitbekommt und den Schlaf der Gerechten schläft.

Ressortleiter Reise
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