IndopazifikPapua-Neuguinea - Wunderwelt im weiten Blau

Christian Tiedt

 · 21.10.2026

Indopazifik: Papua-Neuguinea - Wunderwelt im weiten BlauFoto: Birgit Hackl
Auslegerkanus als Begrüßungskomitee, als „Pitufa“ die kleine Insel Nemto erreicht und vor Anker geht.
Text: Birgit Hackl Der Anker fällt über einem Sandfleck ins türkise Wasser von Roncador Reef. Christian hängt noch schnell zwei Bojen in die Kette ein, damit wir sie keinesfalls in Korallen verheddern, dann stehen wir an Deck und saugen die ersten Eindrücke auf: Wir ankern in einem blau leuchtenden Becken neben den verzweigten Riffen, die in Grün und Braun schimmern.

Themen in diesem Artikel

​Papua-Neuguinea macht nur ein Prozent der Landfläche der Erde aus. Doch das genügt für faszinierende Vielfalt, umgeben vom Pazifik. Teil 1: Sind die Inseln im Norden des Bismarck-Archipels ein gefährliches Revier?

Am Außenriff bricht donnernd die Dünung, wir schauen die Linie der Brecher entlang, doch es ragt kein noch so winziges Inselchen, kein Felsen aus dem Wasser – wir haben in einem Korallenring mitten auf dem Westpazifik geankert, kein Land in Sicht.

Ein Boot voller Männer hält auf uns zu

„Schau, da auf der Ostseite! Der weiße Punkt!“ Wir holen das Fernglas: Das Wrack eines Fischerboots steht aufrecht auf dem Riff, sieht noch recht neu aus. Erstaunt beobachten wir, wie sich ein Punkt von dem Wrack löst und in unsere Richtung fährt.

Verblüffung schlägt in Bestürzung um, als das Objekt näherkommt und sich als offenes Boot voller Männer herausstellt. Roncador Reef liegt an der Grenze zwischen Papua-Neuguinea und den Salomonen, die nächste Insel ist 40 Seemeilen entfernt.

Wir haben die Warnungen gelesen

Was macht ein Boot hier draußen? Was können die im Schilde führen? Sicher nichts Gutes. Wir haben auf Cruiser-Seiten Reisewarnungen zu Papua-Neuguinea gelesen, letztes Jahr wurde ein Einhandsegler am Festland von Einheimischen ermordet, das Boot versenkt.

Meistgelesen

1

2

3

4

5

Mein Magen zieht sich zusammen, mir wird kalt vor Angst. Ich stürze unter Deck, hole das Pfefferspray aus seinem Versteck. Schon sind sie da. Werden die Männer „Pitufa“ rammen und Macheten schwingend an Bord springen? Nein, sie winken und stoppen auf, um mit uns zu plaudern.

Lachend bieten sie uns Fische an

Es stellt sich heraus, dass sie vom benachbarten Atoll kommen, um Seegurken zu sammeln. Sie bleiben eine Woche und campen währenddessen auf dem Wrack. Lachend bieten sie uns frisch gefangene Fische an. Kostenlos. Beschämt über unsere paranoide Reaktion kramen wir verlegen in unserer Geschenkkiste und revanchieren uns mit Angelhaken und -leine.

Papua-Neuguinea, das nur ein Prozent der Landmasse der Erde ausmacht, beherbergt unglaubliche sieben Prozent der weltweiten Artenvielfalt. Es ist der drittgrößte Inselstaat der Welt und zugleich der bevölkerungsreichste im Pazifik – auch wenn die genaue Einwohnerzahl unbekannt ist, die Schätzungen schwanken zwischen 12 und 17 Millionen.

Unglaubliche 800 Sprachen

Das Land zeichnet sich durch kulturelle Vielfalt aus. Traditionelle Lebensweisen werden in abgelegenen Gebieten noch immer gepflegt. Es gibt unglaubliche 800 Sprachen, doch Tok Pisin, eine auf Englisch basierende Pidgin-Sprache, dient als gemeinsames Kommunikationsmittel und ist zum Glück für Besucher recht leicht zu erlernen!

Will man das Land kennenlernen, muss man ins Innere, hinauf ins Gebirge zu den „wilden“ Stämmen. 2005 hatten wir das getan: Trotz Reisewarnungen und Warnungen von Expats fuhren wir wie die Einheimischen per Lastwagen den „Highlands Highway“ hinauf, unbefestigte Straße, durch den Regenwald, vorbei an Minengebieten und durch einfache Ortschaften.

Nach 20 Jahren kehrten wir zurück

Überall wurden wir nett empfangen – obwohl ein freundliches Lächeln in Papua- Neuguinea zunächst etwas beängstigend wirken kann: Viele Menschen haben knallrote, verfaulte Zähne und spucken eine Flüssigkeit aus, die stark an Blut erinnert – es ist der Saft der Betelnüsse, die hier fast jeder kaut. Passiert ist uns nichts. Stattdessen verliebten wir uns in dieses wilde, ursprüngliche Land und seine Leute.

Wir schworen uns, bald zurückzukehren, doch am Ende dauerte es 20 Jahre. Papua-Neuguinea auf eigenem Kiel zu besuchen ist eine komplett andere Erfahrung als mit dem Rucksack, denn eine glänzende Yacht voller teurer Gadgets und offensichtlichem Reichtum (selbst das klapprigste, älteste und spartanischste Segelboot ist im Vergleich zu den Behausungen armer Dorfbewohner purer Luxus) zieht viel eher die falsche Art von Aufmerksamkeit auf sich.

Wir wählen denabgelegenen Norden

Deshalb beschlossen wir, die Hauptinseln zu meiden und uns an eine Route entlang der abgelegenen Inseln im Osten und Norden zu halten. Außerdem brachten wir Metallstreben über allen Luken an, um sie nachts gefahrlos offen lassen zu können, installierten per Bewegungsmelder ausgelöste Lampen und sicherten auf Deck alles mit Vorhängeschlössern, um keine Diebe anzulocken.

Teil 2 der Reportage folgt bald.

Artikel teilen:
Kommentare

Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.

Christian Tiedt

Christian Tiedt

Ressortleiter Reise

Christian Tiedt wurde in Hamburg geboren, blieb lange aber ohne direkten Zugang zum Wassersport. Nach der Berufsausbildung bot das Studium dann endlich die Gelegenheit, auf dem Wasser aktiv zu werden – und die entsprechenden Führerscheine zu machen. Zuerst beim Fahrtensegeln und dann, mit dem Einstieg bei BOOTE im Jahr 2004, auch mit Motorbooten aller Art. Christian konnte inzwischen fast ganz Europa (und einige weiter entfernte Destinationen) auf eigenem Kiel kennenlernen und teilt seine Erlebnisse und Erfahrungen für die YACHT und BOOTE am liebsten in Törnreportagen.

Meistgelesen in der Rubrik Reisen