Text: Heinz Klausmann
Es ist Mitte August. Daheim treibt die Hitzewelle den Schweiß auf die Stirn und die Kinder ins Freibad. Wir müssen uns warm anziehen, als wir uns vom Hotel Kulusuk, dem einzigem Haus am Platz, zur Erkundung aufmachen. Dichte Wolken, mäßiger Wind, 8° Lufttemperatur. „All safe“, antwortet Jakob, der dänische Hotelchef, auf die Frage nach Eisbären. Zuletzt wurde im vergangenen Sommer in der Nähe des Flughafens eine Bärin mit Jungem gesichtet.
Die Ortschaft mit ihren 195 Einwohnern ist schnell erkundet. Es ist die zweitgrößte an der 2.700 Kilometer langen Ostküste Grönlands. Bunte Holzhäuser, Kindergarten, Schule, einfache Krankenstation, kleiner Schiffsanleger. Schotterstraßen, im Sommer befahren von Quads, zur Winterzeit von Schneemobilen und Hundeschlitten.
Einige spielende Kinder und etliche angekettete, heulende Polarhunde. Am Lebensmittelgeschäft kündigt ein Schild vier Markttage zwischen dem 31. Juli und 29. Mai an. Ganz niedriger Puls hier. Ideal zum Entschleunigen. Die Akklimatisation ist abgeschlossen. Für uns geht es nun auf die „Varuna“. Der Törn beginnt.
An Bord wird es Französisch: „Mangez-vous tout?“ „Esst ihr alles?“, irgendwelche Allergien? Luse möchte es ganz genau wissen. Sie wird für das leibliche Wohl während unserer zehntägigen Reise in die eisige Inselwelt Ostgrönlands zuständig sein. Gianluca, Tessiner aus Lugano, war schon einmal Gast an Bord. Er schwärmt beim Begrüßungscocktail von der exzellenten Küche.
Der erste Beweis ist bald auf dem Tisch. Selbst gefangener Kabeljau „à la brésilienne“, ein Gruß aus der Heimat unserer Köchin. Beim Essen stellt Kapitän Lionel dann Bergführer Ronan aus Grenoble unserer fünfköpfigen Reisegruppe vor. Er wird uns auf den täglichen Exkursionen in die Bergwelt rund um die Ankerplätze begleiten.
„Der Sonne entgegen“ heißt die Losung beim Aufbruch Richtung Tiilerilaaq am nächsten Morgen. Dunkle Wolken liegen über der Küste. Langjährige Beobachtung, erzählt der Skipper, hätte ihn bei solchen Wetterlagen die Nähe des Inlandeises mit seinem stabilen Mikroklima suchen lassen.
Bei der Fahrt durch den Ammassalik-Fjord schimmert in der Ferne die Sonne durchs monotone Grau. Das Deckshaus bietet mit den beiden Liegeflächen unter großen Fenstern einen idealen Unterschlupf bei Außentemperaturen um fünf Grad. Bei leichtem Gegenwind übernimmt unter Motor der Autopilot das Ruder.
Die Segel bleiben im schmalen Ikaasattivaaq-Sund unten. Kurz vor dem Tagesziel Tiilerilaaq reißt der Himmel auf. Mit dem Dinghi setzt Lionel uns Gäste über an Land. Sein dicker Neoprenoverall mit eingearbeiteten Gummistiefeln imponiert. Überlebenswichtig bei Wassertemperaturen von 3° Celsius.
Gut ausgerüstet begeben wir uns auf Erkundungstour. Ronan trägt sein großkalibriges Gewehr griffbereit auf dem Rucksack. Nach etlichen Begegnungen mit Eisbären ist er immer auf der Hut. Die Gruppe bleibt stets zusammen. Einige Kinder spielen im warmen Licht der Nachmittagssonne, als wir den Ort mit seiner Handvoll Häuser durchqueren.
Auf einer Anhöhe hinter dem Helikopterlandeplatz ist es so weit: Eisberge. Weiße Ungetüme unterschiedlichster Form und Größe bedecken das dunkelblaue Wasser des Sermilik-Fjords. Beeindruckend. Kaum vorstellbar, mit „Varuna“ einen Weg durch die eisigen Monumente zu finden.
Weiter oben reicht der Blick aus felsiger Höhe zurück auf die einsame Ankerbucht und unser schwimmendes Domizil. Am Ufer eines Bergsees mit glasklarem Wasser wachsen zahlreiche Pflanzen. Der hier gepflückte Sauerampfer wird unser Abendessen veredeln. Auch das in Trinkflaschen gesammelte Wasser ist Luse versprochen. Leben mit der Natur.
Bei strahlendem Sonnenschein nähern wir uns am nächsten Morgen den schwimmenden Eisblöcken. In faszinierenden Blau- und Weißtönen scheinen sie uns entgegen. Gianluca ist ganz aufgeregt. Der passionierte Naturfotograf bereist seit Jahrzehnten die Arktis. Mit großer Brennweite ist er auf der Pirsch nach bizarren Formationen. Zuviel Sonne für scharfe Aufnahmen, klagt er. Seine Zeit wird noch kommen. Ariela und Suzann genießen das gleißende Licht.
Skipper Lionel hat alle Hände voll zu tun. Stetig wechselt er zwischen den Steuerrädern von Back- nach Steuerbord und zurück. Es gilt, dem unter der Oberfläche teils weit ausladenden Eis auszuweichen. Der Aufprall kleinerer Brocken erschüttert mitunter den Rumpf. Dem 40 Tonnen schweren Schiff macht das wenig. Bei Windstille gleitet es mit langsamer Fahrt im Slalom durch die scheinbar endlose eisige Kulisse.

Ressortleiter Reise
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