Christian Tiedt
· 19.07.2026
Text: Heinz Klausmann
Tracks von früheren Törns leiten Lionel sicher in einen Seitenfjord. „Heute ankern wir an Land“, verspricht der Kapitän. Stimmt nicht. Aber auf der Karte scheint es so. Das verfügbare Kartenmaterial ist nicht verlässlich. Die Landgrenzen sind unpräzise und Wassertiefen in weiten Bereichen nicht angegeben. Fjorde, Inseln, Berge und Orte werden häufig unterschiedlich bezeichnet.
Nach Stunden des vorsichtigen Vortastens erreicht „Varuna“ eine herrliche Ankerbucht. Und da ist er. Der Ausblick auf das Grönländische Inlandeis. Als Relikt der letzten Eiszeit bedeckt der schier unendliche gefrorene Panzer vier Fünftel der Insel. An Stellen ragt er bis zu 3.000 Meter in die Höhe. Die nur etwas mehr als 55.000 Einwohner Grönlands besiedeln die Küstenregionen.
Auf der heutigen Exkursion wird die Abgeschiedenheit überwältigend spürbar. Keine Siedlung, keine Menschenseele. Vom Gletschereis glatt gescheuerte Felsen, üppige Vegetation dagegen entlang der klaren Bäche. Phantastische Ausblicke auf das Eis, zu Lande wie zu Wasser, und die Ankerbucht tief unter uns. Alles eingehüllt in gewaltige Stille.
An Bord runden Entenbraten und Salat mit Sauerampfer vom Eisrand das Naturerlebnis ab. Behagliche Atmosphäre erfüllt das Schiff. Geräumige Kabinen und angenehme Sanitärbereiche bieten ausreichend Privatsphäre. Der Salon wird zum Treffpunkt und Forum.
Parallel zum Sermilik-Fjord verholen wir vom Stoklund-Fjord durch den Ikaasak-Sund in den breiten Fjord Qeertartivattaap Kangertiva. Der Anker fällt in einer rundum geschützten Bucht auf zwölf Meter Wassertiefe. Lionel und Ronan bilden ein eingespieltes Team.
Während unser Kapitän mit der Drohne zum Erkundungsflug aufbricht, nähert sich von Backbord ein blau-weißes Ungetüm unserer schwimmenden Unterkunft. Eisbergalarm! Gelassen bleiben! Doch das Monstrum entfernt sich nach leichtem Kontakt mit dem Heck auch ohne Intervention unsererseits wieder Richtung Ufer.
Zwei Tage Zeit haben wir, die mächtigen Berge um uns herum zu erkunden. An den Abhängen des mächtigen Neerernartivaq zeugen die blank geschliffenen Felsen von der gewaltigen Wucht früherer Eiszeitgletscher. Die Aussicht auf den mit Eisbergen gespickten Fjord und die mächtigen Ausläufer des Inlandeises belohnen die Mühen des dreistündigen Aufstiegs. Selbst die außergewöhnlichen Aufnahmen von Lionels Drohne dokumentieren nur unzulänglich die Faszination der Landschaft.
Ronan erklärt die Besonderheiten der arktischen Vegetation. Birken und Weiden wachsen hier nicht wie in unseren Breiten in die Höhe. Sie adaptieren sich durch breites und oberflächliches Wurzeln an die klimatischen Bedingungen und bedecken in sonnigen Gebieten als niedrige Geflechte auch größere Flächen. Die Sonne trotzt im kurzen Sommer dem Permafrost eine explodierenden Vegetation ab. Entlang der Bäche und Seen glänzt die Flora mit Scheuchzers Wollgras, Arktischen Weidenröschen und Schwarzer Krähenbeere.
Wir wollen zu den kalbenden Gletschern am Rand des Inlandeises. Bis zur Insel Immikkeertivajik gelingt es Lionel, „Varuna“ durch immer dichter um uns herumtreibende Eisberge zu steuern. Wir nähern uns. Als der Wall immer dichter wird, startet die Drohne bei Windstille erneut zur Erkundung. Kein Durchkommen. Der Natur ihr Recht zu lassen, ist fernab der Zivilisation Gebot.
Lionel dreht ab. Auf Kurs Südost verlassen wir den Nebenfjord in Richtung Sermilik. Ein kühler Gegenwind drängt die Crew ins Deckshaus. Imposante Eisberge säumen den Weg Richtung Norden. Gianluca ist begeistert. Die Wolkendecke sorgt für diffuses Licht. Beste Aufnahmebedingungen für die stummen Riesen. Es ist schon Nachmittag, als wir den sicheren Ankerplatz in einem fernen westlichen Nebenfjord erreichen. Die Sonne vertreibt Wolken, auf zur Exkursion! Ein traumhafter See mit toller Vegetation ringt mit den exotischen Gesteinsformationen um den Titel des Tagessiegers. Natur pur in perfekter Ruhe.
Windstille. „Varuna“ ist sicher. Lionel kann die Crew mit dem Dinghi zum entlegenen Ende der Bucht übersetzen. Bei Ebbe ist die Anlandung unkompliziert, der Weg zu den vom Inlandeis herabstürzenden Wasserfällen allerdings beschwerlich. Doch die Mühe lohnt. Die zu Tal gehenden Wassermassen beeindrucken ebenso wie der Ausblick auf das Eis und die friedliche Bucht mit der Yacht unter uns. Wir sind weit weg von „Varuna“. Und viel weiter noch von der vertrauten Welt. Gemeinsam genießen wir die Eindrücke und teilen Erlebnisse.
Auf dem Wasser geht es hier nicht weiter. Lionel steuert mit größter Vorsicht. Doch das Eis wird immer dichter. Besser nicht im dünnen Pack gefangen werden und einige Tage manövrierunfähig driften. „Varuna“ würde das schon aushalten. Aber die Nerven aller Mitreisenden vielleicht nicht. Auch ein letzter Rundflug der Drohne weist keinen sicheren Weg. Also Kurs Süden. Im einsetzenden Regen kommt schon so etwas wie Abschiedsstimmung auf.
Die Sonne über den Eisbergen, traumhafte Ankerplätze in verlassenen Fjorden, Wanderungen in entlegener Natur und das gemeinsame Erleben etwas so Besonderen haben tiefen Eindruck hinterlassen. Zeit für Wehmut? Zum Glück gibt es noch unerwartete kulinarische Höhepunkte zum Abschluss. Vor Tiilerilaaq fischen wir. Mit der Angelrute ringt Kapitän Lionel der kalten grönländischen See einen kapitalen Kabeljau ab.
Wenig später landet der Fang in den kundigen Händen von Luse und kurz danach als Ceviche und Filet mit herrlicher Beilage auf den Tellern der begeisterten Crew. Ronan erntet auf der letzten gemeinsamen Wanderung außerdem einige wunderbare Birkenpilze, die unter Verzicht auf Lieferketten alsbald das Mittagsmahl krönen.
Und auf dem Rückweg nach Kulusuk führt ein schöner Halbwind „Varuna“ zumindest für eine kurze Strecke ihrer eigentlichen Bestimmung als Segelyacht zu. Sie scheint sich zu freuen, denn segeln kann sie. Sogar richtig gut.

Ressortleiter Reise
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