Im Schutz des Great Barrier Reefs liegt eines der weltweit außergewöhnlichsten Charterreviere. Unterwegs im Archipel der Whitsunday Islands vor der Nordostküste Australiens.
Am Anfang war ein Foto. Wie eine australische Antwort auf das Wattenmeer: dieser Strand, diese Farben, diese Sandbänke, diese Sehnsucht! Da wollte ich hin. Sehen und sterben, wie man so sagt. Besser noch: sehen und segeln. Live, in Farbe und 3D. Die Whitsunday Islands gehören zu den besten Segelgründen der Welt. Für Australier ist die Inselgruppe – gleich hinter dem Great Barrier Reef und somit geschützt vor der pazifischen Dünung – das Segelrevier schlechthin. Ein maritimes Mekka vor der Küste von Queensland.
Hierzulande sind die tropischen Inseln den meisten Seglern nicht bekannt oder aber keine Option bei der Wahl des nächsten Törns. Das ist in erster Linie der enormen Entfernung geschuldet. Unter 30 Flugstunden Anreise ist das aus Deutschland kaum zu schaffen. Das muss man wollen. Vor allem wenn man sich nicht so ganz sicher ist, ob das Revier es wert ist. Sprich, haben die Whitsunday Islands irgendetwas zu bieten, das man anderswo nicht auch finden würde? Mal abgesehen von Dingen, auf die man gut und gern verzichten kann. Wie zum Beispiel auf Seewespen und saisonal auftretende, höchst giftige Würfelquallen. Oder auch auf Haie, deren Kontakt mit Menschen sogar tödlich ausfallen kann. Für viele genügt diese Aufzählung bereits, das Revier von der Liste der persönlichen Traumziele zu streichen. Zu Unrecht? Wir wollten es wissen.
Ausgangspunkt für einen Törn in den Archipel ist der kleine Ort Airlie Beach in Queensland. Sehr beliebt bei Backpackern. Als Erstes fallen einem die vielen Ausflugsboote auf. Und das riesige Freibad gleich neben dem Meer. In Wurfweite zum Strand. Das hat, wie gesagt, Gründe, da man hier nicht so bedenkenlos ins Meer springt wie anderswo, erzählt uns Luke.
Luke ist professioneller Briefer. Seine vierstündige Instruktion – richtig gelesen: vier Stunden! – ist obligatorisch und beginnt morgens um 8:30 Uhr am ersten Tag der Charter. Der Briefer ist auf den Whitsunday Islands ein eigener, zertifizierter Beruf, um Chartergästen die Regeln im Marinepark und Weltnaturerbe einzubimsen. Es geht weniger um technische Fragen zur Yacht – die klassische Einweisung folgt erst im Anschluss – als um ein umfassendes Verständnis für die Dos and Dont’s auf den Whitsundays. Naturschutz wird in Australien allgemein, aber insbesondere nahe dem Great Barrier Reef großgeschrieben.
Teil eins des Briefings beinhaltet allgemeine Regeln und Segelbeschränkungen im Revier: Etwa welche der zahlreich ausgelegten und farblich unterschiedlich markierten Murings für welche Schiffsgröße vorgesehen sind. Weiter erfährt man, dass man ab 16 Uhr nachmittags nicht mehr segeln, sondern an einer der Murings festgemacht haben sollte. Wie bitte? Andere Länder, anderes Segeln, oder wie? Als Europäer ist man irritiert. Das Revier ist zwar tropisch, aber so früh wird es nun auch nicht dunkel. Was soll das? Man fühlt sich irgendwie bevormundet und in seiner Souveränität als Skipper leicht gekränkt.
Lukes Antwort ist so simpel wie verblüffend. Er sagt: „Sorry, but …“ Die Vercharterer wollen späten Irrfahrten zwischen den Riffen vorbeugen. Offenbar hat man so seine Erfahrung mit unerfahrenen Skippern gemacht. Was wenig bis gar nicht verwundert, wenn man im nächsten Satz erfährt, dass auf den Whitsundays jeder segeln gehen kann. Ein Segel- oder Bootsführerschein sind nicht erforderlich. Das Wollen ist wichtiger als das Können. In solch einem Fall kann – und sollte! – man wenigstens den Crashkurs buchen, den die Basis unerfahrenen Crews anbietet.
Das erklärt natürlich einiges. Nicht nur die frühe Sperrstunde beim Segeln. Sondern auch den dicken roten Edding in den Seekarten an Bord, die Luke mit uns durchgeht. Jede Menge handschriftlich eingezeichnete Anmerkungen und Ausrufezeichen: Passagen, die wegen starker Strömung nicht besegelt werden sollen oder dürfen. Riffe, die weiträumig zu meiden, und Buchten, die bitte gar nicht zu befahren sind. Mit anderen Worten: Ein Segler sieht hier erstmal Rot. Als hätte er es mit dem anspruchsvollsten und gefährlichsten Revier auf Erden zu tun. Noch dazu ein Tidenrevier. Selbst der erfahrenste Skipper bleibt angesichts der Fülle der Warnungen etwas verunsichert zurück. Ob zu Recht, wird sich zeigen.
Leinen los und ab dafür! Von der Theorie zum Praktischen. Wir verlassen das Festland und nehmen Kurs auf den Archipel. Nach so vielen roten Strichen tut der Blick auf einen blauen Horizont und grüne Inseln doppelt gut. Und kaum auf dem Wasser, fühlt sich alles an wie immer. Sehr vertraut. Nur etwas sonniger und türkiser als sonst. Die Brise steht, das Boot segelt anständig. Und Haie sind auch keine zu sehen. Doch das täuscht!
Unser erster Liegeplatz liegt genau voraus auf Hook Island. Ein kurzer Schlag für einen Segler, dafür ein sicherer Ankerplatz für die erste Nacht. Eine tief eingeschnittene Bucht wie ein tropischer Fjord. Bei allen Bedingungen gut geschützt. Das wissen wohl auch besagte Haie. Das Nara Inlet ist als deren Brutplatz und Kinderstube bekannt. Vom Baden wird abgeraten. Schon gar nicht in der Dämmerung. Wir wurden explizit gewarnt: Erst kürzlich gab es zwei Vorfälle. Einer endete glimpflich, der andere tödlich. Sprünge von der Badeplattform sind unbedingt zu vermeiden. Alles Geplansche weckt erst die Neugier, dann den Appetit der Haie. Kaum geankert, geht die Badeplattform – Macht der Gewohnheit – trotzdem runter. Mit Blick aufs Wasser, die Warnung im Ohr, mag man nicht mal die Füße reinhalten. Eine völlig neue Erfahrung. Und ehrlich gesagt nicht die schönste, wenn sonst alles nach Baden schreit.
Tags drauf dann beste Bedingungen. Sonne satt. Und in jede Richtung ein mögliches Ziel. Wir setzen Segel. Gleiten im flachen Wasser mit gemäßigter Brise aus der tief eingeschnittenen Bucht. Kaum dass wir die Whitsunday-Passage erreicht haben, sieht man Ausflugsschiffe aller Art – mit und ohne Masten. Manch alter Racer sieht aus wie ein Flüchtlingsschiff, angesichts der Menge an Backpackern an Bord. Die meisten Boote nehmen Kurs auf den Whitehaven Beach, jenen mehrfach prämierten Strand, den wir an einem Sonntag wohlweislich meiden. Wir segeln erst mal um des Segelns willen.
Ohne Ziel, ohne Eile. Mal in Lee, mal in Luv der vollkommen unverbauten Inseln, wenn man von der Hauptinsel absieht. Buchten und Ankerplätze gibt es genug. Und immer findet sich rasch eine Leeküste, sollte es mal zu windig oder wellig werden. Die Inseln selbst sind landschaftlich ein wilder Mix, wie eine tropische Antwort auf Skandinavien. Mit subtropischem Bewuchs, Stränden wie in der Karibik und einem Tidenhub von bis zu vier Metern. Bei entsprechender Strömung.
In engen Passagen können es stramme fünf Knoten sein. In den Karten schön am roten Edding zu erkennen. Das sollte man beim Navigieren mit einkalkulieren. Und so oder so – laut Vercharterer – nie unter Segeln gegenansteuern. Keine Ahnung, wie verbindlich das ist. Ich weiß nur, als verantwortlicher Skipper würde man gerne selbst entscheiden, wann man wo wie segeln kann. Und nicht in Sippenhaft mit blutigen Anfängern oder Nichtseglern genommen werden. Zumal die meisten Passagen um Stau- oder Niedrigwasser kein Problem darstellen. Das Hochwasser wandert gen Süden, das Niedrigwasser nach Norden. Passagen sollten möglichst mit dem Strom durchfahren werden, um die Kontrolle zu behalten.
Überhaupt der erste Eindruck bei moderaten Bedingungen: Wenn man bereits Erfahrungen mit Tidengewässer hat, ist das Revier einfacher zu besegeln, als es all die Instruktionen und Fußnoten in den Seekarten suggerieren. Beispielsweise sind in den beliebten Buchten allerorten weiße, pyramidenförmige Bojen ausgebracht, um die Korallen vor Segelyachten zu schützen – und umgekehrt.
An den beliebtesten Ankerplätzen liegen stets Murings aus. Unterschiedlich groß mit farbiger Kennung für die verschiedenen Schiffsgrößen. Tagsüber darf man dort zwei Stunden verweilen. Wer kurz vor „Segelschluss“ kommt, kann kostenlos über Nacht bleiben. Tatsächlich bemühen wir den Anker nur ein einziges Mal. Und fahren kein einziges Hafenmanöver. Selbst am letzten Tag kommt noch vor der Marina jemand von der Basis an Bord und macht den Lotsen. Der Skipper wird zum Statisten. Noch so ein Novum. Bei halbem Wind und guter Fahrt nehmen wir Kurs auf Hayman Island, den nördlichsten Punkt des Reviers. Der Bug schneidet durch das helle Blau. Segeln wie auf Schienen, ohne dass Wellen die stabile Seitenlage der Yacht stören würden. Fast schade, dass man stets recht schnell am Ziel ist.
Hayman Island gleicht mit ihren hohen Klippen, üppiger Vegetation, dem weichen, weißen Sand und türkisfarbenem Wasser einer tropischen Postkarte. Passend dazu die Blue Pearl Bay. Am Strand finden sich tonnenweise Korallenbruchstücke. Leider. Die Verwüstungen und Überbleibsel eines Hurrikans, der die Bucht besonders hart traf. Trotzdem wagen wir, inspiriert durch die Ausflugsschiffe um uns herum, einen ersten Schnorchelgang. Nicht ohne zuvor den sogenannten Stinger-Suit anzuziehen, einen Neoprenanzug, der uns vor den Quallen schützt, die zwischen den Inseln allerdings seltener anzutreffen sein sollen als an der Festlandküste. Die Jellyfish Season ist zwischen Oktober und Mai. Und es gibt gleich zwei Arten, mit denen ein Kontakt äußerst fatal bis letal verlaufen kann.
Da eine Begegnung hier draußen aber nicht vollkommen ausgeschlossen werden kann, findet sich in der Bordapotheke literweise Essig. Damit soll eine von den Nesseln der Quallen getroffene Hautpartie gespült werden. Der Essig hilft allerdings nicht gegen die Haie. Als Skipper stellt man fest, die Lust auf Badeaktivitäten ist bei der Crew empfindlich gedämpft. Bisher der größte Downer bei unserem Törn in Down Under.
Wir konzentrieren uns stattdessen aufs Inselhopping. Nächster Stopp in der Butterfly Bay, schon allein wegen des Namens. Eine Zwillingsbucht inmitten toller Landschaft. Auch hier gibt es einen Schnorchelstopp. Allerdings entscheiden wir uns für einen Strandgang. Fahren Slalom mit dem Dingi um die Korallenköpfe und müssen die Tide im Augen behalten. Damit man nicht länger am Strand festhängt, als einem lieb ist. Wie schön er auch sein mag. Leider gibt es hier keinen ausgeschilderten Bushwalk. Und mit Machete sich den Weg bahnen scheidet logischerweise aus im Nationalpark.
An Tag drei dann nehmen wir Kurs auf das Highlight der Inseln – den Whitehaven Beach. Acht Kilometer lang, millionenfach gelobt. Ein Strand der Superlative. Nicht zuletzt weil der Sand einen Quarzgehalt von nahezu 99 Prozent aufweist. Er gilt mit einem offensichtlich hohen Anteil an Ausscheidungen von Papageifischen als einer der weißesten und schönsten Strände der Welt, der sich noch dazu gefahrlos absegeln lässt. Optisch noch spektakulärer allerdings ist das Hill Inlet. Das ist ein Meeresarm, der sich hinter dem Strand ins Inselinnere schlängelt.
Mein persönliches Pilgerziel. Für eine Kielyacht aber leider auch bei Flut nicht zu befahren. Wir kommen rechtzeitig bei einsetzender Ebbe und schnappen uns eine Muring in der benachbarten Tongue Bay. Mit dem Dingi kann man an Land übersetzen und sich dem Meeresarm von Land aus nähern. Über einen Pfad gelangt man zu einer Aussichtsplattform, die eher an eine Götterloge erinnert: Der Blick ist einfach umwerfend. Das Hill Inlet ist ein Gesamtkunstwerk, sozusagen ein Sandbankgemälde. Im seichten Wasser der Lagune schwimmen Stachelrochen und kleine Schwarzspitzen-Riffhaie. Und mitten in dieser Pracht – beneidenswert hinter den Sandbänken – ein ankernder Katamaran. Viel schönere Plätze wird man in diesem Universum kaum finden. Was soll jetzt noch kommen? Wir segeln selig weiter. Mehr geht nicht. Oder doch?
Tags drauf nehmen wir Kurs auf den südlichen Archipel. Das Schiffsaufkommen nimmt rapide ab, die Einsamkeit zu. Plötzlich färbt sich das Wasser, als kreuzten wir durch Gletschermilch, ein Aquarell in unterschiedlichsten Türkistönen. Das will genauer betrachtet sein. In der nächstbesten Bucht werfen wir den Anker und lassen die Drohne fliegen. Je höher sie steigt, desto größer der Aha-Effekt. So was habe ich noch nie gesehen, geschweige denn fotografiert: ein gigantischer Wasserwirbel, von der Strömung ins Meer gezeichnet. Was ich auf dem Display sehe, blickt regelrecht zurück – wie ein göttliches Auge. Ein magischer Moment. Das hier entstandene Bild sagt mehr als tausend Worte. Mehr noch, es allein beantwortet die eingangs gestellte Frage: Der weite Weg ans andere Ende der Welt, er lohnt sich!
Der Archipel der Whitsunday Islands besteht aus 74 Inseln vor der Küste des Bundesstaates Queensland im Nordosten Australiens. Die mittlere Entfernung zur Küste beträgt etwa 10 Seemeilen, die längste Ausdehnung der Inselgruppe beläuft sich auf 20 Seemeilen.
Die Whitsunday Islands liegen geschützt zwischen Festland und dem Great Barrier Reef. Die größte Insel ist Whitsunday. Namensgeber war Kapitän James Cook, der sie an Pfingsten (engl. „Whitsunday“) 1770 mit seinem Schiff „Endeavour“ passierte. Aufgrund seiner guten Erreichbarkeit ist der Archipel ein beliebtes Ausflugsziel und eines der am stärksten frequentierten Bootsreviere im südwestlichen Pazifik. Das Klima ist das ganze Jahr hindurch subtropisch, in der Wintersaison (von Juni bis August) liegt die Durchschnittstemperatur bei angenehmen
23 Grad Celsius.
Wir waren im April am Ende der Nebensaison mit einer Oceanis 48 von QYC – Dream Yacht Charter unterwegs. Das Schiff ist inzwischen aus der Flotte genommen worden. Als Monohulls stehen aktuell noch drei Modelle zur Verfügung: eine Catalina 350, eine Dufour 412 GL und eine Sun Odyssey 44i. Die meisten Crews sind hier per se mit Katamaranen unterwegs. Im Angebot von QYC sind derzeit 19 Zweirumpfer von 36 bis 50 Fuß Länge. Darunter befinden sich auch reine Motor-Katamarane.
Eine Charterwoche auf der Sun Odyssey 44i kostet inklusive obligatorischer Nebenleistungen in der Nebensaison ab rund 2.700 Euro, in der Hauptsaison bis circa 4.800 Euro. Buchbar unter dreamyachtcharter.com
Das Standardwerk mit allen Detailinfos zum Revier ist „100 Magic Miles of the Great Barrier Reef“ (Imray), erhältlich auf 100magicmiles.com (95 Euro inkl. Porto). Die Kartenblätter AUS 824 und AUS 825 (Admiralty) decken das Revier im Maßstab 1:150.000 ab (57,90 Euro), erhältlich unter anderem bei hansenautic.de