Da ist sie wieder, die lange Dünung des Atlantiks. Ist man einmal heraus aus der Landabschirmung, verneigt sich „Chronos“ vor dem Passat. Die Segel der Bermuda-Ketsch füllen sich, stehendes und laufendes Gut stemmen sich gegen die Last. Hoch am Wind geht es nach Norden, das Meer tiefblau. Boa Vista bleibt achteraus, seine helle Silhouette und der blendend weiße Brandungsgürtel vor der Praia de Atalanta.
Und mittendrin im Schleier aus Gischt, wie ein Felsen, das Wrack der „Cabo Santa Maria“ – oder besser seine rostigen Reste. Vor bald sechzig Jahren strandete das spanische Frachtschiff an diesem entlegenen Ort, der auch „Kap am Ende der Welt“ genannt wird. So wie es hinter dem Heck nun immer kleiner wird, wird es auch tatsächlich in nicht allzu ferner Zukunft wieder verschwunden sein, von der Natur selbst aus dem Panorama retuschiert.
Wo die Reise der „Cabo Santa Maria“ endete, beginnt die zweite Hälfte unserer eigenen: Zehn Tage sind wir an Bord von „Chronos“ unterwegs, einer der drei klassischen und dennoch hochmodernen Yachten von Sailing Classics, um per Kabinencharter die Kapverden zu erkunden. Ein Ziel, das selbst mit aller Zeit der Welt so entlegen ist, dass es bei den meisten Seglern auch auf eigenem Kiel unterhalb des Horizonts des Erreichbaren bleibt.
Entdecker kommen jedoch auf ihre Kosten, denn so ebenmäßig sich der Ozean um den weit verstreuten Archipel legt, so unterschiedlich sind seine Inseln. Unser Startpunkt war Mindelo, nicht nur wichtigster Hafen des Archipels und Hauptort von São Vicente, sondern auch Zentrum des wichtigsten Kulturguts Cabo Verdes: Musik!
Jedes der neun bewohnten Eilande der kleinen Republik hat ihren Beinamen. Von der „Insel der Musik“ ging es für uns, zwei Dutzend Passagiere und ein Dutzend Crewmitglieder, an Bord unserer 54-Meter-Yacht nach São Nicolau, zur „Insel mit den zwei Gesichtern“, einer fruchtbaren und einer felsigen Seite, und weiter nach Boa Vista, der „Wüsteninsel“, die Afrika am nächsten liegt.
Über dem sich im sanften Takt des Atlantiks hebenden und senkenden Bugspriet ist nun voraus die nächste Küste zu erkennen: Es ist Sal, die „Urlaubsinsel“ – zumindest nach den Maßstäben der Kapverden. Da wir spät dran sind, verbringt „Chronos“ die hereinbrechende Nacht vor Anker vor dem Touristenort Santa Maria im Süden, während von Land die Lichter der Hotels und Beachbars herüberflackern.
Früh verholen wir nach Palmeira, einem Wirtschaftshafen mit Wellenbrecher und Pier. Daran zwei Frachter mit eigenem Ladegeschirr, denn Kräne gibt es nicht. Im Gegensatz zu Santa Maria haben hier aber Yachten die Möglichkeit, von der Reede aus mit dem Dingi im Hafen anzulanden. Dort warten eine kleine Bar mit Plastikstühlen, Kinder, ein Haufen Netze, weiße Häuser und eine Kapelle. Am Strand reihen sich Öltanks aneinander. Ein Souvenirladen lockt mit der beschwörenden Trommel des Eigners. Seine Magnete, T-Shirts und Strandtücher sagen es deutlich: „No stress!“
Mit dem Kleinbus geht es im Schlaglochslalom nach Norden an der Küste entlang nach Buracona zum Blue Eye, einer blau leuchtenden Grotte an der Küste. Überraschung: Ein richtiger Besucherkomplex mit Parkplatz erwartet uns. Andererseits ist Sal ja die Insel der Urlauber - also wenn nicht hier, wo dann?
Wir werden durch eine Markthalle mit Souvenirs und Café geschleust, dann führt ein Bohlenweg über die Küstenfelsen aus Lava. In einem Tidal Pool wird gebadet. Wir sind zu früh am Auge, die Sonne steht noch nicht hoch genug. In der Grotte unten sind nur Graffitti und ein blauer Schimmer zu erahnen. Sieht aber schön aus - auf Fotos, die um die Mittagsstunde gemacht werden.
Auf zur Ostküste. Trockene Sträucher und verlorene Bäume ragen aus der rostfarbenen Ebene. Der Ort soll für Fata Morganas bekannt sein. Vielleicht ist der Vulkankegel am Horizont ja eine Luftspiegelung. Oder das von Mauern umgebene Wüstenfort? Nein, auch das ist echt: „Prisão, prison“, erklärt der Fahrer. Es ist das größte Gefängnis des Landes.
Es geht auf die Kleinstadt Espargos zu. Der Übergang von der Wüste zur Stadt ist unscharf; verlassene Ruinen, nicht fertig gebaute Häuser, verrostetes Metall, Plastikplanen im Wind. Dann kommen Wohnblocks und unter den Reifen verwandelt sich Staub in Straße. Ein Supermarkt, ein Kino, Jungen in Fußballtrikots und Mädchen in Schuluniformen. Unser Bus fährt weiter zur Küste: Shark Bay ist das Ziel.
Hier liegt die Kinderstube der Zitronenhaie, entfernt von tieferem Wasser, sicher vor den Barrakudas. Denn solange er nicht ausgewachsen ist, ist auch ein Raubfisch Teil der Nahrungskette. Wir werden angesprochen, denn zu den Haien geht es nur mit Führer. Von ihm bekommen wir auch Crocs in passender Größe. Drei Euro pro Person, Schuhe inklusive. Jetzt bezahlen? „No stress! Later“.
Vorsichtig waten wir hinter ihm her hinaus, etwa fünfzig Meter, bis das Wasser knietief ist. Dann füttert er mit getrockneten Fischbröseln an, und im Nu sind drei, vier Jungtiere um uns herum, das größte etwa einen Meter lang. Sandgraue Konturen, wendig und schnell. Die Haie berühren uns mit ihren Schwanzflossen, während sie ihre Kreise um unsere Beine ziehen.
Etwas weiter draußen, wo es tiefer wird, wachen die Eltern. Ausgewachsene Rückenflossen, die durchs Wasser schneiden, kaum einen Steinwurf entfernt. Wie groß sie sind, lässt sich nur schätzen, aber zwei Meter sind es sicher. Wie war das noch? „No stress!“ Spätestens beim Sundowner auf achtern am Abend lässt sich die Geschichte dann wirklich entspannt erzählen.

Ressortleiter Reise
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