TörnberichtMit der Jolle nach Troja – und weiter

Egmont Friedl

 · 13.07.2022

Törnbericht: Mit der Jolle nach Troja – und weiterFoto: Egmont Friedel
Der Autor mit seiner Zef-Jolle an einem von Land aus unzu­gänglichen Küstenabschnitt eingangs der Dardanellen im südlichen Marmarameer

Seit 15 Jahren ist Egmont Friedl auf Törn, etappenweise, immer entlang der Küste. Nun segelte er vom Bosporus zum Südwestzipfel der Türkei

Freiheit ist, sich einen Punkt auf der Landkarte zu suchen und, ohne diesen Ort zu kennen, einfach dorthin aufzubrechen. So entdeckte ich das Dorf Pasamandira, von wo ein kleiner Fluss ins Schwarze Meer führt, ganz nah der nördlichen Einfahrt in den Bosporus. Dorthin bringe ich eine Jolle, die ich zuvor daheim aufwändig restauriert habe.

  Der Autor Egmont Friedl, 55, ist Yachtmaster und gelernter Bootsbauer aus Süddeutschland. Er segelt von Jugend an und hat sich als Fachbuchautor und Tauwerk­experte einen Namen gemacht. Auf den großen Bootsmessen hält er regelmäßig Vorträge und zeigt Tricks und Kniffe im Umgang mit Leinen, Schoten und Fallen. Weitere Infos unter <a href="https://www.emf-sail.com/" target="_blank" rel="noopener noreferrer nofollow">www.emf-sail.com</a>Foto: Egmont Friedl
Der Autor Egmont Friedl, 55, ist Yachtmaster und gelernter Bootsbauer aus Süddeutschland. Er segelt von Jugend an und hat sich als Fachbuchautor und Tauwerk­experte einen Namen gemacht. Auf den großen Bootsmessen hält er regelmäßig Vorträge und zeigt Tricks und Kniffe im Umgang mit Leinen, Schoten und Fallen. Weitere Infos unter www.emf-sail.com

Ganz willkürlich ist die Ortswahl nicht. Von Pasamandira will ich meine Küsten­reise fortsetzen. Die hat mich bereits in einer anderen Jolle erst rund um Italien und dann mit einer Seascape 18 von Triest die gesamte östliche Adria südwärts und via Griechenland bis nach Istanbul und an den Bosporus geführt. Ein durchgehender Kurs von über 6.000 Seemeilen, immer dicht unter Land und nahezu keine größere Bucht auslassend.

Verlagssonderveröffentlichung

Mein Gefährt ist diesmal eine 55 Jahre alte, 3,70 Meter kleine und 90 Kilogramm leichte Zef-Jolle. Warum? Weil das nächste Boot noch kleiner sein musste! So klein und leicht, dass ich es an einem Strand allein aus dem Wasser ziehen kann. Das bringt größte Unabhängigkeit und einen zusätzlichen Sicherheitsgewinn.

Der Fluss in Pasamandira entpuppt sich bei meiner Ankunft im Herbst 2017 als ein grün überwuchertes Gewässer inmitten schönster Natur. Ich kann es selbst fast nicht glauben, als ich um zwölf Uhr mittags des nächsten Tages in diesen unbekannten Fluss abstoße: Von hier willst du nun mehrere Tausend Meilen weit kommen? Ich rudere vergnügt los, muss einmal kurz den Mast legen, um unter einem blanken, tiefhängenden Stromkabel durchzukommen, und gelange nach ein paar Stunden Rudern ins Schwarze Meer. Genug für den Anfang. Ich ziehe mein Boot auf einen großen, einsamen Sandstrand und atme tief durch. Ein neues Abenteuer hat begonnen.

  Das Boot überall anlanden zu können ist dem Skipper wichtig. Mit der Zef-Jolle kein ProblemFoto: Egmont Friedl
Das Boot überall anlanden zu können ist dem Skipper wichtig. Mit der Zef-Jolle kein Problem

Dessen Auftakt wird alsbald kurios. An meinem Privatstrand bleibe ich nicht lange allein. Eine kleine Hochzeitsgesellschaft erscheint. Das frisch getraute muslimische Paar nutzt meine kleine "Omen" sogleich als romantische Kulisse für stundenlange Fotoaufnahmen – bis zum Sonnenuntergang. Zum Dank wird mir eine kleine Holzhütte oberhalb des Strandes zum Übernachten angeboten. Die Frauen bringen mir Essen und sogar eine Heizdecke aus Sorge, ich könnte frieren.

Solch unverhoffter Gastfreundschaft soll ich im Lauf meiner Türkeireise noch oft begegnen. Als ich so herzlich versorgt in der Hütte mit Blick auf den Strand und mein kleines Boot einschlafe, denke ich bei mir: "Es wäre unmöglich gewesen, den Ausgang dieses Tages vorherzusehen. Noch wichtiger aber ist, ihn gar nicht vorhersehen zu wollen! Ist das doch im Grunde die Voraussetzung für das echte Erleben, das wahre Abenteuer."

Im Bosporus darf man nicht segeln. Doch das kann unmöglich für mich gelten. Meine kleine Jolle unterliegt bestimmt keinen Regeln, die für Yachten aufgestellt wurden. So segle ich bei schönstem Sonnenschein und leichtem Rückenwind an den teils historischen Häusern und der gewundenen, rund 20 Seemeilen langen Küste der Meerenge entlang. Ich habe die ganze Zeit ein Lächeln im Gesicht, so unbeschwert fühle ich mich. Zum Südende des Bosporus hin verdichten sich die Häuser am Ufer, Wolkenkratzer rücken rechter- und linkerhand ins Bild. Die 15-Millionen-Metropole Istanbul kündigt sich an.

  Friedl an der Pinne seiner einfach ausgestatteten Jolle. Bleibt der Wind aus, greift er zu den RiemenFoto: Egmont Friedel
Friedl an der Pinne seiner einfach ausgestatteten Jolle. Bleibt der Wind aus, greift er zu den Riemen

Hier kreuze ich das Kielwasser meiner Seascape 18, mit der ich im Jahr zuvor einige Zeit in Istanbul verbracht hatte. Erstaunlich ist nun, wie schnell die riesige Stadt mit den Türmen von Hagia Sophia, Blauer Moschee und Topkapi-Palast achteraus bleibt, selbst wenn man wie ich mit einer kleinen Jolle segelt. Ab jetzt bin ich wieder unterwegs in diesem unbeschwerten, losgelösten Zustand der Freiheit. Fortan folge ich der Küstenlinie auf der anderen, der asiatischen Seite. Wie weit? Sehr, sehr weit! Aber ohne an ein festes Ziel oder einen Zeitplan zu denken, ohne große Planung und große Ausrüstung.

"Das Marmarameer ist hart, grau, windig und kalt", hatte ich in mein Logbuch geschrieben, als ich im November und Dezember mit der Seascape auf Istanbul zu kreuzte. Dank Idealbedingungen lerne ich diesmal die einsame und teilweise sehr ärmlich wirkende Küste der anderen Seite des Marmarameeres kennen. In den Dörfern werden die Kühe durch die unbefestigten Straßen getrieben, wo Kinder spielen und ein fliegender Händler Socken aus dem Auto heraus verkauft. Und wo der Muezzin in schmerzlicher Dissonanz aus dem Moschee-Lautsprecher krächzt.

Mit einem Fischer sitze ich im Teehaus, kann mich mit ihm auf Italienisch unterhalten, als sich der in seiner Intonation verunglückte Sänger zu uns setzt. "Ach, Sie waren das", sage ich ungläubig, "der gerade zum Gebet gerufen hat?" "Ja", erwidert mein Gegenüber voller Stolz, wobei die Zähne seines Gebisses bedrohlich wackeln. "Wir wechseln uns hier im Dorf immer ab. Jeder darf mal singen!"

Auch in solchen Dörfern, in denen es meist kein Restaurant oder Ähnliches gibt, werde ich gefragt, ob ich Hunger habe, und schon wird am Hafen ein frischer Fisch auf den Grill gelegt, werden etwas Salz und Zitrone zusammen mit Salat gereicht. Nirgends muss ich mir Sorgen um mein Boot oder meine Habseligkeiten machen. Alles lasse ich unverschlossen, selbst wenn ich für längere Zeit das Land erkunde.

  In den kleinen Fischerhäfen entlang der Küste findet sich für die "Omen" stets ein PlatzFoto: Egmont Friedel
In den kleinen Fischerhäfen entlang der Küste findet sich für die "Omen" stets ein Platz

Und wie so oft sind es die Menschen, die in bescheidensten Verhältnissen leben, die am herzlichsten und großzügigsten sind. "Wo schläfst du?" – "Im Boot." – "Nein, du kannst gern hier übernachten." Ein winziges Häuschen, tadellos sauber, ein Bett und ein kleines Fenster mit Blick auf den winzigen Fischerhafen.

Als ich das Marmarameer bereits verlassen habe und auch die lebhafte Universitätsstadt Çannakale achteraus liegt, naht ein lang ersehnter Höhepunkt meiner Fahrt: 13 Jahre nach meinem Aufbruch in Genua liegt nun Troja am Ausgang der Dardanellen vor mir. Die Küste hier ist ein wildes, flaches Stück Land, das in den vergangenen 3.000 Jahren vom Skamander und anderen Flüssen aufgeschwemmt wurde. Das antike Troja auf jenem Burghügel, den Schliemann 1873 entdeckte, liegt heute einige Kilometer hinter der Küste.

Mit der Jolle segele ich den Skamander aufwärts, trotz teils dichtem Schilf und weit über den Fluss ragenden Bäumen. Erst als das Wasser nur noch knöcheltief ist, klettere ich an Land. Kein Mensch ist in der sengenden Hitze zu sehen. Und doch: Hier sollen Achill und Hektor gekämpft und die Sagen der Ilias ihren Schauplatz haben.

Für einen Segler ist die strategische Bedeutung Trojas offensichtlich. Nicht ohne Stolz ist es mir zwar gelungen, die strömungsreichen Meerengen, den Bosporus und auch die Dardanellen ganz ohne Motorkraft zu meistern. Doch dafür ist ein Boot mit guten Amwind-Eigenschaften nötig. Die besaßen die antiken Schiffe nicht. Sie mussten warten, bis der Meltemi aussetzen und ein südlicher Wind die Passage durch die Dardanellen gegen den mit bis zu vier Knoten setzenden Strom ermöglichen würde. Und genau diese Bucht vor Troja war ideal, um auf günstigen Südwind zu warten.

  Die türkische Ägäisküste ist wie hier in Ephesos überreich an Zeugnissen aus der AntikeFoto: Egmont Friedel
Die türkische Ägäisküste ist wie hier in Ephesos überreich an Zeugnissen aus der Antike

Mehrmals besuche ich die Ausgrabungen. Dann verlasse ich bei kräftigem Wind endgültig den Hellespont, runde das Kap bei Kumkale und bin in der Ägäis!

Meine Ausrüstung an Bord ist minimal. Alles ist wasserdicht verpackt und angeleint. Dazu Anker, Ösfass, Regattaweste, Landkarten oder Satellitenaufnahmen des Küstenverlaufs, ein Handy für Wettervorhersagen, nicht für die Navigation. Kein Motor, keine Elektrik, keine Instrumente, kein GPS, nicht einmal ein Kompass. Stattdessen Augen, Ohren, Nase, Instinkt und Erfahrung. Verzicht wird dann zum Genuss, wenn er freiwillig erfolgt. Ich habe in der Vergangenheit zahlreiche Boote und Yachten mein Eigen nennen dürfen, habe mehrmals den Atlantik auf eigenem Kiel überquert, bin gelernter Bootsbauer und als Profiskipper durchaus vertraut mit dem Segeln mit Plotter, heißer Dusche, Klimaanlage und allem Schnickschnack an Bord. Auf all diesen Ballast zu verzichten, das zaubert mir mittlerweile ein fast lausbubenhaftes Lächeln ins Gesicht.

Jeder Tag ist vom Wetter und dem Küstenverlauf bestimmt. Ich segele morgens los, ohne zu wissen, wie weit ich kommen werde. Entdecke ich einen schönen oder interessanten Ort, gehe ich an Land. Es ist unglaublich, wie viele menschenleere und vom Land unzugängliche Strände man zwischen den oft spektakulären Felsen der Steilküsten entdeckt. Es setzt schon fast eine Traumstrand-Inflation bei mir ein – und doch reizt es mich immer wieder, dort anzulanden, wo kaum ein anderes Boot hinzukommen vermag.

Abends halte ich meist bei einem Dorf oder in einem kleinen Hafen. Oft schlafe ich auch in einsamer Natur unter den Sternen, mache Feuer und komme mir vor wie ein Trapper im Wilden Westen, der jeden Tag weiterzieht. Werde ich eingeladen, ergeben sich fast täglich neue Kontakte für die Folgetage, sobald sich herausstellt, dass ich nur mit diesem motorlosen kleinen Boot unterwegs bin. Erstaunlich, wie vernetzt die türkischen Segler sind. Immer heißt es, wenn du dort oder dorthin kommst, dann melde dich bei meinem Freund, der dir weiterhilft.

  Ein Brautpaar nimmt die "Omen" spontan in Beschlag. Im Gegenzug erhält der Skipper Kost und LogisFoto: Egmont Friedl
Ein Brautpaar nimmt die "Omen" spontan in Beschlag. Im Gegenzug erhält der Skipper Kost und Logis

Auf diese Weise lerne ich Ilhan kennen. Er berichtet: "Wir sind über 3.000 Segelfreunde von hier bis ganz in den Osten Anatoliens. Wenn du irgendwann einmal Schwierigkeiten hast, ruf mich an, wir kriegen dich da schon durch."

So vergehen die Tage, Wochen, Monate und – pandemiebedingt – sogar Jahre. Unterbrochen von mal kürzeren, mal längeren Aufenthalten daheim hangele ich mich Abschnitt für Abschnitt die türkische Westküste entlang. Die windet sich von Nord nach Süd in großen Buchten, vor denen die griechischen Inseln oft zum Greifen nah liegen: Lesbos, Chios, Samos, Kos, Symi, Rhodos und ganz im Süden das kleine Eiland Kastellorizo. Während die Inseln meist karg sind, ist das türkische Festland grün bewaldet. Allerdings ragt eine felsige Landspitze nach der anderen ins Meer hinaus. Dieser Küste zu folgen bedeutet, ein Kap nach dem anderen zu umsegeln.

Der vorherrschende Meltemi hilft dabei. Er weht sommers wie winters aus Nord bis Nordost. Als Segler weiß man um die Turbulenzen, die ein Kap mit sich bringt. Ragen dann noch teils über 1.000 Meter hohen Bergrücken nahe der Küste auf, sind die Kapeffekte besonders heftig.

  Meer, Strand, Jolle und davor ein kleines Lokal – das reicht dem Einhand­segler zum GlücklichseinFoto: Egmont Friedl
Meer, Strand, Jolle und davor ein kleines Lokal – das reicht dem Einhand­segler zum Glücklichsein

Im Januar dieses Jahres segele ich bei kaltem, kräftigem Wind und Sonnenschein südlich von Kusadasi früh am Morgen los. Die große Dilek-Halbinsel liegt vor mir, ein Naturschutzgebiet ohne Besiedelung, wenn man von den zahlreichen Wildschweinen und anderen tierischen Bewohnern absieht. Der Wind drückt wunderbar ins vorsorglich gereffte Groß, und alles ist unter Kontrolle. Immer enger wird es zwischen dem Festland und der Insel Samos. Meine "Omen" surft durch die Straße von Mykale. Hier können Türken und Griechen beinahe einander zuwinken.

Leider verstärkt sich in der Enge auch der Wind. Ich muss abfallen und die anstehende Halse bei sechs Beaufort meistern. Es geht gut. Und wie zur Belohnung folgen unmittelbar auf das Kap herrliche Strände und Buchten. Dort lege ich eine Pause ein, setze mich in ein windgeschütztes Eck bei den Felsen und lasse die Sonne mein Gesicht wärmen. Als ich diesen Zufluchtsort wieder verlasse, liegen ungefähr fünf Meilen felsige Steilküste vor mir. Lächerlich, mag man denken, doch keineswegs! Der Wind hat weiter zugelegt, an Steuerbord in einem Abstand von ungefähr einer Seemeile sehe ich die Wellenrücken: alles weiß! Dort weht der Wind wieder stetig, nachdem er das Bergmassiv überwunden hat, mit jetzt mindestens sieben Beaufort.

An Backbord ragt das Mykale-Gebirge in die Höhe. Böen fallen herab. Sie bilden kreisrunde Wirbel auf dem Wasser, peitschen es zu weißer Gischt, jagen wie Mini-Tornados einige Hundert Meter dahin und lösen sich dann so schnell wieder auf, wie sie entstanden sind. Wann und in welcher Richtung solche Wirbel auftreten, ist unvorhersehbar. "Viel zu gefährlich, um hier zu segeln", denke ich mir, berge das Tuch, staue alles mit möglichst wenig Windangriffsfläche und beschließe zu rudern.

  Im Uferdickicht des Skamander findet sich nahe Troja eine schmale Stelle zum AnlandenFoto: Egmont Friedl
Im Uferdickicht des Skamander findet sich nahe Troja eine schmale Stelle zum Anlanden

Wenn mich eine Bö erwischt, weht es mich vielleicht ein Stück zurück, aber mit genügend Durchhaltekraft werden die fünf Seemeilen kein Problem sein, da bin ich schon ganz andere Distanzen gerudert. Doch dann passiert es: Ein Wirbel saust auf mich zu, packt das Boot und wirft es so schnell um, dass ich nur noch denken kann: "Das gibt’s doch gar nicht!" Schon schwimme ich im Wasser.

Zum Glück habe ich genau solche Situationen trainiert und sowohl mich als auch die Jolle entsprechend vorbereitet. Schnell habe ich die "Omen" wieder aufgerichtet, das Wasser mit dem angebundenen Ösfass gelenzt und die angeleinten Riemen und weitere Ausrüstung eingesammelt.

Dann rudere ich an die Steilküste, wo ich in einem Einschnitt zwischen Felsen den Anker ausbringen und das Boot mit einer Landfeste sichern kann. Ich klettere an Land, suche Treibholz, entzünde ein Feuer und richte mir ein Biwak wie ein Bergsteiger in der Steilwand ein, denn es gibt nur eine einzige Stelle in den ringsum aufragenden Felsen, wo man waagrecht liegen kann. "Eigentlich wunderschön", denke ich mir, koche eine einfache Pasta mit Oliven und Schafskäse, als bereits der Mond hinter mir über den Berg Mykele steigt und die Nacht hereinbricht.

  Ein winziges Eiland tief im Golf von Gökova. Am Ufer liegt steck­nadelkopfgroß die JolleFoto: Egmont Friedl
Ein winziges Eiland tief im Golf von Gökova. Am Ufer liegt steck­nadelkopfgroß die Jolle

Strapazen kehren sich schnell in ein Glücksgefühl um, vor allem, wenn man sich trotz unwirtlicher Bedingungen gemütlich einzurichten versteht. Man muss den freiwilligen Verzicht ja nicht derart radikal betreiben, wie ich es tue. Aber der Grund­gedanke bleibt: Mit weniger Betonung auf Technik, Ausrüstung und festgelegte Planung steigt die Intensität des Segelns und des Erlebens. Gewarnt sei aber vor den Böen, die im vermeintlichen Schutz hoher Berge lauern.

Wunderbar ist der Gegensatz, als ich in die Ebene des Großen Mäanders komme und an endlosen Sandbänken entlang segele. Rosa Flamingos stelzen über den Sand und erheben sich in die Luft, wenn ihnen mein kleines Segelboot zu nah kommt. Zweifellos beginnt hier der landschaftlich reizvollste Küstenabschnitt, den ich bisher kennenlernen durfte. Aber es ist noch lange vor der Segelsaison. Auch wenn tagsüber die Sonne bereits herrlich wärmt, so fällt das Thermometer nachts noch auf null Grad. Frühmorgens bei Sonnenaufgang im eisigen Wind das Boot ins Wasser zu schieben, um zu segeln, erfordert schon etwas Sportsgeist.

Als ich in prasselndem Regen nach Bodrum komme, werde ich dank meines Freundes Ilhan bereits erwartet. Von einer Lagoon 620 bedeutet mir Ali, längsseits zu gehen: "Hallo, willkommen!" Von meiner Jolle steige ich über auf den 20-Meter-Luxuskatamaran. Der Gegensatz könnte kaum größer sein. "Möchtest du einen Kaffee?" Wir sitzen auf weichen Polstern im riesigen, beheizten Salon, umgeben von poliertem Edelstahl und aparten Zimmerpflanzen. Hinter den Panoramascheiben schaukelt der Verklicker im Masttopp meiner Jolle fast auf Augenhöhe.

  In der traumhaften Bucht von Fethiye geht es zwischen kleinen Inseln hindurch bis nach GöçekFoto: Egmont Friedl
In der traumhaften Bucht von Fethiye geht es zwischen kleinen Inseln hindurch bis nach Göçek

"Wenn du ans nächste Kap kommst, an der Datça-Halbinsel, dann musst du meine Farm besuchen", sagt Ali. "Du kannst bleiben, solange du willst. Wir produzieren dort Olivenöl, Seife, Wein – alles ökologisch."

Doch zunächst liegt der große Golf von Gökova vor mir, den ich bis nach Akyaka ganz am Ende besegele. Vor allem die süd­liche Küste dieser über hundert Kilometer tief einschneidenden Bucht ist fantastisch: viel einsame Natur, geschützte Ankerplätze, kleine Inseln, weiß blühende Mandelbäume. Am Kap unweit des historischen Knidos besuche ich dann Alis Farm, bevor ich den Hafen von Datça erreiche.

Nach Marmaris liegen bereits über tausend Seemeilen im Kielwasser meiner Jolle. Wenig später erreiche ich den Golf von Fethiye. Nun lässt die Zahl der gefährlichen Kaps allmählich nach. Die große Bucht ist ein weiteres Segelparadies. "Das Licht ist warm von der frühen Sonne über dem tiefblau leuchtenden Meer, die grünen Eilande liegen in zauberhafter Ruhe vor dem Bug", schreibe ich ins Logbuch. Pinien reichen bis an die Ufer, in zahllosen kleinen Unterbuchten werden im Sommer Yachten und Gulets mit Landleinen so nah zum Ufer vertäut, dass oft nur noch der Bug zwischen dem dichten Grün herausragt.

Bei den Fischern im Zentrum Fethiyes winkt mir ein alter Mann. Ich kann hinter seinem Boot mit Heckanker festmachen. Gleich fällt mir der ungewöhnliche Name des Bootes auf: "Maverick". Der Alte überrascht mich noch viel mehr: Ertugrul ist 73 Jahre, lebt auf seinem einfachen Boot, spricht Englisch und Deutsch und erzählt: "Ich habe noch über 4.000 Bücher in einem Lagerschuppen, ich habe mich immer sehr für deutsche Literatur interessiert und auch für Lexikografie." Drei Tage bleibe ich bei ihm. Er ist ein unerschöpflicher Quell an Überraschung. Wir unterhalten uns bis spät in die Nacht über Künstler und Philosophen. Die Begegnung mit ihm zeigt mir einmal mehr, dass man jedem Menschen mit einem offenen Geist begegnen muss.

Nach einem langen Gespräch sagt man in der Türkei zur Verabschiedung: "Ich kann gar nicht genug von dir bekommen." Wo­rauf die Antwort lautet: "Ich glaube dir kein Wort." Mit diesen Worten verabschiede ich mich von Ertugrul. Mit meiner "Omen" segele ich weiter bis ins nicht weit entfernte Kas. Dort beende ich meine vorerst letzte Etappe. Wann es weitergehen wird, weiß ich nicht. Doch es wird weitergehen. Ich kann nicht genug bekommen von diesem großen Abenteuer.

  Der Törn Von der Küste Liguriens bis ans Südende der türkischen Ägäisküste – seit mittlerweile 15 Jahren bin ich inzwischen mit kleinen Booten unterwegs, aufgeteilt in bislang 33 Etappen. Es ist eine Herausforderung, die ich mir selbst stelle und die zugleich den Reiz dieser langen Fahrt für mich ausmacht: Ich folge der Festlandküste, die immer an Backbord bleibt. Es gibt keine größeren Abkürzungen, im Gegenteil, ich segele auch zu Inseln, die einfach zu reizvoll sind, um sie auszulassen. Denn: Ich will nicht einfach so schnell wie möglich vorankommen.  Vielmehr geht es mir darum, das Land zu sehen, es kennenzulernen. Ich nehme mir die Freiheit, überall dort zu stoppen, wo ich Lust dazu verspüre. Nur Wind- und Muskelkraft bringen mich vo­ran. Das ist die ultimative Freiheit, der größte Genuss! Mit jeder gesegelten Meile wächst das magische Kielwasser zu einem immer größeren Ganzen, das mich erfüllt. Das Meer mit einem motorlosen Segelboot zu befahren und neue Küsten und Länder mit einfachsten Mitteln anzusteuern ist einer der besten Lehrmeister. Egal, wie viel Erfahrung man bereits hat, man kann immer noch dazulernen und wachsen.   Die Etappen  Oktober 2017: Schwarzes Meer, Bosporus, Istanbul bis Ekinli  Oktober 2018: Ekinli bis Sahinburgaz (Marmarameer)  Juli 2019: Sahinburgaz bis Troja (Güzelyali) Oktober und November 2021: Troja bis Ephesos (Kusadasi) Januar 2022: Kusadasi bis Bodrum Februar 2022: Bodrum bis Datça  April 2022: Datça bis KasFoto: YACHT
Der Törn Von der Küste Liguriens bis ans Südende der türkischen Ägäisküste – seit mittlerweile 15 Jahren bin ich inzwischen mit kleinen Booten unterwegs, aufgeteilt in bislang 33 Etappen. Es ist eine Herausforderung, die ich mir selbst stelle und die zugleich den Reiz dieser langen Fahrt für mich ausmacht: Ich folge der Festlandküste, die immer an Backbord bleibt. Es gibt keine größeren Abkürzungen, im Gegenteil, ich segele auch zu Inseln, die einfach zu reizvoll sind, um sie auszulassen. Denn: Ich will nicht einfach so schnell wie möglich vorankommen. Vielmehr geht es mir darum, das Land zu sehen, es kennenzulernen. Ich nehme mir die Freiheit, überall dort zu stoppen, wo ich Lust dazu verspüre. Nur Wind- und Muskelkraft bringen mich vo­ran. Das ist die ultimative Freiheit, der größte Genuss! Mit jeder gesegelten Meile wächst das magische Kielwasser zu einem immer größeren Ganzen, das mich erfüllt. Das Meer mit einem motorlosen Segelboot zu befahren und neue Küsten und Länder mit einfachsten Mitteln anzusteuern ist einer der besten Lehrmeister. Egal, wie viel Erfahrung man bereits hat, man kann immer noch dazulernen und wachsen. Die Etappen Oktober 2017: Schwarzes Meer, Bosporus, Istanbul bis Ekinli Oktober 2018: Ekinli bis Sahinburgaz (Marmarameer) Juli 2019: Sahinburgaz bis Troja (Güzelyali) Oktober und November 2021: Troja bis Ephesos (Kusadasi) Januar 2022: Kusadasi bis Bodrum Februar 2022: Bodrum bis Datça April 2022: Datça bis Kas

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