Segler in der Region verlassen sich oft auf Echtzeit-Infos der Plattform „orcas.pt“ und der damit verknüpften Telegram-Gruppen. YACHT-Mitarbeiterin Katharina Erdmann segelt aktuell mit ihrer Familie die portugiesische Küste von Süden aus in Richtung Lissabon entlang. Bei Setúbal wurde einen Tag vor ihrer Durchfahrt eine Orca-Sichtung gemeldet.
Wir haben die Informationen aus den Telegram-Gruppen bekommen und unsere Route entsprechend geplant",
berichtet Erdmann im Gespräch mit der YACHT.
Der Sprung in der Statistik fällt deutlich aus: Von Januar bis Ende April 2026 meldete “orcas.pt” nur vier Attacken sowie fünf Sichtungen ohne Interaktion – also insgesamt lediglich neun Vorfälle in vier Monaten. In den ersten drei Maiwochen kamen mit den sieben Attacken und 15 Sichtungen jedoch bereits 22 weitere Vorfälle hinzu. Damit hat sich die Frequenz auf einen Schlag erhöht.
Die derzeitige Orca-Aktivität konzentriert sich vor allem auf die Region rund um Cabo Trafalgar in Südspanien, nahe der Straße von Gibraltar. Zuletzt wurden jedoch auch vor der portugiesischen Küste bei Sines und Sesimbra, etwa 50 Kilometer südlich von Lissabon, Sichtungen gemeldet. Der abrupte Anstieg der Interaktionen im Mai lässt sich durch saisonale Faktoren erklären: Die Wanderungen der Thunfische ziehen die Orcas in dieser Zeit in die Nähe der Straße von Gibraltar. Dort treffen die jagenden Wale auf ein erhöhtes Aufkommen an Urlaubs- und Segelbooten.
Für Erdmanns Familie mit Kindern an Bord heißt das: aufmerksam bleiben und die Informationsnetzwerke regelmäßig auf neue Updates prüfen.
Bereits im Februar 2026 hatte YACHT mit dem Betreiber von “orcas.pt”, Rui Alves, gesprochen. Er prognostizierte damals: "Das Problem verschwindet nicht – es werden eher mehr", weil junge Orcas das Verhalten älterer, angreifender Tiere übernehmen würden. Zugleich gingen die tatsächlichen Fallzahlen langfristig zurück, dank besserer Information und angepasster Routenplanung: Die registrierten Orca-Interaktionen mit Booten fielen von 180 Fällen im Jahr 2022 auf 128 im Jahr 2023.
Die verbesserte Informationslage scheint eine beruhigende Wirkung zu haben: Katharina Erdmann berichtet, dass unter den Crews trotz der erhöhten Aktivität keine alarmistische Stimmung herrsche.
Wie aber sollten Segler mit der Bedrohung durch Orca-Attacken umgehen? Für Plattform-Betreiber Rui Alves beginnt die richtige Reaktion bereits vor dem Ablegen. Sein wichtigster Rat lautet schlicht: Vorbereitung!
Manche nehmen sich tagelang Zeit für das Wetterrouting, aber investieren nur zehn Minuten in die Orca-Vorbereitung.“
Dabei gehören die Beobachtung der Meldungen zu den aktuellen Hotspots, eine vorausschauende Routenplanung und ein klarer Notfallplan mit der Crew zu den Grundlagen.
Bei der strategischen Routenplanung gibt es zwei Empfehlungen: Entweder bleibt man extrem küstennah in flachem Wasser mit weniger als 20 Metern Tiefe, weil sich Orcas dort wegen ihrer Jagdtaktik selten aufhalten. Oder man wählt eine Route weit draußen westlich des 10. Längengrads im tiefen Ozean, um die Risikozone vollständig zu umgehen.
Kommt es dennoch zu einer Begegnung, gilt die wichtigste Regel: nicht anhalten, sondern weiterfahren. Diese Empfehlung, die orcas.pt schon seit Längerem ausspricht, wird auch von den spanischen Behörden unterstützt. Wer stoppt, riskiert nur längere Interaktionen und damit deutlich größere Schäden am Schiff.
Vom in manchen Foren empfohlenen Rückwärtsfahren rät der Experte ab: „Das Ruder ist nicht fürs Rückwärtsfahren bei Wellen konstruiert“, sagte Alves im YACHT-Interview vor drei Monaten. Das Risiko für Schäden an Ruder und Aufhängung sei schlicht zu groß.
Die von Erdmann genutzten Telegram-Gruppen sind unter anderem über die Plattform orcas.pt erreichbar. Nach einer kostenlosen Registrierung können Segler verschiedene Gruppen abonnieren, in denen Sichtungen in Echtzeit gemeldet werden. Alves rät dazu, mehrere Quellen zu nutzen und abzugleichen. Darunter GT Orca Atlántica, die spanischen Behörden, die britische Cruising Association und in Deutschland Trans Ocean.