Seemannschaft11 Anfänger-Tipps für's erste Mal als Skipper

Felix Keßler

 · 05.12.2018

Seemannschaft: 11 Anfänger-Tipps für's erste Mal als SkipperFoto: YACHT/ H.-G. Kiesel

Zum ersten Mal alleiniger Skipper einer Charteryacht? Mit diesen Tricks können Sie den Urlaub genießen und werden dabei ein souveräner Schiffsführer

Der Check-In ist geschafft, die Kojen sind bezogen, eine leichte Brise zieht durchs Cockpit – der Charter-Urlaub kann beginnen. Doch ausgerechnet eine Person an Bord kann die Euphorie der Mitsegler nicht ganz teilen: der Skipper. Die Verantwortung für Schiff, Technik an Bord und Crew liegt schwer auf den Schultern. Im schlimmsten Fall ist der Schiffsführer sogar im Dauerstress. Das muss nicht sein.

Diese 11 einfachen Tipps tragen zum guten Gelingen des nächsten Segel-Urlaubs bei.

1. Keine Hektik beim Check-In

  Nicht nur ein gründlicher Check der Yacht auf Schäden sollte mit dem Vercharterer erfolgen. Eine Sicherheitseinweisung, etwa zur Funktion der Rettungsinsel ist ebenfalls sinnvollFoto: YACHT/ M.-S. Kreplin
Nicht nur ein gründlicher Check der Yacht auf Schäden sollte mit dem Vercharterer erfolgen. Eine Sicherheitseinweisung, etwa zur Funktion der Rettungsinsel ist ebenfalls sinnvoll

Lassen Sie sich nicht vom Vercharterer hetzen und setzen Sie sich auch nicht selbst unter Druck. Eine ordentliche Übernahme ist nicht spießig, sondern der beste Schutz, um Schäden und einen eventuell nachfolgenden Kautionsstreit zu vermeiden.

2. Alle Mängel ins Protokoll

Werden vorhandene Schäden mit einem "Wissen wir, das war die Vorcrew" vom Charter-Personal abgebügelt, ist Vorsicht geboten. Bestehen Sie dennoch auf den Vermerk im Protokoll und nehmen Sie eine unterschriebene Kopie mit. Bei größeren Schäden mit dem Handy Fotos machen. Bei der Rückkehr erinnert sich womöglich kein Basis-Angestellter daran, und schon geht das Diskutieren um die Kaution los.

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3. Die Crew einweisen
Bedenken Sie, dass die Erfahrungs- und Wissensschätze in der Crew unterschiedlich groß sind. Auch wenn Sie selbst seit Jahren mit dem Leben auf See vertraut sind, gilt das nicht für Ihre Mitsegler. Stellen Sie daher sicher, dass zumindest alle Crewmitglieder die "Basics" draufhaben. Etwa die Toilettenbedienung, den Umgang mit Fäkalientanks und Seeventilen. Oder welche Sicherungen und Hauptschalter wichtig sind, wann der Kühlschrank ausgestellt wird, wo sich die Gasabsperrhähne befinden. Wie der Funk (DSC!) funktioniert, wo sich Westen und Lifebelts befinden, welche Tankeinlässe wo sind.

  Eine ausführliche Einweisung der Crew sollte noch vor dem ersten Ablegen erfolgen. Dann wissen alle, was Sache ist.Foto: YACHT/ H.-G. Kiesel
Eine ausführliche Einweisung der Crew sollte noch vor dem ersten Ablegen erfolgen. Dann wissen alle, was Sache ist.

4. Aufgaben verteilen
Auch wenn Sie als Skipper der Chef an Bord sind: Versuchen Sie nicht, alle anfallenden Aufgaben selbst zu lösen. Ratsam ist es, schon vor der ersten Seemeile die Aufgaben an Bord klar zu verteilen. Einer ist für die Füllstände der Tanks zuständig, ein anderer achtet auf ausreichende Ladung der Batterien. Die Crew profitiert ihrerseits ebenfalls von solcher Aufgabenverteilung, fühlt sich ernstgenommen, entwickelt Verantwortungsgefühl fürs Schiff und das gemeinsame Miteinander.

5. Wetterinfos einholen
Auch wenn das schöne Wetter vor allem im Mittelmeer schnell zur Gewohnheit wird: Kontrollieren Sie täglich die Wetterberichte und planen Sie mit realistischen Etmalen, die Ihre Crew nicht überfordern. Haben Sie immer einen Plan B in der Hand, wenn das Wetter tatsächlich umschlägt.

  Auch bei Sonnenschein und tollem Wetter sollte man die Vorhersagen stets im Auge behalten. Das erspart stürmische Überraschungen.Foto: YACHT/A. Fritsch
Auch bei Sonnenschein und tollem Wetter sollte man die Vorhersagen stets im Auge behalten. Das erspart stürmische Überraschungen.

6. Segel und Winschen richtig bedienen
Rechnen Sie damit, dass Ihre Crew mit dem Equipment an Bord nicht gänzlich vertraut ist und die Kräfte, besonders bei E-Winschen, schnell unterschätzt. Darum beim Setzen immer prüfen, ob der Schlitten vom Kopfbrett oder Rollgroß sich noch bewegt. In der Regel sollte das Aus- und Einrollen ohnehin ohne großen Kraftaufwand funktionieren, es kann meist durchaus per eigener Kurbel-Power erledigt werden. Nur für die letzten schweren Zentimeter ist die E-Winsch dann gut.
Kaum etwas ist so ärgerlich und teuer wie ein gerissenes Segel gleich zu Beginn des Törns.

7. Manöver und Tagesziele besprechen
Schönstes Hafenkino: Die Charteryacht läuft in die Marina ein, die Crew steht versammelt am Bug oder im Cockpit, der Skipper sucht sich einen Platz, fährt den Anleger – und dann beginnt das große Geschrei. Keiner steht am richtigen Ort, keine Leine ist klar, kein Fender liegt bereit.
Ein solches Fiasko muss sich der Skipper zuschreiben. Es ist an ihm, der Crew frühzeitig zu erklären, was beim anstehenden Manöver zu tun ist und wer welche Aufgaben übernimmt. Gerade nicht in der Form "einer muss dann die Fender ausbringen", sondern "Klaus, du bringst die Fender aus!" Nur die direkte Ansprache lässt keine Zweifel offen, wer gemeint ist. Bei viel Wind die Erfahrensten mit den Luv-Leinen betrauen und ihnen klarmachen, dass sie den wichtigsten Job haben.

  Das Nachschleppen des Dingis sollte man nach Möglichkeit vermeiden. Die Schlauchboote werden von den Chartergästen ohnehin bis as Maximum beansprucht.Foto: Ben Scheurer
Das Nachschleppen des Dingis sollte man nach Möglichkeit vermeiden. Die Schlauchboote werden von den Chartergästen ohnehin bis as Maximum beansprucht.

8. Dingi nicht schleppen!
Die Charter-Beiboote sind im Mittelmeer ständig im Höchsteinsatz, zum Teil werden ganze Kinderscharen bei Marschfahrt johlend hinterhergezogen. Gnadenlose UV-Strahlung tut ihr Übriges. So reißen dann gern die anvulkanisierten Aufnahmen für die Schleppleinen aus, die nur schwer oder gar nicht repariert werden können. Weg ist die Kaution und mit ihr die Möglichkeit in einer einsamen Bucht trockenen Fußes an Land zu kommen. Daher: auf Nummer sicher gehen und das Dingi an Deck transportieren.

9. Heckpartie vor der Hafenmole schützen
Ebenso ärgerlich sind Schäden am Heck der Yacht, weil Muringleine oder Ankerkette nicht ausreichend auf Spannung gebracht worden sind. Das muss nicht sein. Einfach das Boot nach dem Übergeben der Heckleinen noch einmal zwei, drei Meter mithilfe der Muringleine nach vorn ziehen. Dann diese belegen und mit der Maschine rückwärts die Muring auf Spannung bringen. Nicht mit Vollgas, aber doch so, dass sie gut unter Zug ist. Stimmt der Abstand zur Pier dann für die Planke, schnell die Leinen belegen. Und: Wenn vorhanden, immer den großen Heckfender ausbringen!

Foto: YACHT/M. Strauch

10. Nicht nur auf elektronische Navigation verlassen!
Vor allem Grundberührungen gehen in letzter Zeit häufig auf das Konto von Navi-Apps und Plottern. Die Crew zoomt sich im Plotter beim Passieren von Flachs immer weiter ins Kartendetail herein, verliert dabei das Auge für den Maßstab. So wird im Abstand von wenigen dutzend Metern an Flachs vorbeigerauscht. Besser also immer mal herauszoomen und zusätzlich auf die Papierkarte schauen.

11. Rückgrat beweisen
Skipper müssen keine Übermenschen sein. Erst recht nicht auf dem ersten Törn. Sie haben das Gefühl, etwas ist schiefgelaufen? Sprechen Sie es an, aber zeigen Sie konstruktiv auf, wie es künftig aussehen könnte. Dann klappt der Törn beim nächsten Mal noch besser. Auch wenn in der Planung und Organisation des Urlaubs viel Arbeit steckt: Nehmen Sie Kritik nicht persönlich, sondern versuchen Sie daraus zu lernen.

Tipps von Andreas Fritsch, überarbeitet von Felix Keßler.

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