Andreas Fritsch
· 11.10.2022
Nicht wenige Segler sind zugleich passionierte Kiter. Ein neues Charterangebot kombiniert beide Hobbys miteinander. Wir berichten, wie das geht, und stellen weitere spannende Kombi-Törns vor
In diesem Artikel:
Wüsste ich nicht, dass die Jungs alle Top-Sportler sind, würde ich denken, die haben etwas geraucht. „Du musst erst den Chicken Loop haken!“, tönt es da. „An der Bar schön mit Gefühl, immer in der Sinuskurve bleiben!“, erklärt ein anderer. „Und zuerst den Body Drag üben, sonst musst du den Walk of Shame ablaufen.“ Aha!
Die Runde im Cockpit des „Kite Voyagers“, des Mutterschiffs der „Kite-2-Sail“-Flottille, grinst und textet mich weiter mit Szene-Jargon zu. Ich verstehe nur Bahnhof. Wir sitzen beim Welcome-Bier im malerischen Marina dell’Isola im Norden Sardiniens. Als Segler ohne Kite-Erfahrung habe ich Sören, Jan, Arne und Philipp versucht zu entlocken, worauf es bei ihrem Sport ankommt und was ich als Einsteiger wissen muss.
Lektion eins ist damit schon einmal gelernt: Kiter sprechen genauso ein Fachchinesisch wie Segler, es klingt nur hipper. Logo, ist ja auch eine moderne Trendsportart, die wie verrückt boomt. Und die überraschend viele Segler gepackt hat. Sogar ein Boris Herrmann ist fanatischer Kiter und Alex Thomson sowieso, wie alle nach seinem Skywalk Stunt – einfach mal googeln! – wissen. Selbst unter meinen Mitseglern jenseits der 50 grassiert das Kite-Fieber. In der Altersklasse ist es derzeit offenbar der legitime Nachfolger des Harley-Fahrens.
Es bietet sich auch irgendwie an: Fürs Segeln und Kiten braucht man Meer und Wind, warum also nicht beides vereinen? Das dachte sich Marc Rosendahl, bis vor Kurzem Mitinhaber und Geschäftsführer einer Charterfirma. Er gründete kurzerhand das Projekt „Kite 2 Sail“. Die Idee ist simpel: Segler, die auch Kiten, fahren mit Gleichgesinnten auf einem speziell ausgerüsteten Katamaran zu den besten Kite-Spots Sardiniens. Auf dem Weg dorthin ist entspanntes Segeln angesagt. Am Ziel angekommen, lässt man dann den Drachen steigen. Pardon: den Kite.
Und löst dabei ganz nebenbei eines der größten Probleme, das Kiter haben: „Immer mehr Strände werden fürs Kiten gesperrt. Der Aufbau des Equipments nimmt viel Platz in Anspruch, und der Start im Flachwasser zwischen badenden Strandbesuchern ist keine gute Idee“, erklären Marc Rosendahl und Kite-Sales-Spezi Philipp Mohr vom Hersteller Eleveight. Die vielen Leinen können Unbeteiligten schließlich schnell gefährlich werden.
Dieser erste Kombitörn vor Sardinien soll ein Test sein, ob das Konzept funktioniert. Mit dabei sind daher auch die Profi-Kiter Sören Cordes und Jan Burgdörfer sowie Arne Schuber vom „Kite-Magazin“. Also einfach mit der Yacht in schöne Buchten segeln und dort direkt vom Boot im tiefen Wasser starten. Dafür liegen auf dem Vorschiff des Kats drei aufblasbare schwimmende Plattformen bereit, von denen aus später gestartet werden soll. Auch sonst ist das spezielle Vorhaben nicht zu übersehen. Im Cockpit, auf dem Vordeck, dem Trampolin, ja sogar auf dem Kajütdach herrscht ein Gewirr aus gewöhnlichen Brettern mit kleinen Finnen, futuristisch anmutenden Foil-Boards, Leinen und Rucksäcken.
Lektion zwei: Kiten ist mindestens so ein ausrüstungsintensiver Sport wie Segeln. Vonnöten sind Schirme verschiedener Größen, unterschiedliche Bretter, kurze und längere Leinen. Es dauert ein wenig, bis alles verstaut ist, dann aber legt der „Kite Voyager“ ab und steuert durch die malerischen Gewässer Nordsardiniens.
„Das Revier ist für Kiter ideal wegen des häufigen Mistrals“, erklärt Marc Rosendahl. Hier fände man immer einen guten, meint: windigen Spot. Zwischen Megayachten und Traumbuchten machen wir uns auf zum ersten Etappenziel, der Insel Tavolara, vor der beim herrschenden Südwind eine perfekte Düse stehen soll. Hin geht es mit Leichtwind.
Vielleicht passen Kiten und Segeln wirklich sehr gut zusammen.
Marc will einen neuen Gennaker setzen, den er mitgebracht hat. Ich schlage das Tuch an, Kiter Jan schaut mir über die Schulter. „Was machst du da genau?“, will er wissen „Ich rigge die Furl-Leine, stelle die Länge vom Niederholer und Barberholer ein und ziehe die Schoten durch“, erwidere ich. „Bitte was?“, fragt er verdutzt. Wir müssen beide grinsen. Vielleicht passen Kiten und Segeln wirklich sehr gut zusammen.
Auf dem Weg zur Bucht legt der Wind zu. Sören und Jan werden unruhig: „Das ist kitebar mit dem Foil!“ Also rollen wir den Gennaker weg, stoppen auf, und flugs bauen die Jungs die Bar an, was eigentlich nur die breite Stange ist, mit welcher der Kite an den Kontroll-Leinen gehalten wird. „Und wie wollen die jetzt ...?“, schießt es mir noch durch den Kopf, da ist der Kite von Zwei-Meter-Mann Sören Cordes schon in der Luft. Der Chicken Loop, die Sicherung am Trapezgurt, wird eingehakt. Sören geht zur Badeplattform, schmeißt einfach das Board mit dem Foil darunter ins Wasser und springt hinterher. Füße drauf, der Kite zieht ihn nach oben – fort ist er. Keine fünf Sekunden dauert das Ganze.
Mit einem Affenzahn saust er anschließend hoch überm Wasser stehend Kreise ums Boot. Spielerisch sieht das aus und sehr geil. Wie macht er das angesichts der mickrigen zehn Knoten Wind nur? Kiter Jan grinst. „Er fliegt Sinuskurven. Oder tief liegende Achten. Dadurch entwickelt der Kite mehr Druck.“ Das Prinzip des scheinbaren Windes. Das kennen Segler von schnellen, gleitfähigen Booten. Cool!
Sardiniens Costa Smeralda ist die Traumkulisse für den Törn. Der häufige Mistral beschert beständigen Wind
An Bord setzen wir wieder den Gennaker, und Kiter und Kat segeln einträchtig zur Insel Tavolara. Am Ankerplatz kommen die drei riesigen aufblasbaren Schwimm-Pontons zum Einsatz. Sie werden nebeneinander am Heck verzurrt, sodass den Kitern eine ausreichend große Fläche zur Verfügung steht, um ihre Kites klarzumachen und von dort auch starten zu können. „Das klappt ja super!“, meint Kite-Pro Jan anerkennend. Nur für Anfänger dürfte der Start von der Plattform ins tiefe Wasser nichts sein. Wer künftig auf diesen Törns mitfährt, sollte also kiten können.
Am frühen Abend schläft der Wind ein. Marcs Frau Marcella zaubert in der Pantry original italienische Pasta. Die Zutaten hatte die Crew besorgt; der Törn ist für Selbstversorger ausgelegt. Die Stimmung an Bord ist top, es fühlt sich ein bisschen nach Studenten-WG an. Später lassen sich die Kiter auf dem Foil vom mitgeführten 40 PS starken Sicherungs-Rib wasserskimäßig ums Boot ziehen. Ein großer Spaß!
Der nächste Tag bringt guten Wind mit sich. Heißt für Kiter, es weht mit deutlich über 15 Knoten. Die Jungs werden hibbelig. Sören, Jan, Philipp und Arne fummeln ihr Equipment zusammen, starten die Kites und jagen raus aufs Wasser. Es beginnt eine Flugshow, die ihresgleichen sucht. Eleveight-Werksfahrer Jan Burgdörfer, „Rider of the Year 2021“, legt los. Er düst mit Fullspeed auf den Kat zu, fährt einen Bogen zum Schwungholen – und springt. Der Kite zieht ihn fünf, sechs Meter hoch in die Luft, der Sportler schlägt Salti, dreht Pirouetten, landet und heizt weiter!
Als Segler stehe ich mit offenem Mund da und staune nur.
Sören kommt ebenfalls Vollgas angeflogen, springt ab, zieht irgendwo in Salingshöhe vorbei, nimmt kurz das Board ab – Showeinlage. Es wird immer verrückter. Als Segler stehe ich mit offenem Mund da und staune nur. Das ist das also mit diesem Kiten. Die Jungs sind im Rausch, kommen nur für kurze Verschnaufpausen an Bord, schieben sich ein Sandwich rein, dann geht es weiter. Wir Segel-Normalos an Bord genießen das Spektakel mit einem Drink in der Hand. Von den Ankerplätzen vor dem Strand kommen die ersten Motorboote mit neugierig gewordenen Zuschauern heran.
Als sich der nahe Strand abends leert, wechseln wir ans Ufer. Jetzt wird klar, wie viel Platz fürs Kiten erforderlich ist. Die Jungs nehmen beim Aufbau mit ihrem Equipment den halben Strand in Beschlag. Kurz darauf gleiten sie im Licht der Abendsonne wie an der Perlenkette aufgezogen über die Bucht.
Um einen Kite startklar zu machen, braucht man Platz. Der ist an vielen Stränden knapp, die Folge sind Verbote
Als Nicht-Kiter werde ich allmählich ebenfalls hibbelig. Einmal muss ich das doch probieren! Ich nerve die Jungs, ob sie mir nicht einen Crashkurs geben können. Am nächsten Tag habe ich sie so weit.
Zunächst aber gehen wir ankerauf und wechseln zum nächsten Kite-Spot. Die Segelei ist bei diesem Törn eher ein Verholen zum nächsten Ort mit ordentlich Wind. Das bedeutet, auch geankert wird in den windigeren Teilen einer Bucht. Ungewohnt für Segler. In diesem Fall machen wir Halt in Porto Pollo. Am Ufer ein megalanger, strahlend weißer Strand mit Beachclubs und Kite-Schulen. Davor ankern 100-Fuß-Yachten. Der Wind schwächelt etwas, die Foil-Boards kommen erneut zum Einsatz. Irgendwann wird es den Pros zu mau, sie starten eine Aperol-Spritz-Party auf dem Vorschiff des Kat.
Da lässt sich Philipp erweichen und gibt mir eine Kite-Stunde. Erst im Sand an Land. Trapez an, Kite mit der Luftpumpe aufgepumpt, die Kontroll-Leinen ausgelegt. Den Kite in Lee, bringt er mir bei, ihn zu starten. Ich bin überrascht, wie viel Power der hat. In einer Bö reißt es mich von den Füßen. Dann zeigt mir Philipp, wie man mit den Bewegungen der Bar Kurven fliegt. Tatsächlich ist der Zug sehr viel stärker, je tiefer und extremer die Kurven werden. Wird der Druck zu groß, kann man den Kite aber ganz gut in der Wartestellung im Zenit „parken“ – wie mit einem Spinnaker anluven und abfallen.
Nach einer halben Stunde Üben folgt Stufe zwei im bauchtiefen Wasser. Mein Lehrer sagt, ich solle mich nach vorn fallen lassen und dabei den Kite weiter kontrollieren. Der ziehe mich dann durchs Wasser vorwärts und nach oben. Dieser Body Drag klappt am Anfang so lala, schon bald knallt der Kite aufs Wasser. Fürs Starten muss man ihn wieder umdrehen mittels leichtem Zupfen an den Leinen. Wer schon einmal einen Spi getrimmt hat, versteht das schnell. Nach einer Dreiviertelstunde habe ich den Bogen raus.
Jetzt müsste ich noch lernen, den Kite an die Windkante zu bewegen, mich zur Seite ziehen zu lassen. „So kannst du später kreuzen“, erklärt Philipp. „Dann musst du auch nicht den Walk of Shame machen“, grinst er. Das meint, dass man es gegen den Wind nicht zurückgeschafft hat, und man mit dem ganzen Kite-Geraffel am Ufer zurück laufen muss. Verstanden!
Als ich endlich aufs Brett steigen will, lässt der Wind nach. Verschieben wir das also auf einen anderen Tag. Für heute genug gelernt. Stattdessen ist Strandparty angesagt. Auch so etwas, das Kiter und Segler verbindet.
Der einfachste Weg ist es oft, einen Törn mit dem Besuch einer Tauchbasis im Revier zu kombinieren. Das können Agenturen oder auch Flottenbetreiber in vielen Revieren organisieren. Die Crew macht einen Termin vor Ort aus und segelt dann zur Tauchbasis, die Material und einen zertifizierten Tauchguide zur Verfügung stellt.