CharterFlug-Chaos: Was Crews jetzt wissen müssen

Andreas Fritsch

 · 05.07.2022

Charter: Flug-Chaos: Was Crews jetzt wissen müssenFoto: Markus Mainka/Adobe Stock Image

Reihenweise Stornos, Flugverschiebungen, gestrandetes Gepäck – vor allem auf deutschen Flughäfen gibt es viele Probleme. Ein Ratgeber durch die Turbulenzen

In den letzten Wochen und Monaten erreichten wohl Tausende Charterkunden Mails von Airlines, in denen ihnen Änderungen oder gar Stornos ihrer Flugverbindung zur Start-Basis des Törns mitgeteilt wurden. Auch die Redaktion der YACHT erlebt seit einigen Wochen, dass Flüge zwei-, dreimal umgebucht werden, nicht nur in Sachen Flugzeiten, selbst Verschiebungen der Route und Flugtage sind darunter. Von den langen Schlangen vor den Security-Check-ins vieler deutscher Flughäfen und verlorenem oder verspätetem Gepäck ganz zu schweigen.

Den Airlines und Flughafen-Betreibern sind in der Corona-Zeit scharenweise Mitarbeiter verloren gegangen, oft weil diese zuvor zu schlechten Löhnen gearbeitet haben, in der Krise gefeuert wurden und sich dann einfach etwas Besseres gesucht haben. Nun steht man mit zu wenig Personal da, hat aber massenweise Flüge verkauft und wird des Ansturms nicht mehr Herr.

Auch in der Charterbranche ist das längst angekommen.

"Wir hören schon von vielen Kunden, dass sie Probleme haben. Flüge werden immer wieder umgebucht, aber wir haben auch schon Fälle, wo Crews ins Revier geflogen sind und dann der Rückflug gestrichen wurde", erzählt Christian Zaloudek von der deutschen Agentur Sarres-Schockemöhle Yachting. "In Kroatien kann man das durch Auto-Anreise vielleicht lösen, aber das geht ja nicht bei jedem Ziel. Manchmal gelingt es, bei der Absage eines Fluges noch Plätze bei einer anderen Airline zu buchen, aber das ist dann natürlich zum einen Glück in der Hochsaison und die Preise sind entsprechend höher."

Hinzu kommen die Probleme am Flughafen. Ein YACHT-Redakteur strandete am Wochenende in Frankfurt, weil wegen zweistündiger Verspätung der Umstieg dort schon weg war. In der Folge buchte die Lufthansa auf einen Flug am nächsten Morgen um. Theoretisch steht dem Kunden dann eine Hotelübernachtung samt Transfer auf Kosten der Airline zu. Das Problem: Die Service-Schalter der Airline im Terminal waren um 22 Uhr alle geschlossen! Die Hotline wegen Überlastung nicht erreichbar. Man solle zum zentralen Service-Center außerhalb des Security-Bereiches gehen, so ein Bildschirm-Hinweis.

Doch davor warnten angesprochene Lufthansa-Stewardessen ausdrücklich: Die Schlange vor dem Service-Schalter hätte etwa ein bis zwei Stunden Wartezeit. Dafür verlasse man aber den Transfer-Bereich und müsse erneut durch den Security-Check-in. Den zu passieren, dauere am Wochenende derzeit aber gern mal drei Stunden, also müsste man vier Stunden vor Abflug dort sein. Also sei Übernachten im Terminal auf einer Sitzbank die sicherste Alternative. Zumal alternative Bahn-Tickets ebenfalls vom Service-Center ausgestellt werden – wenn sie denn verfügbar sind.

Wie recht das Personal hatte, zeigte sich nach einer langen ungemütlichen Nacht im Terminal: Der eigentlich pünktlich startbereite Flieger musste dann wieder warten, weil 30 Fluggäste zwar ihr Gepäck eingecheckt, es aber nicht rechtzeitig durch den Security-Check zum Gate geschafft hatten. Die Folge: Ihr Gepäck muss laut internationaler IATA-Vorschrift aus dem Flieger geholt werden. Das dauert. Und wieder ein unpünktlicher Flieger mehr.

Dass es im Fluggeschäft zurzeit heftig drunter und drüber geht, bestätigt auch Philipp Kadelbach, Gründer des Fluggast-Rechte-Dienstleisters Flightright (www.flightright.de).

"Das Aufkommen von Kunden, die uns beauftragen, ihre Forderungen an Airlines zu vertreten, ist in den letzten Monaten schlagartig um etwa 300 bis 400 Prozent gestiegen. Und normalerweise ging es bei zwei Dritteln unseres Geschäftes darum, Ansprüche wegen Verspätungen von Flügen einzufordern, jetzt geht es in 80 bis 90 Prozent um Annullierungen", so der Jurist.

An die Berliner wenden sich Kunden, wenn sie ihre Ansprüche aus der EU-Fluggastrechte-Verordnung nach einem Fiasko mit der Airline einfordern wollen und keine Lust oder Zeit haben, sich mit den (oft nicht zu erreichenden) Beschwerde-Abteilungen der Airlines herumzuschlagen. Flightright übernimmt dann den Fall des Kunden und verhandelt mit der Airline oder geht zur Not auch vor Gericht. Für den Kunden ist das kostenfrei, dafür verlangen die Anwälte rund 30 Prozent der späteren Schadensersatz-Summe als Honorar.

Die Airlines sind mit der Masse der Forderungen schon jetzt heillos überfordert. "Vor Corona und dem jetzigen Chaos hat es ungefähr dreieinhalb Monate gedauert, bis ein Anspruch eines Kunden durchgesetzt war, mittlerweile sind wir bei etwa sechs Monaten", so Kadelbach.

Doch wie verhält sich der Kunde jetzt am besten, wenn es mit seinem Flug Probleme gibt? Nach Rücksprache mit Agenturen, Flottenbetreibern und Flug-Profis zeichnet sich folgendes Bild ab:

1. Flugplanänderungen Sind die Änderungen für Sie machbar, weil sich nur Abflugzeiten, Umstieg-Flughäfen ändern, ist es oft am besten, diese zu akzeptieren, die vielen Ausfälle durch Personalmangel lassen zurzeit oft nichts anderes zu, Ersatzflüge sind in der Hochsaison schwer zu bekommen. Man muss die Änderung bestätigen, sonst wird die Buchung zu einem Stich-Termin annulliert.

2. Verspätungen Ab drei Stunden Verspätung am Endziel steht dem Kunden eine Entschädigung von 250 bis 600 Euro zu, Letztere aber nur bei Flügen über 3.500 Kilometer, also meist Transatlantik-Flügen. In Europa geht es meist um 250 bis 400 Euro, je nach Dauer der Verspätung und Fluglänge. Die Höhe des Anspruchs ist übrigens unabhängig vom Ticketpreis.

Verpassen Sie einen Anschlussflug und werden Sie (oft automatisch und nur per Mail-Benachrichtigung) auf spätere Flüge umgebucht, lassen Sie sich am Service-Schalter der Airline den Grund der Verspätung schriftlich nennen. Geht die Wartezeit über Nacht, stehen Ihnen Hotelübernachtung und Transfer kostenlos zu. Dafür müssen aber meist am Schalter Gutscheine und Buchungen erfragt werden. Bei kürzeren Wartezeiten werden teils Verpflegungs-Gutscheine ausgeteilt, oder Sie können Essen und Trinken später teils in Rechnung stellen.

3. Kompletter Storno Kommt es zu diesem GAU, oder es wird ein Flug Tage später oder früher angeboten, ist die Lage komplexer. Viele Kunden denken, wenn die Airline storniert, müsse sie auch die Charter des Bootes ersetzen, doch dem ist fast nie so. Da Charter-Törns oft keine Pauschalreisen, sondern Mietverträge sind, bleibt der Kunde dann auf seinen Kosten sitzen. Ausnahme: In den meisten Charterverträgen weisen Charter-Agenturen ausdrücklich darauf hin, dass sie nur Vermittler sind, auch wenn sie dann noch den Flug für den Kunden buchen. Schwieriger wird das, wenn die Agentur dann auch noch den Transfer, einen Skipper und mögliche weitere Serviceleistungen bucht. Dann kommt sie schon sehr in die Nähe der Veranstalter-Haftung. Das Problem: Fällt der Törn flach, müsste der Kunde dies über den Klageweg im Einzelfall im Nachhinein prüfen lassen. Ein aufwändiges, langwieriges Verfahren mit unsicherem Ausgang.

Doch so weit muss es gar nicht kommen. Denn was viele Kunden – und auch Airlines – noch nicht realisiert haben, ist eine Änderung des EU-Fluggastrechtes von 2020. "Mit dem einseitigen Storno oder dem Angebot eines Fluges viel später ist die Airline keineswegs aus der Haftung", so Philipp Kadelbach. "Denn laut letzter Rechtsprechung besteht weiter der Beförderungsanspruch, der Kunde kann prüfen, ob es an dem ursprünglich geplanten Flugtag noch Flüge anderer Airlines zu dem Ziel gibt." Ist das der Fall, kann er entweder verlangen, dass die Airline diese bucht, oder einfach selbst buchen und der Airline später die Kosten in Rechnung stellen. Auch solche Fälle vertritt Flightright.

4. Gepäck verloren/verspätet Die Regelungen sind dort relativ eindeutig. Der Kunde hat seinen Aufkleber für die Gepäckaufgabe oft an der Bordkarte oder digital – den unbedingt als Nachweis aufbewahren. Kommt das Gepäck nicht, darf der Kunde vor Ort Hygieneartikel und die notwendigste Kleidung einkaufen und später der Airline in Rechnung stellen. Der Wert für Koffer und Inhalt ist auf maximal 1.500 Euro begrenzt, sollte das Gepäck nicht mehr auffindbar sein. Aber es wird nur der Zeitwert ersetzt, nicht der Neupreis. Taucht der Koffer später wieder auf, muss er zum Kunden geliefert werden.

Bei Seglern ist es schwierig, wenn die persönliche Rettungsweste, Ölzeug, Handfunken o. Ä. mitgeführt werden. Wer darauf nicht verzichten will, muss dann entscheiden, wie viel er vor Ort vielleicht kaufen kann. Taucht das Gepäck dann wieder auf, wird das möglicherweise aber nicht ersetzt, weil es nicht als zwingend notwendig erachtet wird. Bei dem derzeitigen Problem mit der Gepäckabfertigung auf vielen deutschen Flughäfen ist es also eine Überlegung wert, ob wirklich teure Ausrüstung unbedingt ins aufgegebene Gepäck gehört.

Mit diesem Hintergrundwissen im Kopf sollten Crews in der Lage sein, durch die derzeit stürmischen Flugzeiten zu kommen. Nützliche Tipps und noch mehr Details gibt es zum Thema z. B. auch auf der Seite des ADAC.

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