Wer zum ersten Mal über den „großen Teich“ fährt und sich dabei unsicher fühlt, oder sich generell in der Gemeinschaft wohler fühlt, findet in Rallys ein überzeugendes Modell: Gesegelt wird weitgehend eigenständig und im eigenen Tempo, per Funk und Tracking-Systemen besteht aber kontinuierlich Verbindung zu anderen. Professionelle Wetterrouting-Services, Unterstützung in den Häfen und ein enges soziales Netzwerk helfen dabei, anfängliche Unsicherheit in entspannte Routine auf See zu verwandeln.
Die bewährte Route verläuft meist von den Kanarischen Inseln oder der Iberischen Halbinsel entlang der Passatwindstrecke in Richtung Karibik. Die meisten Rallys starten zwischen November und Januar. In dieser Zeit gilt die Hurrikansaison als beendet und die Passatwinde wehen stabil. Dennoch sind die Konzepte sehr unterschiedlich: Sie reichen von sportlich geprägten Racing-Rallys mit über 200 Yachten bis zu gemütlichen Überfahrten in kleinen Gruppen.
Wer sich mit Atlantik-Rallys beschäftigt, kommt an der Atlantic Rally for Cruisers (ARC) kaum vorbei. Seit Segel-Ikone und Autor Jimmy Cornell sie im Jahr 1986 ins Leben rief, hat sie sich zur größten Transatlantik-Regatta weltweit entwickelt und bereits ihr 40. Jubiläum gefeiert. Jedes Jahr im November gehen mehr als 200 Boote auf Gran Canaria (Las Palmas) an den Start und segeln ca. 2.700 Seemeilen nach Saint Lucia (Rodney Bay). Ein beeindruckendes Ereignis, das die Häfen auf beiden Seiten des Atlantiks in Ausnahmezustand versetzt.
Cornell verkaufte die ARC Ende der 1990er Jahre. Heute wird sie vom World Cruising Club (WCC) organisiert, der die Rally professioneller aufgestellt und weiter ausgebaut hat. Aufgrund ihrer Größe und ihres Event-Charakters gilt die ARC als die kommerziellste aller Rallys. Wer mitsegelt, sollte Spaß an einer großen Flotte, einem starken Gemeinschaftsgefühl und einem abwechslungsreichen Veranstaltungsprogramm haben.
Das Besondere: Als einzige Atlantik-Rally bietet die ARC eine International Rating Certificate (IRC) Racing Division. Wer möchte, kann dort sportlich und konkurrenzorientiert segeln. Die meisten Teilnehmenden entscheiden sich jedoch für die Cruising-Division und überqueren den Atlantik im eigenen Tempo. Entsprechend bunt ist die Flotte: von der 12-Meter-Hallberg-Rassy bis zur 25-Meter-Superyacht, von Ruheständlern bis zu Familien mit Kleinkindern.
Wer mehr Zeit hat und einen zusätzlichen Zwischenstopp einplanen möchte, ist mit der ARC+ gut beraten. Der WCC bietet diese erweiterte Version der klassischen ARC seit 2013 an; jährlich nehmen daran rund 100 Boote teil. Die Route startet auf Gran Canaria und führt zunächst nach Mindelo auf den Kapverdischen Inseln. Das sorgt für etwa eine zusätzliche Woche auf See, bietet dafür aber eine willkommene Pause und ein attraktives Etappenziel. Von den Kapverden aus segelt die Flotte anschließend weiter nach Grenada, dem Ziel der Rally.
Die Viking Explorers Rally versteht sich seit 2018 als bewusster Gegenentwurf zu kommerziellen Großveranstaltungen: familienfreundlich, auf höchstens 25 Boote begrenzt und ausdrücklich keine Regatta. Im Mittelpunkt steht das gemeinsame Erlebnis.
Das Konzept beruht auf sorgfältiger Planung: Bereits Anfang Dezember kommen die Crews auf den Kanaren zusammen, mehrere Wochen vor dem Start. Der Aufbruch im Januar nutzt die dann verlässlicheren Passatwinde und lässt den Seglern zudem die Möglichkeit, Weihnachten noch an Land zu verbringen. Die Route verläuft über Mindelo auf den Kapverden bis nach Grenada. Der Zwischenstopp dient als Chance für einen letzten gründlichen Boots-Check und ist ein attraktives Etappenziel.
Das Besondere: Die Viking Explorers kooperieren mit wissenschaftlichen Projekten wie Sail & Whale und setzen konsequent auf Müllvermeidung sowie aktiven Meeresschutz. Dahinter steht die Überzeugung, dass Segler Verantwortung für das Element übernehmen sollten, auf dem sie unterwegs sind.
Wer gerne strukturiert unterwegs ist, sich aber nicht an einen starren Terminplan binden möchte, findet in der 2022 gegründeten Atlantic Posse ein passendes Modell. Diese „Freizeit-Rally“ kommt ohne festes Start- oder Enddatum aus: Die Crews segeln innerhalb eines offenen Zeitfensters. Dieser innovative Ansatz orientiert sich an der bewährten Panama Posse zwischen Kalifornien und Florida.
Teilnehmer können sich der Flottille jederzeit anschließen und den Törn in ihrem eigenen Tempo segeln. In der Praxis richten sich viele Segler jedoch nach den klimatisch günstigsten Zeitfenstern für die Atlantiküberquerung. Auf der Westroute liegt der Start meist zwischen Oktober und Januar. Die Route ist in beide Richtungen möglich: Westwärts startet sie in Cartagena (Spanien) oder Lissabon (Portugal) und führt über Gibraltar, Marokko, Madeira und die Kanaren zu den Kap Verden. Von dort geht es über den Atlantik in die Karibik – mit Stopps auf Martinique, Dominica, Guadeloupe, Puerto Rico und in der Dominikanischen Republik. Ostwärts verläuft die Rückreise mit Unterstützung des Golfstroms über Bermuda und die Azoren zurück nach Lissabon.
Zwischen 50 und 75 Yachten sind dabei – die Crew-Mischung reicht von Rentnern über Unternehmer bis hin zu digitalen Nomaden, die im Boatoffice arbeiten.
Das Besondere: Jeder segelt in seinem eigenen Tempo, ganz ohne Leistungsdruck, und profitiert trotzdem von einem starken Netzwerk im Hintergrund.
Die Rallye des Îles du Soleil („Rally der Sonneninseln“) steht für französische Segelkultur. Sie wurde 2017 von der Grand Pavois Organisation in La Rochelle neu aufgelegt, nachdem es bereits in den 1990er Jahren einen Vorläufer gab, und richtet sich vor allem an frankophone Segler. Der poetische Name ist dabei Programm: Die Strecke führt von einer Sonneninsel zur nächsten: Von den vulkanischen Kanaren über die kreolisch geprägten Kap Verden bis hinein in die karibischen Tropen.
Das Zwei-Etappen-Konzept umfasst mehr als 3.000 Seemeilen: Von La Palma führt die Route zunächst in rund einer Woche nach Mindelo auf den Kap Verden, eine kurze Passage zum Akklimatisieren und Einsegeln. Anschließend folgt „le grand saut“: der große Sprung über den Atlantik nach Marie-Galante im Guadeloupe-Archipel. Die Flotte ist auf 30 bis 40 Boote begrenzt, damit der familiäre Charakter erhalten bleibt. Gestartet wird traditionell Ende Oktober bis Anfang November.
Das Besondere: Viele Paare, Familien und Freundeskreise machen mit und schaffen eine angenehme, persönliche Atmosphäre. Als einzige Rally steuert sie Marie-Galante an, ein authentisches Juwel Guadeloupes, wo auf nachhaltigen, sanften Tourismus gesetzt wird und die lokale Wirtschaft gezielt profitiert.

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