Alkohol an Bord5 beliebte maritime Spirituosen – und wie sie an Bord kamen

Alexander Worms

, Felix Keßler

 · 15.08.2018

Alkohol an Bord: 5 beliebte maritime Spirituosen – und wie sie an Bord kamenFoto: T. Happ/ YACHT Leserfotowettbewerb 2015

Branntwein, Rum und Co. sind Teil der Seefahrtsfolklore und erfreuen noch heute Wassersportler. Doch sind Alkoholika an Bord erlaubt? Plus: Mixanleitungen

Um es gleich ganz klar zu sagen: Alkoholgenuss an Bord ist auf See tabu. Der Griff zur Flasche gehört in den Hafen oder an den Ankerplatz (wobei selbst diese Definition juristisch angreifbar ist, wie unser Expertenstreit auf Seite 7 zeigt). Neben Bier und Wein darf es dann, in Maßen, ruhig auch mal etwas Stärkeres sein. Segler haben diesbezüglich ja so ihre Vorlieben. Die Flasche Gin und die Buddel Rum finden sich in fast jeder Bordbar, desgleichen ein Sherry, Aquavit und Whisky.

Ganz von ungefähr kommt diese Auswahl nicht. Waren doch die Fässer, in denen mancher Whisky, Linie Aquavit und in einigen Fällen sogar auch Rum altert, zuvor als Behältnisse für Sherry im Einsatz. Es ist zwar nicht belegt, aber die Idee, einen Manöverschluck einzuführen und so größere Mengen Sherry zu vernichten, damit die Fässer für andere Geiste verfügbar wurden, scheint nicht allzu abwegig.

Natürlich ist besagter Schluck auch als erzieherische Maßnahme eingesetzt worden, etwa um die Durchführung der Manöver zu beschleunigen und die Motivation der Crew zu steigern. Der Ruf "Besanschot an!", oft besonders laut ausgesprochen, entstand dann auch, um den Kapitän am Ende des Manövers an die ausstehende Zuteilung von Hochprozentigem zu erinnern. Die Schot des achteren Segels zu bedienen war der letzte Handschlag, der bei Wende oder Halse anstand. Mit anderen Worten: Sobald die Besanschot fest war, war es Zeit für einen Schluck aus der Pulle.

Was die genau beinhaltete, war ebenfalls nicht dem Zufall geschuldet. Das Mixgetränk Gin Tonic zum Beispiel ist aus reiner Notwendigkeit heraus entstanden. Dem Wacholder im Gin wurde immer schon eine Wirkung gegen Sodbrennen zugeschrieben – sehr willkommen angesichts des in fernöstlichen eng­lischen Kolonien scharfen Essens. Ebenfalls willkommen für diese Gegenden war das Chinin im Tonic, es stellte eine Art Malariaprophylaxe dar.

Leider war das Tonic in Reinform oft sehr bitter und daher kaum genießbar. Aus der Not wurde deshalb eine Tugend gemacht: Außer Gin kam gleich noch eine Zi­trone mit rein ins Getränk, sie half gegen Skorbut – und fertig war der ideale Tropen-Drink für britische Ostindienfahrer.

Heutige Segler, im Herzen oft ein wenig altmodisch, halten diese Traditionen hoch. Womöglich auch, weil das auserkorene Getränk einfach schmeckt. Nun hat jede der fünf hier porträtierten Spirituosen ihre eigene Geschichte, von denen auf den folgenden Seiten ein paar erzählt werden sollen. Damit die Angelegenheit nicht zu trocken gerät, liefern wir passende Mixanleitungen gleich mit. Prost!

Gin

Foto: YACHT/A. Worms

Die beiden gehören zusammen wie Pech und Schwefel, sollte man meinen. Doch seit einigen Jahren setzt sich ein neuer Trend durch: Gin auch mal ohne Tonic zu trinken. Schließlich werden moderne Wacholderbrände weniger scharf gebrannt als die klassischen bekannten Dry Gins aus London. So entsteht etwa im Schwarzwald der exquisite Monkey 47.

Warum exquisit? Zum Beispiel, weil Robert Parker, der Schöpfer der Parker-Punkte, ihn für den besten Gin hält, den er je zu sich genommen hat. Wer das Schwarzwald-Erzeugnis probiert, merkt, dass Herr Parker wohl nicht nur viel von Wein versteht.

Zurück zum Gin: Wie allgemein bekannt, hat er Queen Mum bis ins biblische Alter begleitet. In royalen Kreisen war er jedoch zunächst überhaupt nicht üblich. Die Verbreitung des Getränks nahm ihren Anfang in den unteren Schichten. Aus Getreide gebrannt und zunächst nicht besteuert, war es verhältnismäßig günstig – und schon nach wenigen Schlucken begann sich seine Wirkung zu entfalten.

Ende des 18. Jahrhunderts setzte die britische Regierung mit dem Gin Act dem wilden Treiben dann aber ein Ende. Das Getränk wurde deutlich teurer und schließlich auch in der Upper-Class konsumiert. Das lag sicherlich mit daran, dass einhergehend mit den steigenden Preisen die Destillen an der Qualität ihrer Ware arbeiteten.
Heute darf eine Flasche guter Gin auch schon mal 50 Euro und mehr kosten. Allerdings gibt es nach wie vor Discount-Produkte, die wie anno dunnemals einen Rausch für kleines Geld bescheren.

Cocktail-Rezepte mit Gin

Pink Gin: Der Drink der britischen Navy

Foto: Ben Kerckx-Pixabay

Plymouth Gin, Angostura Bitter

Glas und Gin gut kühlen, gegebenenfalls mit kaltem Wasser strecken. Einige Spritzer Bitter ins Glas und mit Gin auf­füllen. Wer den Bitter im Glas schwenkt und dann weggießt, mildert den Drink etwas ab. Mit Zitronenschale servieren, auf Wunsch mit Pfefferkörnern garnieren

Long Island Ice Tea

2 cl Rum, 2 cl Gin, 2 cl Wodka, 2 cl Tequila, 2 cl Triple Sec, Zuckersirup, Cola

Auf viel Eis servieren, nach Lust den Zuckersirup weglassen, garnieren mit Minze oder Zitrone

Gin Tonic

Foto: Pixabay

Gin und Tonic Water im Verhältnis 1:3 mit Eiswürfeln in ein Glas geben, mit einer Scheibe Limette, Zitrone oder Gurke garnieren

Es muss ja nicht immer Schweppes sein – die Auswahl guter Tonic-Wasser ist enorm. Ihr Chiningehalt variiert. In der Schwangerschaft und bei Tinnitus aber Tonic – wie natürlich Alkohol überhaupt – meiden!

Last Word

"Last Word" heißt ein Cocktail, der zu gleichen Teilen aus Gin, Charteuse Green und Maraschinolikör besteht. Eis nur beim Mixen zugeben und vorm Servieren ausfiltern.

An Bord zu Hause: Rum

Foto: YACHT/A. Worms

Die Geschichte des Rums beginnt mit den miserablen Lebens­umständen an Bord in früheren Jahrhunderten. Um die Crews bei Laune zu halten, gab es zunächst Bier- und Wein-Rationen. Als jedoch die Reisen in die Karibik begannen, hielt sich weder das eine noch das andere Getränk lange genug: Wein wurde zu Essig und Bier schlicht schlecht. Die Lösung des Problems war in der Karibik jedoch schon erfunden: der Rum. Damals hieß der noch Kill Devil – bezeichnenderweise.

Die dortigen Farmer bauten den in Europa gegen Mitte des 17. Jahrhunderts hochgeschätzten Zucker an. Als Restprodukt blieb Melasse übrig, die sich wunderbar vergären und anschließend brennen ließ. Genau das, was die Kommandeure auf langen Reisen brauchten, um die Besatzung bei Laune zu halten: haltbar und betäubend.
Ein Pint, also etwa ein halber Liter Rum, gehörte zur täglichen Ration der Seeleute! Das konnte nicht lange gutgehen. Also wurde der Rum mit Wasser gestreckt und mit einer Zitrone versehen – mal wieder gegen den Skorbut –, fertig war der Grog. Den Namen hat er im Übrigen von einem Kleidungs­stück seines Erfinders, des Vizeadmirals Edward Vernon.

In der Folge bunkerte die Royal Navy fortwährend Rum, und bei den Destillen ankerte stets ein Kriegsschiff. Eine Win-Win-Situation: Die Brenner waren so geschützt vor Übergriffen durch Piraten, und die Navy hatte zufriedene Crews. Bis heute sponsert die auf Barbados ansässige Mount-Gay-Destillerie regelmäßig Segelregatten. Eines der berühmten roten Caps erhält nur, wer eine Mount-Gay-Wettfahrt beendet hat. In der Kriegsschifffahrt gibt es übrigens seit 1970 keine Rumzuteilungen mehr. Man befand, sie passten nicht zu den Atomsprengköpfen an Bord.

Cocktail-Rezepte mit Rum

Dark ’n’ Stormy

Foto: Wikipedia

6 cl Rum Gosling Black Seal, 10 cl Ginger Beer, ein Schuss Bitter

Der Bruder des Moscow Mule, der statt mit Rum mit Wodka bereitet wird. Der Name ist tatsächlich geschützt von Goslings/Bermuda, weswegen dieser spezielle Rum ver­wendet werden muss. Auch mit anderen Sorten lässt sich natürlich ein schmackhafter Drink mixen, der darf dann aber nicht Dark ’n’ Stormy heißen

Antigua Rum Punch

Foto: Pixabay

6 cl brauner Antigua-Rum, 2 cl weißer Antigua-Rum, 3 cl Zuckersirup, Ananas-/Orangensaft, ein Schuss Angostura Bitter, Muskatnuss, Limette

Die flüssigen Zutaten mischen und über gestoßenes Eis einschenken. Muskat darüber reiben, garnieren

Cuba Libre

5 cl Rum, 12 cl Cola, Limettensaft nach Wunsch

Übersetzt bedeutet der Name "Freies Cuba", das war der Slogan der Unabhängigkeitsbewegung der Karibikinsel um das Ende des 19. Jahrhunderts. Wenn die Cola kalt genug ist, ist Eis verzichtbar. Besser aber, es gibt welches im Glas

Blaue / Grüne Lagune

3 cl Rum, 2 cl Anisschnaps (Pastis, Küstennebel, Ouzo), 2 cl Blue Curaçao, 6 cl Orangensaft oder Zitronenlimonade

Die Alkoholika miteinander und gegebenenfalls mit Eis mixen und mit Saft oder Limonade auffüllen, gleich servieren. Stilvoller geht das mit Zuckerrand am Glas

Painkiller

6–12 (!!!) cl Pusser’s Rum, 8 cl Ananassaft, 2 cl Kokosnusssaft, 2 cl Sahne, Muskatnuss

Es gibt kein feststehendes Rezept, die Dosis Alkohol im "Schmerzmittel" kann und
darf variieren, je nach Bedarf. Schön kühl auf Eis serviert, kommt es ganz unschuldig
daher, also Vorsicht: Durch die Süße ist die Wirkung schwer abzuschätzen

Mojito
Minze, Crushed Eis, 6 cl weißer Rum, eine Limette, Rohrzucker und nach Belieben Sodawasser

Einer der Cocktail-Klassiker. Die Zubereitung ist einfach, das Ergebnis erfrischend.

Rumpunsch

One of sour, two of sweet, three of strong, four of weak. Beziehungsweise: 1 cl Limettensaft, 2 cl einfacher Zuckersirup, 3 cl Barbados-Rum und 4 cl Wasser

Nach Belieben mit Blutorangensaft und mit einer Prise Zimt und Muskat anreichern. Übrigens: Wirklich perfekt schmeckt der Drink nur als Sundowner. Dazu am besten nach Antigua reisen und das Spektakel vom Aussichtspunkt Shirley Heights verfolgen!

Aquavit

Foto: YACHT/A. Worms

Schon Wilfried Erdmann sprach vom nullten Breitengrad als der Linie. Die Hersteller des gleichnamigen Linie Aquavits fahren ihn einmal dorthin und zurück, so schmecke er runder. Warum? Die Schiffsbewegungen werden für den forcierten Alterungs­prozess verantwortlich gemacht. Viele trinken die "Linie" am liebs­ten, so kalt es geht. Sogar die Gläser kommen aus dem Eisfach. Wohl, um die Geschmacks­nerven kurz zu betäuben, denn besonders schmackhaft kommt der Aquavit zunächst einmal nicht daher.

Aber er räumt auf im Magen nach schwerem Essen. Dafür sorgt der Kümmel, auf den er aufgesetzt ist. Denn den verwendete schließlich ja schon die Großmutter, wenn auch zusammen mit Sauerkraut und anderem Kohl, um die Verdauung in Schwung zu bringen. Übrigens reift auch das "Lebenswasser" in alten Sherry-Fässern.

Cocktail-Rezepte mit Aquavit

Fernando

4 cl Aquavit, 4 cl Gin, Eis, 3 cl Zitronensaft, eine Zitronenscheibe und ein Schuss Bitter wie beispielsweise Angostura

Heftiger, aber erfrischender Cocktail.

The Bomb

2 cl Aquavit, 2 cl Wodka, 2 cl Zitronensaft und eine halbe Zitronenscheibe

Die Zutaten ergeben zusammen einen erfrischenden Mix, der natürlich auch vor Skorbut schützt.

Whisky

Foto: YACHT/A. Worms

Der Torf verleiht dem Grundstoff Wasser seinen einzigartigen Geschmack. In ihm steckt die Wärme, die das Destillat auszeichnet. Wo gibt es viel Torf? In Schottland! In Friesland allerdings auch. Wahrscheinlich deshalb wird auch in Holland Whisky gebrannt. Zugegeben, er wird dann in Schottland abgefüllt, geboren ist er jedoch in der nördlichsten Provinz der Niederlande. Und zwar in Bolsward, einer Gegend, die geprägt ist von Wasser und Schifffahrt.

Das hat er gemein mit seinen berühmten schottischen Artgenossen. Die meisten werden auf irgendeiner kleinen Insel oder aber zumindest nah der Küste gebrannt und haben somit die Seefahrt quasi in den Genen. Allein, um überhaupt getrunken werden zu können, müssen die Whiskys übers Wasser. Und darum gehören sie zum Ende eines kalten Tages an Bord. Schön warm, ohne Eis.

Rezepte mit Whisky

Irish Coffee

Foto: Pixabay

Schwarzer Kaffee, 4 cl Whiskey, ein Teelöffel brauner Zucker, Sahne (ungeschlagen)

Zum Wärmen an frischen Abenden. Kaffee, Zucker und Rum verrühren. Der Zucker hilft, die Sahne an der Oberfläche zu halten, die wird über einen Löffel vorsichtig auf dem Getränk verteilt. So kann der Kaffee durch die Sahnelage getrunken werden

Aber am besten: pur
Getreu dem Motto: Wenn der Whisky nicht gut genug ist, um ihn pur zu trinken, dann sollte man das auch nicht tun. Wasser kann zugefügt werden, wenn man seinen ersten Whisky trinkt. Am besten stilles Wasser mit möglichst geringem Mineralanteil und damit Eigengeschmack wählen. So wird der hohe Alkoholanteil verdünnt, der sonst die Geschmacksnerven betäubt.

Sherry

Foto: YACHT/A. Worms

Viele kennen Sherry vor allem als Aperitiv – doch er kann mehr als nur Appetit machen. Zusammen mit den Schwestern Port- und Madeirawein ist er äußerst vielseitig. Denn: Sherry ist ein Blend verschiedener Jahrgänge. Klassischerweise liegen drei Reihen Fässer übereinander. Aus der unteren, der ältesten, wird verkauft, maximal ein Drittel. Das wird aus der Reihe weiter oben aufgefüllt und so weiter. Nur ganz oben kommen neue Weine hinein. So entstehen ausgewogene Tropfen, die jedoch kaum Jahrgangsschwankungen aufweisen. Sherry ist wie Madeirawein weiß. Süß wird er durch die Zugabe von Most.

Bei Portwein gibt es weiße wie rote Sorten. Etwa die Hälfte der im oberen Duorotal angebauten Rebsorten eignet sich für diese Spezialität. Es wird unterschieden zwischen den Qualitäten Ruby – sie lagert zwei Jahre im großen Fass – und Tawny. Die darf in kleineren Fässern noch weiter reifen. Und in besonders guten Weinjahren wird ein Vintage-Port in Flaschen abgefüllt, er wird dadurch noch besser. Zuletzt geschah das 2011.

Rezepte mit Sherry

Amontillado
Sherry trinkt man einfach so, den weißen trockenen gern kühl. Der Principe entfacht ein Geschmacksfeuerwerk auf der Zunge.

Zum Dessert
Am besten in Kombination mit Mocca probieren.

Alkohol an Bord: Ist das überhaupt erlaubt?

  Genuss ohne Reue? Wie viel auf der ankernden Yacht konsumiert werden darf, ist unklarFoto: H. Schierholz/ YACHT Leserfotowettbewerb 2015
Genuss ohne Reue? Wie viel auf der ankernden Yacht konsumiert werden darf, ist unklar

Es war nur eine Bemerkung auf der letzten Seite der YACHT. Es ging um Alkohol an Bord und den Umstand, dass auch Ankerlieger Verkehrsteil­nehmer sind. Insofern, so die Con­­clusio, müssten sich auch Segler auf an­kernden Yachten an den geltenden Promille-Grenzwert halten.

Damit käme, so die Einschätzung eines Mitarbeiters, der bei der Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt für Verkehrsregelverstöße in der Freizeitschifffahrt zuständig ist, auch folgende Regelung zum Tragen:

Grundsätzlich gilt, wer nach Alkoholkonsum fahrunsicher ist, darf kein Schiff führen. Das kann bereits bei 0,3 Promille Blutalkoholkonzentration der Fall sein. Ab 0,5 Promille darf generell niemand ein Schiff führen. Wer es doch tut, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Ab 1,1 Promille ist absolute Fahrunsicherheit anzunehmen. Wer dann noch skippert, begeht eine Straftat: Trunkenheit im Schiffsverkehr. Dann kommt die Staatsanwaltschaft ins Spiel.

So weit, so klar. Doch folgt daraus, dass schon mancher Skipper, der kurz nach dem Ankern ein großes Bier auf nüchternen Magen trinkt, eine Ordnungswidrigkeit begeht? Im Interview aus YACHT 14/2016 (hier nachbestellen) heißt es dazu:

Die Norm zielt auf die Verkehrsteilnahme ab, nicht auf die Fortbewegung. Und Ankerlieger sind Verkehrsteilnehmer. Im Gegensatz zum Liegen im Hafen ist etwa der Skipper grundsätzlich zur Handlungsbereitschaft verpflichtet. Das heißt, er muss den Schiffsverkehr beobachten, gegebenenfalls Ankerwache gehen und stets in der Lage sein, sein Schiff fortzubewegen oder gegen Vertreiben zu sichern.

Der Rechts-Experte der YACHT, Anwalt Dr. Heyko Wychodil, kommt jedoch in YACHT 19/2016 (hier nachbestellen) zu einem anderen Fazit. Er sagt:

Wie so oft in der Juristerei hängt die Beantwortung der Frage von diversen Umständen ab. Ergebnis: Auf Yachten, die auf ausgewiesenen Ankerplätzen ankern, darf getrunken werden, wenn das Schiff eine Länge über alles von weniger als zwölf Metern hat. Denn dort ist nach den gesetzlichen Vorgaben eine Ankerwache nicht erforderlich. Wenn gar keine Pflicht zur Ankerwache besteht, kann auch eine gegebenenfalls betrunkene Ankerwache im juristischen Sinne nicht schaden. Zu beachten bleibt dann natürlich die Restalkoholproblematik, wenn am nächsten Morgen der Anker wieder gelichtet wird!

Die entsprechenden Regelungen zum "Ruhenden Verkehr" sind der Seeschifffahrtsstraßen-Ordnung (SeeSchStrO) in der Fassung der Bekanntmachung vom 22. Oktober 1998 (BGBl. I S. 3209; 1999 I S. 193) festgehalten. Unter § 32 "Ankern", Abs. 4 S. 1 SeeSchStrO ist die Erfordernis einer grundsätzlichen ständigen Ankerwache ausdrücklich geregelt. Ebendiese Verpflichtung zur Führung einer ständigen Ankerwache gilt aber gemäß der Regelung nach § 32 Abs. 4 S. 2 SeeSchStrO gerade nicht bei Fahrzeugen von weniger als zwölf Meter Länge auf bekanntgemachten Anker- und Liegestellen (mit Verweis auf § 10 Abs. 4 SeeSchStrO).

Dem wurde von einem Mitarbeiter der Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt abermals widersprochen:

Ein Schiff nimmt auch dann am Verkehr teil, wenn es vor Anker liegt. Selbst wenn das Schiff keine Fahrt macht, müssen bestimmte Verkehrsregeln eingehalten werden, so muss zum Beispiel bei Fahrzeugen, die in der Nähe von Fahrwassern oder auf einer Reede vor Anker liegen, ständig Ankerwache gegangen werden, nach § 32 Abs. 4 SeeSchStrO. Bei kleinen Fahrzeugen von weniger als zwölf Meter Länge kann auf den bekannt­gemachten Anker- und Liegestellen die Ankerwache auf eine witterungs- und verkehrssituationsabhängige Überprüfung der Ankerposition reduziert werden. Das bedeutet nicht, dass die Ankerwache in diesem Fall gar nicht ausgeübt werden muss.

Auch bei einem ankernden Sportboot muss der Schiffsführer sicherstellen, dass die Sicherheit und Leichtigkeit des Schiffsverkehrs gewährleistet und kein anderer geschädigt, gefährdet oder behindert wird. Er muss daher jederzeit in der Lage sein ein­zugreifen, wenn aufgrund von Strömungsbedingungen, Wettereinflüssen oder verkehrlichen Anforderungen ein Handeln erforderlich wird.

Ist zum Beispiel ein Vertreiben erkennbar, muss entweder mehr Kette gesteckt werden, oder es muss der Anker gehievt und der Ankerplatz verlassen werden. Ein Schiff muss demnach auch dann geführt werden, wenn es sich nicht in Fahrt befindet, sondern ankert. Das Ankern ist nicht mit dem Parken eines Pkw gleichzusetzen. Letztgenannter kann regelmäßig ohne Weiteres von allen Insassen verlassen werden. Dies gilt im Bereich der Seeschifffahrt beim Ankern jedoch nicht. Auf Ankerliegern sollte stets jemand an Bord sein.
Der verantwortliche Schiffsführer oder ein von ihm Beauftragter muss während des Ankerns jederzeit handlungsfähig sein. Die fehlende Ausübung der Schiffsführung wäre ein vorwerfbarer verkehrlicher Verstoß.

Das Fazit: Eine wasserdichte Antwort auf die Frage, was denn nun erlaubt ist, lässt sich ohne Weiteres offenbar nicht geben. Auf der sicheren Seite ist, wer gänzlich auf "Manöverschluck" und "Ankerbier" verzichtet, zumindest als Schiffsführer und/oder Ankerwache.

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