SeenotrettungKNRM - die königlichen Seenotretter der Niederlande

Christian Tiedt

 · 08.02.2026

„Adriaan Hendrik“ beimÜberwinden des Brandungsstreifens.
Foto: KNRM; Mario Rentmeester
​Seit 200 Jahren helfen die Freiwilligen der KNRM in Not – auf den Binnengewässern und vor den Küsten der Niederlande. Ein Porträt der Königlichen Rettungsgesellschaft.

Text: Jörg Müller-Dünow​

An Bord des Rettungsboots „NH 1816“, stationiert am Hauptsitz der Seenotretter in IJmuiden, strahlt die Taufpatin Königin Máxima der sechsköpfigen Crew aus einem Bilderrahmen entgegen. Die Nähe zum Königs - haus wird in der Koninklijke Nederlandse Redding Maatschappij durchaus ernst genommen. Seit 1824 sorgt die Gesellschaft an den 523 offiziellen Küstenkilometern der Niederlande für Sicherheit.

Vergleich zu Deutschland

Rechnet man Randmeere, IJssel- und Markermeer sowie die Mündungsarme in der Deltaregion hinzu, sind es nahezu 1.500 Kilometer, an denen 1.600 Menschen verteilt auf 45 Stationen mit 75 Booten rund um die Uhr im Dienst sind. Zum Vergleich: Hierzulande kommen auf 53 Stationen um die 1.000 Seenotretter, auch von ihnen sind die meisten Freiwillige.

Es gibt durchaus noch weitere Parallelen zwischen den Rettungsgesellschaften links und rechts der Grenze: Beide setzen eine Vielzahl unterschiedlich großer und spezialisierter Bootsklassen ein. Die Schirmherrschaft obliegt hier wie da dem Staatsoberhaupt. Und beide betonen, da strikt spendenfinanziert, ihre finanzielle Unabhängigkeit über Jahrhunderte und durch alle Krisen hinweg.

Aber auch die Unterschiede fallen ins Auge. In Deutschland übernimmt die Zentrale der DGzRS auch die Koordinierung der Einsätze auf See. Das Rescue Coordination Center (RCC) in den Niederlanden hingegen sitzt bei der staatlichen Küstenwache. Die deutschen Rettungskreuzer sind universeller ausgerüstet und deutlich stärker auch auf technische Hilfeleistungen ausgelegt, dafür sind unter anderem leistungsfähige Brandbekämpfungsanlagen an Bord. Die Kollegen in Orange hingegen konzentrieren sich in erster Linie auf die Rettung von Menschenleben.

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Die häufigsten Einsätze der KNRM

Die Mehrheit der Einsätze betrifft die Evakuierung von Seeleuten von sinkenden oder brennenden Schiffen sowie Such- und Rettungsaktionen für Wassersportler. Natürlich auch, sofern ohne Gefährdung möglich, einschließlich der Bergung von Booten und Schiffen. Zusätzlich zum maritimen Rettungsdienst besetzt die KNRM ferner die Türme an den Stränden der Nordseeinseln und wacht dort über Badegäste und Schwimmer. Last but not least: Während in Deutschland vielfach hauptberufliche Rettungsleute den Dienst auf den Kreuzern tun, hält die KNRM seit 201 Jahren fast ausschließlich an der Freiwilligkeit fest.

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Die „redders op zee“ haben ausschließlich Boote mit einer Länge von maximal 19,7 Metern im Betrieb. „Das passt zu unserem Einsatzprofil“, erklärt Pressesprecher Kees Brinkman im Gespräch mit BOOTE. „Seit den 1950er-Jahren geht es bei uns vor allem um Wassersport und kleine Fahrzeuge.“

Trotzdem besteht kein Zweifel an der grenzenlosen Einsatztauglichkeit der Flotte: „Wir brauchen Boote für jedes Wetter. Unsere größten sind so ausgelegt, dass sie auch bei Windstärke zwölf retten können.“ Über 20 Meter werden auch künftig nicht gebaut. Ab dann gelten zusätzliche Vorschriften, das Boot wäre formal ein Schiff und die Crew bräuchte andere Lizenzen. „Mit kleineren Einheiten sind wir schneller und sie lassen sich gut ehrenamtlich betreiben.“

Struktur der königlichen Seenotretter

Am Hauptsitz in IJmuiden, dem Tor nach Amsterdam und seinen Häfen, sind etwa 60 Mitarbeitende in der Verwaltung beschäftigt, rund die Hälfte von ihnen im technischen Bereich der eigenen Werft. Ferner vier technische Inspektoren und vier mobile Mechaniker-Teams, die die Stationen bereisen. Dazu die Verwaltung mit Kommunikation, Fundraising und Finanzen. Vier operative Inspektoren pflegen den Kontakt zu den Ortsvereinen und den Coxswains, wie die Vormänner hier heißen.

Fünf Meter weiter steht das Stationshaus, eines der ältesten des Landes. Hier brüht Vormann Richard van der Hammen frischen Kaffee auf. Er ist einer der ganz wenigen hauptberuflichen Seeleute der KNRM, die ausschließlich auf den größten Einheiten arbeiten. Warum nicht mehr? „Erstens aus Kostengründen“, so Kees Brinkman. „Zweitens hatten wir früher auf den großen Booten drei bezahlte Crewmitglieder, aber zu wenige Einsätze, um Motivation und Routine hochhalten zu können. Außerdem motiviert es die Freiwilligen, wenn sie über die Jahre Positionen wie Coxswain, Stellvertreter oder Mechaniker erreichen können – eine Art Ehrenamts-Karriere.“

Das Flaggschiff der Flotte

Mit spürbarem Stolz erklärt Coxswain van der Hammen sein Boot: „Sechs Mann Besatzung, 19,6 Meter lang, zwei Jetantriebe mit jeweils 1.200 PS, die auch im durchgekenterten Zustand funktionieren.“ An Bord herrscht im Einsatz höchste Disziplin. „Der Steuermann hat nur eine Aufgabe und soll seinen Blick ausschließlich nach vorn richten“, so der Kapitän, der auf dem zweiten der sechs vollgefederten Sitze direkt hinter dem Fahrer sitzt.

An Backbord und Steuerbord stehen je zwei weitere Jockeysitze. Die Crew in der ersten Reihe hat Radar und Navigation im Blick, dahinter liegt das Augenmerk auf Funk und Tech - nik. An Bord herrscht Helmpflicht, kommuniziert wird über drahtlose Funkgeräte. „Die Rollen können zwar von Einsatz zu Einsatz wechseln, aber einmal an Bord, hat jedes Crewmitglied seinen eindeutig zugewiesenen Platz“, so Brinkman.

Die „NH 1816“ ist das Flaggschiff der Flotte und Vorbild für eine neue Bootsklasse, die im Herbst 2025 in Auftrag gegeben wurde. „Das ist der größte Werftauftrag in der Geschichte der KNRM“, sagt er, „wir ersetzen die 13 größten Einheiten durch ein neues Modell, das auf diesem Schiff und den RIBs der Arie-Visser-Klasse aufsetzt.“ Sukzessive soll die gesamte Flotte bis 2035 modernisiert werden.

Bootsklassen für jedes Revier

Die Rettungsboote sind präzise auf die örtlichen Gegebenheiten abgestimmt. „Wir haben aktuell fünf Typen“, so Brinkman. Die großen Offshore-Boote wie in IJmuiden, einen 11-Meter-Typ für die Nordsee und das IJsselmeer. Ferner die Boote für die Randmeere, ein 9-Meter-Modell für die Deltagewässer und kleinere Zweitboote, bisher RIBs, die künftig durch neue 7,5-Meter-Alu-Modelle ersetzt werden. Bei großen Einsätzen ergänzt die Küstenwache die Flotte mit drei großen Notschleppern, die entlang der Küste auf Seeposition stationiert sind, oder mit Helikoptern aus Den Helder und Walcheren sowie mit SAR-Flugzeugen, die in Schiphol starten.

Auf den ersten Blick überraschend: Nicht immer liegen die KNRM-Einheiten im Wasser. Entlang der Küste bestimmen große Schuppen das Bild der Stationen, in denen selbst die größten Rettungsboote auf mobilen Hydraulik-Trailern stehen, die von Traktoren in die Brandung gefahren werden. „Strandstarts sind über 100 Jahre Tradition, aber auch logisch“, erklärt der Pressesprecher.

„Die meisten Einsätze passieren innerhalb von weniger als zehn Kilometern vor der Küste - Surfer, Kiter, Schwimmer, Sportboote. Das Stationsnetz ist so dicht, dass wir meist in unter 30 Minuten vor Ort sind.“ Und an vielen Abschnitten entlang der Westküste gibt es schlicht keine Häfen. Und selbst dort, wo einer wäre, entschied sich die Gesellschaft für den Strandstart: „Auf Terschelling zum Beispiel ist das Boot auf der Seeseite im Winter wichtig, weil der Hafen gefrieren kann. Jetantriebe sind bei Eis besonders anfällig, vom Strand kann man immer starten.“

Noch außergewöhnlicher ist das Bild in Harlingen: Hier hängt das Boot an einem Davit über dem Hafenbecken. Und in den meisten anderen Stationen werden die Einheiten in schwimmenden Bootshäusern mit Hebeanlagen aus dem Wasser gewuchtet. „Das System ist teuer, spart aber Kosten bei der Instandhaltung“, erklärt Brinkman die Rechnung. Grundsätzlich gilt: Egal wo das Boot steht und wie gestartet wird – spätestens zehn Minuten nach der Alarmierung ist die Mannschaft auf dem Weg zum Havaristen.

Nachwuchs und Ausbildung

Dies sicherzustellen ist unter anderem Aufgabe der Vormänner der Stationen, die die Freiwilligen koordinieren. Jeder Retter meldet kontinuierlich seine Verfügbarkeit. In einer App sieht der Coxswain, welche und vor allem wie viele Crewmitglieder einsatzbereit sind. Sein oberstes Ziel ist also, die Anzeige auf seiner App stets auf „Grün“ zu halten. „Rot bedeutet: Das Boot wäre unterbesetzt, darf nicht auslaufen und die Küstenwache wird informiert. Das kommt nur selten vor. Dann übernimmt die Nachbarstation“, erläutert der Pressechef. Gleichzeitig werden alle Freiwilligen der Station benachrichtigt und gebeten, ihren Status zu überprüfen.

Ein Großteil der Arbeit fließt in die Rekrutierung neuer Freiwilliger. „Mehr als die Hälfte kommt über Freunde oder die Familie – unsere Geschichten machen neugierig. Den Rest gewinnen wir über Kampagnen, vor allem Social Media.“ Früher lebten und arbeiteten fast alle direkt an der Station. Heute wohnt etwa die Hälfte in der Nähe, die andere weiter weg, arbeitet aber in der Region. Die Folge ist, dass es eine Unterteilung in Tagund Nachtcrews gibt und die Teamgröße insgesamt steigt.

Einsteiger durchlaufen eine dreijährige Ausbildung. Neben Nautik stehen unter anderem Funk, Brandbekämpfung und Medizin auf dem Lehrplan. Danach hat außerdem jede Station mindestens einmal pro Woche einen Trainingsabend mit klaren Schwerpunkten. Diese lokalen Übungen wiederum werden durch zentrale Kurse ergänzt. Hier stehen etwa die persönliche Sicherheit oder die Helikop­ter­rettung auf dem Plan. Coxswain-Anwärter absolvieren zusätzlich Schulungen im maritimen Trainingszentrum einer Seefahrtschule.

Scheveningen ist der Hotspot

Entlang der niederländischen Küsten wird an 365 Tagen im Jahr Wassersport getrieben. Entsprechend hoch ist die Zahl der Einsätze: 5.008-mal musste 2024 Hilfe geleistet werden. Darunter 803-mal durch den Funkmedizinischen Dienst, 1.134-mal durch die Lifeguards an den Badestränden und 1.006-mal durch telefonische Hilfestellung. Gerade das noch junge Assistance-Callcenter, das Probleme am Telefon ohne Einsatz lösen helfen soll, entlastet die Stationen, auf die noch immer über 2.000 Einsatzfahrten entfielen.

Am häufigsten klingelt der Alarm in Scheveningen – 156-mal im Jahr 2024. „Ein großer, im Sommer überfüllter Strand, ein Surfspot und eine Marina“, erklärt Kees Brinkman die Häufung. Auf Platz zwei und drei liegen die Randmeere südlich des IJsselmeers und das Rhein-Maas-Delta mit Wester- und Oosterschelde, Veerse Meer, Grevelingen und Haringvliet.

Wenig überraschend ist die Hitliste der Einsätze: Spitzenreiter ist der streikende Motor mit 560 Fällen. Platz zwei geht an Grundberührungen. Vermisste Personen belegen mit 164 Einsätzen Rang drei. Segler liegen mit 643 Alarmierungen an der Spitze der Statistik betroffener Fahrzeuge.

Beruhigend immerhin: „Wir sehen keinen Hinweis, dass sich der Wassersport in eine falsche Richtung entwickelt“, so Brinkman. Die Anzahl der Wassersportler wachse stetig, aber die Zahl der SAR-Einsätze nehme ab. „Es gab einen Peak in den Covid-Jahren, danach ging es schnell zurück. Das liegt vermutlich an der Prävention – und sicher auch an unserem Assistance-Callcenter, das viele Einsatzfahrten verhindern kann.“

Ein Wunsch an die Freizeitskipper

Von den Freizeitskippern wünsche sich die Gesellschaft vor allem mehr Wissen und Erfahrung. „Kurse besuchen, das eigene Boot kennenlernen, Manöver üben, die Crew einweisen, Schwimmwesten tragen: darauf zielen unsere Präventionskampagnen“, so Brinkman. Oft überschätzten sich die Wassersportler: „Am Wochenende sehen wir oft, dass die Leute sonntags mit dem Boot nach Hause müssen und dann bei Bedingungen losfahren, die für ihr Erfahrungslevel zu anspruchsvoll sind.“

Ausbildung, Prävention, der Unterhalt der Stationen und neue Schiffe finanzieren sich in den Niederlanden aus einem Budget von rund 32 Millionen Euro. Der größte Teil der Spenden stammt aus Erbschaften. Parallel wächst der Anteil der Zuwendungen aus Unternehmen. Und obwohl das Geld heute aktiver eingeworben werden muss, steigt die Zahl der Spender seit Jahren. Auch durch viele deutsche Wassersportler.

Auf die Frage nach einer Veränderung der Finanzierung reagiert man kategorisch: „Freiwilligkeit, Spendenfinanzierung und der Verzicht auf Bezahlung nach der Rettung sind unsere drei Grundpfeiler. Wenn man einen davon ändert, kippt das System – es könnte kommerziell werden, und kommerzielle Modelle sind verletzlicher. Solange wir die Geschichte der KNRM erzählen, kommen die Spenden. Daran ändern wir nichts.


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