Eine Umrundung der größten Insel der Adria führt zu stillen Ankerbuchten und durch bizarre Karstlandschaften. Unsere Reisereportage Rund Krk in drei Teilen. Teil 1: Von Punat entlang der Westküste bis zur Nordspitze.
Mit dem gleißenden Abendlicht im Gesicht verlassen wir die Bucht von Punat und steuern nach Westen. Wir haben in der Marina Punat eine Segelyacht übernommen, um die größte Insel der Adria im Uhrzeigersinn zu runden. Die West- und die Südküste von Krk sind ein beliebtes Urlaubsparadies mit schönen Buchten, wo vor allem kleinere Boote und Yachten vor imposanten Felspanoramen oder schmalen Stränden vor Anker gehen.
Anders sieht es an der Nordostküste von Krk aus. Hier dominiert eine karstige Mondlandschaft aus schroffem Gestein. Schuld daran ist die Bora. Der Vinodolski Kanal, ein schmaler, natürlicher Meeresarm zwischen Krk und dem Festlandgebirge ist die Heimat der Bora. Wenn sie bläst, werden im Vinodolski Kanal Windgeschwindigkeiten mit Spitzenwerten von bis zu 240 Stundenkilometern gemessen. Wollte man das in Beaufort ausdrücken, wären es zweimal Windstärke 12. Diese extremen Phänomene treten vorwiegend im Winter auf, nur selten im Frühjahr. Während der Wassersportsaison sind Bora-Böen von 8 bis 9 Beaufort möglich.
Wir sind Ende Mai unterwegs, für die nächsten Tage sagen die Meteorologen Bora voraus. Wir sind trotzdem fest entschlossen, mit unserem 41-Fuß-Charterboot rund um Krk zu segeln. Noch vor zehn Jahren hätte man eine solche Idee als übermütig oder gar leichtsinnig bezeichnen können. Heute sieht das etwas anders aus. Nein, nicht die Bora hat sich geändert. Geändert hat sich die Präzision der Wettervorhersagen. Vor zehn Jahren konnten die Meteorologen nur vorhersagen, dass es in einer bestimmten Konstellation zu einer (meist überraschenden) Bora kommen könnte. Ob sie tatsächlich kommt, zu welcher Stunde und in welcher Stärke, das konnte niemand prognostizieren.
Heute können die Seewetter-Websiten stundengenau voraussagen, wann und wo eine Bora in welcher Stärke vom Velebitgebirge hinab auf die Adria stürzt. Das macht die Schifffahrt sicherer. Man kann dann immer noch entscheiden, ob man sich in einer Bucht verkriecht oder das Segeln mit dem kalten Wind aus Nordost genießen will. Etwa 70 Seemeilen sind es rund um Krk, ca. ein Drittel davon führt durch den Vinodolski Kanal. Los geht’s.
Wir segeln ab Marina Punat im schönsten Abendlicht sechs Seemeilen westwärts und steuern die Ankerbucht Sveti Juraj an. Im Sommer ist sie oft brechend voll. Ende Mai liegen hier nur ein Motor- und ein Segelboot. Im geschützten Nordwest-Arm der Bucht lassen wir auf sechs Metern das Eisen fallen. Noch weht der Wind aus West. Ab Mitternacht soll er auf Nord drehen. In dieser Bucht werden wir eine ruhige Nacht erleben.
Mit wechselnden Winden lassen wir morgens Sveti Juraj achteraus, steuern nordwärts zur Mole des Klosters Glavotok. Das sehr schön am Meer gelegene Franziskanerkloster aus dem Jahre 1468 bildet das Zentrum des Ortes. Als Kontrastprogramm zur heiligen Stätte liegen heute barbusige Sonnenanbeterinnen auf der Kloster-Mole. Die ringsum offene Hafenmole wurde jüngst erneuert, es gibt an der Südseite sogar Ringe für Murings, doch keine Muringleinen. Man kann also nur längsseits anlegen - sofern das Wetter mitspielt.
Unser Tagesziel heißt Njivice, ein beliebter Urlaubsort im Nordwesten von Krk. Ab 2020 wurde der Hafen ehrgeizig ausgebaut. Als Highlight überspannt seit 2021 eine Musikbrücke den Fischerhafen. Geht man über die Steinbogenbrücke, kann man mit den Füßen Klavier spielen. Weiterhin war geplant, die Hauptmole um 60 Meter zu verlängern und von der gegenüberliegenden Promenade eine neue Mole zu bauen, so dass ein neues Hafenbecken für Gäste entsteht. Dieses schöne Projekt wurde überall publiziert und man findet die Pläne bereits in den gängigen Hafenhandbüchern. Doch im Jahr 2025 sieht man davon keine Spur. Auch von der Website der Hafenverwaltung wurde das Projekt inzwischen entfernt. Und die Musikbrücke funktioniert inzwischen auch nicht mehr.
Da der Hafenausbau nicht realisiert wurde, sind die wenigen Muringplätze an der Hauptmole fest in der Hand von einheimischen Bootsbesitzern. Gäste dürfen an der Außenseite der Nordost-Mole anlegen. Dort gibt es zwar Muringleinen an neuen Edelstahlringen, jedoch keine Poller auf der Mole. Dort ohne fremde Hilfe anzulegen ist eine sportliche Herausforderung, wenn sich kein Hafenmeister blicken lässt, der eine Muring reicht oder eine Heckleine entgegennimmt und kopfüber durch die Stahlringe fädelt.
Es sind nur wenige Schritte bis zur Promenade, wo sich eine Kneipe an die andere reiht und abends das Leben pulsiert. Hier kann man noch zu überschaubaren Preisen Essen gehen. Für höhere Ansprüche sei das „Rivica“ im Scheitel der Hafenbucht zu empfehlen. Es zählt zu den besten Restaurants im Kvarner und ist in internationalen Gourmet-Guides gelistet.
Von Njivice aus wollen wir den Sprung rund um die Nordspitze von Krk wagen. Windfinder sagt eine Bora von 4-5 Beaufort voraus, die aber erst gegen Mittag einsetzen soll. Wir motoren nordwärts, runden die Petrolhäfen bei Omišalj, setzen die Segel und steuern die Krker Brücke an. Kaum sind wir unter der Brücke, scheint es, als ob Rasmus den Schalter umlegt. Kalte Böen pfeifen aus Nordost, lassen das Wasser kräuseln und füllen die Segel. Unsere Oceanis 41.1 legt sich leicht auf die Seite und macht aus dem Stand heraus 6,2 Knoten Fahrt.
An Backbord haben wir jetzt das Velebitgebirge, aus dem die Bora herunterfällt, an Steuerbord die von den kalten Winden kahl geschorene Mondlandschaft. Es ist Vergnügen pur, bei 15 Knoten Wind aus Nordost auf dem Vinodolski Kanal nach Süden zu segeln. An dieser Küste gibt es nicht viele sichere Orte, wo man sich verkriechen kann, wenn die Bora aus dem Zaum geraten sollte.
Fortsetzung folgt

Freier Autor
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.