KaribikSt. Martin - Trauminsel mit zwei guten Seiten

Andreas Fritsch

 · 22.03.2026

Blick von der Île Pinel im Norden St. Martins über die Baie Orientale..
Foto: Andreas Fritsch
Sie ist ein Kuriosum der Karibik: Die kleine Insel St. Martin ist in eine französische und eine niederländische Hälfte geteilt, die der Legende nach einst durch einen Wettlauf getrennt wurden.

​Diese Insel der Leeward Islands liegt etwas abseits der Hauptziele deutscher oder europäischer Chartercrews, bei denen meist die British Virgin Islands und Martinique samt Grenadinen ganz oben auf der Liste stehen. Dabei hat St. Martin, das mit 88 Quadratkilometern gerade einmal halb so groß wie Fehmarn ist, einiges zu bieten: tolle Buchten, schöne Palmenstrände, eine geschützte Lagune im Inneren, perfekte Infrastruktur für Yachten und viel karibische Lebensart, gepaart mit europäischem Einschlag.

Bekannt von der Heineken-Regatta

Am bekanntesten ist die in einen nördlichen französischen und südlichen niederländischen Teil getrennte Insel wohl als Stopover der karibischen Regatta-Saison: Jedes Jahr Anfang März trifft sich die Race-Szene aus aller Welt am Eingang der Simpson Bay Lagoon, um die Heineken-Regatta zu segeln. Rund 1000 Segler auf über 100 Booten gehen dann an den Start. Tagsüber wird hart gesegelt, abends ausgelassen im Race Village gefeiert.

„Für uns ist das der Höhepunkt der Segel-Saison“, erzählt uns die Bedienung im Sint Maarten Yacht Club, der direkt an der Klappbrücke liegt, die das Nadelöhr in die riesige Lagune im Inneren der Insel bildet. „Es kommen viele Segler aus aller Welt, die Boote müssen alle morgens durch die Brücke auslaufen und kehren abends wieder zurück. Bei der Passage tragen sie oft bunte Kostüme, spielen ihre Auslauf-Hymnen, tanzen. Die Durchfahrt ist sehr, sehr eng, das ist für uns hier an Land immer ein richtiges Spektakel mit einem Drink in der Hand!“ Danach gehen die Yachten beim Rennen entweder einmal ganz um die Insel, rund 30 bis 40 Seemeilen, oder um Bahnmarken vor den Nachbarinseln.

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Eine Geschichte, zwei Teile

Wohl nur wenigen Crewmitgliedern, die dabei auf der Kante sitzend um Platzierungen kämpfen, ist dabei bewusst, was für eine ungewöhnliche Vergangenheit die Insel hat. Denn ihre Zweiteilung ist ausnahmsweise mal nicht die blutige Geschichte zweier Kolonialmächte, die sich jahrelang bekriegten, sondern eine ungewöhnlich friedliche. Als die Spanier, die die Insel 1493 entdeckt hatten, 1648 abzogen, weil sie strategisch nicht ideal lag und das Königreich sich über Jahre der Kriege verausgabt hatte, blieb sie mit einem Macht-Vakuum zurück.

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Das nutzten niederländische und französische Siedler sofort aus, bildeten landwirtschaftliche Betriebe, siedeten Salz an den großen Salzseen der Insel, begannen mit Handel zu den benachbarten Inseln. Recht schnell war man sich einig, dass die Insel geteilt werden sollte. Doch statt mit Säbeln zu rasseln, setzte man sich zusammen und im Vertrag von Concordia beschloss man noch im selben Jahr die friedliche Teilung ohne kriegerische Auseinandersetzung.

Frankreich und Niederlande am Start

Wie das Territorium aufgeteilt wurde, ist eine hübsche Legende, die einem, je nachdem wen man fragt, jeder auf der Insel etwas anders erzählt: Angeblich starteten ein Franzose und ein Niederländer am selben Punkt der Insel zu Fuß das Ufer entlang in unterschiedliche Richtung, um diese zu umrunden. Wo sie sich trafen, sollte die Grenzlinie gezogen werden. Nun fällt aber beim Blick auf die Seekarte auf, dass der französische Teil deutlich größer als der niederländische ist. Wie kommt’s?

Mit einem breiten Grinsen erzählt uns der Franzose Pierre in der Bäckerei morgens die gerne kolportierte Version der französischen Seite: „Der Franzose hatte als Wegzehrung eine Flasche Wein dabei, der Niederländer eine mit Gin. Da schaffte der Franzose mehr Strecke und der Niederländer schlief irgendwann ein …“ So ist der französische Teil heute 52 Quadratkilometer groß, der niederländische nur 31. Streng wissenschaftlich belegbar ist die Anekdote wohl nicht, aber ein schönes Beispiel für karibisch entspannte Lebensart allemal.

Sint Maarten, die Geschäftige

Und die regiert noch heute: Es gibt zwar eine Grenzlinie, aber Mauern, Übergänge oder Ähnliches sucht man vergebens. Beide Teile und ihre Bewohner kommen prima miteinander aus und haben unterschiedliche Rollen übernommen.

Der niederländische Teil gilt als der Geschäftige. Er betreibt den Inselflughafen, der ein wichtiges Drehkreuz für die Luftfahrt in der gesamten Karibik ist. In aller Welt berühmt ist er, weil seine Startund Landebahn direkt am Strand liegt. Es gibt zahllose Youtube-Videos von Touristen, denen die Boeings scheinbar haarscharf die Haare abrasieren. Ein Instagram-Foto-Spot von Weltruhm – wenn man so etwas mag.

Wegen der attraktiven Anbindung und der guten Häfen und Service-Betriebe sind hier viele Yachten, auch Megayachten, auf Stand-by oder Crewwechsel. Er hat niedrige Steuersätze, ist dichter besiedelt und viele Casinos locken reiche Kundschaft.

Relaxter Lifestyle: Saint-Martin

Der französische Teil wird für seine gute Küche gerühmt, seinen relaxten Lifestyle, hat die schöneren Strände. So wie Grand Case. Eine lang gezogene Bucht im Norden der Insel. Bars, Restaurants, Shops schmiegen sich dicht aneinander entlang eines weißen Strandes, vor dem die Yachten um ihre Anker schwojen. Hummer liegen auf dem Grill der einfacheren Barbecue-Läden, daneben gibt es aber auch schicke und gute Restaurants, in denen kreolisch-französische Fusion-Küche auf tollem Niveau zu haben ist.

Kurze Segelschläge, beim Baden und Schnorcheln Schildkröten oder Rochen beobachten, dann an den Strand für den Sundowner. Es ist das süße Leben der Karibik. Klingt nach einer guten Mischung. Und ist es auch für Segler.

Chartern auf St. Martin

Es gibt einige Charterbasen, in Marigot Bay, der Anse Marcel oder Simpson Bay Lagoon. Trotzdem wird St. Martin (oder Sint Maarten) selten als alleiniges Törnziel angelaufen, es sei denn, die Crew segelt die Woche der Heineken Regatta mit und will danach noch ein paar Tage relaxen. Ansonsten empfiehlt es sich, zur Ergänzung die Nachbarinseln Anguilla, die Jetset-Insel St. Barth oder Antigua in den Törnplan einzubeziehen.

Den einen kleinen Haken hat die Zweiteilung aber doch: Obwohl es auf dem Landweg keinerlei Hürden gibt, sind sie auf dem Seeweg vorhanden: Wer vom niederländischen in den französischen Teil will, muss, um an Land gehen zu können, erst im einen Teil aus- und im anderen einklarieren. Ein seltsames Relikt, das angesichts des sonst entspannten Umgangs und der lockeren Grenzregelung miteinander irgendwie anachronistisch wirkt.

Einfach über die Grenze

In der Praxis ist das Wechseln aber halb so wild: In Marigot Bay, der Hauptstadt des französischen Teils, kann man am Computer der Marina selbst Ein- und Ausklarieren, die Behörden sind direkt davor. Auf der niederländischen Seite geht das Ganze in Simpson Bay oder Philipsburg. Wer will, kann das Administrative auch einem Agenten übertragen. Einfach in der Marina nachfragen.

Wiederum vereint sind die Bewohner beider Teile bei der Betrachtung ihrer jüngeren Geschichte. Die teilen viele Inselbewohner in die Zeit „vor Irma“ und danach ein. Im September 2017 traf der Hurrikane der höchsten Kategorie 5 die Insel mit voller Wucht. Mit über 300 Stundenkilometern wütete er und bewegte sich so langsam, dass die Insel danach ein Trümmerfeld war. Jeder Bewohner kann furchtbare Geschichten zu diesem Sturm erzählen.

Zeitenwende: Hurricane Irma

Etwa die von der Marina in Marigot Bay, in der Dutzende von Yachten sanken. Zehn Menschen kamen ums Leben und 95 Prozent der Gebäude waren danach beschädigt oder völlig zerstört. Die Infrastruktur musste über viele Jahre wieder aufgebaut werden – und dann kam 2020 Covid. Der doppelte perfekte Sturm. So zogen sich viele Aufbauarbeiten endlos in die Länge. Erst 2024 konnte das neue Flughafen- Terminal eingeweiht werden. Kaum eine andere Karibik-Insel brauchte so lange, um sich von einer Naturkatastrophe zu erholen.

Als wir mit Fährkapitän Louis zur Naturschutz-Insel Pinel übersetzen, erzählt auch er am Steuer seines Holzkahns von den Folgen: „Man hat die Insel danach kaum wiedererkannt. Alle Bäume, Palmen, viele Sträucher waren einfach verschwunden. Das Salzwasser in der Luft hat sie verenden lassen, die Insel war monatelang braun und nackt. Überall Trümmer. Viele von uns waren lange Zeit obdachlos und die Jobs aus dem Tourismus waren von einem Tag auf den anderen weg, als man sie am dringendsten brauchte.“

Aber es war auch eine Lehrstunde darin, wie ein solches Ereignis die Menschen zusammenschweißt. Es gab zwar auch einzelne Diebstähle und Plünderungen, aber Familien, Freunde, alle halfen sich gegenseitig. Frankreich schickte Soldaten für die Sicherung, schweres Gerät und alle packten mit an. Man ist stolz auf diesen Kraftakt und sieht sich jetzt wieder auf einem guten Weg.

Passatwolken am blauen Himmel

Wer in der Karibik segelt, hört sie immer wieder, solche Geschichten von Stürmen, die zur Zeitenwende wurden. In früheren Jahrhunderten zerstörten sie manche Inseln, wie etwa die wunderschöne Nachbarinsel St. Barth so nachhaltig, dass sie für ein Jahrzehnt in einen Dornröschenschlaf verfielen. Und immer wieder trifft man zwischen all den manchmal simpel aussehenden Häusern mit Wellblechdächern auf massive, aus großen Natursteinbrocken gebaute Kirchen oder Gemeindehäuser – den Zufluchtsstätten vor dem Wind, wie in Philipsburg oder Marigot.

Auf der Naturschutzinsel Pinel scheint so etwas nach der Überfahrt weit weg. Sie ist ein kleines Strand-Juwel mit Palmen, Bars und einem traumhaften Blick auf die dahinterliegende Lagune samt Bergen im Hintergrund. Zwischen den Bäumen ein paar improvisierte Shops, Reggae tönt sanft aus den Boxen der Bars am Wasser. Einer dieser karibischen Spots, an denen man problemlos einen Tag vertrödeln kann. Die Leguane flitzen um die Füße, man sieht den kommenden und gehenden Yachten zu.

Während zu Hause Deutschland fest im Griff des kältesten Winters seit 25 Jahren bibbert, ziehen hier sanft die Passatwolken am blauen Himmel vorbei. Spätestens dann wird einem klar: Man könnte sich dran gewöhnen.

Revierinfos: St. Martin

​Anreise

Perfekte Fluganbindung, meist mit Air France oder KLM via Umstieg in Paris (Charles de Gaulle) oder Amsterdam. Je nach Saison kosten die Flüge zwischen 900 bis 1300 Euro.

Charter

Startbasen sind Marigot Bay oder die Anse Marcel im französischen Teil, Simpson Bay im niederländischen.

Wind & Wetter

Der Passat weht hier in der Saison oft aus südöstlichen oder nordöstlichen Richtungen. Wer die Insel und ihre schönsten Plätze erkunden will, muss ihn im Auge behalten: Wird er zu stark oder dreht auf sehr nördliche oder südliche Richtungen, werden einige Ankerbuchten von Schwell beeinträchtigt.

Navigation & Seemannschaft

Die Gewässer um die Insel sind navigatorisch relativ einfach, wenige Untiefen. Riff-Einfahrten nur einige im Nordosten. Dort kann auch größerer Schwell an den Riffen brechen. Die Naturschutzgebiete der Inseln Pinel und Tintamarre müssen beachtet werden.

Literatur & Seekarten

C. Doyle/L.Fisher: The Cruising Guide: Leeward Islands, 36,80 Euro. NV Charts Leeward Islands 94,99 Euro oder in der NV-App.

Andreas Fritsch

Andreas Fritsch

Freier Autor

Andreas Fritsch segelte seit Kindesbeinen an, erst mit der Jolle, später mit eigenen Kielschiffen auf der Elbe und der Ostsee. Ab 1997 arbeitete er für die YACHT, ab 2001 schwerpunktmäßig im Bereich Reise und Charter. Er war in fast allen Revieren weltweit unterwegs und gilt als Charter-Experte. Er hat zwei Revierführer für das Mittelmeer geschrieben. Seit einigen Jahren segelt er mit einem GFK-Klassiker vom Typ Grinde auf der Ostsee und arbeitet aktuell als Freier Autor für YACHT und BOOTE.

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