Das nennt man wohl Pech. Dabei sei der Motor der "Black Bird" gerade erst generalüberholt worden, heißt es. Und jetzt das: Kurz vor Übergabe des Schiffes in Umag gibt die flexible Wellenkupplung den Geist auf. Die Gummimanschette ist auf der Überführungsfahrt zerfetzt. Und morgen ist Sonntag. Mit anderen Worten, die Crew muss den Törn mit einem Landtag beginnen.
Halb so wild. Kann passieren. Gute Gelegenheit, sich in stoischer Gelassenheit zu üben. Es fehlt ohnehin an Wind, um den Schlag von Istrien aus über die Adria nach Italien zu machen. Kurs Venedig, um genau zu sein. Wir wollen die Lagune abfahren und möglichst besegeln, wo immer es geht. Ein bisschen Sightsailing betreiben. Die "Black Bird" ist mit ihrem variablen Tiefgang wie gemacht dafür. Selbst unfreiwilliges Trockenfallen dürfte kein Problem darstellen, sollte man mal das Fahrwasser verfehlen.
Das Schiff ist ein Eigen- und Einzelbau im Stil eines Cornish Crabbers. Und damit alles andere als ein typisches Charterboot. Charakterschiff trifft es eher. Mit seinem großen Gaffelsegel geht das auf dem Chartermarkt wohl im gesamten Mittelmeerraum in Richtung Alleinstellungsmerkmal.
Montagmorgen heißt es dann: Leinen los! Der Schaden wurde repariert, der Motor tut’s wieder, wird aber vorerst nicht gebraucht. Die Winde sind günstig für die Adriaquerung. Aber vorher muss noch ausklariert werden. Betonung auf "noch", wohlgemerkt. 2023 soll sich das mit Kroatiens Beitritt zum Schengenabkommen wie auch der Einführung des Euros wohl erledigt haben, wird gemunkelt. Und gehofft. Doch was des Seglers Freud, ist des Beamten Leid. Der Mann in Uniform, der die Schiffspapiere der "Black Bird" kopiert und die Crewliste abstempelt, ist von den anstehenden Veränderungen wenig angetan, wie er durchblicken lässt. Könnte ihn das grenzenlose Segeln doch seinen Job mit Meerblick kosten.
Ein kurzer Blick auf die Karte, und das Gaffelsegel wird gesetzt. Das sieht vom Cockpit aus betrachtet nach Schwerstarbeit aus. Eher gemacht für vier Hände als für zwei. Gut, wer einen kräftigen Handwerker als Mitsegler an Bord hat. Vor allem die letzten Meter, bei denen die Gaffel am zweiten Fall steilgestellt wird, nachdem das erste belegt wurde, fordern die Muskeln. Als Rudergänger schwitzt man schon vom Zuschauen.
Kaum ist das große Tuch seiner Bestimmung zugeführt, kommt Druck aufs Ruder. Und das nicht zu knapp! Es braucht schon zwei Hände und mindestens ein Bein, das sich auf der gegenüberliegenden Cockpitbank abstützt, um Kurs zu halten. Erst als das bauchige Vorsegel am Klüverbaum ausgerollt ist, stimmt die Balance halbwegs. Schade, dass das Vorstag so viel Spiel hat. Eine Regatta würde man aber wohl so oder so nicht gewinnen.
Immerhin, die "Black Bird" nimmt Fahrt auf. Mit fünfeinhalb Knoten fühlt sich das bei halbem Wind durchaus nach Segeln an. Das Schiff ist sicher kein Racer, vermittelt aber Solidität und Sicherheit, setzt weich ein in die Wellen.
Gegen Abend erreichen wir das italienische Festland und machen in Mariclea fest. Ein kleiner, charmanter Clubhafen, der offenbar zur Versandung neigt, wie der Tiefenmesser deutlich anzeigt. Wir schaffen es gerade noch rechtzeitig über eine Barre mitten in der Hafeneinfahrt, bevor ein Gewitter aufzieht, das es in sich hat. Die Regenböen legen schonungslos die Schwachstellen der Decksluken im Vorschiff offen. Doch das ist das vergleichsweise kleinere Übel. Hätten wir, wie ursprünglich geplant, Venedig direkt angesteuert, wäre das Unwetter auf offener See über uns hereingebrochen.
Auf Regen folgt Sonnenschein. Und mit ihm tags darauf auch das nötige mittlere Hochwasser, um überhaupt auslaufen zu können. Keine Ahnung, wie das die größeren Yachten in der Marina machen. Vielleicht mit Lotse Slalom fahren. Beim Hafenmeister hängt eine dezidiert ausgelotete Karte der Einfahrt mit Datum der letzten Messung von vor zehn Tagen und mit Stellen von 1,20 Meter Tiefe.
Mit der berühmten Handbreit Wasser unterm eingezogenen Schwert laufen wir aus. Kurs Lagune. Die "Black Bird" segelt bei ablandigem Wind und flacher See die endlose Feriensiedlung von Jesolo ab. Zwischen Festlandküste und Lido kommt schließlich die neueste und teuerste Betonanlage der Region in Sicht: der "Pop-up-Deich", wie der "Spiegel" titelte. Das milliardenschwere Wasserbollwerk namens "Mose" soll künftigen Hochwassern Einhalt gebieten. Zuletzt war Venedig 2019 überflutet worden, die Schäden immens. Die skandalträchtige Wehranlage ist inzwischen an den drei Durchlässen zur Lagune in Betrieb.
Mit auflaufendem Wasser wird das Boot Richtung Venedig geschoben. Je näher man sich dabei auf dem Königsweg dem Markusplatz nähert, desto kabbeliger wird die See. Vaporetti, Wassertaxen, Autofähren, Lastenkähne – angesichts der Vielzahl an Schiffen behält man kaum den Überblick. Für jemanden, der seglerisch auf der Elbe sozialisiert wurde, erinnert das an den Hamburger Hafengeburtstag. Mit dem Unterschied, dass hier an 365 Tagen im Jahr solch ein Betrieb herrscht.
Der Mitsegler aus Berlin fühlt sich angesichts dieses maritimen Ausnahmezustands als menschliches Radar überfordert. Schwer vorstellbar, dass es irgendwo auf der Welt eine größere Schiffsdichte als unmittelbar vor dem Markusplatz gibt. Und dabei sind die ganzen Gondeln noch gar nicht mit eingerechnet. Wenigstens müssen die Kreuzfahrtschiffe neuerdings draußen bleiben.
Theoretisch dürfte man hier sogar segeln, praktisch müsste man dann in Nähe des Dogenpalastes allerdings den Motor mitlaufen lassen. Fraglich jedoch, ob es an Bord einen schwarzen Kegel gibt, den man setzen könnte. Das scheint mindestens so unwahrscheinlich wie eine italienische Wasserpolizei, die sich bei dieser Aqua-Anarchie ernsthaft darum scherte. Darauf wetten wollen wir dann aber doch nicht.
Nach einer Stunde zwischen Markusplatz und der gegenüberliegenden Insel San Giorgio steuern wir die Marina auf Certosa an, die wie eine Parallelwelt wirkt: eine Oase der Ruhe! Inmitten von Vogelgezwitscher. Nur eine Vaporetto-Station vom "Festland" entfernt.
In der Marina wird heftig investiert und modernisiert: sanitäre Anlagen wie im Hilton oder Ritz und eine schicke Lounge Bar mit Blick auf die gegenüberliegenden Marinas. Die Liegepreise sind in der Lagune überall ähnlich, beinah wie heimlich abgesprochen. Lediglich der Cappuccino-Durst der Crew wird vom happigen Hipness-Aufschlag auf Certosa gezügelt. Zum Essen setzt man vielleicht besser mit der Fähre über und lässt sich anschließend vom noblen Taxiboot der Venezia Certosa Marina wieder abholen. Das hat was. Einen Hauch von Grandezza nämlich. Noch dazu gratis. Schade, dass die Passage zurück zur Insel so kurz ist.
Nächster Tag, neues Ziel. Kurs Burano. Die Angst, vor lauter Pfählen das Fahrwasser nicht zu finden, hat sich spätestens nach zwei Tagen erledigt. Erstens kann man sich an den einheimischen Schiffen orientieren. Und zweitens: Von den drei Holzpfählen, aus denen die Dalben für die Fahrwasser bestehen, ragt an Abzweigungen ein dritter, längerer Pfahl oben aus dem Gebinde. Meistens mit Geschwindigkeitsschild versehen. Alles, was es dann noch zu beachten gilt: dass die Nummerierung der Dalben für den Steuermann gut sichtbar ist.
Wer meint, trotz verführerisch offener Seeflächen eine Abkürzung nehmen zu können, hat selbst Schuld und sollte mindestens eine Tide Verspätung einkalkulieren. Wie etwa einige Hausbootfahrer, denen wir begegnen und deren nautische Kenntnisse den Anforderungen in der Lagune offenbar nicht gewachsen sind. Nur gut, dass die im Urlaub sind und es nicht eilig haben.
Burano selbst hat keine Marina. Wir machen daher an den Gastpfählen des "Venissa" auf der Nachbarinsel Mazzorbo fest. Das ist ein Weingut mit gehobener Gastronomie. Die beiden Inseln sind mit einer Brücke verbunden. Von dort kann man das psychedelisch bunte Burano bestens erwandern.
Die Insellegende geht übrigens so: Angeblich waren die Bewohner Buranos dem Alkohol derart zugetan, dass sie oft nicht den Weg nach Hause fanden. Die grellen Farben der Häuser sollten Hilfestellung leisten, ins eigene Bett zu finden. Inzwischen ist das wohl eher ein Marketing-Gag. Oder Ayurveda für die Augen: bunt, bunter, am buntesten. Um buchstäblich neben Venedig bestehen zu können.
Tagsüber ist Burano ein beliebtes Ausflugsziel. Tendenz: zu beliebt. Auf eigenem Kiel kommt man daher besser erst abends und verholt sich bis dahin eine Laguneninsel weiter nach Torcello – ein ehemaliger Bischofssitz. Im 10. Jahrhundert hatte die Insel zwischen 10.000 und 20.000 Einwohner und war größer und reicher als Venedig. Was dann auch den mächtigen Dom auf der kleinen Insel erklärt.
Unmittelbar neben dem imposanten Gotteshaus gibt es ein paar Boxen, in denen man festmachen kann. Da wir das einzige Schiff sind, legen wir uns vorsichtshalber vor Kopf an die Steganlage, um nicht unfreiwillig über Nacht zu bleiben, selbst wenn der Liegeplatz selten hübsch ist. Leider haben von der Handvoll Restaurants auf der Insel in der Vorsaison noch alle geschlossen.
Also weiter mit dem Eiland-Hopping und auf zur Isola di Sant’Erasmo. Diese große und grüne Insel war schon zur Zeit des Dogen der Gemüsegarten Venedigs. Der Crew verspricht sie die Aussicht auf eine ungewöhnliche Pizza aus einem mobilen Holzofen.
Für die letzten Meilen müssen wir den Motor bemühen, um es noch rechtzeitig zu schaffen. Denn schon um 20 Uhr soll Ladenschluss sein. Äußerst ungewöhnlich für Italien. Also schnell an der Kaimauer festgemacht und im Dauerlauf die letzten Meter zur "Pizza Ovunque" bewältigt, was so viel wie "Pizza überall" heißt, aber nicht ganz stimmt. Der mobile Pizzabäcker wurde mit seinem auf einem dreirädrigen Motorroller montierten Holzofen von Certosa vertrieben. Man wollte dort keine Konkurrenz in Form einer fahrbaren Futterkrippe. Nun hat er sich mit seiner Ape eine Insel weiter niedergelassen. Auf einem Feld neben einem Kanal. Ein echtes Erlebnis: Selten hat man so charmant Pizza gegessen. Nur die Mücken, die ebenfalls Hunger haben, nerven ein wenig.
Nachdem die letzten Jugendlichen ihr Adrenalin in Motorbootrennen abgefahren haben und das letzte Vaporetto durch ist, kehrt Frieden auf dem Kanal bei Sant’Erasmo ein. Gegenüber am Dalben ein einziger Nachtangler. In den Bäumen ein Käuzchen. Über einem das Firmament. Und in einem: vollkommene Zufriedenheit und eine wirklich gute Pizza.
Am nächsten Morgen ersetzt die Ebbe den Wecker, bevor es an der Mauer zu flach wird. Mit Sonnenaufgang segelt die "Black Bird" Richtung Markusplatz. Vor der Rushhour. Unter Segeln erregt das Boot sogar in der Lagune Aufmerksamkeit. Oder liegt es daran, dass in den Fahrwassern per se selten gesegelt wird? Selbst der ein oder andere Vaporetto-Kapitän winkt anerkennend und wohlgesonnen. Keine Spur von Genervtheit, dass wir uns im Fahrwasser zu breit machen würden. Unser Ziel ist diesmal die Marina auf San Giorgio. Vis-à-vis vom Dogenpalast. Aufregender kann man in Venedig nicht liegen. Das gleicht eher einem Logen- denn Liegeplatz. Und zwar am Fuß eines gigantischen Kirchturms, der selbst die Masten der größten Yachten noch deutlich überragt.
Nach den Naturerlebnissen steht heute Kultur an. Und zwar großartige. In Venedig ist dieses Jahr Kunst-Biennale. Die berühmten Pavillons in den Giardini dienen als Ausstellungsräume. Das sollte man nicht verpassen. Sogar wenn Venedig schon selbst an Attraktionen mehr als genug zu bieten hat.
Am vierten Tag brechen wir schließlich gen Süden auf. Kurs Pellestrina und Chioggia. Es ist Samstag, das Wasser läuft auf, unschwer an der frischeren Farbe zu erkennen. Vor der verlassenen Insel Poveglia liegen etliche Boote. Der Ankerplatz gleicht einem befahrbaren Freibad. Ideal für einen Badestopp, noch dazu vor beeindruckender Kulisse.
Poveglia ist eine ehemalige Quarantänestation und Lazarettinsel. 1803 brach in spanischen Gebieten das Gelbfieber aus. Nur Venedig wagte es, seinen Hafen für die spanischen Schiffe offen zu halten. Die Quarantäne erfolgte auf Poveglia.
Lang und schmal liegt Pellestrina als letzte größere Insel im Süden. Vorn die Adria, auf der Rückseite die Lagune. Bei Chioggia entlässt uns das gigantische "Mose"-Wehr zurück auf die offene See.
Leider beginnt der Törn, wie er begonnen hat: mit einer Panne. Ausgerechnet am Tag der Schiffsrückgabe geht uns bei Flaute mitten auf der Adria der Diesel aus. Die Tankanzeige hat uns einen hohen Füllstand vorgegaukelt. Selten hat man sensibler auf jeden Windhauch geachtet, um am Ende bei böigen Bedingungen einen Anleger unter Segeln zu fahren – ausgerechnet an der Außenmole einer der teuren ACI Marinas in Rovinj statt an der Einklarierungsmole.
Nun gut, der Computer des hiesigen Zollbeamten streikt ohnehin angeblich. Aber der Mann kennt einen Fahrer, der den Skipper nach Pula bringen kann. Das Schiff soll so lange in Rovinj bleiben. Viel Stress um nichts. Beamtenwillkür, wie sie im Buche steht. Man kann nur hoffen, dass sich das ab kommendem Jahr mit dem Ein- und Ausklarieren wirklich erledigt hat. Es würde den Törn von Istrien nach Venedig noch attraktiver machen.
Wenn man sich einmal mit den Dalben vertraut gemacht hat, ist Venedig so sicher zu befahren wie ein Verkehrskindergarten. Essenziell ist, dass man sich an die Fahrwasser hält, sie nicht mittig beansprucht oder versucht, groß aufzukreuzen. Bei halben bis raumen Winden kann überall gesegelt werden. Nur vor dem Markusplatz muss der Motor mitlaufen. Bei Nebel wird vom Auslaufen dringend abgeraten. Der Schlag über die Adria bietet sich ab Umag im nördlichen Kroatien an, wo man auch aus- und einklarieren kann. Für den Törn nach Venedig sollte man sich ab Pula oder Medulin, dem Heimathafen der "Black Bird", zwei bis drei Tage Zeit nehmen. In einer Woche ist die Tour praktisch nicht zu schaffen, es sei denn, man wollte nur einen Tag in der Lagune verbringen. Oder aber man plant am Ende einen langen Nachttörn zurück zum Einklarieren in Pula ein.
Die Lagune ist ein geschütztes Revier, Seegang wird vornehmlich vom Schiffsverkehr erzeugt. Der typische Schönwetterwind ist der sommerliche Maestrale aus West bis Nordwest. Er setzt vormittags ein und steigert sich auf bis zu fünf Windstärken am frühen Nachmittag. Unangenehm ist die Bora, die aus Nordost von den Bergen über die Lagune und Venetien herfällt. Ihre Einfallschneise liegt bei Triest. Niederschlag bringt meist der Scirocco, in Kroatien Jugo genannt, der sich aus Süden kommend auf seinem Weg über das Meer mit Feuchtigkeit anreichert und dann bis zu drei Tage lang schlechtes Wetter und Regen bringt. Im Frühjahr und Herbst ist es zudem häufig neblig.
Die "Black Bird" ist ein One-off im Stil eines Pilot Cutter 30 von Cornish Crabbers. Unter Deck offen, gemütlich und erstaunlich geräumig (Stehhöhe!). Nicht zu vergleichen mit herkömmlichen Charterschiffen. Es gibt aber keine abgetrennte Kabine, und ab drei Personen wird es eng. Das Schiff ist eher etwas für Individualisten. Ein wenig Segelerfahrung empfiehlt sich. Der Eigner – Clement Brysch, ein Schweizer Coach – finanziert damit sein Hobby und will künftig auch Incentive-Segeln anbieten. Bareboat kostet das Schiff in der Nebensaison 1.000 Euro, in der Hauptsaison 1.700 Euro die Woche. Zu buchen unter www.klassikcharter.de
"Lagunen von Venedig bis Grado" von Heinrich Breidenbach, Edition Maritim, 29,90 Euro.
Für den Landgang: "Venedig" vom Lonely Planet Verlag, 19,95 Euro