Christian Tiedt
· 29.03.2026
Mitte Oktober sei nicht mehr mit Meltemi zu rechnen, hatten mir Griechenlandkenner versichert. Der stürmische Wind aus Nord weht in den Monaten Juli, August und September am stärksten über die Kykladen. Er kann das Segeln in der Ägäis sehr anspruchsvoll machen, denn er sorgt auch in ungeschützten Bereichen des Reviers für hohen Seegang.
Also hatten wir für Mitte Oktober geplant. Da sind Luft und Wasser noch warm und der Starkwind ist abgeflaut – so hofften wir zumindest. Als Charterbasis hatten wir Parikia im Nordwesten der Insel Paros gewählt, mitten im Revier und ohne lange Anreise.
Laut langjähriger Klimatabelle wehen hier im Oktober leichte Winde und das Meer zwischen den Inseln ist tendenziell eher glatt. Doch manch mal kommt es anders als geplant – denn auch in der Ägäis kann man sich in Bezug aufs Wetter nicht mehr auf alte Gewohnheiten verlassen.
In der kleinen Marina in Parikia liegt ein Dutzend Segelboote, der übrige Hafen ist mit Fischerbooten belegt. Ein lautes Konzert klappernder Fallen empfängt uns. Innerhalb der steinernen Molen liegen die Boote halbwegs ruhig. Für einige Segler war innen kein Platz mehr. Sie liegen vor Buganker mit Heck an der Außenseite. Obwohl die Bucht weitgehend geschlossen ist, tanzen sie im Meltemi.
Die Übernahme unserer Bavaria 42 geht schnell. Doch die Einweisung ins Revier dauert unerwartet länger. Basisleiter Georg scrollt über seinem Bild schirm. Windfinder zeigt für heute und für morgen Vormittag gerade noch eine kleine grüne Fläche mit 23 Knoten oder sechs Beaufort. Morgen Nachmittag wechselt die Farbe über Orange bis Rot. Satte 35 Knoten oder acht Beaufort sollen es morgen Abend sein. Und in den folgenden Tagen wird der Meltemi noch weiter zulegen. Was macht man in einer solchen Situation? Welche Optionen bleiben, wenn der Wind fast alle Ziele unmöglich macht?
Der Basisleiter schlägt vor, trotz der 23 Knoten Naxos anzusteuern. Das sind etwa 18 Seemeilen. Auf der ersten Hälfte der Strecke dürfte es ruppig werden, auf der zweiten, hinter der Nordspitze von Paxos, etwas besser. In Naxos müssen wir dann eh warten – und hoffen, dass es zumindest etwas abflaut. Das einzige mögliche Ziel danach wären die Kleinen Kykladen.
Diese Inselgruppe liegt südlich von Naxos und besteht aus den Eilanden Irakleia, Schinoussa, Koufonisi, Keros und Antikeros. Nur die drei erstgenannten sind dauerhaft bewohnt und haben einen Hafen. Die Kleinen Kykladen liegen im Windschatten der flächenmäßig großen und knapp tausend Meter hohen Insel Naxos. Dadurch weht der Meltemi auf und zwischen diesen Inseln nicht ganz so stark wie in der restlichen Ägäis.
Leider gibt es nur drei halbwegs brauchbare Häfen, wo bei der westlichste in Georgios auf der Insel Irakleia bei Meltemi nicht viel taugt, da die Bucht nach Norden offen ist. Um aus der Charterwoche das Beste zu machen, entscheiden wir uns, in die Kleinen Kykladen zu segeln.
Am Sonntag verlassen wir die Hafenbucht von Parikia. Kaum haben wir Kap Fokas gerundet, bekommen wir den Meltemi mit voller Wucht zu spüren. Sieben Windstärken und Meter hoher Seegang genau von vorn. Die Crew füttert die Fische. Nach gut zwei Stunden haben wir die Nordspitze von Paros an Steuerbord und können abfallen. Es kommt weniger Wasser über und die halb ausgerollte Genua zieht uns südostwärts in Richtung Naxos.
Der Hafen ist von einer großen Mole geschützt. Schon von Weitem erkennt man das antike steinerne Tor auf einer Landzunge. Wir bergen die Segel und laufen die Marina an. Wir ergattern den letzten freien Liegeplatz. Ein Hafenmeister lässt sich nicht blicken, je doch nehmen die Nachbarcrews unsere Achterleinen an und reichen die Muring herüber. Geschafft.
Naxos im Nordwesten der gleichnamigen Insel ist mit 13.000 Einwohnern ihr größter Ort. Alles spielt sich auf der Hafenpromenade ab. Hier reihen sich Gemüseläden und Supermärkte, Boutiquen, Cafés und Restaurants aneinander. Abends pulsiert das Leben. Gleich neben dem Yachthafen liegen Fischerhafen und Fährterminal.
Naxos war schon im 4. Jahrtausend v. Chr. besiedelt und wurde in der Antike von Athen beherrscht. Seit 395 gehörte die Insel zum Oströmischen Reich. Dementsprechend hinterließen alle Herrscher ihre steinernen Zeugnisse. Überragt wird die Stadt von der venezianischen Burg, die noch gut erhalten ist und heute ein Museum beherbergt.
Die berühmteste Sehenswürdigkeit ist jedoch das antike Tor. Auf der dem Hafen vorgelagerten Insel Palátia, die heute über einen begehbaren Damm erreichbar ist, steht als einziges Relikt des unvollendeten Apollon-Tempels die rund sechs Meter hohe Portara, das imposante Tor des Opisthodoms. Das aus Marmor errichtete Portal ist knapp sechs Meter hoch. Bei Sonnenuntergang zählt es zu den beliebtesten Fotomotiven in den Kykladen.
Die Wetterprognose für die weitere Woche wird nicht besser. Montag und Dienstag sind für das Seegebiet um Naxos 45 Knoten vorhergesagt. Das sind neun Beaufort, also Sturm. Dazu Seegang bis drei Meter Höhe. Ab Mittwoch soll es dann im zentralen Teil et was abflauen – aber nur für wenige Stunden. Wenn wir noch einen Sprung machen wollen, könnte das unser Zeitfenster sein. Wir nutzen die beiden Hafentage zum Bunkern von Wasser und Proviant. Die Saison ist vorbei und es ist fraglich, ob in den Kleinen Kykladen überhaupt noch ein Laden geöffnet hat.
Am Mittwoch steht die Prognose noch: Gegen Mittag soll es abflauen auf vier bis fünf Beaufort, schon am Abend soll der Meltemi aber wieder in Sturmstärke blasen. Wir haben keine Zeit zu verlieren: Um 11 Uhr fällt die Windanzeige auf unter 20 Knoten. Ab in die Kleinen Kykladen.
Unter Motor verlassen wir den Hafen von Naxos. Mit viel Wind und See gang von achtern geht es hinaus auf die aufgepeitschte Meerenge zwischen Paros und Naxos und weiter nach Süden. Gerade will ich den Motor abstellen, da ertönt ein lautes Piepen. Die Anzeige blinkt und warnt: Wasser im Diesel! Warum muss das gerade jetzt bei diesem Wetter passieren? Zwar weiß ich, wie man das Wasser aus dem Wasserabscheider bekommt und anschließend die Maschine entlüftet. Aber dazu muss ich sie abschalten. Ob sie danach wieder anspringt?
Völlig undenkbar, bei Sturm auf einer unvertrauten Charteryacht in einem unbekannten Revier den Hafen oder Ankermanöver unter Segeln fahren zu wollen. Wir gehen auf Nummer sicher, holen die Genua wieder ein und motoren mit piependem Alarm zurück in den Hafen von Naxos.
Unser Liegeplatz ist noch frei. Ob wohl mittags weder Hafenmeister noch Stegnachbarn da sind, manövrieren wir uns in die Lücke und angeln die Muringleine. Unser Zeitfenster mit den moderaten fünf Beaufort ist nur bis Sonnenuntergang offen. Sofort verkrieche ich mich in den Motorraum. Ich entleere den Wasserabscheider und entlüfte den Motor. Nach zwanzig Minuten ist alles erledigt. Dann ein Versuch, den Motor wieder zu starten. Er hustet kurz, springt aber an. Die Alarmanzeige erlischt. Alles scheint zu funktionieren.
Also Leinen los zum zweiten Start versuch. Keine zwei Stunden nach dem ersten lassen wir die Hafenbucht von Naxos tatsächlich im Kielwasser zurück. Erneut rollen wir die Genua aus und kommen schnell ins Surfen. Dann schalte ich den Diesel ab.
Auf den Kleinen Kykladen haben wir drei Optionen: Der Hafen Koufonisi auf der gleichnamigen Insel im Nordosten ist zwar klein und eng, bietet aber bei Meltemi den besten Schutz. In der Mitte des kleinen Archipels liegt Myrsini auf Schinoussa. Dort kann man entweder frei ankern oder am Buganker mit Heckleinen an der Mole festmachen. Schließlich existiert noch die Bucht Agios Georgios im Norden der westlichen Insel Irakleia. Letztere streiche ich, weil bei einem starken Meltemi der Seegang voll hineinrollt.
Während wir nach Süden rauschen, rufe ich den Vercharterer an und bitte ihn, für uns im Hafen von Koufonisi einen Platz zu reservieren. Nach wenigen Minuten ruft er zurück: Keine Chance, wegen des Sturms sei alles belegt. Auch die anschließenden Anker bucht sei brechend voll, vor allem mit Fischerbooten. Er wünscht uns weiter einen schönen Törn.
Es ist kurz vor 16 Uhr. Wind und Seegang nehmen wieder zu. Noch zwei Stunden haben wir Licht. Vor uns liegen die Kleinen Kykladen. Ich entscheide mich für die zweite Option und steuere die in der Mitte liegende Insel Schinoussa an. Wir nehmen das Segel weg und laufen unter Motor in die Hafenbucht hinein. Die ist zwar nach Norden geschlossen, trotzdem pfeift es ordentlich. Die einzige ankernde Segelyacht dreht sich in großem Kreis. Das gefällt mir weniger.
Wir müssen an die Fährmole. Mitten in der Bucht fällt unser Eisen auf fünf Meter Tiefe, mit Wind und Maschine geht es langsam an der Kette hängend rückwärts auf die Pier zu. Eine Böe will uns seitlich wegdrücken, doch ein Fischer rennt herbei und fängt unsere Achterleinen auf. Wir liegen fest.
Kaum haben wir alles dichtgeholt, jagen Böen über das Wasser. Der Sturm ist zurück und Schinoussa wird unser neuer Heimathafen. Das eigentliche Dorf liegt, wie viele antike Siedlungen, auf einem Berg, zu Fuß zwanzig Minuten entfernt. Heute leben etwa 230 Einwohner auf Schinoussa von Landwirtschaft und Tourismus. Doch im Oktober sind die Restaurants bereits geschlossen. Von den Läden hat nur noch ein MiniMarkt mit sehr überschaubarem Angebot für zwei Stunden am Tag geöffnet.
Die Männer des Ortes treffen sich nachmittags zum Kaffee mit Ouzo oder Raki in einer kleinen Taverna, von deren Terrasse man übers Meer blicken kann. Auch hier ist der für die Jahreszeit völlig untypisch starke Meltemi das Thema Nummer eins. „Wir können unsere Netze nicht ein Holen, weil der Seegang zu hoch ist“, klagt ein Deutsch sprechender Fischer. „Und ich muss das Boot nach Paros zurücksegeln“, entgegne ich.
„Sonnabend soll es etwas ruhiger werden, vielleicht auch schon Freitagabend“, sagt er. „Aber wenn du Richtung Naxos segelst, kriegst du es trotz dem auf den Kopf.“ Ich frage, ob es eine Alternative gäbe. „Segele von hier nach Westen bis zum Steno Antiparou, das ist der schmale Golf zwischen Paros und Antiparos“, lautet die Antwort.
Ich bin überrascht: „Laut Seekarte soll es dort flach sein, nur knapp über zwei Meter, und wir haben hohen See gang …“ Doch er versichert mir, dass man mit einer Segelyacht mit zwei Metern Tiefgang durchkäme. „In der Meerenge gibt es zwar Wind, aber wenig Welle. Du siehst genau, wo du durchfahren kannst.“
Am letzten Tag zeigt der Meltemi tatsächlich etwas Gnade. Wir sind den ein Reff ins Groß und legen ab. Ab Schinoussa segeln wir mit Kurs 285 Grad in Richtung Golf von Antiparou. Anfangs schüttelt uns der Seegang von Steuerbord noch kräftig durch, doch je weiter wir in die Abdeckung von Paros kommen, desto ruhiger wird es. Wir erreichen die Engstelle im Norden des Golfs. Tatsächlich ist das Wasser hier nahezu glatt. Man sieht die Untiefen genau, so wie es der Fischer gesagt hatte.
Nördlich der Engstelle erwartet uns dann wieder die offene Ägäis mit hohem Seegang. Aber nur noch eine Stunde lang werden wir durchgeschüttelt, denn vier Seemeilen vor uns liegt bereits unser Heimathafen Parikia. Wohlbehalten geben wir unsere Bavaria zurück. Es war eine aufregende Woche, in der fast alles anders lief als erwartet. Was bleibt, ist die Erfahrung.
Auf mehreren Kykladen-Inseln, etwa Mykonos oder Paros, können Monohulls und Katamarane gechartert werden. Unsere Bavaria 42 übernahmen wir in Paros. Das Boot, oder eine vergleichbare Segelyacht mit drei Kabinen und zwei Nasszellen, kostet je nach Saison zwischen 1.200 und 3.380 Euro pro Woche. Buchbar über Argos Yacht Charter, Tel. 0611/660 51.
Anreise: Nach Athen kann man von allen größeren deutschen Flughäfen direkt fliegen, Tickets ab 350 Euro. Anschluss nach Paros mehrmals täglich, ab 120 Euro. Alternativ fahren täglich von Athen aus Fähren zu allen Kykladen-Inseln.

Ressortleiter Reise