Leon Schulz
· 28.05.2026
Mal salzig, mal süß – nicht nur nautisch ist die nördliche Bretagne ein echter Leckerbissen: Wenn am Ende eines langen Törntags im Hafen Ruhe einkehrt, locken an Land kulinarische Kostbarkeiten. Teil 3/4: von Trébeurden über Roscoff und Morlaix bis nach Aber Wrac’h.
Der Hafen von Trébeurden kann bei genügend Tidenhöhe problemlos angelaufen werden. Ein breites Tor mit Lichtsignal erleichtert die Einfahrt. Das im ersten Stockwerk gelegene Restaurant La Tourelle bietet neben der ausgezeichneten Aussicht auf den Sonnenuntergang über dem Hafen wieder einmal ausgezeichnete Fischgerichte.
Wer von der ganzen Gezeitenberechnung eine Pause braucht, nimmt direkt Kurs Roscoff, das zu jeder Gezeit angesteuert werden kann. Die Strömung kann allerdings auch in der Marina bis zu fünf Knoten betragen, da diese zu beiden Seiten offen ist. Die riesige Fähranlage zeugt von Zeiten vor dem Brexit, als noch deutlich mehr Güter von und nach England transportiert wurden. Heute werden in erster Linie Passagiere übergesetzt. Roscoff ist übrigens einer der wenigen Häfen, die von Engländern für die Einklarierung angelaufen werden müssen, bevor es in die Bretagne weitergeht. Vorbei am alten Hafen, der völlig trockenfällt, liegt die kleine Stadt. Allein für die bezaubernden Sonnenuntergänge über der Île de Batz lohnt sich der rund 20-minütige Spaziergang. Im Hafenbüro gibt es alternativ gratis E-Fahrräder auszuleihen.
Noch mehr Gezeitenspaß bietet Morlaix, wo sich bei Niedrigwasser ein fünf Seemeilen langes Rinnsal in dem großen Flussbett Richtung Süden schlängelt. Die Ansteuerung beim Château du Taureau vorbei erscheint noch einfach, doch je weiter es flussaufwärts geht, desto spannender wird es. Am besten die Zeit kurz vor Hochwasser wählen und dabei nicht in der Mitte des Flusses fahren, sondern streng nach den Richtfeuern, die als kleine rot-weiße Andreaskreuze im Wald allerdings kaum sichtbar sind. Trotzdem wird es stellenweise knapp. Doch zum Glück ist der Grund weich, und bei auflaufender Tide kann unter Umständen wieder rückwärts aus dem Schlamm rausgefahren werden. Wer einen Bugstrahler hat, kann sich auch damit gegebenenfalls wieder ausbuddeln.
Dank der TGV-Verbindung nach Paris eignet sich Morlaix gut für einen Crewwechsel. Die Hauptattraktion der Stadt ist das Eisenbahnviadukt. Außerdem wird hier die berühmte Schokolade von Grain de Sail hergestellt. Bis heute werden die Kakaobohnen dafür per Segelfrachtschiff aus Mittelamerika in die Bretagne transportiert. Durch den Canal de l’Île de Batz geht es mit der Strömung in kürzester Zeit weiter westlich. Aber Achtung: Die Fahrrinne schlängelt sich an einigen Stellen wie eine S-Kurve um Untiefen, während die Strömung weiter geradeaus verläuft. So muss das Ruder frühzeitig und übertrieben stark eingeschlagen werden, damit man nicht auf die nächstgelegenen Steine stößt.
Ab hier gibt es nicht mehr viele Häfen westwärts. Ein letzter Stopp in Aber Wrac’h, einem bei jedem Wetter und jeder Tide anlaufbaren Hafen tief im Aber. Dann wartet nur noch raue, steingepflasterte Küste ohne sichere Orte. Das wurde dem Öltanker „Amoco Cadiz“ vor Portsall zum Verhängnis, der hier am 16. März 1978 an den Felsen zerbrach. Über eine Viertelmilliarde Liter Öl liefen damals ins Meer. Am westlichen Ende der Bretagne liegt die baumlose, vom Sturm getränkte Île d’Ouessant. Hier steht der stärkste Leuchtturm Europas, Créac’h, der heute noch zugleich Wahrzeichen von Abschied und Heimkehr ist. Unter seinem schweifenden Lichtkegel wohnen etwa eintausend Menschen, deren Behausungen vom Meer aus erst spät auszumachen sind. Südlich davon liegt der weltberühmte Leuchtturm Phare de la Jument. Viele kennen das Bild, auf dem der Leuchtturmwärter gelassen aus der Tür in Lee schaut, während eine Welle, so hoch wie der 47 Meter hohe Turm selbst, denselben beidseitig umschlingt. Dieses Foto, das an einem sturmgepeitschten Dezembertag im Jahr 1989 von Jean Guichard aus dem Hubschrauber aufgenommen wurde, trug sicher zum Ruf der Bretagne bei, die sturmgepeitschteste Küste Europas zu sein.

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