Meinst du, das passt?“ – „Hmm, könnte knapp werden, fahr mal besser langsamer.“ Wir fahren langsamer. „Und? Passt’s?“– „Nee, ich funk die mal an.“ Ich greife zum Funkgerät: „Bridge Control, Bridge Control, this is sailing boat ‚Eleanor‘. Requesting opening of bridge, please.“ Ein Knacken im Funkgerät, dann erst mal nichts mehr. Was da nicht passt, das ist der Mast unseres Bootes unter der 25. holländischen Brücke für heute. Oder ist es schon die 26.?
„Bridge Control, Bridge Control, do you read us?“ Erneutes Knacken, dann: „Sailing boat ‚Eleanor‘, we are sorry but the bridge is closed until tomorrow morning.“ Heute also keine Öffnung der Brücke mehr. Heißt für uns: festmachen, die Stadt erkunden und bis morgen warten. Die Stadt, in der wir gerade sind, ist Groningen. Dass wir überhaupt gerade in irgendeiner Stadt sind, ist uns ganz gelegen. Allmählich werden die Vorräte an Bord knapp, der Gang zum Supermarkt kommt daher wie gerufen. Außerdem ist ein Spaziergang durch die Altstadt von Groningen und ein frisch gezapftes Bier in einer der vielen Bars auch nicht der schlechteste Tagesabschluss. Fahren wir halt morgen früh weiter.
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Wir, das sind Toni und Lukas, beide Anfang dreißig, aus Hamburg. Und „Eleanor“, unser Segelboot, Anfang vierzig, aus Schweden. Vor nunmehr über einem Jahr haben wir uns dafür entschieden, uns unseren Traum zu erfüllen, einige Zeit lang auf dem Wasser zu leben. Unsere Wohnung in Berlin haben wir untervermietet, bei der Arbeitsstelle die frohe Botschaft verkündet, dass wir jetzt nur noch in Teilzeit und remote arbeiten wollen, und sind seitdem mit unserer 32 Fuß langen, schwedischen Malö unterwegs. Da sind wir nun also mit unserem Boot für eine Nacht in Groningen gestrandet.
In den Niederlanden ist das zum Glück gar nicht so ein großes Problem und, wie wir feststellen, auch gar nicht mal so ungewöhnlich. Entlang der vielen typischen niederländischen Frachtschiffe, die mal mehr, mal weniger liebevoll zu Wohnschiffen umgebaut wurden, geht es von der Brücke zurück durch die Groninger Kanäle. Der Geruch nach Holzfeuer und die selbst gebauten Kaminrohre auf den Schiffen verraten, dass wir bei Weitem nicht die Einzigen sind, die die heutige Nacht an Bord verbringen werden.
Was in Deutschland meist noch die Ausnahme ist, ist in den Niederlanden nichts Ungewöhnliches. Sämtliche Kanalwände, an denen wir vorbeikommen, sind belegt, auf allen Schiffen brennt Licht. So dauert es ein wenig, bis wir einen freien Platz finden, wo unsere „Eleanor“ mehr schlecht als recht reinpasst. Unter den mäßig interessierten Blicken der Groninger Abendspaziergänger bugsiert Toni sie auf ihren heutigen Liegeplatz. Ich springe rüber, mache die Vorleine an einem Poller und die Achterleine an einem Fußgängergeländer fest. Nicht optimal, aber hier in den Kanälen wird sie sich schon nicht losreißen. Kurz vor acht, wir schaffen es gerade noch zum nächsten Supermarkt und haben dann Zeit, die typisch niederländische Kunst, Kartoffelspalten in heißes Fett zu werfen, einer kritischen Würdigung zu unterziehen.
Nach einer allzu kurzen Nacht – die Brücken öffnen hier dann doch sehr früh – geht es am nächsten Morgen weiter, immer dem niederländischen Kanalsystem folgend. Vorbei an Windmühlen, alten Bauernhöfen und Schafen. Durch Schleusen und unter Brücken hindurch. Unser Ziel: das Mittelmeer und das Versprechen, den Winter in wärmeren Gefilden zu verbringen. Mit dem Boot Binnen in den Süden? Ja, das geht! Über viele Flüsse, Kanäle und Schleusen. Durch die Niederlande, Belgien und schließlich Frankreich, wo man von der Saône über die Rhône irgendwann in der Nähe von Marseille ins offene Meer gespuckt wird. Erst ungefähr zwei Wochen bevor wir in Groningen gestrandet sind, waren wir Mitte September mit unserem Boot zurück von einer zweimonatigen Trainingsfahrt auf der Ostsee in Rendsburg angekommen. Beide hatten wir vom Segeln und generell von Booten nicht viel Ahnung, aber das ist eine andere Geschichte.
In Rendsburg heißt es nun also, „Eleanor“ fertig zu machen für die Kanalfahrt: Motor warten, Filter tauschen und vor allem den Mast legen. Ohne eine konkrete Idee holen wir uns erst mal Holz aus dem Baumarkt und setzen Zollstock und Stichsäge an. In vier langen Arbeitstagen zimmern wir uns drei solide Rahmen, auf denen wir unseren Mast bis runter ins Mittelmeer kutschieren wollen. Mit Hilfe von Freunden, aus dem Hafen und von Familienangehörigen gelingt das Kunststück, und so brechen wir Anfang Oktober auf, Richtung Süden. Beziehungsweise Richtung Westen, denn unser Weg führt uns zunächst über Bremen, dann auf dem Küstenkanal entlang Richtung Leer und über den Dollart, bis wir in das niederländische Kanalsystem eintauchen. Von hier an füllt sich täglich unsere Schleusen-Strichliste. Wir schließen Wetten ab, wie viele es insgesamt sein werden, bis wir wieder Salzwasser unter dem Kiel haben werden. (Die Lösung verraten wir am Ende unseres Berichts.)
Wir machen Stopps in Amsterdam, Groningen und eine längere, ungeplante Pause in Maastricht. Unser alter Volvo Penta braucht ein wenig Aufmerksamkeit, und wir belohnen ihn für seine bisher treuen Dienste mit einer neuen, nicht mehr leckenden Wasserpumpe und einer neuen Lichtmaschine. Mit dem letzten Aufbäumen des Sommers geht es dann für ein kurzes Gastspiel nach Belgien, um dann in der kleinen Stadt Givet die französische Grenze zu passieren. Begleitet von frischen Croissants und Baguettes geht es ab jetzt wirklich Richtung Süden – und das auf teilweise recht spektakuläre Weise.
Die Kanäle führen nicht selten über Brücken und durch Tunnel. Sein Segelboot durch einen Berg zu steuern ist eine ungewöhnliche Erfahrung. Die Tage vergehen aber oft auch in angenehmer Eintönigkeit. Wir starten unseren Motor, sobald die erste Schleuse öffnet, und fahren, bis die letzte für den Tag schließt. In Erinnerung bleibt vor allem die Schleusen-Kaskade von Pont-à-Bar auf dem Canal des Ardennes. Hier bewältigen wir 15 Schleusen an einem Tag für den Aufstieg, nur um am folgenden Tag auf der anderen Seite wieder hinabzuschleusen. Schleuse auf, 100 Meter Kanalstück, und schon schließt sich das Tor der nächsten Schleuse wieder hinter uns.
Unser Weg führt uns mitten durch das Herz Frankreichs, entlang des Canal entre Champagne et Bourgogne. Immer mit dabei ist ein weißes Servicefahrzeug der Voies navigables de France (VNF), das uns je nach Departement und Zustand der Schleusen begleitet. In Frankreich gehört das Kanalsystem zum kulturellen Erbe und wird vom VNF verwaltet und instand gehalten. Für eine geringe Gebühr von 120 Euro für einen Monat für unser 32 Fuß langes Boot dürfen auch wir es befahren. Das, was man für diese Gebühr bekommt, kann sich sehen lassen. Über die sehr zu empfehlende VNF-App Navi lassen sich aktuelle Informationen zu den unterschiedlichen Kanalabschnitten abrufen.
Gerade in der Winterzeit, während die meisten Wartungsarbeiten durchgeführt werden, ist das überaus hilfreich. Zudem gibt es eine Telefon- Hotline, die im Fall der Fälle Servicetechniker vor Ort schickt. So werden wir auf dem Canal entre Champagne et Bourgogne einmal von unserem weißen Begleitauto vom Schiet gezogen, nachdem wir zu nah an den Kanalrand geraten waren. Ansonsten steht der VNF bei Schleusen zur Seite, die mal von Treibholz, mal aufgrund von Alterserscheinungen oder einfach wegen eines schlechten Tags verklemmt sind und per Hand bedient werden wollen.
Neben launischen Schleusen sind in dieser Zeit unser größter Feind die immer vorhandenen Algen in den Kanälen. Ein nie enden wollendes Ärgernis! Hinter jeder Schleuse heißt es Bootshaken raus und den grünen Hochzeitsschleier runterzupfen, der sich ums Ruder gewickelt hat und teilweise absurde Ausmaße erreicht. Hier auf den Kanälen wünscht man sich nicht mehr die Handbreit Wasser unterm Kiel, sondern hofft viel eher auf dieselbe Handbreit über den Algen. Mehrmals müssen wir – mittlerweile ist es Mitte November – im Neoprenanzug ins eiskalte Wasser, um Schraube und Borddurchlässe von Algen zu befreien.
Apropos Eis: Es wird kalt, sehr kalt. Ende November in Saint-Dizier fällt das erste Mal Schnee auf unser Deck, Wärmflaschen und Teekanne sind im Dauereinsatz. Viel schlimmer als die Kälte ist die damit einhergehende Feuchtigkeit. Unser Morgenritual, bestehend aus dem Ausräumen und Auswischen eines jeden Schapps, in dem schimmelgefährdete Dinge lagern, ist eine überaus lästige Sisyphusarbeit. Trotz aller Bemühungen überleben mehrere Kleidungsstücke, Decken und Kissen diesen Winter nicht.
Unsere Anlegemöglichkeiten in dieser Zeit sind sehr begrenzt. Wo es im Sommer in guten Abständen immer wieder Häfen oder zumindest Stege mit Infrastruktur gibt, sind diese im Winter meist komplett verwaist. Nicht selten dient uns einfach ein Baum am Kanalrand als Festmachertonne. Auch die Versorgung mit Diesel muss gut geplant sein. Die Bootstankstellen befinden sich im Winterschlaf. Spaziergänge zu einer günstig gelegenen Autotankstelle, bewaffnet mit Dieselkanister und Handkarre, sorgen für Abwechslung. Es sind kalte, lange und nasse Tage. Wir sehnen uns nach Sonne und Wärme. Das ist ja der eigentliche Grund, weshalb wir zu dieser Mission aufgebrochen sind: um dem deutschen Winter zu entgehen. Und nun stecken wir in der Mitte von Frankreich auf einem feuchten Boot fest, und es gibt nur den Weg nach vorne.
Ein Meilenstein ist schließlich das Erreichen der Saône. Bei Maxilly-sur-Saône lassen wir die vorerst letzte Kanalschleuse hinter uns. Ab jetzt werden Kilometer gemacht! Waren wir vorher mit unseren vier bis fünf Knoten die Kanäle entlanggetuckert, trägt uns der Fluss mit seiner Strömung plötzlich mit doppelter Geschwindigkeit unserem Ziel entgegen. Die Saône bringt uns durch Lyon und somit nach langer Zeit wieder in die Zivilisation. Die kulinarische Hauptstadt Frankreichs belebt unsere Motivation wieder. Wir probieren uns durch Bistros, Brasserien und kleine, in Hinterhöfen versteckte Restaurants.
Hier bekommen wir auch zum ersten Mal einen Vorgeschmack vom südlichen Flair. Unser Ziel, das Mittelmeer, liegt zum Greifen nahe! Nach vier Tagen sind unsere kulturellen Akkus wieder aufgeladen und es geht auf die letzte Etappe. Die Schleusen hier sind riesig. Nicht selten teilt sich unsere kleine „Eleanor“ das Becken mit Binnenschiff-Kolossen. Diese und die starke Strömung machen die Etappe zu einer nicht zu unterschätzenden navigatorischen Herausforderung. Stets halten wir die Augen auf nach „Flusskrokodilen“ – ganzen Baumstämmen, die von den Winterstürmen flussabwärts geschickt wurden und kurz unter der Oberfläche treiben.
Wir passieren Avignon. Den berühmten Pont Saint-Bénézet vom Wasser aus zu sehen ist ein Erlebnis. Die Landschaft hat sich mittlerweile verändert und verspricht Wärme und Sonnenschein. Statt der nordfranzösischen Wälder sehen wir die ersten Palmen und fahren an Salzwiesen, bevölkert von pinken Flamingos, vorbei. Kurz hinter Avignon biegen wir auf die Petit Rhône ein und schleusen in der Écluse de Saint-Gilles, wir können es kaum glauben, ein letztes Mal. Es war Nummer 283, seit wir elf Wochen zuvor in Brunsbüttel den Nord-Ostsee-Kanal verlassen hatten.
Noch zwei Tagesetappen weiter und wir machen im Städtchen Aigues-Mortes fest, unserem Winterquartier für den nächsten Monat, einen Steinwurf entfernt vom Meer. Wir können kaum glauben, dass dieser Teil der Reise ein Ende gefunden hat. Unser Boot wird für die Zeit, die wir nicht an Bord sind, eingemottet. Dann machen wir uns auf den Weg in die Heimat, dieses Mal mit dem doch etwas schnelleren Transportmittel Flugzeug. Derselbe Weg, den wir in knapp drei Monaten bewältigt haben, verfliegt jetzt unter uns in knapp sechs Stunden, sodass wir pünktlich zu Weihnachten zu Hause sind. Allerdings nicht für lange, der Rückflug geht schon in zwei Wochen. Der Mast will gestellt werden, und wir können es nicht erwarten, nach der langen Zeit endlich wieder Segel zu setzen!